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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

C.IV.4Produktionsbedingungen

Brigitte Dalinger

Jüdisches Theater war vom sozialen und politischen Kontext extrem abhängig. Gab es genug Publikum, konnte anspruchsvolles Theater geboten werden. Die Abwanderung bzw. Akkulturation der Zuschauer führte erst zu einer Popularisierung des Spielplans, im Weiteren zur Auflösung von Ensembles und Aufgabe von Spielorten.

Wechselnde Spielorte – wechselnde Produktionsbedingungennach oben

Die „Broder singer“ wanderten durch Osteuropa, sie traten in Gastgärten und Gasthaussälen auf, teils unter sehr einfachen Konditionen. Bis in die 1930er Jahre war auch für die jiddischen Theatertruppen eine rege Wandertätigkeit kennzeichnend. Die Mobilität erwuchs aus der Notwendigkeit, auch in den Sommermonaten Einkünfte zu erzielen, diente als Schulung der Schauspielkunst sowie der jiddischen Sprache und man wich zugleich der Konkurrenz aus. Wichtig waren Tourneen auch für berühmte Ensembles wie das Moskauer Jüdische Kammertheater, denn erst durch Gastspiele wurde man im Westen bekannt.

Diese Mobilität bedingte unterschiedlichste Produktionsbedingungen – in Autobiografien werden die oft widrigen Umstände, unter denen gearbeitet werden musste, beschrieben. Manchmal fehlte es an elektrischem Licht oder die „Dekoration“ des Theaters bestand, wie etwa in Gimpels Theater in Lemberg 1911, aus dem Orchester. Das „Orchester“ kleiner wandernder Ensembles wiederum bildete ein Fiedler, die einzige Dekoration war ein großer Vorhang. Es kam auch vor, dass man in ländlichen Gegenden eine „Bühne“ improvisierte, etwa mit auf Fässern gelegten Brettern in einem umfunktionierten Stallgebäude.[1] Abgesehen von widrigen Auftrittsbedingungen kam es auf Gastspielreisen fallweise zu Auseinandersetzungen mit der Orthodoxie, es gab Visaprobleme und antisemitische Störaktionen, etwa bei einem Auftritt der Wilnaer Truppe in Baden bei Wien 1922, so dass abgebrochen werden musste.Doch nicht alle Gastspiele fanden unter schlechten Bedingungen statt. Einer der ersten jiddischen Theaterleiter, Ber Hart, ließ für jede Neueinstudierung seiner Truppe neue Kostüme, Dekorationen und Requisiten herstellen, die auch auf Tournee mitgenommen wurden.[2] Und die Wilnaer Truppe bekam nach dem Erfolg des Dibbuk einen „special train“ zur Beförderung des Ensembles, der Kostüme und Dekorationen.[3]

Produktionsbedingungen an „festen“ Spielortennach oben

Wie die meisten Theater war das jüdische Theater nicht subventioniert. Die offizielle Vertretung des Judentums – in Wien etwa die Israelitische Kultusgemeinde – war kaum daran interessiert. Dies führte zu einer instabilen finanziellen Situation, die sich im raschen Wechsel der SchauspielerInnen zwischen den einzelnen Ensembles ebenso zeigt wie an ihrer oben beschriebenen Gastspieltätigkeit.

In Großstädten wie Wien oder Prag war es mit den Produktionsbedingungen nicht viel besser bestellt als während der Wandertätigkeit. Jizchak Löwy (1887-1942), der 1911 in Prag auftrat (und dabei mit Franz Kafka Freundschaft schloss), berichtet über das Café Savoy am Prager Ziegenplatz:

Der „Tempel der Kunst“ war ein versteckter Winkel im alten Prag, wir spielten in einem Restaurant zwischen gedeckten Tischen. Die Bühne war in einer Ecke des Saals. Das Publikum befand sich auf beiden Seiten, gegenüber und links von der Bühne. […] Ein Bühnenbild brauchten wir im allgemeinen nicht – das war richtig shakespearehaft! Die Bühnenausstattung bestand aus einem Tisch und einigen Bänken – das war schon alles.“[4]

Die Verhältnisse in der Jüdischen Bühne in Wien waren, nach einer Beschreibung von Ida Kaminska (1899-1980), die sich 1917 auf Durchreise hier befand, noch einfacher:

Here was a dirty hall without even a separation between buffet and stage and people sat at the buffet, speaking loudly during the performance. One could hear the continuing spritz of soda water from the siphons. The stage was a small one, and behind the curtain one could see the prompter, who, poor man, spoke louder than the actors.[5]

Während des Ersten Weltkriegs kam es zu Theatersperren, in den 1920er und 1930er Jahren auch zu zahlreichen Theaterschließungen (durch den Aufschwung des Filmes bedingt). Es war die Zeit der Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit, die alle SchauspielerInnen und Theater betraf. Die Situation der jiddischen Theater war durch ihre Verwendung des Jiddischen zudem von demografischen Entwicklungen abhängig. Ein Beispiel: Nach dem Ersten Weltkrieg gab es viele jiddischsprachige Flüchtlinge in Wien, die jiddische Kultur erblühte. In den folgenden Jahren aber wanderten viele Menschen Richtung Westen ab, die jiddischen Theater verloren ihr Publikum – die ambitionierte Freie Jüdische Volksbühne löste sich auf, auch andere Ensembles teilten sich und formierten sich in den Folgejahren neu.

Diese Abhängigkeit von Publikumsentwicklungen sowie von der Beziehung zur lokalen jüdischen Gemeindevertretung spiegelt sich in der Geschichte der jüdischen Theater bis 1938. Eine sehr gute Zusammenarbeit mit Vereinen konnten die Jüdischen Künstlerspiele erreichen, was zu einer zumindest für einige Jahre stabilen Existenz und damit zu besseren Produktionsbedingungen führte.

Auch außerhalb Europas war das jüdische Theater von den sozialen und politischen Umständen abhängig. Ein Rückgang des Publikums aufgrund zunehmender Akkulturation führte schließlich zur Schließung der jiddischen Bühnen im New York der 1960er Jahre, während in Israel eine neue Theaterkultur in hebräischer Sprache entstanden war, die seit den 1970er Jahren auch international rezipiert wird.

  1. Vgl. Burstein, Geshpilt a lebn, S. 53. (jidd.)
  2. Vgl. Turkow, Farloshene shtern, S. 33. (jidd.)
  3. Vgl. Kadison/Buloff, On Stage, S. 33.
  4. Löwy, Es geschah einst, S. 124f.
  5. Kaminska, My Life, p. 36.

Literatur:

Burstein, Pesach: Geshpilt a lebn. Tel Aviv 1980 (jidd.).

Dalinger, Brigitte: „Verloschene Sterne“. Leben des jüdischen Theaters in Wien. Diss. Wien 1995.

Kadison, Luba/Buloff, Joseph: On Stage, Off Stage. Memories of a Lifetime in the Yiddish Theatre. Cambridge 1992.

Kaminska, Ida: My Life, my Theater. New York 1973.

Löwy, Jizchak: „Es geschah einst … (Eine Menge Erinnerungen)“. In: Massino, Guido: Kafka, Löwy und das Jiddische Theater. „Dieses nicht niederzudrückende Feuer des Löwy“. Frankfurt am Main u.a. 2007, S. 124-128.

Turkow, Jonas: Farloshene shtern. Hg. vom Zentralverband der polnischen Juden in Argentinien, 2 Bd. Buenos Aires 1953.

Weiterführende Literatur:

Reissmann, Jona: Mein Gastspiel in Mikolajew. In: Dalinger, Brigitte: Quellenedition zur Geschichte des jüdischen Theaters in Wien. Tübingen 2003, S. 102-104.

Zitiervorschlag

Dalinger, Brigitte: Produktionsbedingungen. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/produktionsbedingungen-2/. Version . .

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