Inhaltsverzeichnis

Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

A.II.3Correct Belief oder Correct Practice?

Gerhard Langer

Glaube im biblischen und rabbinischen Sinn hat vor allem mit der Beziehung zwischen Mensch und Gott zu tun. Er realisiert sich im Verhalten und nicht in einer Systematik (Dogma). Moses Maimonides erst behauptet, mit seinen 13 Grundartikeln eine systematische Glaubenswahrheit anzubieten.

Das hebräische Wort für „Glauben“ – ́̉emuna – leitet sich von der Wurzel  ́amn her, die bereits in der Bibel am ehesten mit „vertrauen“ übersetzt werden kann. Sein Schwerpunkt ist die Beziehungsebene, ausgehend von der Person, die sich als glaub-/ vertrauenswürdig erweist und auf deren Aktionen und Aussagen man mit Vertrauen reagiert. An den biblischen Anfängen des Judentums und seiner „Gründungsurkunde“, der Tora, steht das Grundvertrauen auf Gott, das sich im Rahmen der Welt- und schließlich Volksgeschichte vollzieht. Dort, wo Vertrauen fehlt, scheitern die Unternehmungen Einzelner oder des Kollektivs. „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“ bringt Jes 7,9 die Problematik auf den Punkt. Die richtige Reaktion auf das Vertrauen ist nicht der Glaubenssatz, sondern die Lebenspraxis. Dies wird deutlich vor Augen geführt. Abrahams Glaube ließ ihn sogar seinen Sohn zum Opferaltar führen (Gen 22). Die zentrale Zusammenfassung von Gottesrecht der Bibel ist der Dekalog. Er enthält die Vorgaben für eine Praxis als Handlungsanweisung.

Nach dem babylonischen Exil werden die Wegmarken jüdischer Identität gelegt. Dabei werden auch theologische Aussagen getroffen. Die Durchsetzung des Monotheismus, die Lehre von der Schöpfung „allein“ durch Gott, seine Weltherrschaft und seine ursächliche „Kontrolle“ über Gut und Böse bestimmen schon den biblischen Kanon. Doch verlangen diese Aussagen vor allem ein entsprechendes Verhalten und kein Fürwahrhalten. Das 2. Buch der Makkabäer 6 (das nur im katholischen Kanon aufgenommen wurde, in der mittelalterlichen und neuzeitlichen Rezeption jüdischerseits jedoch wieder zu Ehren kam) schildert daher folgerichtig das feindliche Vorgehen Antiochus IV. nicht als dogmatische Häresie, sondern als Kampf gegen jüdische Lebensart und Gebräuche, gegen Feste und die Beschneidung, die als Bundeszeichen zwischen Gott und Israel einen besonderen Stellenwert einnimmt.

In der rabbinischen Literatur ändert sich an diesem Grundverständnis wenig. Glaubenslehren und systematische Theologie fehlen weitgehend. Im Zentrum steht mehr denn je die Tora als Inbegriff jüdischer Lebensart. Das Problem der Häresie oder der Apostasie wird in dieser Zeit vor allem mit sozialen und gesellschaftlichen Erwägungen in Beziehung gebracht. Eingrenzung und Ausgrenzung bemisst sich an richtigem oder falschem Verhalten.

Deutlich wird dies etwa am Beispiel der bekannten Erzählung von R. Eliezer (u.a. in bBaba Metsia 59ab), der einmal einen Johannisbrotbaum, einen Wasserkanal, die Wände des Lehrhauses und schließlich selbst Gott als Zeugen aufgerufen hat, seine Auslegung als richtig zu bestätigen. Die Rabbinen aber antworteten ihm, dass man keine Beweise aus Wundern ableite und selbst Gott nicht mehr die Autorität habe, das Gesetz auslegen zu können, da die Tora, also das Gesetz selbst, in die Hände der Menschen, in diesem Fall der Mehrheit der Rabbinen, gelegt wurde. Selbst wenn also Eliezer inhaltlich im Recht wäre, hätte er gegen die Verhaltensregeln, sich also an die Mehrheit und Autorität der Rabbinen zu halten, verstoßen. Eliezer wird im Übrigen mehrfach in die Nähe der Anhänger von Jesus gerückt.

An wenigen Stellen werden neben Verhaltensregeln auch theologisch-inhaltliche Bereiche erwähnt (mSanhedrin 10.1; tSanhedrin 13.5; bRosch ha-Schana 17a). Dazu gehören die Leugnung Gottes oder der Auferstehung. Im Kontext stehen sie neben öffentlicher Verunglimpfung des Nächsten oder jenen, die sich von der Gemeinschaft entfernen, Schrecken verbreiten, sündigen und zur Sünde verleiten. Auch sie sind daher nur im Rahmen einer Diskussion um soziale Zugehörigkeit verständlich – etwa als Abgrenzung von Gruppen wie den Sadduzäern – und bilden keine ausgereifte dogmatische Glaubensgrundlage.

Im Streit um die zentrale Autorität innerhalb des Judentums werden die praktischen Belange wie die Berechnung des Kalenders oder die gemeinsame Praxis im Glaubensleben bedeutsam.

Erst Moses Maimonides (1135-1204) schafft mit seinem Verständnis seiner 13 Glaubensregen (im Rahmen der Auslegung von mSanhedrin 10.1) die Grundlage für eine systematisch/theologische Betrachtung von Zugehörigkeit und Ausgrenzung. Die Zugehörigkeit zu und der Verbleib in der Größe Israel bemessen sich demnach am Verstehen und Glauben dieser Regeln, die Maimonides mit den Mitteln der Vernunft erkennbar hält. Wer sie nicht für wahr erachtet, soll aus der Gemeinde ausgeschlossen werden. In den Augen des Maimonides wird erst der entwickelte Intellekt, die vollendete Erkenntnis der Wahrheit den Menschen in seiner Vollendung „erschaffen“. Also nicht allein das Fürwahrhalten der Glaubensregeln lässt die jenseitige Welt erben, sondern erst die intellektuelle Erkenntnis von deren Wahrheit.

Die dreizehn Glaubensregeln zusammengefasst:

1. Gott existiert

2. Gott ist Einer

3. Gott ist körperlos

4. Gott geht der Welt(schöpfung) voraus

5. Nur Gott darf angebetet werden

6. Es gibt Prophetie

7. Mose ist der größte aller Propheten

8. Die Tora stammt vom Himmel

9. Die Tora ist unveränderlich und unaustauschbar

10.Gott kennt alle Menschen einzeln

11. Der Gerechte wird belohnt und der Böse bestraft werden

12. Der Messias wird kommen

13. Die Toten werden auferstehen

Kommentar des Maimonides zu Mischna Sanhedrin 10.1

Wenn alle diese Grundlagen durch eine Person vollkommen verstanden und geglaubt werden, betritt er die Gemeinschaft Israels und jedermann ist verpflichtet ihn zu lieben und ihm Wohlwollen zu zeigen und ihm gegenüber in jeder Hinsicht so zu handeln wie der Schöpfer es befohlen hat, dass jemand gegenüber seinem Bruder handeln soll, mit Liebe und Brüderlichkeit. Selbst wenn er jede nur mögliche Übertretung begeht, aufgrund von Lust oder weil ihn der Böse Trieb übermannt, wird er seiner Auflehnung entsprechend bestraft, so hat er doch Anteil (an der kommenden Welt), er ist ein Sünder aus Israel. Aber wenn jemand irgendeine dieser Grundlagen anzweifelt, so verlässt er die Gemeinschaft, lehnt den Urgrund ab (Gott), und wird ein Sektierer genannt, ein Epikuräer, und einer, der die Pflanzung ausreißt. Man ist verpflichtet, ihn zu hassen und ihn zu vernichten. Über eine solche Person ist gesagt: „Hasse ich nicht die, die dich hassen, o Herr!“ (Ps 139,21).

Die theologisch-dogmatische Sicht des Judentums des Moses Maimonides fand in den ersten beiden Jahrhunderten nach seinem Tod noch keine breite Beachtung. Sie setzte sich jedoch mehr und mehr im Zuge der christlichen Herausforderung durch und wurde zu einem beherrschenden Motor „orthodoxer“ jüdischer Selbstdefinition. In der vorherrschenden „orthodoxen“ Praxis werden die strengen Bestimmungen „milder“ ausgelegt und häufig zwischen dem „Sünder“ (dem vergeben werden kann) und der „Sünde“ (die nicht zu vergeben ist) unterschieden.

Weiterführende Literatur:

Kellner, Menachem: Must a Jew Belief Anything? Oxford – Portland 2006.

Kellner stellt den Sachverhalt übersichtlich und nachdrücklich dar und stellt sich den Gegenpositionen. Sein Buch ist ein wichtiger Anstoß zur Frage nach Konzeptionen von Systematik, nach der jüdischen Identität und nach dem komplexen Umgang mit dem Anderen innerhalb des Judentums. Er plädiert für eine „Rückkehr zu den breiteren biblisch-rabbinischen Konzepten gegenüber der von Maimonides initiierten „Dogmatik“.

Zitiervorschlag

Langer, Gerhard: Correct Belief oder Correct Practice?. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/qumran-als-beispiel-einer-fruehen-gegenkultur/. Version . .

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