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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

D.II.2Pesach

Clemens Leonhard

Das Pesachfest gehört zu den wichtigsten Festen des Judentums. Es erinnert an den Auszug aus Ägypten und ist in seiner Geschichte durch ein komplexes Ritualgeschehen und -verstehen gekennzeichnet.

Pilgerfest: Opfer und Mahlnach oben

Pesach war in den Epochen, in welchen das Volk Israel über den Jerusalemer Tempel verfügte, ein Wallfahrtsfest, zu dem Pilger am Tempel neben Rindern (Dtn 16,2), junge Schafe oder Ziegen (Ex 12,5; 2 Chr 35,7) schlachteten, zubereiteten und verzehrten. Dtn 16,4 und Lev 23,6 verboten während sieben Tagen den Verzehr von gesäuertem Brot. Dtn motiviert den Festtermin mit dem Beginn des Auszugs Israels aus Ägypten. Neben den Gesetzestexten werden auch in erzählenden Texten des Pentateuch die Wallfahrtsfeste mit Stationen (Sukkot: Num 33,6; Ex 13,20) oder der Chronologie des Exodus (Ankunft am Sinai kurz vor der Zeit von Shawuot: vgl. Ex 19,1) verbunden. In Bezug auf Pesach deutet Ex 12f die Ritualelemente am Jerusalemer Tempel als Gebote Gottes an die Israeliten zu einem Ritualkomplex vor dem Auszug aus Ägypten. Das Ur-Pesach wird so in die Erzählung der zehn Plagen integriert, die Gott über Ägypten bringt, um die Befreiung des Volkes herbeizuführen. Es war also ein Schutzritual gegen die Tötung der männlichen Erstgeborenen Israels zusammen mit den Erstgeborenen der Ägypter durch Gott.

Die in diesen Texten entwickelten Grundelemente von Ritus und Deutung des Festes begleiteten es in seiner folgenden Geschichte. Das Jubiläenbuch (49,15) sieht die korrekte Feier des Festes als vorbeugende Maßnahme zur Abwehr von Seuchen im jeweils folgenden Jahr. In einem mittelalterlichen Zusatz zur Mischna (mPes 10,5: „In jeder Generation muss sich ein Mensch selbst so sehen, als ob er aus Ägypten ausgezogen wäre.“) wird die Erinnerung an den Exodus als Beschäftigung zum Fest selbst aufgegriffen. Die Feier des Pesach war in der Antike typischer Weise auf den Tempel in Jerusalem beschränkt. Griechische und römische (nicht-christliche) Autoren beobachteten zwar keine Pesachbräuche ihrer jüdischen Zeitgenossen. Es ist dennoch nicht unwahrscheinlich, dass jüdische Vereine in der Diaspora zu Pesach Mähler veranstalteten oder auch das biblische Verbot des Genusses von gesäuertem Brot einhielten.

Rabbinische Rekonstruktion für die tempellose Zeit: Mahl ohne Opfer – Mahl als Opfernach oben

Nach der Zerstörung des Tempels betrachteten die Rabbinen das Studium der Gesetzestexte, in denen die Tempelrituale angeordnet werden, als Ersatz für den nicht mehr möglichen Vollzug dieser Rituale. Das diesem Zweck gewidmete Treffen rabbinischer Gelehrter (tPes 10,12) wird nach der Mischna (mPes 10) als ein mit wenigen mimetischen Anklängen an Regelungen von Ex 12f erweitertes griechisch-römisches Gastmahl gehalten. Gegen erste Tendenzen zur Fixierung ritualisierter Handlungen auf der Basis der Mischna betont der babylonische Talmud, dass das gelehrte Tischgespräch grundsätzlich spontan bleiben soll (bPes 116a).

Auch die Rabbinen kannten keinen standardisierten Ritualtext für die Feier des Pesach. Vermutlich erst in nachtalmudischer Zeit und nach dem Verschwinden der griechisch-römischen Mahlpraxis entwickelte sich der Kern der späteren sogenannten Haggadah.

Die Haggadah entstand als Erweiterung des auch sonst zu formalen Mahlzeiten gesprochenen Vortischgebets (Kidusch). Es sollten zu Pesach (neben der Rezitation des Hallel, Ps 113–118, vor und nach dem Mahl) vor dem Essen die dieses Mahl betreffenden Passagen aus der Mischna (mPes 10) und die von Mischna und Talmud Yerushalmi (yPes 10.5 37d, auch bPes 116a) angedeuteten Bibelstellen (neben den im Talmud vorgesehenen Benediktionen) rezitiert werden. Diese Erweiterungen wurden in den folgenden Jahrhunderten durch weitere Texte aus dem Midrasch und der Bibel ergänzt.

Zwei Problembereiche der Geschichte des Pesach sind damit geklärt. Erstens kennen die historischen Liturgien des Christentums keine Entsprechung zur Pesach-Haggadah, bzw. zum Seder, der am Vorabend als Auftakt des Pesachfestes gefeiert wird. Diese Institutionen entstanden im Judentum nicht vor dem Ende der Antike. Weder Jesus noch die Autoren der neutestamentlichen Texte kannten ein dem Seder ähnliches Ritual. Trotz der durch die talmudische Literatur überlieferten Elemente griechisch-römischer Mähler im Ritual des Seder Pesach hat sich zweitens dessen Grundstruktur nicht aus solchen antiken Mählern entwickelt. Als erweiterter Kidusch stand am Anfang des Seder keine Strukturumkehrung eines römischen Gastmahls, wo zuerst gegessen und anschließend das Tischgespräch gehalten wurde.

Die Pesach-Haggadahnach oben

Am Beginn der Überlieferung der Pesach-Haggadah stehen die Manuskripte aus Kairoer Genizah. Diese ältere, palästinische Form der Haggadah wurde komplett in die späteren, babylonischen Haggadot aufgenommen. Einige Dichtungen und volkstümliche Lieder schlossen sich auch noch in den der Einführung des Buchdrucks folgenden Jahrhunderten an. Daraus geht die heute am weitesten verbreitete Form der traditionellen Haggadah hervor.

Der Prozess der Standardisierung des Kerntextes wurde laufend von der Entwicklung des Brauchtums, der Einführung zusätzlicher Ritualhandlungen und Requisiten (z.B. einen Becher des Elia, für den es im Ritualtext keinen Anhaltspunkt gibt) und neuen thematischen Akzenten durch die Buchillustrationen (z.B. Mose als Zentralfigur einiger Bilder, den die heutigen Haggadot bis auf die Nennung seinen Namens in einem Bibelzitat verschweigen) begleitet. Mit der Reformbewegung im 19. Jh. und Übertragungen der Erzählung des Exodus aus Ägypten in die Situation der Kibbutzim entstanden wieder neue Formen der Haggadah.

Zum Teil aus Sympathie zum Judentum zum Teil aber auch aufgrund der historisch falschen Annahme, dass der heute übliche Seder in die Zeit Jesu zurückgeht, feiern christliche oder messianische Gruppen Pesach mit der nach ihren Vorstellungen umgestalteten traditionellen Haggadah. Viele Juden sehen diese Praxis als illegitime Imitation und Aneignung ihres religiösen Erbes.

Literatur:

Leonhard, Clemens: The Jewish Pesach and the Origins of the Christian Easter. Open Questions in Current Research (Studia Judaica 35). Berlin/New York 2006.

Stemberger, Günter: Pesachhaggada und Abendmahlsberichte des Neuen Testaments. In: Kairos 29 (1987), S. 147–158. [zugleich: Studien zum rabbinischen Judentum 1990 (Stuttgarter biblische Aufsatzbände 10). Stuttgart, S. 357–374.]

Yuval, Israel J.: Zwei Völker in deinem Leib. Gegenseitige Wahrnehmung von Juden und Christen in Spätantike und Mittelalter (Jüdische Religion, Geschichte und Kultur 4). Göttingen 2007. [Hebr. 2000].

Zitiervorschlag

Leonhard, Clemens: Pesach. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/pesach/. Version . .

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