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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

C.IV.1Spielorte und Standorte

Brigitte Dalinger

Ab dem späten 19. Jahrhundert wurden in Europa jüdische Themen auf dem Theater verhandelt, jiddisches Theater breitete sich ab 1880 aus Osteuropa in alle Teile der jiddischsprachigen Welt aus. Seit der Shoa gibt es nur wenige jiddische Theaterensembles, jüdische Theaterkünstler sind Teil der internationalen Theaterszene.

Judentum und Theaternach oben

Theater war in der jüdischen Welt keine selbstverständliche Kunstform, sondern wurde von den Rabbinern heftig abgelehnt. Diese Einstellung beeinflusste die Meinung der orthodoxen Juden bis ins 20. Jahrhundert. Spezielle Verbote der jüdischen Tradition, wie das Bilderverbot, verhinderten die Ausbildung eines ständigen Theaters. Auch bestimmte Traditionen der Gemeinschaft sprachen gegen Theater und sein Unterhalt erforderte eine finanzielle Stabilität, die in vielen jüdischen Gemeinschaften bis ins 19. Jahrhundert nicht gegeben war. Daher waren das Purimspiel und die Darbietungen jüdischer Spaßmacher und der „Broder singer“ bis um 1880 die einzigen theatralischen Aktivitäten.

Das Purimspiel wird anlässlich des Purimfeiertages aufgeführt, „zur Erinnerung an die Errettung der Juden aus Todesgefahr durch Esther, die zweite Frau des Königs Ahasveros“[1]. Grundlage der Purimspiele sind Episoden aus der Bibel sowie die Purimerzählung. Am Tag des Purimfestes gingen (männliche) Purimspieler in die Häuser und führten ihre Spiele auf. Auch die Darbietungen jüdischer Spaßmacher wie des „Marschelik“ und des „Badchen“ finden sich im Rahmen privater Feste.

Cafés, Gasthäuser und Gastgärten waren die Auftrittsorte der „Broder singer“, jüdischer Volkssänger, die etwa von etwa 1850 an durch die jüdischen Gemeinden zogen. „Broder singer“ trugen einfache Weisen und dramatische Gedichte mit Musik vor, die vor allem soziale Motive behandelten.

Jiddisches Theaternach oben

Das professionelle jiddische Theater wurde durch das Zusammentreffen eines aufgeklärten Juden – Abraham Goldfaden – mit zwei jüdischen Volkssängern begründet. In Jassy (Rumänien) begann Goldfaden 1876 für den „singer“ Israel Grodner Szenarien zu entwerfen. Das anfangs improvisierte Spiel der „singer“ wurde so gut aufgenommen, dass Goldfaden seine Szenarien zu vollständigen Theaterstücken ausbaute und ein Repertoire für das professionelle jiddische Theater schuf. Einige Jahre später tourten jiddische Theatergruppen bereits durch ganz Osteuropa. Man spielte in Gasthaussälen und „Rauchtheatern“, in Singspielhallen und gelegentlich in großen Theaterhäusern.

Aufgrund antijüdischer Ausschreitungen und dem Verbot des jüdischen Theaters 1883 in Russland kam es zu einer Emigrationsbewegung, die zur Etablierung des jüdischen Theaters in Westeuropa und in den USA führte.

In Wien traten jiddische Ensembles, nach erfolglosen Versuchen im Ring- (1880) beziehungsweise im Carltheater (1890), in kleineren Etablissements wie dem Leopoldstädter Volksorpheum auf. Von 1908 bis 1938 konnten sich jiddische Theatergruppen in Hotelsälen und Theaterräumen etablieren, meist nur für einige Saisonen. Wie in Berlin lagen auch in Wien die Spielorte in vorwiegend jüdisch bewohnten Bezirken, etwa der Wiener Leopoldstadt. Gelegentlich bespielten anspruchsvolle Truppen wie die Freie Jüdische Volksbühne auch Theaterhäuser wie das Theater in der Josefstadt, was jedoch eine Ausnahme blieb.

In anderen europäischen und amerikanischen Metropolen konnte sich das jüdische Theater beständiger etablieren: In Warschau das Esther Rochl Kaminska Theater, das Jüdische Theater in Bukarest gibt es seit 1916 (mit Unterbrechung in den Kriegsjahren) bis heute. In Moskau zeigten das Moskauer Jüdisch-Akademische Kammertheater (auch Goset genannt) und die hebräischsprachige Habima (bis 1931) ihre Kunst. Die jiddischen Theater Londons spielten in den Jahren des Zweiten Weltkriegs und danach. Während der Kriegsjahre waren sie ein bevorzugter Fluchtpunkt jüdischer Theaterkünstler. Ein weiteres Zentrum des jiddischen Theaters hatte sich um 1900 in New York herausgebildet, wo es bis in die 1920er Jahre eine scharfe Konkurrenz zwischen verschiedenen Ensembles gab. Bekannt war etwa Maurice Schwartz’ Yiddish Art Theatre, das bis in die 1960er Jahre existierte.

Das Interesse am jiddischen Theater ging in den 1930er Jahren deutlich zurück – aus sozialen und politischen Gründen. Kam es in der Sowjetunion zu massiven Verfolgungen der Juden, so war es in den USA zweifellos eine Folge der wachsenden Akkulturation und Assimilation.

Die Ermordung der europäischen Juden in der Shoa bedingte den Niedergang des jiddischen Theaters – nach 1945 fehlte es an Publikum und Schauspielern. Wieder eröffnet wurden das Staatliche Jüdische Theater in Warschau (1946) und das Bukarester Jüdische Theater (1948). Beide dienten unter den kommunistischen Regimes phasenweise als Aushängeschilde für die angeblich gute Behandlung der jüdischen Minorität. In ihrer Theaterarbeit zeigte sich, dass die jiddische Sprache keine breite Basis mehr hatte. 1970 wurde im Bukarester Theaterhaus ein Übersetzungssystem installiert, junge SchauspielerInnen mussten das Jiddisch, das sie auf der Bühne zu sprechen hatten, erst erlernen.

In Israel wurde erst 1987 mit dem Yiddishspiel ein jiddisches Theater ins Leben gerufen. Heute finden sich professionelle jiddische Theatertruppen beispielsweise in Bukarest, Warschau und New York City, in Montreal gibt es ein semiprofessionelles Yiddish Theatre.

Jüdisches Theaternach oben

Der Begriff jüdisches Theater umfasst nicht nur jiddische Darbietungen, sondern Theatertexte und Aufführungen in allen Sprachen, die sich mit Phänomenen und Problemen der jüdischen Existenz befassen. In Wien etwa wurden Themen wie Assimilation und Glaubensverlust, Antisemitismus und Pogrome in deutschsprachigen Dramen ab dem späten 19. Jahrhundert aufgenommen. In komischer Form wurde die angestrebte Akkulturation von zugewanderten Juden kritisch bis ironisch dargestellt. Diese Theaterstücke waren bis 1938 ein populärer Teil der Wiener Theaterkultur. Ähnlich verhielt es sich in Berlin (bis 1933) und bis heute in New York City, wo etwa das Musical Anatevka (seit 1964) Triumphe feierte, das auf dem jiddischen Prosatext Tewje der Milchmann von Scholem Alejchem basiert.

Jiddisches Theater ist präsent, wenn auch aufgrund der Sprache in einem kleinen Rahmen. Jüdisches Theater im weiteren Sinn –  die Theatertexte Arthur Schnitzlers und Ephraim Kishons, manche der Regiearbeiten Barrie Koskys und David Maayans – ist Teil der internationalen Theaterszene.

  1. Best, Mameloschen, S 124.

Literatur:

Best, Otto F.: Mameloschen. Jiddisch – Eine Sprache und ihre Literatur. Frankfurt am Main 1988.

 

Weiterführende Literatur:

Dalinger, Brigitte: „Verloschene Sterne“. Geschichte des jüdischen Theaters in Wien. Wien 1998.

Kanfer, Stefan: Stardust Lost. The Triumph, Tragedy, and Mishugas of the Yiddish Theater in America. New York 2006.

Mazower, David: Yiddish Theatre in London. London 1996.

Sandrow, Nahma: Vagabond Stars. A World History of Yiddish Theater. New York 1986.

Sprengel, Peter: Populäres jüdisches Theater in Berlin von 1877 bis 1933. Berlin 1997.

Sprengel, Peter: Scheunenviertel-Theater. Jüdische Schauspieltruppen und jiddische Dramatik in Berlin (1900-1918). Berlin 1995.

Veidlinger, Jeffrey: The Moscow State Yiddish Theater. Jewish Culture on the Soviet Stage. Bloomington u.a. 2000.

Zitiervorschlag

Dalinger, Brigitte: Spielorte und Standorte. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/spielorte-und-standorte/. Version . .

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