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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

B.III.4Der jüdische Salon

Hannah Lotte Lund

Als jüdische Salons sind private gesellige Zusammentreffen von jüdischen und nichtjüdischen Männern und Frauen verschiedener Stände und Schichten bekannt geworden, die jüdische Frauen in Berlin und Wien vom ausgehenden 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert initiierten. Wegen der zentralen Rolle der Frauen und der vielfältigen Kontakte zum nichtjüdischen Umfeld werden die Salons bis heute als Symbole der Emanzipation diskutiert.

Salon, abgeleitet vom französischen Begriff für einen kleinen Empfangsraum, bezeichnet eine Geselligkeitsformation, bei der Personen unterschiedlichen Standes und Geschlechts, verschiedener beruflicher, kultureller oder konfessioneller Herkunft zum Gespräch zusammenkommen. Für Berlin und Wien um 1800 wird vom jüdischen Salon gesprochen, da die Zusammenkünfte hier wesentlich von Frauen jüdischer Herkunft ausgingen.

Salon ist als Forschungsbegriff zu verstehen. Für die konkrete historische Situation kann er irreführend sein, da er Ähnlichkeiten in Lebenslage und Handlungsspielraum suggeriert, die es zwischen einer französischen Hofdame, einer Frau der Londoner Oberschicht und einer nahezu rechtlosen Jüdin in Berlin oder Wien nicht gegeben hat.

Exterritoriale Orte – im Zentrum der Stadtnach oben

Die preußische wie österreichische „Judenpolitik“ hatte dazu geführt, dass, neben der diskriminierten Mehrheit, einige reiche jüdische Familien Wohnhäuser im Zentrum der Stadt besaßen und trotz ihres fragilen rechtlichen Status mit Personen des Adels und des Bürgertums gut vernetzt waren. „Gerade weil Juden außerhalb der Gesellschaft standen, wurden sie [die jüdischen Salons] für kurze Zeit eine Art neutraler Boden, auf dem sich die Gebildeten trafen.“[1]

Als erste Salonnière in Berlin gilt Henriette Herz, geborene de Lemos. Während der Arzt und Aufklärer Markus Herz seit etwa 1780 durch Vorlesungen und Experimente Gäste ins Haus brachte, sammelten sich um seine Frau literarisch interessierte jüngere Personen. Seit Anfang der 1790er Jahre empfingen auch andere gebildete Frauen der jüdischen Gemeinde gemischte Geselligkeiten, wie Rahel Levin, und die Schwestern Sara und Marianne Meyer. Zu ihren Gästen gehörten Männer im Staatsdienst wie der Diplomat Carl Gustav von Brinckmann, junge Adlige in der Ausbildung wie die Brüderpaare von Humboldt und von Dohna, Künstler und Gelehrte wie Friedrich Schlegel und Friedrich Schleiermacher. Dazu kamen jüdische Freunde und Familienmitglieder. Die Einbindung der Familie als Gäste und Gastgebende, lange von der Forschung vernachlässigt, wird zunehmend als prägender Faktor der Salons erkannt.

Bei großen Unterschieden in der Ausstattung zwischen „Rahels Dachstube“ in Berlin und dem Palais Arnstein in Wien, sind die Funktionen der Salons als Verbindungspunkte beider Städte nicht zu unterschätzen. Gäste aus Berlin wurden in Wien besonders gern empfangen und in die Wiener Gesellschaft eingeführt.

Quelle 1:

„und kann ein Frauenzimmer dafür, wenn es auch ein Mensch ist? […] Ein ohnmächtiges Wesen, dem es für nichts gerechnet wird, nun so zu Haus zu sitzen und das Himmel und Erde, Menschen und Vieh wider sich hätte, wenn es weg wollte, (und das Gedanken hat wie ein anderer Mensch) […] es wird mir nie einkommen, daß ich ein Schlemihl und eine Jüdin bin, da es mir nach langen Jahren und dem vielen Denken drüber nicht bekannt wird, so werd ich’s auch nie recht wissen.“

Rahel Levin an David Veit, 1.4.1793. Briefwechsel zwischen Rahel und David Veit. Aus dem Nachlass Varnhagen’s von Ense. Leipzig 1861.

Das Selbstverständnis der Salonbeteiligten grenzte sich von den traditionell lebenden Juden und Jüdinnen ebenso ab wie von den als ältere Generation betrachteten (jüdischen und christlichen) Aufklärern, deren Schriften jedoch ebenso gelesen wurden wie die der Klassik und Romantik. Die Salons zeichneten sich durch große Lektüreintensität und Bildungsanspruch aus. Besonders die beteiligten Frauen erhielten neue Literatur und die Möglichkeit, selbst zu schreiben.

Die Frauen der Salons überschritten in mehrfacher Hinsicht Grenzen, in dem sie neue Umgangsformen zwischen den Geschlechtern und zwischen jüdischen und christlichen Beteiligten erprobten. In den Salons wurden die Erwartungshaltungen der Umgebungsgesellschaft diskutiert, fundamental hinterfragt und auch ironisiert.

(Abb. 1) Henriette Herz, porträtiert von Anna Dorothea Therbusch, 1778.

(Abb. 1) Henriette Herz, porträtiert von Anna Dorothea Therbusch, 1778.

Das Brautbildnis der Henriette Herz als Hebe, der griechischen Göttin der Jugend, lässt sich als Illustration dieser Grenzüberschreitungen lesen. Die erotische Präsentation in leichter Kleidung mit offenem Haar, als eine Figur aus fremdem „Götterhimmel“, musste in sittlicher wie religiöser Hinsicht vom traditionellen Judentum als Tabubruch empfunden werden.

Rezeptionnach oben

Die Berliner und Wiener jüdischen Salons um 1800 wurden seit ihrer Existenz als Orte der Emanzipation diskutiert, in verschiedener, auch konträrer Wertung. Ihre Protagonistinnen wurden später als Symbole der jüdischen Emanzipation und der Frauenbewegung dargestellt, und von einigen jüdischen Historiografinnen und  Historiografen als „Abtrünnige“, die durch ihre Handlungen an prominenter Stelle eine Konversionswelle ausgelöst hätten. Dabei wurde und wird oft übersehen, dass die sogenannten Salons um 1800 sich weder so nannten noch selbst so verstanden, in Preußen bzw. Österreich rechtlich nur geduldet und zumindest in Berlin gesellschaftlich keineswegs prominent waren.

Der Aufruhr in der Rezeption ist auch angesichts der relativ kleinen Zahl der Beteiligten bemerkenswert: Es gab etwa 20, mehrheitlich jüdische, Salonnièren in Berlin und Wien um 1800. Obwohl von den jüdischen Salonfrauen ein Großteil konvertierte, meist verbunden mit der Eheschließung mit einem Nichtjuden, stellten sie weder zeitlich noch quantitativ die Avantgarde eines Auflösungsprozesses dar. Dass die Salons soviel Beachtung fanden, hat vor allem mit der Rolle zu tun, die der Berliner jüdischen Gemeinde an der Schwelle zur Moderne zugemessen wurde.

In der Forschung wird bis heute der Grad diskutiert, bis zu dem jüdische Salonbeteiligte Aspekte ihrer religiös fundierte Identität aufgeben mussten, um gesellschaftlich akzeptiert zu sein und wie weit diese Akzeptanz über das Umfeld das Salons und über eine bestimmte Blütezeit hinaus reichte.

Neben offen antijüdischen Äußerungen der nichtjüdischen Gäste, die diese außerhalb der Salons durchaus tätigten, stehen lebenslange Freundschaften und Eheschließungen. Während einige Salonnièren trotz ihrer Taufe weiterhin als Jüdinnen betrachtet wurden, blieben andere, wie Sara Levy in Berlin oder Fanny von Arnstein in Wien, lebenslang ungetauft und dennoch gesellschaftlich erfolgreich. Die Phase, in der die jüdische oder nichtjüdische Herkunft der Gäste im Salon nicht thematisiert wurde, währte nur wenige Jahre.

Politische Ereignisse beeinflussten die Salons, dennoch gelang es mehreren Frauen, Geselligkeit als Lebensform über Jahrzehnte hinweg in unterschiedlicher Form aufrecht zu erhalten. Fanny von Arnsteins Salon wurde zu einem wesentlichen Ort des Wiener Kongresses, Rahel Levin empfing mit ihrem Ehemann Karl August Varnhagen von Ense in ihrem Berliner Salon Gäste bis zu ihrem Tod 1833.

Auch im 19. Jahrhundert spielten Frauen jüdischer Herkunft in der dann etablierten Salonkultur beider Städte eine bedeutende Rolle, wie beispielsweise Berta Zuckerkandl in Wien oder Hedwig Dohm in Berlin.

Die angenommene oder tatsächliche Position der Salons in der Geschichte der deutschsprachigen jüdischen Bevölkerung hatte vor allem eine Bedeutung für die nachfolgende Generationen jüdischer Frauen. Fanny Lewald nannte Rahel (Levin) Varnhagen ihr Vorbild, Hannah Arendt sah sie als „beste Freundin“ und Hilde Spiel diskutierte an Fanny von Arnstein Möglichkeiten der Emanzipation qua Geselligkeit.

  1. Arendt, Hannah: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik. München 2001, S. 72.

Literatur:

Arendt, Hannah: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik. München 2001.

Behn, Wilhelm friedrich Georg (Hg.): Briefwechsel zwischen Rahel und David Veit. Aus dem Nachlass Varnhagen’s von Ense. Leipzig 1861.

Weiterführende Literatur:

Hahn, Barbara: Die Jüdin Pallas Athene. Auch eine Theorie der Moderne. Berlin 2002.

Hertz, Deborah: Jewish High Society in Old Regime. Berlin, Syracuse/NY 2005.

Lowenstein, Steven M.: The Berlin Jewish Community. Enlightenment, Family, and Crisis. 1770-1830. New York 1994.

Spiel, Hilde: Fanny von Arnstein. Frankfurt am Main 1962.

Lund, Hannah Lotte: Der Berliner „Jüdische Salon“ um 1800. Emanzipation in der Debatte. Berlin 2012.

Zitiervorschlag

Lund, Hannah Lotte: Der jüdische Salon. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/private-raeume-salons/. Version . .

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