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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

C.I.3Was ist jüdische Literatur?

Tanja Karlsböck, Armin Eidherr

Der Begriff jüdische Literatur erstreckt sich auf eine bestimmte, definitorisch schwer festlegbare Menge an Schriftwerken, die ein oft fein-, oft grobmaschiges Netz in den Dimensionen von Zeit und Raum bilden: von der hebräischen Bibel bis zur Gegenwart. Im Laufe der Geschichte entstehen auf der ganzen Welt verschiedene Zentren und vergehen wieder. Und er erstreckt sich auf jene Literatur(en), die in jüdischen Sprachen wie Hebräisch, Aramäisch, Jiddisch oder Sefardisch oder in „nichtjüdischen“ Sprachen von jüdischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern verfasst wurden. Doch je näher man Aussagen solcher oder welcher festzulegen versuchender Art auch immer betrachtet, desto problematischer werden sie …

Begriffserklärung und Problematiknach oben

Was im Zusammenhang mit Literatur als „jüdisch“[1] bezeichnet wird, ist relativ weit gefasst. „Prinzipiell gehört hierher alles, was Juden in einer ‚ihrer‘ Sprachen (Hebräisch, Aramäisch, Jiddisch, Spaniolisch, usw.) geschrieben haben, ebenso aber auch alle Werke, die sich aus der jüdischen Herkunft ihrer Verfasser besser begreifen lassen, auch wenn das Thema nicht ausschließlich jüdisch ist“ (Günter Stemberger).

Versucht man die Bezeichnung „jüdische Literatur“ ohne rassische, völkische, religiöse, metaphysische und sonstige Vorzeichen bzw. essentialistische Zugangskriterien zu sehen, bleibt für Deutungsansätze wahrscheinlich vor allem das eigene Selbstverständnis des Autors/der Autorin [2] .

Wichtig zu erwähnen ist, dass in der jüdischen Literatur dem Übersetzen stets ein beachtlicher Stellenwert zukam und -kommt. Hier ist einerseits eine innerjüdische Übersetzungstätigkeit zu erwähnen (zum Beispiel Septuaginta, jüdisch-arabische Literatur, aramäische Literatur, aber auch Autoren, die ihre eigenen Werke übersetzten – wie Mendele Moicher Ssforim, der seine Romane aus dem Hebräischen ins Jiddische übersetzte) wie auch intensives Übersetzen nichtjüdischer Literaturen in jüdische Sprachen[3], von den Werken der klassischen Antike bis zu solchen zeitgenössischer Literatur.

Und schließlich die Übersetzungstätigkeit im Allgemeinen: So haben sich zahlreiche ÜbersetzerInnen etwa für die Vermittlung fremdsprachiger Literatur für ein deutsches Lesepublikum unschätzbare Verdienste gemacht – um nur zwei zu erwähnen: Alexander Eliasberg (1878–1924; russische und jiddische Literatur) oder Rosa Schapire (1874–1954; französische und polnische Literatur).

Geschichtenach oben

Von jüdischer Literatur zu sprechen, ist in ihren großen, Jahrtausende überspannenden ersten drei Phasen noch unproblematisch. Gemeint sind zuerst die zumeist in hebräischer Sprache verfasste anonyme biblische, dann die in Hebräisch und Aramäisch geschriebene talmudische und midraschische und schließlich die rabbinische Literatur. Parallel dazu gab es die hellenistische Phase mit einer wichtigen griechisch-jüdischen Literatur, von deren Exponenten etwa Philo von Alexandria (ca. 30 v. bis 45. n. Chr.) oder Flavius Josephus (37-93) erwähnt werden können; weiters die religions-philosophische und mystische Literatur, wozu noch eine weltliche kam –zu Bereichen wie Heilkunde, Geschichte, Geografie oder Reisebericht.

Der Hauptteil des mittelalterlichen jüdischen Schrifttums ist Auslegung oder interpretierende Anwendung der Tradition, gottesdienstliche Dichtung, Klagelieder, Lehrgedichte. Nach arabischen Vorbildern erweiterte sich der Horizont der literarischen Produktion bald auf profane Gattungen.[4] Zudem wurde auch auf Arabisch geschrieben; diese Schriften wurden in hebräischer Übersetzung oft zu Klassikern der jüdischen Traditionsliteratur – wie etwa die zentralen Werke von Mosche ben Maimon (Maimonides, Rambam; 1135-1204): More Newuchim (Führer der Verirrten), Sefer ha-Mizwoth (Buch der Gebote und Verbote) oder sein Mischna-Kommentar.

Auch am Anfang der jiddischen Literatur[5] steht die Beschäftigung mit der Bibel. In ihrer älteren Phase (11. bis Ende des 18. Jahrhunderts ist sie geprägt von volkstümlicher, religiöser Literatur (zum Beispiel Schmuelbuch, Heldenepos um die Person Davids, gedruckt Mitte des 16. Jhs.; Melochimbuch („Buch der Könige“), ebenfalls 16. Jh.; Maasebuch, etwa 250 Erzählungen, häufig auf Talmud und Midrasch basierend, um 1580)).[6]

Die sefardische Literatur blieb weitgehend einem der „älteren Phase“ der jiddischen Literatur vergleichbaren Status verhaftet.

Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war die weltliche Literatur zuerst auf Neuhebräisch verfasst, dann vorwiegend auf Jiddisch.

Diese jüdische Literatur nahm seit der Haskala die verschiedensten Einflüsse aus anderen Literaturen (etwa der deutschen Klassik oder der russischen des 19. Jahrhunderts) auf und versuchte, sie sich zu eigen zu machen, die eigene Identität stets neu zu deuten und ein Bewusstsein für die Problematik dieses Prozesses zwischen Bewahrung und Assimilation aufrechtzuerhalten. Zu dieser Zeit beginnt aber auch die galoppierende Zunahme von jüdischer Literatur, die in „nichtjüdischen“ Sprachen verfasst wird und einen ganz besonderen Stellenwert in der Weltliteratur – und hier ganz besonders in der deutschsprachigen Literatur – erringen kann. Die deutsch-jüdische Literatur wird ein wichtiger Zweig der deutschen und Teil der jüdischen Literatur. Ab dem 20. Jahrhundert aber verlagert sich dieses Phänomen mehr und mehr nach Amerika.

Die Gründung des Staates Israel läutete das Ende der Ära einer „Anomalie“ in der nationalen Geschichte der Juden ein, was mitunter auch die zugehörige Literatur betraf. Nicht mehr musste die Sprache, in der man schrieb, in einem bewussten, ideologisch motivierten Akt gewählt werden.[7] Bedeutende israelische Schriftsteller sind etwa Chaim Nachman Bialik (1873–1934; schrieb auf Hebräisch und Jiddisch), der als Nationaldichter in Israel gilt, und Samuel Joseph Agnon (1888–1970), einer der wichtigsten hebräischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der 1966 zusammen mit Nelly Sachs als erster hebräischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur „für seine tiefgründige charakteristische Erzählkunst mit Motiven aus dem jüdischen Volk“ erhielt.

Definitionsversuchenach oben

Solange man von der jüdischen Literatur als von einer Literatur in einer der traditioneller Weise zu den jüdischen gezählten Sprachen, geschrieben von einem jüdischen Verfasser (mit jüdischen Rezipienten vor Augen) und sich in mehr oder minder deutlichem Rahmen der jüdischen Tradition bewegend, spricht, bieten sich keine definitorischen Probleme. Sie beginnen jedoch dort, wo man auch nur einen dieser Bereiche verlässt.

Wenn wir willkürlich aus Aberhunderten nur 15 sehr bekannte SchriftstellerInnen jüdischer Herkunft erwähnen, die nicht in einer „typischen“ jüdischen Spache geschrieben haben, lässt sich mit dem Spektrum der von ihnen vertretenen Genres, Weltanschauungen, Haltungen zum Judentum, literarischen Selbstverständnissen usf. das Spektrum der definitorischen Schwierigkeiten erahnen:

Paul Celan (1920-1970), Benjamin Disraeli (1804-1881), Ilja Ehrenburg (1891-1967), Heinrich Heine (1797-1856), Franz Kafka (1883-1924), Mascha Kaléko (1907-1975), Karl Kraus (1874-1936), Moses Mendelssohn (1729-1786), Michel Nostradamus (1503-1566), Boris Pasternak (1890-1960) Marcel Proust (1871-1922), Anna Seghers (1900-1983), Gertrude Stein (1874-1946), Italo Svevo (1861-1928), Herman Wouk (geb. 1915).

Als InterpretIn der jüdischen Literatur muss man immer im Auge behalten, neben der jüdischen Lesart auch andere potentielle Lesarten zu antizipieren. Zieht man hier etwa Kafka als Beispiel heran, ist dieser nicht ausschließlich auf seinen jüdischen Hintergrund hin zu lesen; Kafkas Werk kann ebenso gut als Inbegriff moderner literarischer Existenzanalyse gelesen werden.[8]

Und wie verfährt man mit Werken, die jüdische Schriftsteller verfasst haben, die keinerlei oder kaum jüdischen Inhalt haben, etwa die Schwarzwälder Dorfgeschichten von Berthold Auerbach (1843-1854)?

Für die Einschätzung des „Judentums“[9] eines Autors/einer Autorin ist es wichtig, wie er/sie selbst diese seine/ihre jüdische, deutsch-jüdische oder deutsche Identität einschätzt – um das Beispiel der deutsch-jüdischen Literatur heranzuziehen. Inwiefern sind Spuren jüdischer Tradition und etwa deutsch-jüdischer Beziehungsproblematik in seinem/ihrem Werk präsent? Probleme für die Interpretation entstehen da, wo nicht direkt, sondern verschlüsselt auf jüdische Tradition oder Existenz angespielt wird. Solch eine Selbsteinschätzung wird natürlich auch von außen, etwa durch antisemitische Provokation oder philosemitische Vereinnahmung, mit beeinflusst, bis hin zum pathologischen Phänomen des „jüdischen Selbsthasses“, was allerdings nicht überbewertet werden sollte. Interessant ist es zudem, jüdische Traditionen bei christlichen beziehungsweise nichtjüdischen AutorInnen aufzuzeigen – da häufig als genuin christlich verstanden wird, was jüdischen Ursprungs ist (etwa ethische Grundüberzeugungen aber auch spezifische Motivüberlieferungen aus der Hebräischen Bibel oder aus apokryphen Texten, die durch die Christen in den Kanon des Alten Testaments aufgenommen wurden). Interessant für eine jüdische Literaturgeschichte ist auch die Darstellung von Juden und Judentum im Werk nichtjüdischer AutorInnen.[10]

Anders gesagt: Würde man eine Definition von jüdischer Literatur vorschlagen, mit der von AutorInnen jüdischer Herkunft verfasste Schriftwerke verstanden werden, die auch in einem weit gefassten Sinn irgendwie auf Quellen und Elemente jüdischen Denkens oder auf jüdische Religion und jüdisches Leben zurückgreifen, dann ergibt sich die nächste Frage aus der Betrachtung von Werken wie dem des 1974 geborenen amerikanischen Schriftstellers Peter Manseau, Sohn einer ehemaligen Nonne und eines Pfarrers, dessen Roman Songs for the butcher’s daughter (dt. Die Bibliothek der unerfüllten Träume, Hamburg 2009) einen durch und durch jüdischen Inhalt hat und von jüdischer Kultur und Geschichte vor allem des 20. Jahrhunderts ganz durchdrungen ist und der außerdem unter anderem mit der „Sophie Brody Medal for Outstanding Achievement in Jewish Literature“ ausgezeichnet wurde.[11]

Fazit und Aussicht – von Gustav Karpeles

Mannigfach verschiedene und wirr durcheinander fließende Strömungen treffen in dem Bilde zusammen, das der verjüngte jüdische Stamm in der Wissenschaft und Poesie dieser Periode darbietet. Alle diese Strömungen aber münden in das große Meer der Weltliteratur; alle diese Richtungen setzen die Arbeit der Geschlechter der Vergangenheit fort und spinnen den Faden weiter, den im Wechsel der Zeiten und der Geschicke die Generationen der spanischen und italienischen Denker, der frommen Gesetzeslehrer, der Gaonim [Talmudinterpreten] und Saboräer [Redaktoren des babylonischen Talmuds], der Amoraim [Gelehrte der Tora] und Thannaiten [Lehrer der mischnaischen Zeit] bis hinauf zu den Dichtern und Sehern der biblischen Vorzeit gewoben haben. An diesem Faden reiht sich alles auf, was die Söhne des jüdischen Stammes […] in allen bewohnten Ländern des Erdenrunds, zu allen Zeiten geschichtlichen Lebens, in allen Formen und Gestaltungen geistigen Schaffens, in mächtigem Ringen mit feindlichen Gewalten und mit den Göttern der Finsternis, in heißer Sehnsucht nach idealen Zielen, und vor allem in einer unwandelbaren Treue und beispiellosen Hingabe an ihren Gott und ihren Glauben geschaffen haben.

Karpeles, Geschichte, S. 453.

  1. Dan Miron hat als Untertitel zu seinem Buch Verschränkungen „Über jüdische Literaturen“ gewählt, was vielleicht dem Phänomen etwas gerechter werden könnte.
  2. Siehe Kilcher, Einleitung, S. V – XX.
  3. Zu den modernen Übersetzungen ins Jiddische etwa s. Eidherr, Sonnenuntergang, S. 279-311.
  4. Vgl. Jasper, Mythos, S. 156.
  5. Siehe Artikel „B.I.3.2. Die jiddische Literatur“.
  6. Vgl. Jasper, Mythos, S. 157f. (Die beste moderne Ausgabe des Maasebuchs wurde von Astrid Starck-Adler herausgegeben.)
  7. Vgl. Miron, Verschränkungen, S. 13.
  8. Vgl. Horch, Deutsch-jüdische Literaturgeschichte, S. 134.
  9. Interessant wäre beispielsweise, ob man irgendeine „untergründige nicht-sprachliche Struktur“ entdecken könnte, die solchen DichterInnen verschiedener sprachlicher und sogenannter nationaler Herkunft gemeinsam wäre. Siehe dazu: Shaked, Macht der Identität
  10. Vgl. ebd. S. 126.
  11. S. Rezension von Armin Eidherr: Manseau, Peter: „Bibliothek der unerfüllten Träume“. Aus dem Amerikanischen von Kathrin Razum. Hamburg 2009. In: CHILUFIM 8 (2010), S. 109-111.

Literatur:

Eidherr, Armin: Sonnenuntergang auf eisig-blauen Wegen. Zur Thematisierung von Sprache und Diaspora in der jiddischen Literatur des 20. Jahrunderts. Göttingen 2012.

Horch, Hans Otto: ‚Was heißt und zu welchem Ende studiert man deutsch-jüdische Literaturgeschichte?’ Prolegomena zu einem Forschungsprojekt. In: German Life & Letters. A Quarterly Review Vo. XLIX (1996), S. 124–135.

Jasper, Willi: Vom Mythos zum Text: Zu Begriff und Geschichte der jüdischen Literatur. In: Kotowski, Elke-Vera/Schoeps, Julius H./Wallenborn, Hiltrud (Hg.): Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa, Bd. 2 Religion, Kultur, Alltag. Darmstadt 2001, S. 153–170.

Karpeles, Gustav: Geschichte der jüdischen Literatur. Berlin 1909.

Kilcher, Andreas B.: Einleitung. In: ders. (Hg): Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Stuttgart 2000, S. V – XX.

Miron, Dan: Verschränkungen. Über jüdische Literaturen, aus dem Hebräischen von Liliane Granierer. Göttingen 2007 (= toldot, Essays zur jüdischen Geschichte und Kultur, hrgs. von Dan Diner, Bd. 5).

Stemberger, Günter: Geschichte der jüdischen Literatur. Eine Einführung. München 1977.

Zitiervorschlag

Karlsböck, Tanja/Eidherr, Armin: Was ist jüdische Literatur?. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/was-ist-juedische-literatur/. Version . .

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