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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

D.V.2Volkskunde und Anthropologie

Barbara Staudinger

Die Geschichte der jüdischen Volkskunde und Anthropologie in der ersten Hälfte des 20. Jh. widerspiegelt innerjüdische Reaktionen auf Veränderungen im Selbstverständnis, die durch Migrationsprozesse, europäische Nationalbewegungen und Antisemitismus ausgelöst worden waren.

Die Jüdische Volkskunde, die mit der Gründung der Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hamburg 1898 ins Leben gerufen wurde, verfolgte ähnliche Ziele. Als ihr Gründervater gilt der damals Hamburger und später Wiener Rabbiner Max Grunwald (1871–1953), der auch als Herausgeber der im selben Jahr gegründeten Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde (ab 1905 Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde) fungierte. Ziel dieser Zeitschrift war, wie es der Herausgeber selbst mehrfach formulierte, die Erforschung des „Wesens des Judentums“.

 

Nicht die Leistungen eines Volkes, sondern sein Leben, sein Thun und Treiben, sein Singen und Sagen; nicht die Literatur, sondern, wenn wir so sagen dürfen, die ungeschriebene Literatur, nicht die Kunst, sondern der kunstlose, naturwüchsige Kunsttrieb, nicht die Religion, der dogmatisierte, sanktionierte Glaube, sondern der Volks- oder wie man auch zu sagen pflegt, der Aberglaube, nicht die Rechtsformen, sondern die Rechtsgebräuche, nicht der Staat, sondern die natürliche, ursprüngliche Stammesgliederung und soziale Sonderung, das sind die Gegenstände volksthümlicher Forschung.

 

Aus: Max Grunwald: Über die Volkskunde der Juden, in: Israelitische Monatsschrift 6, 1897 (=Wissenschaftliche Beilage der Jüdischen Presse), S. 21–22; 7 ,1897, S. 25–26; 8 ,1897, S. 29–30, hier S. 21.

 

Thematisch spannte die Jüdische Volkskunde einen weiten Bogen von Sagen, Liedern, Mythen, Märchen, Bräuchen und Riten bis hin zur Namenskunde, Alltagskultur, Zauberei und Magie sowie Architektur; thematische Schwerpunkte der „Mitteilungen“ waren Sammlungen von Erzählungen und Sagen, Sprichwörtern und Brauchtumsformen. Die Suche nach dem „authentisch Jüdischen“ führte dabei sowohl in die ab dem späten 19. Jahrhundert im Untergang begriffenen jüdischen Landgemeinden in Deutschland als auch nach Osteuropa und in das Burgenland, wo sich im Gegensatz zum städtisch assimilierten Judentum – und diesem einen Spiegel vorhaltend – ein scheinbar unberührt jüdisches Leben erhalten hatte. Vor allem die Ostjuden dienten dabei als Projektionsfläche für eine kulturelle Erneuerung. So meinte etwa der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Ludwig Strauss,  jüdische Kultur heiße ostjüdische Kultur.

 

Die jüdische Volkskunde wurde in einer Zeit gegründet, in der sich jüdisches Leben gewandelt hatte. Das Zentrum jüdischen Lebens hatte sich vom Land in die Stadt verlagert, alte Landgemeinden wurden aufgegeben. Kulturtransfers zwischen jüdischer und nichtjüdischer Kultur waren ein Faktor der Veränderung des Judentums, der starke Zuzug von Jüdinnen und Juden aus Osteuropa in die Städte Mitteleuropas ein weiterer Faktor. Der assimilierten städtischen Bevölkerung standen nun die tiefgläubigen, zumeist aus ländlichem Milieu stammenden so genannten „Ostjuden“ gegenüber.  Alte Zugehörigkeitslinien zerbrachen, neue mussten geschaffen werden, und die Jüdische Volkskunde war ein Mittel, eine solche – alle Jüdinnen und Juden umfassende – zu schaffen, indem sie romantisierend und nicht zuletzt idealisierend auf die gemeinsamen Wurzeln verwies.

Max Grunwald (1871-1953) Rabbiner in Hamburg und Wien, Autor von Werken zur jüdischen Geschichte und Volkskunde, Foto undatiert, vor März 1938, Quelle: Österreichische

Max Grunwald (1871-1953) Rabbiner in Hamburg und Wien, Autor von Werken zur jüdischen Geschichte und Volkskunde, Foto undatiert, vor März 1938, Quelle: Österreichische

Eine zweite Motivation hatte die jüdische Volkskunde in der Abwehr des Antisemitismus. Besonders Max Grunwald, dessen Schwiegervater (der Floridsdorfer Rabbiner und Reichsrat-Abgeordneter) Joseph Samuel Bloch jüdischer Nationalist und prononcierter Streiter gegen den Antisemitismus war, sah ein Ziel der Jüdischen Volkskunde darin, die kulturellen Transfers zwischen „deutscher“ und „jüdischer“ Kultur aufzuzeigen und damit gegen die Antisemiten zu argumentieren. Nicht zuletzt war die jüdische Kultur bis zur Gründung der Jüdischen Volkskunde von außen fremdbestimmt und damit in einem pejorativen Kontext gedeutet worden. Die jüdische Volkskunde wollte dieser Erzählung ihre Perspektive entgegenhalten. Trotz dieses Anspruchs wurde die Jüdische Volkskunde von den nichtjüdischen Vertretern des Faches bis auf einzelne Ausnahmen, wie der Schweizer Volkskundler Eduard Hoffmann-Krayer, nicht rezipiert. Sie blieb als jüdische Wissenschaft im Wesentlichen auf ein jüdisches Publikum beschränkt.

Neben Max Grunwald, dessen Engagement und wissenschaftlicher Output einzigartig waren, forschte eine Reihe von Personen zur Jüdischen Volkskunde und veröffentlichten in den Mitteilungen. So zum Beispiel der Anthropologe Samuel Weißenberg, der vor allem zu den russischen Juden arbeitete, der Historiker und Gelehrte David Kaufmann, Heinrich Frauberger, der die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler in Frankfurt gegründet hatte, der Dresdner Kunstsammler Albert Wolf und natürlich der Volkskundler Friedrich Salomo Krauss, einer der heftigsten Kritiker der Jüdischen Volkskunde, der ein „jüdisches Volkstum“ vor allem durch die Antisemiten geschaffen sah.

Etwa gleichzeitig mit der Jüdischen Volkskunde und mit ihr in Zusammenhang stehend, wurden die ersten jüdischen Museen gegründet. Vgl. zu diesem Thema auch den Artikel von Dirk Rupnow unter D.IV.3.1. Ausgehend von Wien, wo 1895 das erste Museum eröffnet worden war, gab es in vielen anderen Städten ähnliche Initiativen, die in der Regel von den jüdischen Gemeinden ausgingen. Daneben wurde jüdische Kultur in allgemeine Ausstellungskontexte integriert: 1906 wurde etwa ein Synagogenraum mit Judaica an der Kunstgewerbeausstellung in Dresden präsentiert, ähnliche Ausstellungen folgten. 1911 kuratierte Max Grunwald auf der viel beachteten Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden einen Raum zur „Hygiene der Juden“. Und auch die von Grunwald gegründete Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hamburg realisierte mehrere kleine Ausstellungen, eine anvisierte Museumsgründung konnte letztlich jedoch nicht umgesetzt werden.

Die Shoah bedeutete auch das Ende der Jüdischen Volkskunde im deutschsprachigen Raum. Max Grunwald emigrierte 1938 nach Palästina, wo er 1953 verstarb, seine wissenschaftlichen Mitstreiter flüchteten oder wurden ermordet. Die Jüdische Volkskunde war akademisch im deutschsprachigen Raum nicht verankert, nach dem Zweiten Weltkrieg war das Fach Volkskunde diskreditiert und die Jüdische Volkskunde mangels ausgebildeter Personen kein Thema mehr. Erst 1969 machte der Tübinger Volkskundler Utz Jeggle mit seiner Dissertation über „Judendörfer in Württemberg“ einen ersten Schritt in Richtung einer Einbeziehung der jüdischen Volkskunde in das Fach. Mit den Arbeiten von Christoph Daxelmüller, der ausgehend von seinen biographischen Studien zu Max Grunwald auch die Themen der Jüdischen Volkskunde antizipierte, wurde dies fortgesetzt, aber erst in den letzten Jahren scheint, im Kontext der cultural studies, ein breiteres Interesse an jüdischer Alltags- und Populärkultur erwacht zu sein.

Anders als im deutschsprachigen Raum verlief die Entwicklung in den USA und Israel. Bereits 1932 hatte sich Grunwald die Einrichtung eines Lehrstuhles an der Hebräischen Universität in Jerusalem gewünscht, doch ging dieser Wunsch zu seinen Lebzeiten nicht mehr in Erfüllung. Heute gibt es eine ihm und seiner Frau gewidmete Professur am Fachbereich Folklore an der Hebrew University, die mit Dov Noy, einem der bekanntesten israelischen Volkskundler, prominent besetzt wurde. In den USA trennten sich die so genannten folklore studies von den cultural studies, wobei letztere mit den Jewish cultural studies sich jüdischer Kultur im weitesten Kontext widmen.

Literatur:

Daxelmüller, Christoph: Die deutschsprachige Volkskunde und die Juden. Zur Geschichte und den Folgen einer kulturellen Ausklammerung, in: Zeitschrift für Volkskunde 83 (1987), S. 1-20.

Daxelmüller, Christoph:   “Wiener jüdische Volkskunde”, in: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 90 (NS 41) (1987), S. 209-230.

Daxelmüller, Christoph: Jüdische Volkskunde in Deutschland zwischen Assimilation und neuer Identität. Anmerkungen zum gesellschaftlichen Bezug einer vergessenen Wissenschaft, in: Wolfgang Jacobeit, Hannjost Lixfeld, Olaf Bockhorn (Hg.), James R. Dow (Mitarb.), Völkische Wissenschaft. Gestalten und Tendenzen der deutschen und österreichischen Volkskunde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wien, Köln, Weimar 1994, S. 87-114.

Hörz, Peter F. N.: Jüdische Kultur im Burgenland. Historische Fragmente – volkskundliche Analysen. Wien 2005 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien 26).

Johler, Birgit/Staudinger, Barbara (Hg.): Ist das jüdisch? Jüdische Volkskunde im historischen Kontext. Wien 2010 (Buchreihe der Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde 24).

Schatz, Christine: “Angewandte Volkskunde”. Die “Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hamburg”, in: Vokus. Volkskundlich-Kulturwissenschaftliche Schriften 14 (2004), S. 121-134.

Zitiervorschlag

Staudinger, Barbara: Volkskunde und Anthropologie. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/volkskunde-und-anthropologie/. Version . .

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