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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

C.V.2Rezeption – Gedanken zur Wahrnehmung

Regina Hopfgartner

Ungeachtet der reichen vielfältigen Musikkultur der jüdischen Gemeinden weltweit stellt sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts im mitteleuropäischen Raum eine äußerst reduktive Auffassung des Topos „jüdische Musik“ ein. Diese wird nahezu ausschließlich mit „Klesmer“ assoziiert. Die gleichzeitige Vernachlässigung der Frage nach der Herkunft, der Geschichte und der musikalischen Hintergründe gibt der Funktionalisierung dieses mittlerweile musikalischen Konglomerates Raum. Dadurch bediente Klischees zur Verklärung der Vergangenheit überdecken eine reflektierte Auseinandersetzung mit der Realität.

Historische Wahrnehmung – „Die Fiedel macht das Fest, wenn man sie lässt“nach oben

Über die Präsenz jüdischer Musiker in der Geschichte Mitteleuropas sind wenige konkrete Zeugnisse vorhanden.[1] Eine ambivalente Wahrnehmung durch Zeitgenossen ist selbst vor 400 Jahren auffällig. Tanzmusiker und Spielleute zum Beispiel wurden sowohl von Juden als auch von Christen engagiert. Obwohl es jüdischen Musikern vielerorts gesetzlich verboten war, bei Festen und Feierlichkeiten von Christen aufzuspielen, wurden diese Regelungen nicht immer befolgt. Die Notwendigkeit oft innerhalb weniger Jahre diese Gesetze zur Separation der Musiker aus konfessionellen Gründen zu erneuern, lässt auf eine häufige Missachtung schließen. Die Begründung für die Einschränkung jüdischer Musiker wurde durch den Verweis auf musikalisch unsittliche Spielweise getätigt.

Quelle 1:
[…] vom 14. Dezember 1650 ist ein Gesuch der Prager Organisten und übrigen Musiker mit den bekannten antijüdischen Forderungen vorhanden und es erscheint eigenartig, dass am 1. Oktober 1651 die erzbischöfliche Kanzlei den Juden das Privileg erneuert, […] in welchem die böhmische Stadthalterei ersucht wird, den jüdischen Musikanten zu verbieten, bei christlichen Feierlichkeiten zu spielen, „da sie die Music confuse verstup-fen, weder tempo noch tact führen und der edlen anmutigen Music mit spott ihre aestimation benehmen“. Auch hätten sie keine eigenen Kompositionen, sondern ahmen nur in elender Weise die christliche Musik nach.

Bohlmann, Philip V.: Jüdische Volksmusik. Eine mitteleuropäische Geistesgeschichte, Wien u.a. 2005, S. 259.

Demgegenüber steht eine dazu konträre und durchaus differenziert ausgeführte Beschreibung jüdischer Spielweise. Johann Adam Hiller schildert in seinen 1784 erschienenen Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrter und Tonkünstler neuerer Zeit Erinnerungen des Violinvirtuosen und Komponisten Franz Benda (1709–1786) an ein Treffen mit dem blinden Juden Lejbl, Mitglied einer herumziehenden Musikantentruppe:

Quelle 2:

Lejbl, ein außerordentlicher Spieler mit einem guten Ton auf seiner Geige, erdachte seine Stücke selbst, „die zwar immer etwas wild, aber doch sehr artig waren“. Benda verdoppelte daraufhin seinen Fleiß, um wie Lejbl seine Töne bis ins dreigestrichene a hinauf rein und sicher zu spielen. Es dürfte wohl der einzige dokumentierte Fall eines nichtjüdischen klassischen Violinisten sein, der einem jüdischen Lejts[2] sein kunstvolles Adagiospiel und seinen außerordentlichen Ton verdankte.

Salmen, 1991, S. 121.

Wahrnehmung in der Gegenwart – „schpil, klesmer – klesmer, schwejg“nach oben

Oben zitierte Aussage Bendas als Beispiel offensichtlich ernst zu nehmender Auseinandersetzung würde dem gegenwärtigen Diskurs[3] um jüdische Musik zuträglich sein. Dahingegen finden wir ein Konglomerat aus sozialen, politischen, religiösen und nur in geringstem Maße musikalischen Aspekten und Einflüssen vor, das einer differenziert geführten Diskussion gerade in deutschsprachigen Gebieten wenig Raum lässt.

Wenn beispielsweise bei zahlreichen Gedenkveranstaltungen an den Holocaust die der Massenkultur angepassten Musik, die als Klesmer heute bezeichnet wird, erklingt, so ist zu hinterfragen, welches Stimmungsbild damit induziert wird. „Mainstream-Klesmer“, diese geglättete volkstümliche, mit Elementen aus Jazz, Volksliedern, Schlagern, Schnulzen bis hin zur World-Music angereicherte Musikform, hat kaum mehr etwas mit der ursprünglichen Form und Bedeutung der Tanz- und Festtagsmusik der osteuropäischen Klesmorim um und vor 1900 zu tun. Nicht allein die Virtuosität an den Instrumenten, vielmehr auch die musikalisch genau geregelten Formen, Tonalitäten und der enge Bezug zur synagogalen Musik bieten der Musikwissenschaft und Musiktheorie ein hochinteressantes Forschungsfeld. Diesen aus der liturgischen Musik stammenden Tonarten (Modi) und Motiven wohnt, ähnlich der antiken griechischen Musiklehre, auch immer eine bestimmte inhaltliche Bedeutung, ein Ethos inne und schwingt im originären Klesmerstil der Ostjuden mit.

Um dieses Wissen um die eigentliche inhaltliche Bedeutung dieser Musik ärmer stehen wir heute dem oben genannten geglätteten „Mainstream-Klesmer“ gegenüber und neigen zu Mystifizierung und Reduktion auf gefühlsmäßige Wahrnehmung. Rita Ottens und Joel Rubin betrachten gerade den „auffälligen Anti-Intellektualismus sowohl bei den Interpreten als auch bei den Rezipienten […] [als] ein Indiz für die Funktionalisierung jüdischer Musiktraditionen […]“[4].

So kommt es mitunter zu solch skurrilen interkulturellen Missverständnissen, dass ein deutscher Bundeskanzler lustig mitklatscht, wenn die Partisanenhymne sog nit kejnmol as du gejst dem leztn weg (Sag nie, du gehst den allerletzten Weg) erklingt, während sich auf der ganzen Welt Juden erheben, um den Opfern der Schoah zu gedenken. Ebenso stellt sich die Frage nach Grund und möglicher Intention, wenn Klesmer als Hintergrundmusik zu Filmen über das Leben von Juden in Deutschland ausgewählt wird. Tatsache ist, dass Klesmer kein Bestandteil jüdischen Musiklebens in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg war. Man schafft somit eine Ausblendung der eigentlichen kulturellen Integration, der Teilhabe an der so genannten klassischen Musik, einer Mitprägung der deutschen Romantik (mit ihren Sängerbünden, Dichtern und Komponisten) und einer Synagogalmusik, die rein musikalisch eine Nähe zur evangelisch-lutherischen Tradition nicht verleugnen kann (Orgel als Erneuerung, Chor und Solisten im Gegensatz zum traditionellen einstimmigen virtuosen Kantorengesang). Es darf hinterfragt werden, warum diese kulturellen Ausformungen gegenwärtig nicht in Erinnerung gerufen werden.

Eine Andeutung der Spannbreite und Vielfalt jüdischen Lebens nach Region und sozialer Schicht veranschaulichen zwei im Folgenden abgebildete Gemäldeausschnitte aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Musik als offensichtlich charakteristisches Attribut ist beiden Gemälden gemeinsam. Es ist anzunehmen, dass Klesmer hier nie erklungen ist.

Abb. 1: Ausschnitt aus dem Gemälde Die Nathanson Familie von C.W. Eckersberg, 1818. (De Lange, Nicholas (Hg.): Illustrierte Geschichte des Judentums, Frankfurt/New York 1997, S. 223.)

Abb. 1: Ausschnitt aus dem Gemälde Die Nathanson Familie von C.W. Eckersberg, 1818.
(De Lange, Nicholas (Hg.): Illustrierte Geschichte des Judentums, Frankfurt/New York 1997, S. 223.)

Abbildung 1 zeigt die wohlhabende assimilierte dänische Familie Nathanson. Eine der Töchter spielt Klavier, ein weiteres Mädchen steht am Klavier, so als ob es normalerweise dazu singen würde.

Abb. 2: Ausschnitt aus dem Gemälde Jüdische Hochzeit in Marokko (1841) von Eugène Delacroix. (De Lange, 1997, S. 160.)

Abb. 2: Ausschnitt aus dem Gemälde Jüdische Hochzeit in Marokko (1841) von Eugène Delacroix.
(De Lange, 1997, S. 160.)

 

Abbildung 2, ein Ausschnitt aus dem Gemälde Jüdische Hochzeit in Marokko (1841) von Eugène Delacroix zeigt Hochzeitsmusikanten mit typisch arabischen Instrumenten wie Kniegeige (rababa), einer Rahmentrommel (daf) und der Kurzhalslaute (oud).

  1. Der Titel zu diesem Kapitel ist eine modifizierte Anlehnung an Heinrich Heines Sentenz „…denn die Fiedel macht das Fest“, zitiert im gleichnamigen Buch von Salmen Walter:  Jüdische Musikanten und Tänzer vom 13. bis 20. Jahrhundert, Innsbruck 1991, S. 11.
  2. Lejts (auch lejz): jidd. für fahrender Volkssänger, Gaukler, Spaßmacher.
  3. Kapitelüberschrift in Anlehnung an den bei Ottens/Rubin zitierten Hilferuf „Schweig, Klezmer, schweig“ in der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung angesichts der Reduzierung des Judentums auf Klesmermusik. Vgl. Ottens, Rita/Rubin Joel: Jüdische Musiktraditionen, Kassel 2001, S. 8.
  4. Ottens/Rubin, 2001, S. 8.

Literatur:

Bohlmann, Philip V.: Jüdische Volksmusik. Eine mitteleuropäische Geistesgeschichte, Wien u.a. 2005.

De Lange, Nicholas (Hg.): Illustrierte Geschichte des Judentums, Frankfurt am Main u.a. 1997.

Ottens, Rita / Rubin Joel: Jüdische Musiktraditionen, Kassel 2001.

Salmen, Walter: „…denn die Fiedel macht das Fest“. Jüdische Musikanten und Tänzer vom 13. bis 20. Jahrhundert, Innsbruck 1991.

Zitiervorschlag

Hopfgartner, Regina: Rezeption – Gedanken zur Wahrnehmung. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/rezeption-gedanken-zur-wahrnehmung/. Version . .

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