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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

C.IV.3Musterelemente

Brigitte Dalinger

Das Narrativ von der Errettung der Juden, Probleme innerhalb der jüdischen Gemeinschaften, Antisemitismus und aktuelle politische Auseinandersetzungen wie der Palästinenserkonflikt sind als Musterelemente des jüdischen Theaters zu nennen. In vielen jiddischen Theateraufführungen war die Musik zentrales Element.

Die Errettung der Juden (im Purimspiel) und soziale Probleme als dramatische Grundkonstellationennach oben

Die Grundlage des Purimfestes ist die Purimerzählung, die in der Megillat Ester, der Esterrolle (das Buch Esther) niedergeschrieben ist. Sie handelt vom Perserkönig Ahasveros, dessen jüdische Frau Esther die Juden vor der Verfolgung durch Haman retten kann. Dieser Stoff wurde Ausgangspunkt zahlreicher literarischer und dramatischer Bearbeitungen[1], wurde verfilmt[2] und fand in Musik und Malerei Eingang. Die Errettung der Juden durch Esther diente als Folie, auf der das jeweilige Zeitgeschehen abgehandelt wurde (Haman trug während und nach der Shoa das Gesicht Hitlers).

Auch die Darbietungen der „Broder singer“ waren vom sozialen und historischen Kontext geprägt. Die einfachen Lieder und Volksweisen, die sie vortrugen, behandelten u.a. das Leben einfacher Juden, etwa des „armen Wasserträgers“. In diesen frühen theatralen Darbietungen zeigt sich eine inhaltliche Orientierung auf das soziale Umfeld, auf die Probleme innerhalb der jüdischen Gemeinschaft – dies blieb ein Musterelement des jüdischen Theaters. Dazu Walter Huder:

Was allerdings die […] Texte der Maskilim mit den späteren Texten der echten jiddischen Literatur gemeinsam haben, ist ihre kritische Haltung und ihre pädagogische Absicht. Sie üben Kritik weniger an der nichtjüdischen Umwelt, die ja übermächtig und darum doch nicht zu ändern war, als vielmehr an den internen Mißständen innerhalb der Gemeinden […] Ein gleiches begegnet später in den Stücken des jiddischen Theaters, die einerseits mit zumeist historischen Themen das schwere Schicksal des jüdischen Volkes darstellen oder andrerseits mit Lehrstücken vor allem auch humoristischer Natur erzieherisch wirken wollen.[3]

Probleme und Phänomene des jüdischen Lebens und die Musiknach oben

Mit Beginn der Moderne – der Mobilität, der Säkularisierung – änderte sich das jüdische Leben bis in die kleinste Einheit der jüdischen Gemeinschaft, die Familie. Dieser Wandel bedingte eine Krise und Neubestimmung der jüdischen Identität, die die Basis der jüdischen Dramatik ist.

Zu den dominierenden Themen gehört Liebe und Partnerwahl, Ehe und Familie. Die Breite und Vielfalt dieser Dramen verweist auf die zentrale Bedeutung der Familie innerhalb der jüdischen Kultur. Eine wichtige Stellung nehmen dabei die Mädchen- und Frauengestalten ein. In der geschlossenen jüdischen Welt war die Frau die Hüterin der Familie, zuständig für deren Zusammenhalt und die Erziehung der Kinder. An der geänderten Rolle der Frauen wurde beispielhaft der Konflikt zwischen Moderne und Tradition aufgezeigt. Dazu Sheva Zucker: „Because the woman was the guardian of the Jewish home and the one in charge of the education of the children, she became the focal point for the conflict between modernity and tradition that is the very essence of modern Yiddish literature.“[4]

Weitere wichtige Themen sind Antisemitismus, Geschichten und Personen aus der Zeit vor der Diaspora sowie Mythen und Legenden. Antisemitismus wurde in unterschiedlichsten Formen und Sprachen aufgegriffen – von den jiddischen Pogromdramen bis zu Sammy Gronemanns Komödie Jakob und Christian. Theatertexte mit Rückgriff auf biblische bzw. legendenhafte Stoffe spiegelten den Bedarf nach Identitätsmodellen für die Gegenwart.

Zu den Musterelementen des jüdischen Theaters gehört auch die Musik. Schon die Purimspiele waren mit musikalischen Einlagen versehen, zu den Spielern gehörte immer zumindest ein Fiedler. In den Darbietungen der „Broder singer“ war Musik ein zentrales Element. Die schnelle Verbreitung und Popularität von Abraham Goldfadens Singspielen und Operetten lagen nicht zuletzt an den Liedern, von denen manche zu Volksliedern wurden. Goldfadens Vorgehen als Komponist war ähnlich dem Umgang der jiddischen Autoren mit der Weltliteratur: Musik aus unterschiedlicher Herkunft und aus verschiedenen Epochen, auch kantorale Musik, wurde zur Vorlage der Lieder jiddischer Theaterstücke, Singspiele und Operetten.[5]Jiddische Revuen der 1920er und 1930er Jahre waren ebenso wie der europäische jiddische Film der späten 1930er Jahre vom Einsatz der Musik geprägt.

Der Rückgriff auf biblische Stoffe zeigt sich auch in den ersten hebräischen Dramen, die ab etwa 1880 im damaligen Palästina entstanden. Ab den 1920er waren die Halutzdramen (hebr. Halutz: Siedler) dominierend – Theaterstücke, die die Taten der ersten Siedler zeigen und wie sich die Neuankömmlinge trotz aller Widrigkeiten in Palästina durchsetzen. In den folgenden Jahrzehnten wurde in der hebräischen Dramatik vor allem die Gesellschaft und ihre vielfältigen Probleme und Phänomene als Themen aufgegriffen, etwa die Heterogenität der israelischen Gesellschaft, die Spaltung in säkulares bzw. orthodoxes Judentum. Seit den 1950er Jahren ist auch der Holocaust Thema des hebräischen Theaters. Erst nach dem Sechs-Tage-Krieg findet die Auseinandersetzung mit politischen Fragen, wie etwa dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, auf der Bühne.

  1. Zu dramatischen Bearbeitungen des Esther-Stoffes vgl. Baum, Jutta: Queen Esther. In: Kerler, Dov-Ber (ed.): History of Yiddish Studies. Chur u.a. 1991, S. 71-79.
  2. Vgl. Hoberman, Jim: Bridge of Light. Yiddish Film between two Worlds. New York 1991, S. 33, 244, 355.
  3. Huder, Walther: Über das jiddische Theater und seine Autoren. In: Alexander Granach und das Jiddische Theater des Ostens. Berlin 1971, S. 135f.
  4. Zucker, Sheva: The Fathers on the Mothers and the Daughters: Women in the Works of the klasikers / Classical Writers. In: Di froyen. Women and Yiddish. Ed. by. V. National Council of Jewish Women New York Section & Jewish Women’s Resource Center. New York 1997, S. 28.
  5. Vgl. Goldfaden, Abraham: Die Musik meiner jüdischen Singspiele. Eine Autokritik. In: Dalinger, Brigitte: Quellenedition zur Geschichte des jüdischen Theaters in Wien. Tübingen 2003, S. 65-69.

Literatur:

Dalinger, Brigitte: Quellenedition zur Geschichte des jüdischen Theaters in Wien. Tübingen 2003.

Huder, Walther: Über das jiddische Theater und seine Autoren. In: Alexander Granach und das Jiddische Theater des Ostens (Ausstellungskatalog). Berlin 1971, S. 134-144.

Zucker, Sheva: The Fathers on the Mothers and the Daughters: Women in the Works of the klasikers / Classical Writers. In: Di froyen. Women and Yiddish. Ed. by. V. National Council of Jewish Women New York Section & Jewish Women’s Resource Center. New York 1997, S. 26-31.

Weiterführende Literatur:

Baum, Jutta: Queen Esther. In: Kerler, Dov-Ber (ed.): History of Yiddish Studies. Chur u.a. 1991, S. 71-79.

Berkowitz, Joel (ed.): Yiddish Theatre: New Approaches. Oxford, Portland/Oregon 2003.

Dalinger, Brigitte: „Trauerspiele mit Gesang und Tanz.“ Zur Ästhetik und Dramaturgie jüdischer Theaterstücke. Wien u.a. 2010.

Dressel, Diana: Bühne der Geschichte. Der Wandel lokaler Dramen in Palästina und Israel. Würzburg 2010.

Hoberman, Jim: Bridge of Light. Yiddish Film between two Worlds. New York 1991.

Zitiervorschlag

Dalinger, Brigitte: Musterelemente. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/musterelemente/. Version 1. 02.07.2014.

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