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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

C.II.5Materialikonografie

Ulrich Knufinke

Aus der jüdischen Religionsgesetzgebung und ihren auslegenden Kommentaren geht so gut wie nichts darüber hervor, ob bestimmte Materialien beim Bau religiös bestimmter Bauwerke auszuschließen oder zu bevorzugen sind. Gleichwohl spielt „Material“ eine große Rolle in der ikonographischen, symbolischen „Sprache“ der jüdischen Architektur.

Ein Ausgangspunkt hierfür ist die biblische Beschreibung des Salomonischen Tempels (1 Kön 5,20-7,50). Nicht nur symbolische Maße, räumliche Zuordnungen und sogar Raumformen des Tempels werden ausführlich beschrieben, auch das Baumaterial findet explizit Erwähnung: Stein (aus der Umgebung von Jerusalem, also Kalkstein), verschiedene Holzsorten (Zedernholz vom Libanon-Gebirge, Oliven- und Zypressenholz), Gold und Bronze. Der Tempel wird also konkret als gebaute Architektur beschrieben, und so ist es möglich, mit je eigenen Mitteln auf dieses „Haus“ der göttlichen Wohnung Bezug zu nehmen.

Diese Bezugnahme äußert sich zum einen im symbolischen Aufgreifen bestimmter Formen: So mag man die traditionelle Gestalt des Toraschreins als „Abbreviatur“ des Tempels verstehen – nicht als Wiedererrichtung, die der Endzeit vorbehalten sein soll, sondern als Erinnerung an das Verlorene und das Verheißene. Zum anderen sind die Materialien des Tempels in diese Tradition eingegangen, wobei die grundlegende Differenz zwischen dem Jerusalemer Heiligtum und der Synagoge zumindest im traditionellen Synagogenbau vor dem 19. Jahrhundert nicht verwischt werden sollte.

Im 20. Jahrhundert werden die Beispiele häufiger, in denen ein bestimmtes Material die symbolische Funktion der erinnernden Form der vorhergehenden Jahrhunderte unterstützen oder sogar übernehmen sollte. So wird Edmund Körner für die Synagoge in Essen (1913) nicht zufällig Bronze als Material der Eingangstüren gewählt haben: In einem Bauwerk, das vielfache symbolisch-ikonographische Anspielungen auf den Salomonischen Tempel und das antike Judentum aufweist, ist die Verwendung dieses Materials ein weiterer Hinweis auf die Tempel-Nachfolge des Gotteshauses.

Ebenso absichtsvoll stattete Rudolf Joseph die 1928 im Stil des Neuen Bauens errichtete Synagoge in Dieburg innen mit einer dunklen Holzvertäfelung aus. Die orthodoxe Gemeinde konnte damit sowohl Bezüge zum holzvertäfelten Tempel herstellen als auch zur Tradition der hölzernen Synagogen Osteuropas, in denen man seinerzeit Zeugnisse einer eigenständig entwickelten jüdischen Bautradition sah.

Je „abstrakter“ die Architektur des 20. Jahrhunderts mit den formalen Vorbildern der jüdischen Tradition umging, desto stärker zeichnen sich „materielle“ Bezüge in den Bauten ab. Eine besondere Rolle spielte in Deutschland die Verknüpfung der nach 1945 neu gegründeten Gemeinden mit der Zeit vor der Vernichtung: Spolien aus den zerstörten Synagogen fanden Verwendung und wurden an sichtbarer Stelle in die Neubauten eingelassen (zum Beispiel als Grundstein in Trier, 1956).

Einen anderen Bezug soll die Verwendung von Jerusalemer Kalkstein aufnehmen: Das Baumaterial des Tempels, überliefert in seinem einzigen Überrest, der Klagemauer, wird an herausgehobenen Stellen, zum Beispiel dem Toraschrein, eingesetzt. Der Verweis auf den Tempel ist zugleich ein Hinweis auf die Verbundenheit mit dem Gelobten Land und – mit Einschränkungen – auf den Staat Israel als mögliche Heimat aller Jüdinnen und Juden in der Gegenwart.

Zwei Beispiele von in Deutschland errichteten Synagogen der letzten Jahre verdeutlichen den symbolischen Materialeinsatz besonders: In Duisburg stattete der israelische Architekt Zvi Hecker das Innere der 1999 eröffneten Synagoge mit Jerusalemer Kalkstein aus (Abb. 1). Die gebrochenen, scharfkantigen Platten, verwendet für den Toraschrein, das Vorbeterpult, den Fußboden und die Brüstung der Empore, kontrastieren mit den Putzflächen der übrigen Wände und dem Sichtbeton der skulptural aufgefassten Außenarchitektur. Der fremdkörperhafte Stein verweist die Besucherinnen und Besucher der Synagoge auf eine mögliche (geistige) Heimat weit außerhalb des Gebäudes und der Umgebung, in der es sich befindet.

(Abb. 1) Duisburg, Synagoge, Innenraum nach Osten; Architekt: Zvi Hecker, 1999 (Foto: Knufinke)

(Abb. 1) Duisburg, Synagoge, Innenraum nach Osten; Architekt: Zvi Hecker, 1999 (Foto: Knufinke)

Die Synagoge in Dresden (Wandel, Hoefer, Lorch und Hirsch, 2001), ein formal äußerst reduziertes Bauwerk mit monumentaler Ausdruckskraft, nutzt Materialien und ihre Eigenschaften, um die Symbolsprache ihrer Gestalt zu unterstreichen. Der Außenbau, ein verdrehter Würfel aus Kunststeinquadern, greift die Farbe des in Dresden gebräuchlichen und auch für den 1938 vernichteten Vorgängerbau, die Synagoge Gottfried Sempers, verwendeten Sandsteins auf (Abb. 2). So fügt sich das Bauwerk in die historische Umgebung ein, das Material verweist aber auch auf Zerstörung und Vernichtung in der Zeit des Nationalsozialismus – ohne historisches Baumaterial zu verwenden. Im Innern des Würfels bildet eine eingestellte Holzarchitektur den eigentlichen Synagogenraum, wie schon in Dieburg ein Hinweis auf den Salomonischen Tempel (Abb. 3). Mit einem aus Metall gewebten, zeltartigen Baldachin, der den Holzeinbau und damit den Raum des Gebets umhüllt, wird auf das wandernde Heiligtum, das Stiftszelt, angespielt. Das Stiftszelt, der Tempel und die zerstörte Synagoge bilden damit ein „materiell“ aufgebautes Bezugssystem theologisch-historischer Reminiszenzen, in das die gegenwärtige jüdische Gemeinschaft (und das nichtjüdische Publikum aus Besuchern und Passanten) eingebunden ist. In dieser materialikonographischen Komplexität bildet die Dresdner Synagoge im zeitgenössischen Synagogenbau jedoch eine Ausnahme, wenngleich nachfolgende Neubauprojekte ähnliche Versuche unternommen haben (München 2006, Bochum 2008).

(Abb. 2) Dresden, Synagoge, Ansicht von Süden; Architekten: Wandel, Hoefer, Lorch und Hirsch, 2001 (Foto: Knufinke)

(Abb. 2) Dresden, Synagoge, Ansicht von Süden; Architekten: Wandel, Hoefer, Lorch und Hirsch, 2001 (Foto: Knufinke)

(Abb. 3) Dresden, Synagoge, Innenraum nach Osten, Architekten: Wandel, Hoefer, Lorch und Hirsch, 2001 (Foto: Knufinke)

(Abb. 3) Dresden, Synagoge, Innenraum nach Osten, Architekten: Wandel, Hoefer, Lorch und Hirsch, 2001 (Foto: Knufinke)

Der bedeutungsvolle Einsatz bestimmter Materialien unterstützt die symbolische Lesbarkeit dieser neuen Synagogenbauten. Obwohl nicht aus Verpflichtungen und Regeln der jüdischen Tradition entwickelt, ergeben sich daraus vielfältige Bedeutungen und Deutungen, die diese Bauwerke zu bemerkenswerten Beispielen zeitgenössischer Sakralarchitektur machen.

Weiterführende Literatur:

Coridaß, Michael E. (Hg.): Gebauter Aufbruch. Neue Synagogen in Deutschland. Regensburg 2010.

Korn, Salomon: Synagogenarchitektur in Deutschland nach 1945. In: Schwarz, Hans-Peter (Hg.): Die Architektur der Synagoge. Frankfurt am Main 1988, S. 287-343.

Künzl, Hannelore: Jüdische Kunst. Von der biblischen Zeit bis in die Gegenwart. München 1992.

Zitiervorschlag

Knufinke, Ulrich: Materialikonografie. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/materialikonographie/. Version . .

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