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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

A.II.4Rabbi, Rebbe, Rabbiner

Gerhard Langer

Der Begriff Rabbi, Rav, Rebbe oder Rabbiner geht auf das hebr. Wort rav zurück, das so viel wie „viel, groß; Fülle, Überfluss“ bedeutet. Es ist zuerst als Ehrenbezeichnung üblich – „(mein) Meister“ – später auch im Sinne eines Titels einer gelehrten Persönlichkeit, die eine rabbinische Ausbildung durchlaufen hat. Die Rabbinen der Spätantike haben das geistige Gepräge des Judentums massiv und nachhaltig beeinflusst. Im Mittelalter und in der Neuzeit wurde daran weitergearbeitet. Durch verschiedene Gruppen wie die Karäer oder in der Neuzeit die Aufklärer wurde das rabbinisch dominierte Denken stark in Frage gestellt bzw. entstanden neue Formen wie der Rebbe und auch der Zaddik des Chassidismus. Rabbinische Lehre bleibt in verschiedenen Richtungen immer noch ein prägender Bestandteil des Judentums.

Jüdische Identität unterliegt ständigen Veränderungen und Weiterentwicklungen. Die Quelle jüdischer Identität schlechthin ist die Bibel. Schon in ihr werden aufgrund unterschiedlicher Einflüsse und vieler historischer, gesellschaftlicher und kultureller Erfahrungen Bruchlinien spürbar, die gleichzeitig von Kontinuitäten begleitet werden. Eine kulturelle Herausforderung ist mit dem babylonischen Exil und seinen Folgen verbunden, eine andere mit der Begegnung mit dem Hellenismus. Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n.d.Z., mehr noch aber der gescheiterte Aufstand unter Bar Kochba um 135 n.d.Z. stellten die Weichen für die Bewegung der „Rabbinen“, die das Judentum im Laufe der Zeit maßgeblich beeinflusste. Anfangs sicherlich eine kleiner Minderheit in der jüdischen Bevölkerung, setzt sich diese Gruppe aus unterschiedlichen Strömungen zusammen, deren gemeinsames Ziel es ist, jüdische Identität auf der Basis der Tora zu sichern. Die zentrale Basis der Bewegung ist das Lehrhaus, wo junge Männer in enger Beziehung zu ihren Lehrern an der Bibel und an den sich entwickelnden weiterführenden Lehren ausgebildet werden. Von der Mischna an, dem ersten großen rabbinischen Dokument, das in gewisser Weise einen heiligen Raum darstellt, in der nach der Zerstörung des Tempels nun Laien wie Priester Anhalt für Studium, aktive Heiligung des Alltags und vorbildhafte Lebensführung finden, wird das Judentum mittels  schriftlicher und mündlicher Lehre – als portatives Vaterland (Heine) – über die Jahrhunderte getragen. Ein Geheimnis des langsam wachsenden Erfolgs der rabbinischen Bewegung ist sicherlich ihre Bereitschaft, unterschiedliche Aspekte jüdischen wie nichtjüdischen Lebens und Denkens zu integrieren und so zu verarbeiten, dass sie ein eigenständiges rabbinisches Gepräge erhalten. So integriert man in gewisser Konkurrenz zu priesterlichen Gruppen, deren Betätigungsfeld nun die Synagoge darstellt, priesterlich-kultische Vorgänge, aber auch messianisch-apokalyptische Strömungen, esoterisch-magische Elemente bei gleichzeitiger Distanzierung und Vorsicht vor politisch ungeschicktem Aktivismus oder religiösem Fanatismus. Vergleichbar den griechisch römischen Rhetoren sind Rabbinen ausgebildete Experten für jüdisches Recht, aber nicht selten auch Wundertäter und Heiler, Astrologen und vieles mehr. Die großen Zentren der rabbinischen Bewegung der Spätantike sind Palästina (vor allem Galiläa) und der mesopotamische Raum um die persische Hauptstadt Ktesiphon, wo Lehrakademien entstehen, später auch um Bagdad. Man setzt sich kritisch mit dem aufstrebenden Christentum auseinander und bleibt nicht unbeeinflusst von seinen Ideen, die man zum Teil durch Gegengeschichten einarbeitet, zum Teil polemisch von sich weist, zum Teil zu ignorieren scheint. Auf der anderen Seite wirken auch die in Persien vorherrschenden Richtungen wie etwa die Lehren des Zoroastrismus auf rabbinisches Denken ein.

Im Laufe der Zeit entwickeln sich neben und mit der mündlichen Lehre wichtige schriftliche Dokument, Bibelauslegungen (Midraschim) und vor allem der Talmud, der in der Form des babylonischen Talmuds schließlich grundlegendes Dokument allen weiteren halachischen Entscheidens bis in die Gegenwart geblieben ist. Dieses gigantische Werk mit 6000 Blättern stellt eine Enzyklopädie rabbinischen Wissens und Lehrens dar.

Die Rabbinen erstellen ein Bildungs- und Denksystem, das unter anderem die Bereiche des Alltagslebens, des richtigen Verhaltens, des Rechtes,  der Substitution des Tempelkultes durch Gebet, Studium und Lebensführung umfasste.

Menschen- und Gottesbild bekommen durch die Rabbinen eine starke Prägung. Die Botschaft ist die einer universalen monotheistischen Kultur, in der Israel mittels seiner Tora in einer Sonderstellung zu Gott steht, die durch Lehre und Erziehung, durch Bewahren der von Geschlecht zu Geschlecht weiterzuentwickelnden Tradition, durch Vertrauen, Glauben und die gelebte Praxis gesichert werden kann. Alle Menschen erhalten durch einen Katalog an vor allem ethischen Normen (Sieben Noachidische Gebote) Anteil an der kommenden Welt. Israel selbst bekommt die Aufgabe, durch sein Vorbild Segen für die Völker zu sein. Das Weltbild der Rabbinen ist im Grunde pazifistisch, von Fairness und sozialer Gerechtigkeit geprägt. Der bescheidene, sich selbst zurücknehmende Mensch, der die negativen Anlagen in sich durch Studium und Lehre besiegen kann, ist Teil einer Lern- und Lehrgemeinschaft, deren Macht in der Auslegung des Wortes und der Interpretation der göttlichen Gebote besteht. Buße, Umkehr, Gerechtigkeit über den Tod hinaus, Auferstehungslehre und messianische Hoffnungen gehören zum Gesamtbestand rabbinischer Lehre, die dem Menschen Hoffnung und Trost, aber auch Pflichten und moralische Standards vermitteln will.

Rabbinische Lehre kreist um die bereits vor der Schöpfung existierende Tora, die am Sinai vom Himmel den Rabbinen übergeben wurde. Sie ist nicht nur Wille Gottes, sondern auch Mittler und Weg zu ihm.  Alles Wissen ist letztlich in ihr verborgen. Darin liegt auch ein Anknüpfungspunkt für kritische Geister wie die Karäer, welche die Auslegungshoheit der Rabbinen massiv bestritten haben. Die im Laufe der Spätantike herausgebildete starke Betonung der am Sinai vermittelten direkten Offenbarung (einer mündlichen Lehre) an Mose, welche authentisch im Grunde nur von den Rabbinen über die Jahrhunderte weiterentwickelt werden kann, wurde zum Kritikpunkt von Denkern wie Spinoza, vor allem aber für die Aufklärung und später das Liberale Judentum.

Autorität erlangen die Rabbinen in der Spätantike durch ein System einer der Tradition verpflichteten, durch konsequente Weiterarbeit an der Lehre aber immer wieder erneuerten Halacha, die durch Mehrheitsentscheidung gültig wird. Später werden aber auch die Einzelentscheidungen immer wichtiger und letztlich gilt bis heute, dass in der Abwägung der vorliegenden Traditionen und Rechtsentscheide (Präzedenzfälle etc.) eine Entscheidung individuell getroffen wird. Gerne ist in diesem Zusammenhang auch von der Offenheit und Indeterminiertheit rabbinischen Rechts bzw. rabbinischer Lehre die Rede. Tatsächlich dürfte vielleicht durchaus auch eine Abhebung von christlicher Dogmatik vor allem in den späteren Schichten des Talmuds zu einem betonten Nebeneinanderstellen verschiedener auch widersprechender Meinungen geführt haben. Doch nicht alles ist möglich. Bestimmte Lehrmeinungen werden schon in der Spätantike abgelehnt, Naheverhältnisse zu bestimmten Gruppen wie den Christen stark kritisiert und manche Entscheidungen werden als falsch ausgewiesen beziehungsweise bietet die Auswahl bereits eine Art Kanon, neben dem es andere uns nicht erhaltene Möglichkeiten gegeben haben mag.

Im zweiten Jahrtausend wird nun die spätantike rabbinische Lehre selber Teil weiterer Auslegung und Kommentierung. Durch den Islam angeregt und herausgefordert tritt an die Seite des Kommentars auch die philosophische Durchdringung der Lehre und des Glaubens, werden Grammatik und Sprache verstärkt thematisiert.

Große Zentren und bedeutende Gelehrte befinden sich in Spanien (Alfasi, Maimonides, Jaakov ben Ascher), in Frankreich (Raschi und die Tosafisten), in Deutschland (Gerschom). Rechtliche Fragen werden nun unter Rückgriff auf die talmudische Tradition aktuell beantwortet, berühmte Sammlungen wie die Arbaa Turim des Jaakov ben Ascher (1270-1340) dienen noch heute als wichtige Rechtsquellen.

Mit dem von Josef Karo verfassten Schulchan Aruch (gedeckter Tisch), einer großangelegten Rechtssammlung des 16. Jh., vor allem aber mit der daran anknüpfenden Mappat Schulchan Aruch (Decke des gedeckten Tisches) von Moses Isserles aus Krakau kommt es zu einer weitgehend verbindlichen Rechtsorientierung, die wiederum viele Kommentare nach sich zieht. Auch wenn man im engeren Sinne von rabbinischem Judentum in der Periode bis zum Ende des Exilarchats und der Talmudakademien in Babylonien (um 1040) spricht, so zieht sich im Grunde die rabbinische Gelehrsamkeit bis heute.

Rabbi wurde zum Amtstitel, rabbinische Akademien in Ausbildungsstätten für Rabbinen gewandelt. Bedeutende Vertreter rabbinischer Gelehrsamkeit wie zum Beispiel, um nur wenige zu nennen, Bezalel Aschkenazi, Yair Bacharach, der Gaon Elija von Wilna, Jakob Emden, Jonatan Eybeschütz, Samson Raphael Hirsch, Juda Löw ben Bezalel; Salomon Luria; Mosche Chaim Luzzatto; Abraham Isaak Kook, sind bis heute beliebte Anknüpfungspunkte aktueller Rechtsfragen.

Neben der Aufklärung wurde auch der Chassidismus zur Herausforderung traditioneller rabbinischer Lehre. Der Rebbe vereinte traditionelle Halacha mit mystischer Gedankenwelt, ohne dass die grundlegende Bedeutung der Tora in Frage gestellt würde, wie dies eine folkloristische Chassidismusrezeption Glauben machen könnte. Gleichwohl kam es zu starken Auseinandersetzungen zwischen Chassidim und Mitnagdim (Gegnern), wobei Letztere den Ersteren Pantheismus, Libertinismus und mangelnde Treue zur Toralehre vorwarfen.

Heute gelten die aus den chassidischen Schulen hervorgegangenen Gelehrten als sehr orthodox. Einen besonderen Aufschwung in jüngerer Zeit erlebt die Bewegung des Lubawitscher Rebben. Diese Chabad (von Hebr. chochma – Weisheit, bina – Verstand, und daat – Wissen) genannte Bewegung führt sich auf Schneur Salman von Ljadi (1745-1812) zurück. Besondere Bedeutung erlangte auch der 1994 verstorbene Menachem Mendel Schneerson.

Liberales (und konservatives) Judentum versteht die Offenbarung nicht als einmalig an Mose vermitteltes Geschehen, sondern als beständigen, progressiven Prozess.

In liberalen, konservativen und Reconstructionist-Gemeinden ist es seit Mitte des 20. Jahrhunderts möglich, auch Frauen zu Rabbinerinnen zu ordinieren. Regina Jonas (privat ordiniert 1935) und Sally Priesand (1972) gelten als erste Rabbinerinnen.

Das Oberrabbinat und die rabbinische Gerichtsbarkeit ist heute ein in Israel wichtiger Faktor, da es beispielsweise keine Zivilscheidung gibt, das Personenstandsrecht sich in religiöser Autorität befindet. Ein Rabbinatsgericht entscheidet auch über die Anerkennung von Konversionen, was vor allem in liberalen Kreisen bzw. nichtorthodoxen Rabbinerkonferenzen für Kritik sorgt, da nur orthodox vollzogene Übertritte akzeptiert werden. In jüngerer Zeit gab es auch Unstimmigkeiten mit national-religiös gesinnten Rabbinern, die aus Ansicht ultraorthodoxer Mitglieder des Rabbinatsgerichts zu leichtfertig Konversionen durchgeführt hätten, mit denen schließlich auch ein Recht auf israelische Staatsbürgerschaft verbunden ist. In Anlehnung an den Vatikan trägt das Oberrabbinat aufgrund seiner (angestrebten) Machtfülle im Volksmund auch den Beinamen „Datikan“ (von Hebr. dat = religiöses Recht).

Weiterführende Literatur:

Langer, Gerhard: Menschen-Bildung. Rabbinisches zu Lernen und Lehren jenseits von Pisa (Stabwechsel 3). Wien u.a. 2012.

Perdue, Leo G. (Hg.): Scribes, Sages, and Seers. The Sages in the Eastern Mediterranean World. Göttingen 2008.

Schulte, Christoph: Die jüdische Aufklärung. Philosophie, Religion, Geschichte. München 2002.

Stemberger, Günter: Das klassische Judentum: Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit. München 2009.

Stemberger, Günter: Einführung in die Judaistik. München 2002.

Zitiervorschlag

Langer, Gerhard: Rabbi, Rebbe, Rabbiner. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/rabbi-rebbe-rabbiner/. Version . .

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