Inhaltsverzeichnis

Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

C.I.1Traditionsliteratur

Nathanael Riemer

Unter der Traditionsliteratur sind die Texte des Judentums zu subsumieren, welche Gegenstand des Torastudiums sind und in verschiedenen Lerngruppen im Bet Midrasch (Lehrhaus) diskutiert werden. Beim Studium dieser Werke geht es um die Erforschung des göttlichen Willens anhand der „schriftlichen Tora“ und der „mündlichen Tora“. Während die erstgenannte Tora sche-bi-chtav den Pentateuch meint, umfasst die letztere Tora sche-be-al-pe angefangen von den biblischen Propheten alle nachfolgenden religiösen Werke des Judentums bis in die heutige Zeit. Damit bezeichnet man die grundsätzliche Offenheit des Kanons gegenüber neuen mündlichen Diskussionen über Halacha und Haggada sowie deren Verschriftlichungsprozessen.

 

Grundsätzlich wird im Judentum davon ausgegangen, dass nur derjenige, der sich tagtäglich mit den Anordnungen Gottes beschäftigt (Jos 1,8), den Willen des Schöpfers in adäquater Weise erfüllen kann. Dem Gebot des täglichen Torastudiums, das bereits eine Form des Gottesdienstes darstellt, unterliegen nach traditionellem Verständnis nur die Männer. Im heutigen Judentum existieren jedoch selbst im modern-orthodoxen Judentum zahlreiche Lerngruppen, in denen Frauen sich dem Studium dieser ursprünglich „männlichen“ Literatur widmen.

Der Kanon der Traditionsliteratur ist von den jeweiligen religiösen und philosophischen Tendenzen, der religiösen und systematischen Ausrichtung der führenden Gelehrten, dem kulturellen Umfeld sowie dem Lesepublikum abhängig. Zum Torastudium gehört zunächst die intensive Lektüre von Bibel, Talmud und religionsgesetzlichen Kodizes sowie von Kommentaren zu diesen Werken.

Hebräische Bibel, Midraschim und Bibelkommentarenach oben

Neben dem Pentateuch gelten die übrigen Texte der Hebräischen Bibel als die zentralen Bezugspunkte der traditionellen Literatur des Judentums. Schon früh erkannten Gelehrte, dass die vorhandenen Texte nach Interpretation verlangen. Aus diesem Bedürfnis heraus entstanden ab dem 2. Jahrhundert n.d.Z. haggadische und halachische Midraschim, in welchen der Bibeltext entweder als Kommentar oder als Homilie[1] ausgelegt wurde. Zu den haggadischen Midraschim gehört unter anderem eine Sammlung von Texten unter den Namen Midrasch Rabba oder Midrasch ha-Gadol. Überwiegend halachische Aspekte verhandeln Sifra zu Leviticus und Sifre zu Numeri. Im Laufe des Mittelalters entstanden weitere Bibelkommentare, die oft die Form von telegrammartigen Glossen hatten. Einer rabbinischen Anordnung zufolge soll die männliche Jugend bereits im Alter von fünf Jahren mit der biblischen Lektüre beginnen (mAvot 5,21). Parallel dazu werden im traditionellen Judentum Episoden der Midraschim sowie die mittelalterlichen Bibelkommentare von Schlomo ben Jizhak (Raschi) gelernt.

Talmudische Literatur: Mischna, Gemara und ihre Kommentarenach oben

Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels erkannten führende Gelehrte die Notwendigkeit einer Neuorganisation des religiösen Lebens. Sie bemühten sich darum, das vorhandene Wissen über die Offenbarung Gottes zu sammeln, zu ordnen und in Einklang mit der Tradition an die veränderten Bedingungen anzupassen. Aus dem nun folgenden Sichtungsprozess der jüdischen Lehren entstand im 2. Jahrhundert n.d.Z. die Mischna, in der die Gebote Gottes in einem Regelwerk nach sechs Themenkomplexen geordnet in den Vordergrund gerückt wurden. Die Mischna stellt die zweite, höhere Stufe im Lehrpensum eines männlichen Juden dar, welche im Alter von zehn Jahren im Mittelpunkt stehen soll (mAvot 5,21).

Nach der Verbreitung der Mischna setzte in den Gelehrtenschulen eine Kommentierung und Aktualisierung der neuentstandenen Texte ein. Die Ergebnisse dieser Diskussionen wurden in der Gemara aufgenommen, welche als eine Ergänzung und Vervollständigung der Mischna betrachtet wird. Mischna und Gemara bilden zusammen die Hauptbestandteile der beiden Talmudim. Gegenüber dem älteren Palästinensischen Talmud (Jeruschalmi, 4./5. Jahrhundert) setzte sich im Mittelalter der Babylonische Talmud (4. – 7. Jahrhundert) durch und avancierte nach der Bibel zum zweiten Referenzwerk des Judentums. Vom Mittelalter bis in die heutige Zeit bestand aufgrund der veränderten Bedingungen des Judentums immer wieder die Notwendigkeit, die Texte des Talmuds für die jeweilige Generation zu erklären. So verfassten zahlreiche Gelehrte (zum Beispiel Raschi) Kommentare zu einzelnen Talmudtraktaten, denen als Interpretationshilfen eine so hohe Bedeutung zugeschrieben wurde, dass man sie sukzessive in die traditionellen Talmudausgaben aufnahm. Nach rabbinischen Vorstellungen sollen die Jungen im Alter von 15 Jahren mit dem Talmudstudium beginnen und dies regelmäßig fortsetzen.

Halachische Literatur: Kodizes und Rechtsresponsennach oben

Neben den Mischna- und Talmudkommentaren entstanden vor allem im Mittelalter und der Frühen Neuzeit halachische Kompendien und Kodizes. Da die Ergebnisse der halachischen Diskussionen über zahlreiche Stellen des Talmuds verstreut und oft erst nach einem langen Studium nachvollziehbar sind, versuchten einzelne Gelehrte die Entscheidungen systematisch zusammenzufassen. Die bedeutendsten Kodizes sind Mischne Tora von Mosche ben Maimon sowie Schulchan Aruch/Mappat ha-Schulchan von Josef Karo und Mosche Isserles.

In der Responsenliteratur, die als eine der wichtigsten Quellen für die Verhältnisse der jüdischen Gemeinden aller Epochen gilt, mussten sich die Gelehrten neuen Problemen stellen und diese Fragen mit Hilfe der Halacha und Abwägungen von Argumenten beantworten.

Religionsphilosophische Literaturnach oben

Neben der klassischen rabbinischen Literatur existieren unzählige Werke, die Ausdruck einzelner Strömungen der jüdischen Religionsgeschichte sind. In Auseinandersetzung mit dem Islam, der im 7./8. Jahrhundert auf der griechischen Philosophie aufbauend die Widersprüche zwischen Offenbarung und kritischer Vernunft zu lösen versuchte, sahen sich auch die jüdischen Gelehrten dazu gezwungen, die jüdischen Lehren zu verteidigen und eine Vereinbarkeit von Religion und Philosophie nachzuweisen. In enger Bindung an die tonangebenden philosophischen Richtungen ihrer Zeit bemühten sich Saadja Gaon, Schlomo ibn Gevirol, Bahja ibn Pakuda und Mosche ben Maimon (Maimonides) darum Antworten auf die jeweiligen intellektuellen Fragestellungen zu finden. Unter dem Einfluss der Renaissance entstanden im sefardischen Judentum erneut Texte religionsphilosophischen Charakters. Auch wenn diese Werke gelegentlich bekämpft und zeitweise nur marginal rezipiert wurden, so gab es immer wieder längere Phasen, in denen sie zum Curriculum gehörten.

Kabbalistische Literaturnach oben

Die Kabbalisten des 13. Jahrhunderts griffen die tradierten Vorstellungen der jüdischen Religionsphilosophen auf und interpretierten sie vollkommenen neu: Die gesamte Welt und alles Wahrnehmbare sind für sie äußerliche Erscheinungen und letztlich nur Symbole der verborgenen Welten. Die kabbalistischen Werke ordnen das menschliche Handeln in das kosmosophische Gesamtkonzept der Kabbala ein: Im Kampf zwischen den guten und bösen Weltmächten ist vor allem das konkrete Handeln des Einzelnen in nahezu jeder erdenklichen Situation des Alltags ausschlaggebend. Der unscheinbarste Verstoß gegen eine Mizwa verleiht der Sitra Achra, der bösen Seite und ihren abertausenden Heeren von Dämonenengeln, neue Kraft. Daher muss jeder Einzelne nicht nur die Sünden peinlichst meiden, sondern darüber hinaus durch Buße und praktizierte Frömmigkeit zum Sieg der göttlichen Kräfte über die böse Welt beitragen. In allen Gattungen der traditionellen jüdischen Literatur gibt es Werke, die unter dem kabbalistischen Einfluss stehen. Diese Texte, die – wie zum Beispiel der Sohar – bis in die Frühe Neuzeit einem elitären Publikum vorbehalten waren, werden heute in allen möglichen Zirkeln studiert.

Mussarliteratur (Moralliteratur)nach oben

Allgemein formuliert möchte die Mussarliteratur den Menschen im alltäglichen Lebenswandel an die Ausübung des göttlichen Willens und die Beachtung grundsätzlicher Tugenden erinnern. Das Genre entstand unter dem Einfluss der islamischen Wissenschaftskultur des 10. Jahrhunderts, als man versuchte die Frage nach den angemessenen Lebensmaximen und Handlungsweisen unter systematisch-philosophischen Gesichtspunkten zu beantworten. So bemühten sich die führenden Gelehrten nun darum, Neigungen und Handlungen unter dem Gesichtspunkt von förderlichen und schädigenden Auswirkungen auf das Individuum, seine Umwelt und sein Verhältnis zu Gott zu kategorisieren. Als im 13. Jahrhundert der philosophische Einfluss zurückgedrängt wurde, orientierten sich die Autoren dieser Werke wieder vermehrt an der rabbinischen Literatur. Seit dem Beginn der Frühen Neuzeit stand die Moralliteratur unter dem starken Einfluss der Kabbala und zeigt daher streng asketische Tendenzen.

Religiöse Werke in Jiddischnach oben

Als im 15. und 16. Jahrhundert infolge der Vertreibungen der Juden aus den Städten die mittelalterlichen Gemeindestrukturen zerschlagen wurden, verteilte sich etwa 80-90 Prozent der jüdischen Bevölkerung über die ländlichen Territorien des mitteleuropäischen Raumes. In der Regel waren die wenigen jüdischen Familien in den zahlreichen Dörfern nicht in der Lage, die grundsätzlichen Voraussetzungen für ein traditionelles jüdisches Leben zu schaffen und so ein regelmäßiges Toralernen zu ermöglichen. Durch den folgenden Rückgang der Hebräischkenntnisse gewann die jiddische Literatur an Bedeutung. Waren die Frauen bis auf wenige Ausnahmen nicht hebraisiert, kamen nun große Teile der Männer hinzu, welche nicht der männlichen Pflicht des Toralernens nachkommen konnten, weil sie des Hebräischen und Aramäischen nicht mehr mächtig waren. Um die Massen dennoch religiös unterweisen zu können und ein Auseinanderdriften des Judentums zu vermeiden, verfassten nun eine Reihe rabbinisch gebildeter Multiplikatoren eine große Anzahl religiöser Werke unterschiedlicher Gattungen in der älteren Form des Jiddischen. Angefangen von narrativen Bibelkommentaren, wie zum Beispiel Zenne u-Renne bis hin zum kabbalistisch beeinflussten Moralbuch Kav ha-Jaschar werden diese Werke heute nahezu ausschließlich nur noch in ultraorthodoxen Kreisen gelesen.

  1. Eine Bibelstelle auslegender Predigttext.

Literatur:

Grözinger, Karl E.: Jüdisches Denken. Theologie, Philosophie, Mystik. 4 Bde. Frankfurt am Main 2003-2011.

Riemer, Nathanael: Zwischen Tradition und Häresie. „Beer Sheva“ – eine Enzyklopädie des jüdischen Wissens der Frühen Neuzeit. Wiesbaden 2010, S. 185-196.

Stemberger, Günther: Geschichte der Jüdischen Literatur. München 1977.

Tsinberg, Ysroel: Di geshikhte fun der literatur bay yidn. 9 Bde. New York 1943.

Waxman, Max: A History of Jewish Literature. 5 Bd. New York  1960.

Zitiervorschlag

Riemer, Nathanael: Traditionsliteratur. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/traditionsliteratur/. Version . .

Versionsarchiv öffnen