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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

B.III.1Synagoge

Elke-Vera Kotowski

Die Synagoge ist nicht im herkömmlichen Sinne ein Gotteshaus, das nur dem Gottesdienst bzw. der Andacht und dem Gebet dient, sondern hat seit jeher weitere Funktionen: Sie ist geistiges und kulturelles Zentrum der jüdischen Gemeinde. Darüber hinaus dient sie als Lehrhaus, in dem die Heiligen Schriften studiert und vermittelt werden; zuweilen dient die Synagoge auch als Gerichtsgebäude (Bet Din).

„Ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden zusammenkommen.“ (Joh 18,20)

Das Wort Synagoge stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Versammlung“. Im Hebräischen hat der Begriff ebenso seine Entsprechung, Bet ha-Knesset (Haus der Versammlung, der Zusammenkunft), allerdings wird die Synagoge im Hebräischen auch Bet Tefilla (Gebetshaus) genannt. Im Jiddischen wiederum wird die Synagoge Schul genannt und verweist damit auf den Ort des Lernens, des Studiums der Heiligen Schriften (Bet ha-Midrasch).

Archäologische Funde lassen darauf schließen, dass bereits zur Zeit des zweiten Tempels (der erste, Salomonische Tempel wurde 586 v.d.Z. zerstört und der zweite 515 v.d.Z. eingeweiht) Synagogen sowohl in der Diaspora als auch in Jerusalem existierten.

In Erinnerung an den zerstörten Tempel (die Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels erfolgte 70 n.d.Z.) werden die Gebete – egal von welchem Ort auf der Welt – Richtung Jerusalem gesprochen. Diese Tradition prägte auch die Synagogenarchitektur.

Im Gegensatz zum Tempel gab es in den neu entstandenen Synagogen keinen Opferkult, denn dieser war ausschließlich dem Zentralheiligtum in Jerusalem vorbehalten. Durch den Verzicht des Opferrituals fehlt in der Synagoge daher auch der Altar. Ein zentraler Ort in der Synagoge ist der Almemor bzw. die Bima, eine Plattform oder ein Tisch worauf die Torarollen liegen und von wo aus der Vorsteher oder ein Mitglied der Gemeinde aus der Tora vorliest. Die Plattform ist meist durch zwei Stufen erreichbar und von einem Geländer umgeben.

Der Standort der Bima ist unterschiedlich: in orthodoxen aschkenasischen Synagogen befindet sie sich auf der Ost-West-Achse, in reformierten aschkenasischen Synagogen am östlichen Ende und in Synagogen nach sefardischem Ritus liegt sie gegenüber der Heiligen Lade am entgegengesetzten Raumende. Die Heilige Lade (Aron ha-Kodesch) bzw. der Toraschrein ist der Behälter, in dem die Torarollen aufbewahrt werden. Diese befindet sich an der Ostwand der Synagoge, entweder freistehend oder in einer Nische oder Apsis. Ähnlich wie zur Bima führen häufig auch zum Aron ha-Kodesch, der mit einem samtenen und bestickten Toravorhang (Parochet) verdeckt ist, zwei Stufen. Die darin befindlichen Torarollen, die an zwei mit goldenen oder silbernen Knäufen (Rimmonim) versehenen Holzstangen befestigt sind, stecken in einem kunstvoll verzierten Mantel (Mappa).

In Synagogen mit orthodoxem Ritus gibt es einen separaten Bereich für Frauen, der sich entweder im hinteren oder oberen Bereich (Frauenempore) des Raumes befindet. Häufig verfügt die Synagoge zudem über einen Vorraum (Vestibül), in dem sich ein Waschbecken befindet, das zur symbolischen Reinigung der Hände vor dem Gebet dient.

Die Synagoge ist seit Anbeginn mit dem Wortgottesdienst verbunden: dem Lesen aus der Tora und den Propheten, der Schriftdeutung und dem Gebet. Allerdings ist die Synagoge kein Sakralbau, kein geheiligter Ort, wie beispielsweise eine katholische Kirche. Allein durch das Aufbewahren und das Verlesen der Tora erhält die Synagoge ihre Bedeutung als Gotteshaus. Daher ist es auch nicht erforderlich, dass ein Rabbiner dem Gottesdienst beiwohnt, denn der kann auch von Laien durchgeführt werden. Allerdings sind für einen vollständigen Gottesdienst mindestens zehn männliche Juden über 13 Jahre notwendig, die den sogenannten Minjan und somit die Mindestzahl einer Gemeinde bilden. Das genannte Mindestalter beruht auf einer Erwähnung in der Mischna, in der dieses Alter als angemessen erachtet wird, um die Gebote (Mizwot) zu erfüllen und vollwertiges Mitglied der Gemeinde zu sein. Der zeremonielle Initiationsritus, der seit etwa sechshundert Jahren in der Synagoge vollzogen wird, heißt Bar Mizwa und gestattet dem Jungen erstmals öffentlich aus der Tora vorzulesen. In den modernen Reformgemeinden gibt es mittlerweile auch eine Entsprechung für Mädchen (Bat Mizwa), die ebenso durch das erstmalige Vorlesen aus der Tora in die Gemeinde aufgenommen und nunmehr zum Einhalten der 613 Gebote verpflichtet werden.

Eine der Pflichten ist wiederum der Gottesdienst bzw. das Gebet, das dreimal täglich (morgens, nachmittags und abends), allerdings nicht zwingend in einer Synagoge, verrichtet werden muss. Lediglich zu besonderen Anlässen (insbesondere an den Feiertagen), ist das Vorlesen aus der Sefer Tora (Torarolle) vorgeschrieben. Der Ablauf eines Gottesdienstes unterliegt bestimmten Ritualen und unter genau festgelegter Beteiligung der Gemeinde, so wird beispielsweise von einer Person der Toravorhang verschoben und die Lade geöffnet, eine weitere Person nimmt die Torarolle aus der Lade und bringt sie zum Kantor (Chasan), während die Gemeinde betet und singt, rollt der Vorbeter dann mit einem Segensspruch die Tora auf den Tisch der Bima aus. Das Verlesen der Tora erfolgt im Jahresrhythmus. In jährlichen Zyklen werden somit alle fünf Bücher Mose verlesen. Dabei ist genau festgelegt, welche Abschnitte in welcher Woche vorgetragen werden, wobei die Wochenlesung wiederum in acht Abschnitte (Alijot) unterteilt ist. Am Jahresende schließt die Toravorlesung mit Moses Segen und Tod. Am gleichen Tag wird wiederum mit dem 1. Buch Moses begonnen. Dieses Ritual ist ein ganz besonderes Ereignis in der Synagoge und wird als Simchat Tora (Gesetzesfreude) bezeichnet.

Die Synagogenbauten der Diaspora dokumentieren häufig den Grad der Akzeptanz der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft sowie den Integrationsgrad der jüdischen Gemeinden. Dies spiegelt sich beispielsweise in der Architektur wider. Im christlichen Europa war es lange verboten, Synagogen ins Straßenbild einzupassen. Die Bauten mussten mit schlichtem Äußeren in Hinterhöfen errichtet werden. Je toleranter sich die Herrscher erwiesen, desto deutlicher zeigte sich unter anderem auch in der Synagogengestaltung die Akkulturationsbereitschaft der jüdischen Gemeinde. So orientierte sich beispielsweise die Architektur der Synagogen in Toledo und Granada aus der Zeit der muslimischen Herrschaft an den dortigen Moscheen; ebenso ist der Einbau von Orgeln in reformierten Synagogen (Seesen) zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Anlehnung an den christlichen Gottesdienst zu interpretieren.

Literatur:

Claussen, Carsten: Versammlung, Gemeinde, Synagoge. Göttingen 2002.

De Vries, Simon Ph.: Jüdische Riten und Symbole. Reinbek 1990.

Hruby, Kurt: Die Synagoge – Geschichtliche Entwicklung einer Institution. Zürich 1971.

Meek, Harold A.: Die Synagoge. München 1996.

Thies, Harmen/Cohen-Mushlin, Aliza (Hg.): Synagogenarchitektur in Deutschland. Petersberg 2008.

Zitiervorschlag

Kotowski, Elke-Vera: Synagoge. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/synagoge/. Version . .

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