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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

D.I.3Sport und „Muskeljudentum“

Christian Muckenhumer

Die zumeist als Antagonismus aufgefasste Beziehung von „Juden und Sport“ erfuhr durch den vom Zionismus propagierten Körperkult eine positive Umwertung und mündete in einer teils aggressiv antisemitischen Umwelt in einer „Gegenwelt“ jüdischer Turn- und Sportvereine. Die durch den gemeinsamen Wettkampf geschürte Rivalität zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Vereinen und Athleten brachte spezifische Formen des Anti- und Philosemitismus hervor.

„…als Turner ebenso spielend mindestens gleichtun wie als Hirnarbeiter“ – das „Muskeljudentum“ bei Max Nordaunach oben

Der „jüdische Körper“ und die „jüdische Physiognomie“ gehörten, wie wir aus zeitgenössischen Karikaturen wissen, zum Standardrepertoire antisemitischer Stereotype. Hakennase, Kräuselhaar, ein fratzenhaftes Gesicht auf der einen Seite, feminine Züge andererseits bildeten dabei ein heterogenes Konglomerat von Fremdzuschreibungen. In Kombination mit dem vermeintlichen Unwillen zu körperlicher Tätigkeiten zementierten diese das Bild vom körperlich schwachen und in logischer Konsequenz unsportlichen Juden. Dies wiederum führte dazu, dass Juden im 19. Jahrhundert mittels „Arierparagraphen“ aus immer mehr Sportvereinen ausgeschlossen wurden.

Der Idealtypus des Zionismus vom „neuen, starken jüdischen Menschen“ trug wesentlich dazu bei, mit dem Konstrukt vom „Muskeljudentum“ durch Betonung, ja geradezu Überhöhung, des Körperkultes einen Gegenmythos zum antisemitisch motivierten Vorurteil vom „schwachen, unsportlichen Juden“ zu fundieren. Der Zionismus markierte damit auch einen dezidierten Kontrapunkt zum als vergeistigt geltenden „Talmudjudentum“ und verhieß durch die Schaffung einer eigenen „Heimstatt“ die Befreiung von der „verpesteten Ghettoluft“, aber auch der vollständigen Assimilation in der Diaspora.

Jener Mann, der grundlegend das Gegenkonzept vom „Muskeljudentum“ theoretisch formulierte, war Max Nordau (1849-1923), ein damals populärer Schriftsteller und zweiter Mann nach Theodor Herzl. In seinen Reden und Schriften übernimmt er die von völkisch-rassischen Termini durchdrungene Begrifflichkeit des nationalistischen Diskurses des 19. Jahrhunderts und transferiert sie auf die Situation des Diasporajudentums. In diesem Zusammenhang kann man bei ihm von einer „körperlichen Entartung der jüdischen Rasse“[1lesen. Diese resultiere maßgeblich aus der „Fleischabtötung“[2], die an den Juden „in der Enge der Judenstraße“ verübt worden sei. Aus diesem Grunde bedürfe es seiner Meinung nach einer physischen „Regeneration“, um in der Tradition großer „Helden“ wie Bar Kochba oder der Makkabäer wieder zu „tiefbrüstigen, strammgliedrigen, kühnblickenden Männern“[3zu werden. Dem Turnen und der körperlichen Ertüchtigung komme in diesem „Regenerationsprozess“ eine zentrale Funktion zu, die geistige Frische bilde eine Grundvoraussetzung für die Entwicklung von Muskelkraft.

Quelle 1:

Wir haben von Natur die unerläßlichen geistigen Vorbedingungen außergewöhnlicher athletischer, turnerischer Leistungen. Die körperlichen Voraussetzungen, ein gewisses Maß an Muskelstärke, sind durch Übung zu erlangen. Wir haben also alles, was nötig ist, um uns als Turner ebenso glänzend zu bewähren wie als Pfleger aller Geistesdisziplinen.

Zionistisches Aktionskomitee (Hg.): Max Nordau’s zionistische Schriften, Köln-Leipzig 1909, S. 387.

„Hoppauf, Herr Jud!“ – der Allroundsportklub Hakoahnach oben

Die Forderungen nach einer „Erneuerung“ des (Muskel)judentums schlugen sich in der Gründung zahlreicher jüdischer Turn- und Sportvereine nieder[4], allerdings verschrieben sich nicht alle zionistischen Zielen, sondern fungierten auch als Integrationsvehikel für liberal-assimilierte Juden oder dienten wie die „Schild“-Bewegung militärischen Zwecken.

Im Deutschland der Weimarer Jahre übten allerdings nicht-jüdische Vereine noch immer die meiste Anziehungskraft aus. In der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie erfolgte 1909 durch die Gründung des Allroundsportklubs Hakoah (hebräisch „Kraft“) die Etablierung einer genuin jüdischen Turn- und Sportszene. Die Hakoah verstand sich als ein nach liberalen Prinzipien orientierter Verein, der mit Ausnahme von nicht-jüdischen Trainern nur jüdischen Mitgliedern offen stand, die abseits von manifestem und latentem Antisemitismus in vielen österreichischen Sportvereinen ihren sportlichen Aktivitäten nachkommen wollten. Damit verbanden sich auch zionistische Grundanliegen, unter anderem auch der „demonstrative Nachweis“ der Ebenbürtigkeit jüdischer Körperkraft mit nicht-jüdischen Athleten. Ein sehr augenscheinliches Beispiel dafür bieten die Mitglieder der Ringersektion, z.B. der mehrfache österreichische Meister und Gewinner zweier Olympiabronzemedaillen 1932, Nikolaus „Mickey“ Hirschl (1908-1991).

Der Ringer und Olympiamedaillengewinner Mickey Hirschl; aus: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Erzählte Geschichte. Berichte von Widerstandskämpfern und Verfolgten, Band 3: Jüdische Schicksale, Wien 1992, S. 41.

Dieser erzählte in Interviews, dass er aufgrund seiner Körperkraft bei Sportveranstaltungen als Ordner eingeteilt und mit Nationalsozialisten immer wieder in Raufhandel involviert war. Er konnte noch vor dem „Anschluss“ 1938 nach Palästina fliehen und lebte bis zu seinem Tod in Australien. Bis zu seiner Zerschlagung einen Tag nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich war die Hakoah der größte jüdische Sportverein der Welt, aus ihren Reihen gingen nicht nur Sieger bei den Makkabiaden, den jüdischen Sportfesten, hervor, sondern auch die einzig jüdische Fußballmannschaft, die 1924/25 die österreichische Meisterschaft gewinnen konnte und auch international für Furore sorgte.

„Judas“ und „Yiddoes“ – Anti- und Philosemitismus im österreichischen und europäischen Fußballnach oben

Die Konfrontation mit offenem und latentem Antisemitismus bildete und bildet eine Grundkonstante und -erfahrung jüdischer Sportler und Sportvereine in einer mehrheitlich nicht-jüdischen Umwelt. Vor allem der Fußballplatz ist jene Bühne, wo sich neben ausländerfeindlich-rassistischen Äußerungen auch ein Antisemitismus manifestiert, der allerdings nach 1945 weitgehend zu einem „Antisemitismus ohne Juden“ mutierte. In dieser Hinsicht sind die Fußballderbys zwischen den beiden Wiener Spitzenvereinen Rapid Wien und Austria Wien interessant, denn bei den Duellen zwischen der „bürgerlich-jüdischen Austria“ und dem „Arbeiter- und Vorstadtklub Rapid“ geht die Brisanz zumindest über das sportliche Ausmaß hinaus, obwohl sich keine jüdischen Spieler auf dem Platz befinden.

Auch im internationalen Fußball gibt es als „Judenclubs“ bezeichnete Fußballvereine. Die beiden bekanntesten von ihnen sind Ajax Amsterdam und Tottenham Hotspurs aus London. Das Stadion der „Spurs“, die White Hart Lane, befindet sich in jenem Teil Nord-Londons, in dem auch die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung der Stadt lebt. Seit dem Aufkommen eines aggressiven und rassistischen Hooliganwesens in England in den späten 1970er Jahren werden antijüdische Parolen in Richtung der Spurs-Fans gerichtet, das Salutieren mit dem Hitlergruß sowie die Imitation von ausströmendem Gas gehören dabei zum Standardinventar von Fanklubs bestimmter Vereine. Als Reaktion der – zumeist nicht-jüdischen –  Spurs-Anhänger ist das Phänomen entstanden, dass diese die antisemitischen Stigmatisierungen und Beschimpfungen wie „Yid“ in ihr Gegenteil verkehrt und somit eine pseudo-jüdische Identität „adoptiert“ haben. Auf ihren Trikots prangt die stolz zur Schau getragene Aufschrift „Yiddo 4 Life“ und Schmährufe werden mit „Yiddo, Yiddo“-Rufen beantwortet. Wie man auch bei anderen sozialen Außenseitergruppen (Schwarzen, Homosexuellen) beobachten kann, handelt es sich hier um einen semantischen und symbolischen „Code-Wechsel“, der aus einem Stigma eine positiv besetzte Identität generiert.

Quelle 2:

Good old Adolf Hitler

He was a Chelsea fan,

One day he went to White Hart Lane,

And all the Jew Boys ran.

 

At last he got a few of them,

Up against a wall,

At first he laughed a little bit,

And then he gassed them all. […]

John Efron: Wo ein Yid kein Jude ist. Ein seltsamer Fall von Fan-Identität beim englischen Fußballklub Tottenham Hotspurs, in: Brenner, Michael/Reuveni, Gideon (Hrsg.): Emanzipation durch Muskelkraft. Juden und Sport in Europa, Göttingen 2006, S. 251/252.

Erläuterung: „Chelsea“ ist ebenso ein Fußballklub aus London.

Juden und Sport – Brüche und Kontinuitätennach oben

Die Zeit des Nationalsozialismus bedeutete auch für den jüdischen Sport ein abruptes Ende. Im Exil konstituierten sich ehemals jüdische Vereine wie die Hakoah wieder neu, der Sport erfüllte auch identitätsstiftende und -wahrende Funktion. Obwohl die Hakoah in Wien bereits am 10. Juni 1945 ihren Betrieb wieder aufnahm, sollte es bis zum Jahre 2008 dauern bis der Verein auf seinem ehemaligen Grund ein neues Sportzentrum einweihen konnte, nachdem sich die Restitutionsverhandlungen bis ins Jahr 2002 hingezogen hatten. Zusammen mit dem Wiener Fußballunterhausklub S. C. Maccabi handelt es sich dabei um ein vitales Signal des Neubeginns jüdischen Sports in Österreich.

  1. Zit. n. Zimmermann, Moshe: Muskeljuden versus Nervenjuden, in: Brenner, Michael/Reuveni, Gideon (Hg.): Emanzipation durch Muskelkraft. Juden und Sport in Europa, Göttingen 2006, S. 15-28, hier S. 17.
  2. Zit. n. Zionistisches Aktionskomitee, Max Nordau’s zionistische Schriften, Köln-Leipzig 1909, S. 379.
  3. Zit. n. ebd., S. 380.
  4. 1901 gab es in Mitteleuropa bereits 13 davon.

Literatur:

Brenner, Michael/Reuveni, Gideon (Hg.): Emanzipation durch Muskelkraft. Juden und Sport in Europa, Göttingen 2006.

Schulze-Marmeling, Dietrich (Hg.): Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball, Göttingen 2003.

Weiterführende Literatur:

Bunzl, John (Hg.): Hoppauf Hakoah. Jüdischer Sport in Österreich. Von den Anfängen bis in die Gegenwart, Wien 1987.

Presner, Todd Samuel: Muscular Judaism. The Jewish body and the politics of regeneration, London/New York 2007.

Zitiervorschlag

Muckenhumer, Christian: Sport und „Muskeljudentum“. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/sport-und-muskeljudentum/. Version . .

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