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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

C.VIII.3Verlagswesen

Thomas Soxberger

Nach der Entstehung des Buchdrucks begann sehr bald die Verbreitung von gedruckten Büchern in hebräischer und auch jiddischer Sprache. In der „jüdischen kulturellen Renaissance“ zu Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dem Verlagswesen und dem jüdischen Buch besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Die jüdische Buchkunst und Buchgrafik erlebte somit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine besondere Blüte.

Quelle 1:

Der „Welt-Verlag“

Eine Warnung für alle ernsthaften jüdischen Verleger und für alle jüdischen Schriftsteller-Genossen, eine Warnung nach Amerika, wo die Valuta stark ist, und eine Warnung nach Sowjet-Russland, wo der Buchmarkt hungrig ist.

Was ist der „Welt-Verlag“?

Er sitzt in Berlin. (Deutschland!)

Er ist ein deutsch-assimilatorischer, zionistischer Verlag, in dem um so und so viel Prozent Provision mit Idealen gehandelt wird.

Er hat in letzter Zeit aber auch eine Abteilung für die „jüdische“ Literatur.

Seine Geldgeber sind verschiedene Juden mit Geld, unter ihnen auch der alte deutsche Schundherausgeber, der Millionär, der populärste Mensch in der Welt lesender deutscher Handelsreisender, und sein Name ist: Ullstein.

[…]

Wir sind [hingegen] davon überzeugt, dass nur ein genossenschaftlicher, kooperativer Verlag dem Schreibenden gegenüber gerecht sein kann. Und wenn es schon kein kooperativer Verlag ist, dann soll es ein jüdischer Verleger sein, der der „jüdischen Gasse“ entstammt; ein solcher wird ein wenig Respekt haben vor dem jiddischen […], er wird eher mit ihm fühlen, er wird mit ihm zusammenarbeiten (siehe „Stybel-Verlag“, „Nayer Farlag“ Warschau, Verlag „Yidish“ New York usw.).

Melekh Ravitsh: Kritik, Heft 3, Wien, 1920, S. 30f. (Ü.:T.S.)

Dieser Auszug aus einer Polemik, die Melech Rawitsch gegen den Berliner Welt-Verlag richtete, war in seiner Schärfe, der es auf Differenzierung nicht ankam, durchaus typisch für seine Zeit. Die sachliche Richtigkeit der Vorwürfe muss dahingestellt bleiben (der Welt-Verlag distanzierte sich ausdrücklich von der Behauptung, er sei mit Kapitalhilfe des Ullstein-Verlags gegründet worden). Was hier zum Ausdruck kam, ist das Gefühl, dass unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung der europäischen Staaten, für das europäische Judentum eine grundlegend neue Ära angebrochen war.

Das jüdische Leben am Beginn des 20. Jahrhunderts war von einer Vielzahl kultureller und wirtschaftlicher Initiativen geprägt. Diese Veränderungen kamen auch im Verlagswesen, das zu dieser Zeit eine enorme Entwicklung durchmachte, zum Ausdruck. Die Ausweitung des Bildungssystems und die Tendenzen zur Demokratisierung des politischen Lebens brachten eine Massenkultur hervor, in der das Buch eine zentrale Bedeutung hatte.

Jüdische Kultur musste sich angesichts dynamischer (und nicht selten katastrophaler) Entwicklungen behaupten und jüdische Kulturschaffende machten sich daran, die jüdische Kultur, die schon immer eine starke Komponente einer Buchkultur hatte, neu zu definieren. Den Vorstellungen über das jüdische Volk als „Volk des Buches“ wuchsen neue, säkulare Bedeutungen zu. Jüdischen Verlagen als Schnittstellen von kulturellen, politischen und ökonomischen Interessen kam in diesem Prozess eine besondere Bedeutung zu.

Anfänge des jüdischen Buchdrucks und des jüdischen Verlagswesensnach oben

Bald nach der Verbreitung des Buchdrucks in Europa begannen auch hebräische Druckereien hebräische Bücher zu produzieren. Als Nebenprodukt entstand ein jiddischer Buchdruck, der Literatur für die „Unwissenden“, also vor allem Frauen und Männer, die nicht Hebräisch verstanden, herausgab. Die Verbreitung von Büchern in „Loshn koydesh“ (d.h. Hebräisch-Aramäisch) und jiddischer Sprache war immer wieder Restriktionen unterworfen. Oft unterlag der hebräische Buchdruck aus Gründen des christlichen Antijudaismus einer strengen Zensur. In Deutschland waren es ab dem 17. Jahrhundert allerdings oft lokale Fürsten, die den hebräischen Buchdruck privilegierten, da sie sich durch den Buchexport ökonomische Vorteile erhofften, sodass etwa auch kleinere Orte wie Dyhernfurth oder Fürth als Zentren hebräischen und jiddischen Buchdrucks bekannt wurden. Prag, Frankfurt am Main und Amsterdam weisen eine lange Tradition hebräischen Buchdrucks auf. In Wien war der Verleger Anton Schmidt aktiv und machte die Stadt im ausgehenden 18. Jahrhundert zu einem Zentrum des hebräischen Buchdrucks.

Spezifisch jüdische Verlage sind eine Erscheinung des 19. Jahrhunderts und waren im Allgemeinen mit den Druckereien identisch, wie etwa Romm in Wilna. Später entstanden Buchverlage oft in Zusammenhang mit der Verbreitung der jüdischen Presse, die eine große Bedeutung für die moderne jüdische Literatur in Hebräisch und Jiddisch hatte. Als Ergebnis der Herausbildung der modernen jiddischen Literatursprache und der ideologisch untermauerten Forderung nach der Förderung des Jiddischen als eigenständige jüdische Volkssprache schenkten Jiddischisten der Entwicklung des jiddischen Verlagswesens spezielle Aufmerksamkeit. Hierbei ging es auch um einen Kampf um ideologische Inhalte.

Jüdische Verlage in Wilna und Warschaunach oben

Eine der berühmtesten jüdischen Verlegerpersönlichkeiten war Boris Arkadevich Kletskin (1875-1937). Seine politische Sozialisierung erfolgte über den Bund. Um 1910 gründete er den „Vilner Farlag fun B. A. Kletskin“. Mit diesem Verlag erwarb er sich den Ruf, der erste tatsächliche Verleger moderner jiddischer Literatur gewesen zu sein, der diesen Namen auch verdiente. In seinem Verlag erschienen bahnbrechende Publikationen, wie die wissenschaftliche Anthologie „Der Pinkes“, 1913, das jiddische Kinderjournal „Grininke bemelekh“ (1914-1939). Für den Verlag arbeiteten A. Vayter, Shmuel Niger, Nokhem Shtif, Zelig Kalmanovitsh, Dovid Bergelson und Ber Borokhov. Publizierte Autoren waren unter anderem Sholem Ash, Dovid Eynhorn, Hersh Dovid Nomberg und Avrom Reyzen. Der Erste Weltkrieg unterbrach die Tätigkeit des Verlags, erst 1919 kehrte Kletskin nach Wilna zurück, verlegte seine Tätigkeit aber 1925 nach Warschau. Der Verlag hatte jiddische Klassiker und zeitgenössische Autoren im Programm wie Perets Hirshbeyn, H. Leyvick, Moyshe Nadir, Yoysef Opatoshu, Isaac Bashevis Singer und Oyzer Varshavski[1]. Bekannt war er für seine Kinderbücher und Schulbücher. Von 1924-1939 erschien darin die einflussreiche Zeitschrift „Literarishe bleter“. Auch Zalmen Reyzens Lexikon jiddischer Autoren (1926–1929) und die „Filologishe shriftn“ (1926–1938) des YIVO, für das Kletskin ein wichtiger Sponsor war, erschienen in seinem Verlag. Er verarmte zwar durch die Depression zu Beginn der 1930er Jahre, betrieb aber seinen Verlag bis zu seinem Tod im Jahr 1936.

Jiddische Verlage in Ländern der osteuropäischen Emigrationnach oben

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Berlin zu einem wichtigen Zentrum des jüdischen Buchdrucks. Ein beträchtlicher Teil der weltweiten jiddischen Buchproduktion kam in den 1920er Jahre aus Berlin.

In Wien versuchte eine kleine Gruppe von Jiddischisten nach dem Ersten Weltkrieg, eine jiddische Buchproduktion aufzubauen. Mangels Kapital scheiterte dieses Projekt nach kurzer Zeit.

In New York entstand mit der Masseneinwanderung aus Osteuropa um 1900 ein jiddisches Verlagswesen, das weltliche jiddische Literatur verlegte. Diese ging ab den 1960er Jahren mit dem demografischen Wandel und dem Verschwinden der Generation jiddischsprachiger Einwanderer aus Osteuropa immer mehr zurück und ist heute auf wenige Titel pro Jahr beschränkt. Mit der zunehmenden Bedeutung von New York als Zentrum des Chassidismus wurde New York auch wichtiger Verlagsort für traditionelle religiöse Literatur in Hebräisch, aber auch in Jiddisch.

In Buenos Aires, das eine große jiddischsprachige Bevölkerung aufwies, in London und Paris entstanden jiddische Verlage, die vor allem auf der jiddischsprachigen Einwanderung beruhten. Mit dem sozialen Wandel und dem Abtreten der Einwanderungsgeneration von der gesellschaftlichen Bühne verschwanden auch ihre Verlage.

Jüdische Verlage in Russland und der Sowjetunionnach oben

Die Februarrevolution von 1917 führte zu einem Fall der Zensur und damit zu einer raschen Entfaltung jüdischer Kulturtätigkeit in Jiddisch und Hebräisch. In Kiew wurde die Kultur-lige gegründet, welche ihre Tätigkeit nach Polen verlegte. In der Sowjetunion wurden eigene Minderheitenverlage eingerichtet, so auch für das Jiddische. Der hebräische Buchdruck wurde hingegen unterdrückt, Ende der 1920er Jahre wurde die hebräische Literatur in der Sowjetunion in den Untergrund gedrängt.

In den „Schwarzen Jahren“ des sowjetischen Judentums in den letzten Lebensjahren Stalins von 1948-1953 wurden alle staatlich unterstützten jüdischen Kulturinstitutionen geschlossen, der Verlag „Eynikayt“ zerstört.

In den Säuberungen der 1930er Jahre wurde vieles, was in den Jahren zuvor aufgebaut worden war, wieder vernichtet. Erst mit der Gründung des Antifaschistischen Komitees wurde der Emes-Verlag als zentraler Verlag für jiddische Publikationen begründet, aber 1948 wieder zerschlagen. Erst Ende der 1950er Jahre durften im Verlag des sowjetischen Schriftstellerverbands wieder jiddische Bücher erscheinen. Viele Kulturaktivisten wurden verhaftet. Erst in den 1960er Jahren konnte der Verlag „Sovetski Pisat‘el“ des sowjetischen Schriftstellerverbands wieder Bücher seiner jiddisch schreibenden Mitglieder auf Jiddisch veröffentlichen.

Die jiddische Buchproduktion bis zum Ende der Sowjetunion blieb begrenzt. Erst nach der Perestroika und dem Zerfall der Sowjetunion konnte wieder ein jüdisches Presse- und Verlagswesen entstehen, das nun vor allem in russischer Sprache aktiv ist, die Emigration vieler ex-sowjetischer Juden nach Israel und in die USA ließ dort eine russisch-jüdische Emigrantenpresse entstehen. In den Nachfolgestaaten der Sowjetunion konnte sich kein jiddischer Verlag mehr etablieren, doch gibt es neue Freiheiten für die Herausgabe von Werken mit jüdischer Thematik, vor allem in russischer Sprache. Es ist ein eigenes Genre der russisch-jüdischen Literatur entstanden.

Mandatsgebiet Palästina und Staat Israelnach oben

So wie die Jiddischisten, und oft in direkter Konkurrenz zu ihnen, schenkten auch die Zionisten Fragen der Verbreitung von Literatur und dem Verlagswesen ihre Aufmerksamkeit. Der Verlag „Achiasaf“ befasste sich mit der Verbreitung modernhebräischer Lehrbücher. Er ist bis heute der größte Verlag in diesem Bereich.

In Palästina wurde von der zionistischen Bewegung die Dominanz der hebräischen Sprache im öffentlichen Leben des „Jischuw“ implementiert und kulturpolitisch verteidigt, um aus den vielen Einwanderergruppen eine monolinguale hebräische Nation zu schaffen. Schon im Vorfeld der Entstehung des Staates Israel kam es daher zum Aufbau der hebräischen Presse und eines Verlagswesens. Organisationen, die den Aufbau des Staates wesentlich mittrugen, wie „Histadruth“ (Gewerkschaftsbewegung) und Kibbutzbewegung entwickelten ein eigenes Verlagswesen (Am Oved und Ha-Kibbutz Ha-Me‘uchad). Sie sind für die Herausgabe moderner hebräischer Literatur bis heute wichtige Verlage.

Auch spezifische Verlage für religiöse Literatur sind in Israel tätig und bedienen ein wachsendes streng orthodoxes Publikum. Durch neue Drucktechniken wurde der Nachdruck von klassischen Werken der jüdischen Tradition sehr erleichtert. Hier wird viel Wert auf eine „klassische“, repräsentative Buchgestaltung gelegt.

  1. Anm. der Redaktion: Je nach Transkriptionssystem kann man die jiddischen Namen unterschiedlich schreiben und „übersetzen“. So ist u.a. auch folgende Schreibung möglich: A. Weiter, Schmuel Niger, Nachum Schtif, Selig Kalmanowitsch, David Bergelson, Ber Borochow, Scholem Asch, David Einhorn, Hersch David Nomberg, Abraham Reisen etc.

Literatur:

Cohen, Nathan: The Yiddish Press as Distributor of Literature, in: Shlomo Berger (Ed.): The Multiple Voices of Modern Yiddish Literature (Amsterdam Yiddish Symposium 2), Amsterdam 2007.

Kellman, Ellen: Dos yidishe bukh alarmirt! Towards the History of Yiddish Reading in Interwar Poland, in: Steinlauf, Michael C./Polonsky, Antony (Ed.): Polin 16, 2004, S. 213-41.

Kühn-Ludewig, Maria: Jiddische Bücher aus Berlin (1918-1936). Titel, Personen, Verlage, Nümbrecht 2006.

Kühn-Ludewig, Maria: Blick auf den jiddischen Büchermarkt 1929. Jiddistik Mitteilungen 14, 1995, S. 1-18.

Kühn-Ludewig, Maria: Auf den Spuren des jiddischen Tomor-Verlags, Wilna 1927-1939 (Kleine historische Reihe 7), Hannover 1996.

Levine, Glenn Scott: Yiddish Publishing in Berlin and the Crisis in Eastern European Jewish Culture 1919-1924, in: Yearbook of the Leo Baeck Institute 42, 1997.

Tsinberg, Yisroel: Di geshikhte fun der literatur bay yidn, Vilna 1939, in: Martin, Bernhard (Ed.): History of Jewish Literature (Bd. 12), New York 1972-1978.

Zitiervorschlag

Soxberger, Thomas: Verlagswesen. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/verlagswesen/. Version . .

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