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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

C.IV.6Theater in Israel

Jürgen Bauer

Die Geschichte des israelischen Theaters ist aufs Engste mit der Geschichte des israelischen Staates verknüpft. Seine Entwicklung und seine Umbrüche spiegeln sich in der Theaterlandschaft wider, die sich vom zionistischen Einwanderungstheater zum gesellschaftskritischen Theater entwickelt hat, das aktuelle gesellschaftliche und politische Themen zeitnah vor einem interessierten Publikum reflektiert.

Die Anfänge vor der Staatsgründungnach oben

Die Anfänge des israelischen Theaters liegen ganze 50 Jahre vor der eigentlichen Staatsgründung. Ende des 19. Jhs. entstanden in Erez Israel Schüleraufführungen und semiprofessionelle hebräische Theatergruppen. Zwischen 1904 und 1914 brachte die in Jaffa beheimatete Gruppe Chovevei Habama Haivrit („Liebhaber der Hebräischen Bühne“) zahlreiche Werke zur Aufführung. Doch den für das israelische Theater vielleicht wichtigsten Zeitpunkt markierte das Jahr 1917, in welchem in Moskau die zionistisch orientierte Habimah (=Bühne) als Teil von Stanislawskis legendärem Künstlertheater zu agieren begann. Im Jahr 1926 verließ die Habimah die Sowjetunion Stalins und ließ sich nach einer Tournee durch Europa und Amerika schließlich in Tel Aviv nieder. Hier traf sie auf eine sich entwickelnde Theaterszene, unter anderem auf das bereits 1925 von Moshe Halevi gegründete Ohel Theater (=Zelttheater), das sich als sozialistisches Arbeitertheater verstand und biblische mit zionistischen Themen mischte. 1944 gründete Yosef Milo ebenfalls in Tel Aviv das Cameri Theater mit einem Ensemble, das eine Generation jünger war als jenes der Habimah, und im Gegensatz zu diesem akzentfreies Hebräisch ohne russische Prägung sprach.

Theaterentwicklung nach der Staatsgründungnach oben

Schon kurz nach der Staatsgründung 1948 präsentierte das Cameri Theater mit Hu Halach Basadot von Moshe Shamir (1921–2004) erstmals ein Stück, das von einem Sabra, einem im Land geborenen Israeli, geschrieben wurde. Der Held des Stücks ist ebenfalls ein Sabra, ein junger Kibuzznik, der sich in eine Holocaustüberlebende verliebt, aber im Unabhängigkeitskrieg sein Leben verliert. Im Jahr 1958 wurde die Habimah offiziell zum Nationaltheater Israels. In der Zeit nach der Staatsgründung wurden die Spannungen zwischen den Hoffnungen vor der Staatsgründung und der Realität danach auf den Bühnen thematisiert. Das Theater lieferte eine Auseinandersetzung mit den „realities of life in a new and politically unstable state“.[1] Die großen Bühnen tourten mit ihren Produktionen bald im ganzen Land und waren eine wichtige Brücke zur Bevölkerung abseits von Tel Aviv. Der Staat förderte diese Tourneen, boten sie doch „education to the flood of new immigrants arriving in the country by staging for them what it meant to be an Israeli“ [2] oder, wie Linda Ben-Zvi es ausdrückt, eine Behandlung der Frage: „What is Israel? Who are Israelis?“[3] 1960 verließ Yosef Milo das Cameri Theater und gründete mit dem Stadttheater in Haifa schließlich das erste staatliche Theater außerhalb Tel Avivs.

Von den 1960er Jahren in die Gegenwartnach oben

Der Euphorie nach dem Sechstagekrieg 1967 folgte bald die Überzeugung, sich den gesellschaftlichen und politischen Problemen stellen zu müssen. Die Theaterszene wurde kritischer und versuchte, die Realität des Landes direkt anzusprechen. Diese Entwicklung ging einher mit dem Aufstieg von Dramatikern wie Hanoch Levin (1943–1999) und Joshua Sobol (geb. 1939). In diese Zeit fällt auch die Neugründung zahlreicher Theater. 1971 gründete der britische Regisseur Michael Alfreds (geb. 1934) in Jerusalem das Khan Theater, 1978 nahm das Beit Lessin Theater seine Arbeit auf. 1980 fand das erste Acco-Festival statt, das der freien Szene eine Bühne bot und schnell zum Seismographen für gesellschaftliche Entwicklungen wurde. 1991 wurde in Tel Aviv das Gesher Theater gegründet, das sich als Brücke zwischen Israelis und zugewanderten Russen verstand und an die Habimah erinnerte, gestalteten doch auch hier Neuzugewanderte ein Theater in Russisch und Hebräisch, das sich rasch zu einem wichtigen, qualitativ hochwertigen Theater entwickelte. Die bestehenden Theater veränderten sich unter dem Eindruck der Spaltung der Bevölkerung nach dem Libanonkrieg ebenfalls. Das Stadttheater in Haifa bekam unter Oded Kottler (geb. 1937) und Nola Chilton (geb. 1922) eine gesellschaftskritische Ausrichtung, die unter dem Nachfolgeteam Noam Semel (geb. 1954), Gedalia Besser (geb. 1939) und Joshua Sobol fortgesetzt wurde. Ende der achtziger Jahre vollzog sich jedoch ein Umbruch zu mehr Unterhaltung. 1987, im Jahr der ersten Intifada, bot die Premiere von Les Miserables im Cameri Theater Musicalunterhaltung, ein Jahr später trat die engagierte Leitung des Theaters in Haifa nach schweren Auseinandersetzungen und Protesten gegen Joshua Sobols Stück Das Jerusalem Syndrom zurück. Erst in den neunziger Jahren fanden politische Themen wieder ein breiteres Feld.

Palästinensisches Theaternach oben

Bereits seit den 1970er Jahren gab es Bemühungen, neben dem hebräischen auch ein eigenes professionelles arabisches Theater zu etablieren. Viele der Gruppen, die unter schwierigen finanziellen und politischen Umständen agierten, waren jedoch nur sehr kurzlebig. Eines der wenigen noch existierenden Theater ist das seit 1963 in Haifa ansässige Beit Hagefen Theater. Auch das seit Mitte der siebziger Jahre arbeitende El-Hakawati Theater in Ost-Jerusalem ist hier zu nennen.

Überlegungen zur Gegenwart des israelischen Theatersnach oben

Shimon Levy benennt einige Faktoren, die für die rasche Entwicklung des israelischen Theaters wichtig waren: „the secularization of the Jewish people, […] the rise of practical Zionism and immigration to Palestine and […] the revival of the Hebrew language“.[4] Zu Beginn waren vor allem der Zionismus und das Siedlertum Themen für die Bühnen, später wurden die Staatsgründung und der Holocaust zu bestimmenden Topoi. Die Auseinandersetzung mit der arabischen Bevölkerung wurde ebenfalls auf den Bühnen behandelt, ab den siebziger und achtziger Jahren waren auch innerisraelische Spannungen vor allem zwischen Religiösen und Nichtreligiösen  ein Thema, ebenso wie der Umgang mit Minderheiten im Land. Wichtig war dabei vor allem die Entwicklung einer eigenständigen hebräischen Theaterliteratur. Waren zur Zeit der Staatsgründung noch meist Übersetzungen zu sehen, bestand der Spielplan der Theater in den neunziger Jahren schon zur Hälfte aus Werken, die in Israel geschrieben worden waren.[5] Unter diesen Faktoren entwickelte sich ein stets säkulares Theater, das trotz schwieriger finanzieller Situation – Shimon Levy nennt das Theater „highly commercial and insufficiently subsidized“[6] – zum Spiegel der israelischen Gesellschaft wurde und als solcher eine ungebrochen große Zuschauerschaft anspricht.

Die gegenwärtige Theaterszene in Israel ist lebendig und vielfältig: Sechs professionelle Repertoiretheater, zahlreiche Kleinbühnen, regionale Ensembles und Off-Theater zeigen ihre Aufführungen im ganzen Land. Auf den Theaterbühnen herrscht eine rege und hoch aufgeladene Atmosphäre, welche die gesellschaftlichen und politischen Umstände des Landes reflektiert. Shimon Levy spricht von einem „inseparable link between Hebrew theater and its political and sociological ‘Sitz im Leben’.”[7]

 

  1. Levy, Theatre in Israel.
  2. Ben-Zvi, From The Dybbuk to Best Friends.
  3. Ben-Zvi, Theater in Israel, S. ix
  4. Levy, The Development if Israeli Theatre.
  5. Weitz, Shosh: „Summary of Activities by Public Institutions for Culture and Arts in Israel, 1993”. Tel Aviv, Administration for Culture and Art, the Council for Culture and Art, 1994, S. 35. Zitiert nach: Urian, The Judaic Nature of Israeli Theatre, S. 15.
  6. Vgl. Levy, Theatre in Israel.
  7. Levy, The Development if Israeli Theatre, S. 31.

Literatur:

Ben-Zvi, Linda (Hg.): Theater in Israel. Michigan 1996.

Ben-Zvi, Linda: From The Dybbuk to Best Friends. A Short Look at Israeli Theatre. <http://archive.is/oGn8j> (19.12.2016)

Levy, Shimon: The Development if Israeli Theatre – A brief overview. In: Bayerdörfer, Hans-Peter (Hg.), Theatralia Judaica II. Nach der Shoa: israelisch-deutsche Theaterbeziehungen seit 1949. Tübingen 1996, S. 27–35.

Levy, Shimon: Theatre in Israel: A Culmination of Foreign and Native Influences”. <http://www.myjewishlearning.com/article/israeli-theatre/> (19.12.2016)

Urian, Dan: The Judaic Nature of Israeli Theatre. Amsterdam 2000.

Zitiervorschlag

Bauer, Jürgen: Theater in Israel. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/theater-in-israel/. Version . .

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