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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

C.VIII.4Pressewesen

Thomas Soxberger

Die Presse spielte eine wichtige Rolle im Diskurs über jüdische Identität in der Moderne seit der Haskala. Die historischen jüdischen Zeitungen und Zeitschriften, Kalender, Almanache und Jahrbücher seit der Haskala dokumentieren eine teils innerjüdische, teils in die Allgemeinheit zielende Auseinandersetzung um politische, gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse, Ziele und Vorstellungen, um Abwehr und Selbstbehauptung gegenüber Judenfeindschaft und Antisemitismus.

Quelle:

In den […] großen jüdischen Zentren […] gab es zwar von jeher ansehnliche jüdische Kreise, die des Hebräischen in Schrift, und seit einigen Generationen auch in Wort mächtig waren, aber die Herausgabe einer hebräischen Tageszeitung war auch dort weniger eine lebensnotwendige Selbstverständlichkeit als vielmehr ein bewußter Willensakt zur Erfüllung einer idealen nationalen Forderung: Die Sprache der Seele des Volkes sollte auch zur Sprache des öffentlichen Lebens und seiner alltäglichen Äußerungen werden. Rein quantitativ und besonders vom Standpunkt ihrer Verbreitung unter den Volksmassen aus gesehen hat die fast zu gleicher Zeit sich entwickelnde jiddische Tagespresse einen größeren äußeren Erfolg aufzuweisen. Als nationaler, gesellschaftlicher, sprachlicher und kultureller Erziehungsfaktor hat aber die hebräische Tagespresse sich unstreitige Verdienste erworben. Sie hat die zionistische Führerschaft des Ostjudentums seit Beginn der Bewegung um sich geschart und bei der theoretischen und praktischen Entwicklung der nationaljüdischen Idee – im Zusammenwirken mit hebräischen Kulturzeitschriften – die führende Rolle gespielt.

Ein Pressejubiläum. 50 Jahre hebräische Tageszeitungen, in: Jüdische Rundschau, 28. Februar 1936.

Anfängenach oben

Der erste Vorläufer jüdischer Zeitungen entstand 1667 in Holland, ein jiddisches Nachrichtenblatt für jüdische Kaufleute. Die Modernisierung des jüdischen Lebens seit dem 18. Jahrhundert brachte auch die Entstehung einer eigenen jüdischen Presse mit sich. Diese Presse war einerseits Teil des Aufstiegs von Zeitungen und Zeitschriften zu den beherrschenden Medien der Massenkommunikation zu Ende des 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts, reagierte aber auch bewusst auf spezifisch jüdische Bedürfnisse. Neben den jüdischen Sprachen Hebräisch, Jiddisch und auch Ladino entstanden zu verschiedenen Zeiten jüdische Presseerzeugnisse auch in diversen „Landesprachen“, sobald sie von einem wesentlichen Teil der jüdischen Bevölkerung verwendet wurden. Eine besondere Differenziertheit erreichte die jüdische Pressetätigkeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit der Modernisierung des jüdischen Lebens und der Akkulturation und Assimilation entstanden jüdische Zeitschriften und Zeitungen vor allem in Europa und in den Emigrationszielen in Übersee. Ein eigenes Kapitel stellte die jüdische Untergrundpresse in den von den Nationalsozialisten besetzen Ländern Europas dar. Sie war Teil der Resistance in Frankreich und spielte eine Rolle für die Vorbereitung des Widerstands in den Ghettos von Warschau und Wilna.

Auf der Internationalen Presse-Ausstellung in Köln 1928 wurde die Entwicklung der jüdischen Presse in einem besonderen Pavillon (JSOP = Jüdische Sonderschau der Presse) gezeigt. Die Ausstellung umfasste einen historischen Teil, der die Entwicklung von der Handschrift und Buch zur Zeitung zeigte, und einen dem damaligen Stand der Entwicklung gewidmeten zweiten Teil, in dem die hebräische und jiddische Presse sowie die jüdische Presse in den Landessprachen gesondert zur Schau gestellt wurden. Im Jahr 1929 zählte eine Statistik seit dem Erscheinen der ersten jüdischen Zeitung 1667 bis 1929 rund 5.000 Titel jüdischer Presseerzeugnisse. Sie verteilten sich auf alle fünf Weltteile, auf rund 70 Länder, und umfassten alle Sprachen, die dort von der jüdischen Bevölkerung verwendet wurden. Den zahlenmäßig größten Beitrag haben jüdische Presse-Erzeugnisse in Amerika, Deutschland, Russland, Polen und Palästina. Meistverwendete Sprachen waren bis dahin Jiddisch, Englisch, Deutsch und Hebräisch. Die jüdische Presse in russischer Sprache war damals erst in den Anfängen. Die Russifizierung breiter Schichten des Judentums in Osteuropa vollzog sich erst unter sowjetischer Herrschaft, gleichzeitig standen keine eigenen russisch-jüdischen Medien zur Verfügung. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion etablierte sich eine vielfältige russischsprachige jüdische Presse, die vor allem auch die danach entstehende sowjetisch-jüdische Diaspora in Westeuropa und den USA und die russischsprachigen Einwanderer in Israel als Zielpublikum hatte.

Die Vielzahl an jüdischen Zeitschriftentiteln hat allerdings auch damit zu tun, dass viele davon nur von kurzer Lebensdauer waren. Auch wurde unter den Bedingungen der eingeschränkten Presserechte in Osteuropa bis vor dem Ersten Weltkrieg nach dem Verbot einer Zeitschrift durch die zaristische Zensur diese unter einem neuen Namen wieder herausgegeben. In Österreich-Ungarn führte ein Gesetz, das Wochenblätter besteuerte, während Halbmonatsblätter steuerfrei waren, dazu, dass ein Herausgeber oft gleich zwei Halbmonatsblätter gründete, statt eines einzigen Wochenblattes. Viele Projekte scheiterten zweifellos auch an Kapitalmangel. Doch insgesamt war das Bedürfnis nach Zeitungen unter der jüdischen Bevölkerung stark ausgeprägt, sodass sich feststellen lässt, dass in allen Ländern, in denen eine mehr oder weniger stabile jüdische Gemeinschaft entstand, bald auch eine jüdische Presse die spezifischen Fragen dieser Gemeinschaft aufgriff.

In der großen Zahl jüdischer Presseerzeugnisse schlägt sich auch die Vielfalt religiöser und politischer Richtungen, die sich im Judentum seit dem 18. Jahrhundert entwickelten, nieder. Am jüdischen Zeitungswesen waren alle religiösen, politischen und sozialen Richtungen innerhalb des Judentums beteiligt. Die jüdische Presse versuchte, allen im Judentum vorhandenen Bedürfnissen, wissenschaftlichen, beruflichen, literarischen, pädagogischen und denen der Jugend, gerecht zu werden. Sie stellt damit eine wichtige Quelle für die verschiedensten Aspekte jüdischen Lebens seit dem 19. Jahrhundert dar.

Die deutsch-jüdische Pressenach oben

Seit der Haskala im 18. Jahrhundert entwickelte sich im deutschsprachigen Raum eine jüdische periodische Presse, die bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein Bestand hatte. In diesen Zeitschriften, Zeitungen, Kalendern, Almanachen, Jahrbüchern usw. lassen sich viele Aspekte der politisch-sozialen Geschichte des deutschen Judentums ablesen. Mehr als fünfhundert deutsch-jüdische Periodika sind seit der Aufklärung bis zur Zerstörung des deutschen Judentums durch den Nationalsozialismus nachweisbar. Manche Publikationen hielten sich nur wenige Wochen lang, andere existierten über viele Jahrzehnte hinweg. In Inhalt und Gestaltung sind sie ein Spiegel der innerjüdischen religiösen, wissenschaftlichen und literarisch-kulturellen Strömungen und zeugen vom Bemühen um Bürgerrechte und gesellschaftliche Anerkennung. Gleichzeitig ist die Bewahrung einer jüdischen Identität ein wichtiges Anliegen dieser Presse, die sich auch der Abwehr des Antisemitismus und der Stärkung des jüdischen Selbstbewusstseins widmet. Zwischen 1933 und 1938 erscheinen die jüdischen Presseerzeugnisse unter den Vorzeichen einer sich immer mehr verschärfenden kulturellen und gesellschaftlichen Ausgrenzung. Sie stellen in dieser Zeit ein publizistisches Forum für Humanität und Toleranz inmitten der zunehmenden Barbarei dar.

Die jiddische Pressenach oben

In Warschau erschienen zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals jiddische Zeitungen. Den Anfang machte „Yidisher Togblat“, welche mit einem populären journalistischen Stil kommerziell erfolgreich war. In der Zwischenkriegszeit existierten mehrere große jiddische Tageszeitungen verschiedener politischer Richtungen nebeneinander: „Haynt“, „Moment“ und eine Vielzahl von Zeitschriften für verschiedene Interessen. Weitere wichtige Zentren einer jiddischen Presse in Polen waren Wilna und Lodz.

In der Sowjetunion wurde im Laufe der 1920er Jahre eine jiddische Presse aufgebaut, die einerseits den kulturellen Belangen der Juden in der Sowjetunion diente. Dies geschah unter der Vorgabe einer „Sowjetisierung“ der jüdischen Bevölkerung, wodurch der spezifisch jüdische Gehalt dieser Presseerzeugnisse oft zurückgedrängte wurde. Die Säuberungen der 1930er Jahre bedeuteten bereits einen schweren Schlag. Während des Krieges wurde die Tageszeitung „Eynikayt“ als Forum des Jüdischen Antifaschistischen Komitees gegründet und 1948 mit allen jüdischen kulturellen Institutionen zerschlagen. 1962 konnte die Zeitschrift „Sovetish heymland“ erscheinen, die als monatliche Literaturzeitschrift bis zum Zerfall der Sowjetunion existierte.

Jiddische Publikationen erschienen vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielen Großstädten Europas, in denen eine signifikante Zahl ostjüdischer Zuwanderer lebte. Berlin und in geringem Umfang auch Wien wiesen in den 1920er Jahren eine jiddische Presse auf. In Paris und London existierte eine jiddische Presse bis in die Nachkriegszeit und verschwand gegen Ende des 20. Jahrhunderts mit dem Sprachwandel in der jüdischen Gemeinschaft.

Die jiddische Presse spielte auch in den Ländern der Emigration eine beträchtliche Rolle. Vor allem in den USA war sie ein wichtiger Faktor für die Integration der Neueinwanderer in das Leben ihrer neuen Heimat. Berühmt ist die Tageszeitung „Forverts“, eine 1897 gegründete sozialistische jiddische Tageszeitung, die unter ihrem legendären Redakteur Abe Cahan, der ihr Gesicht von 1903 bis 1946 prägte, ein beträchtliches politisches Gewicht erreichte. Die von vielen jiddischen Intellektuellen kritisierte Strategie von Abe Cahan brachte der Zeitung aber einen großen ökonomischen Erfolg.

Die jiddische Presse in den USA war stark an die Rolle der jiddischen Sprache unter den Immigranten aus Osteuropa gebunden und erlebte parallel zum Rückgang der Verwendung des Jiddischen einen Niedergang, der sich in den 1970er Jahren massiv manifestierte. Der traditionsreiche „Forverts“ erschien ab 1983 als Wochenblatt. Unter dem Redakteur Boris Sandler, einem jiddischen Schriftsteller, wurde die Wochenschrift „Forverts“ zu einem der letzten Foren des säkularen Jiddischismus.

Wesentlich erfolgreicher entwickelte sich hingegen die chassidische Presse, die eine ständig wachsende jiddischsprachige streng religiöse Gemeinschaft im Großraum New York als Zielpublikum hat.

Eine jiddische und anglo-jüdische Presse entwickelte sich auch in Kanada. Eine zuerst jiddische, dann spanisch-sprachige jüdische Presse entstand in einem weiteren wichtigen Auswanderungsland, in Argentinien, mit Schwerpunkt in Buenos Aires.

Die hebräische Pressenach oben

Die Haskala-Bewegung führte zu einer Erweiterung der Funktionen der hebräischen Sprache. Die Maskilim bemühten sich um eine Reinigung des hebräischen Stils und schrieben über aktuelle Themen. Sie schufen damit die Grundlagen der modernhebräischen Literatursprache und Presse. Diese hebräischen Zeitschriften glichen aber vor allem in ihren Anfängen mehr literarischen Almanachen als Zeitschriften im heutigen Sinn. Die Funktion als Mittel der Massenkommunikation wurde in Osteuropa von der jiddischen Presse erfüllt.

In Palästina erschien die erste hebräische Tageszeitung 1908, herausgegeben vom „Vater der hebräischen Sprache“, Elieser Ben Jehuda. Er hatte maßgeblichen Anteil daran, dass Hebräisch als gesprochene Sprache wiederbelebt wurde. Die Zeitung „Ha-Zwi“ (der Hirsch, der Name hat im Hebräischen eine messianisch-mystische Konnotation!) wurde 1910 in „Ha-Or“ (Das Licht) umbenannt. Bis zum ersten Weltkrieg wurden bereits etwa zwei Dutzend Blätter in hebräischer Sprache herausgegeben, mit unterschiedlichen politischen und religiösen Ansichten. Der Erste Weltkrieg brachte eine Zäsur, die noch junge hebräische Presse Palästinas wurde von den Türken zerschlagen. Druckereien wurden geschlossen, Herausgeber und Redakteure vor Gericht gestellt. Der Neubeginn nach der Niederlage der Türken in Palästina brachte eine neue, diesmal viel stärker hebräisch und zionistisch ausgerichtete Presse. 1919 wurden die ersten hebräischen Tageszeitungen gegründet.: „Ha-Aretz“ (Das Land) und „Do‘ar hajom“ (Tagespost), redigiert unter anderem von Ben Jehuda.

Zu Anfang der 1930er Jahre war der „Jischuw“ durch annähernd 200.000 Zuwanderer stark angewachsen und hatte sich gesellschaftlich differenziert. Ein hebräischsprachiges Schul- und Hochschulsystem wurde aufgebaut für eine Jugend, die erstmals Hebräisch als ihre erste Sprache sprach. Innerhalb weniger Jahre entstand auch eine differenzierte hebräische Presse.

1928/29 gab es in Palästina bereits sechzig regelmäßig erscheinende hebräische Publikationen, 1940 erschienen zehn Tageszeitungen. Die moderne hebräische Presse war zum großen Teil von den Einwanderern aus Osteuropa geprägt. Viele der Journalisten hatten bereits in ihren Heimatländern bei hebräischen Zeitungen gearbeitet. Die Presse in Palästina war von Anfang an zum großen Teil parteigebunden und brachte die verschiedenen politischen und religiösen Richtungen im Jischuw zum Ausdruck. Mitte der dreißiger Jahre gehörten zu den wichtigsten hebräischen Tageszeitungen die Gewerkschaftszeitung „Davar“ (Das Wort), der bürgerlich-rechte „Ha-Boker“ (Der Morgen) und die unabhängige „Ha-Aretz“. Hinzu kam die englischsprachige Palestine Post, 1939 wurde die Zeitung „Jediot Achronot“ (Letzte Nachrichten) gegründet.

Die Hebraisierung des Jischuw war Resultat einer betriebenen Sprach- und Kulturpolitik, die eine einsprachig hebräische Nation zum Ziel hatte. Die Sprachen der Einwanderer wurden aus der Öffentlichkeit verbannt, was besonders die jiddische Sprache traf, die mit den negativen Assoziationen einer minderwertigen „Diasporasprache“ versehen wurde. Im Staat Israel wurde die Sprachpolitik beibehalten. Trotzdem entstand nach 1948 eine jiddische Presse, die sich an die Neueinwanderer richtete. In den 1990er Jahren entstand im Gefolge der Einwanderungswelle aus der ehemaligen Sowjetunion eine russischsprachige Presse. Die Krise des Zeitungswesens machte auch vor der israelischen Presse nicht Halt.

Literatur:

Fraenkel, Josef: The Jewish Press of the World, London 1956.

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Lappin, Eleonore (Hg.): Deutsch-jüdische Presse und jüdische Geschichte. Dokumente, Darstellungen, Wechselbeziehungen, Bremen 2008.

Marten-Finnis, Susanne (Hg.): Die jüdische Presse im europäischen Kontext: 1686-1990, Bremen 2006.

Marten-Finnis, Susanne / Valencia, Heather: Sprachinseln: Jiddische Publizistik in London, Wilna und Berlin, 1880-1930 (Lebenswelten osteuropäischer Juden 4), Köln/Weimar/Wien 1999.

Neiß Marion: Presse in Transit: Jiddische Zeitungen und Zeitschriften in Berlin von 1919 bis 1925, Berlin 2002.

Prager, Leonard: Yiddish Literary and Linguistic Periodicals and Miscellanies. A Selective Annotated Bibliography, Norwood 1982.

Shanes, Joshua: Papers for the Folk: Jewish Nationalism and the Birth of the Yiddish Press in Galicia. Polin 16, 2004, S. 167-87.

Toury, Jacob: Die Jüdische Presse im Österreichischen Kaiserreich. Ein Beitrag zur Problematik der Akkulturation, Tübingen 1983.

Zitiervorschlag

Soxberger, Thomas: Pressewesen. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/pressewesen/. Version . .

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