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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

B.III.2Lehrhaus

Elke-Vera Kotowski

Lernen stellt im Judentum – der Religion des Buches – einen lebenslangen Prozess dar; es ist Lebensgrundlage, Bestandteil der jüdischen Tradition, Gebot der Heiligen Schriften: „Widme Dich dem Studium der Tora“ (Sprüche der Väter 4,12). Während sich das Lernen hier ausschließlich auf den Inhalt der Heiligen Schriften bezieht, so wie es in der Cheder und der Jeschiwa praktiziert wird, entwickelte sich seit der Aufklärung vielerorts der Wunsch nach säkularer Bildung, die von der traditionellen jüdischen Gelehrsamkeit wegführte und im akkulturierten Judentum erst in der ersten Hälfte des 20. Jh. mit der Eröffnung Jüdischer Lehrhäuser eine Renaissance erlebte.

Neben der Synagoge, die auch als Ort der Lehre (Bet ha-Midrasch) definiert wird, etablierte sich im Laufe der Zeit in den jüdischen Gemeinden ein Lehr-, Lern- und Diskussionsort, in dem – meist in geografischer Nähe zur Synagoge – die Heiligen Schriften gelesen und interpretiert wurden. Als Elementarschule für Jungen wurde die sogenannte Cheder eingerichtet, in der seither der Nachwuchs in die Traditionen und Gebräuche des Judentums eingeführt wird. Für Erwachsene bildet die Jeschiwa den Ort, an dem sie sich intensiv dem Studium und der Auslegung der Heiligen Schriften widmen.

Das lebenslange Lernen, insbesondere aus den Heiligen Schriften ist eine Mizwa, die Pflicht eines jeden Juden. So spricht Gott am Anfang des Buches Jehoshua: „Dieses Buch der Tora soll von Deinem Munde nicht abweichen und Du sollst lernen Tag und Nacht“. In den Sprüchen der Väter werden gar pädagogische Empfehlungen ausgesprochen, so soll mit dem fünften Lebensjahr die Tora, mit dem zehnten die Mischna erlernt und ab dem dreizehnten Lebensjahr die Mizwot gehalten (Bar Mizwa, Aufnahme als gleichrangiges Mitglied der Gemeinschaft) werden.

 

„Was soll man tun? Lernen und Lernen fördern und stützen, wo und wie man kann! Das ist ein Feld, das überall in kleinem und großem Maßstabe bebaut werden kann, das sind Bestrebungen, in denen uns niemand hindernd in den Weg zu treten vermag […] Lernen! Lernen! Wer noch Jude sein will, lerne, wer seine Kinder noch zu Juden erziehen will, lasse sie ‚lernen‘, wer etwas für das Judentum tun will, lerne und helfe ‚lernen‘, in jedem Hause, jedem Dorfe, jeder Stadt […].“[1]

 

Im Zuge der europäischen Aufklärung und der innerjüdischen Haskala etablierte sich jedoch ein über das rein religiöse hinausreichende säkulares Bildungsideal, das sich zunehmend an der Philosophie und Literatur der nichtjüdischen Umgebungsgesellschaft orientierte. Dies hatte zur Folge, dass sich große Teile des europäischen Judentums von den Traditionen und Riten der Väter abwandte und eine säkulare Bildung der religiösen vorzog, und sich damit sukzessive vom Judentum entfernte. Der deutsch-jüdische Theologe und Philosoph Hermann Cohen bemerkte dazu:

 

„Unter allen Wandlungen, welche die religiös-kulturelle Verfassung des Judentums seit etwa hundert Jahren erfahren hat, ist keine so frappant wie die Verminderung oder gar das Verschwinden der jüdischen Gelehrsamkeit unter den modernen Juden.“ [2]

 

Um dieser Tendenz des Verlustes der jüdischen Gelehrsamkeit Einhalt zu gebieten bzw. ein „geistiges Leben innerhalb einer lebendigen Religion“ zu erhalten, unternahm der deutsch-jüdische Historiker und Religionsphilosoph Franz Rosenzweig einen Vorstoß und gründete 1920 in Frankfurt das erste Freie Jüdische Lehrhaus, dessen Leiter er in den Anfangsjahren war.[3] Sein Konzept der Erwachsenenbildung ging über die Herausbildung einer jüdischen Identität hinaus. Entgegengesetzt vom ursprünglichen Bet ha-Midrasch sollte nunmehr der Weg des modernen Juden nicht von der Tora zum Leben, „sondern umgekehrt, aus dem Leben, aus einer Welt, die vom Gesetz nichts weiß oder sich nichts wissen macht, zurück in die Tora“ führen.[4]

Allerdings ging es Rosenzweig nicht allein um die Vermittlung der Geschichte des jüdischen Volkes sondern vielmehr um die Kenntnis der elementaren Quellen der jüdischen Tradition. In den 1920er Jahren etablierte sich in den neu entstandenen Volkshochschulen – so auch in den jüdischen Volkshochschulen in Berlin, Breslau oder Frankfurt – die Erwachsenenbildung. Innerhalb dieser griff Rosenzweig in der Frankfurter Volkshochschule, die er in Freies Jüdisches Lehrhaus umbenannte, zudem den Gedanken des Bet ha-Midrasch auf, des traditionellen Lehrhauses, wo Gemeindemitglieder zusammenkommen können, um gemeinsam die heiligen Texte zu studieren und darüber zu debattieren. Dieser Ort sollte nicht Gelehrten vorbehalten sein, sondern jedem offen stehen, ohne Rücksicht auf Rang, religiöser Ausrichtung und Bildungsgrad. Der „freie“ Zugang zur Bildung war das Credo der Gründungsväter des neuen Freien Jüdischen Lehrhauses in Frankfurt und an vielen anderen Orten.

 „So trennen wir uns von niemand, der guten Willens ist. Auch nicht von der nichtjüdischen Welt, den Völkern, unter denen wir nicht wohnen, sondern zu denen wir so gehören wie wir sind, mit dem was wir lieben und wünschen. Möge unser ferner Weg mit ihnen nicht wieder ein Weg des Leidens werden, wie er es auf so langen Strecken gewesen ist. Wenn unser geschichtliches Leid aber wieder kommt, dann wollen wir wissen, warum wir leiden, wir wollen nicht wie die Tiere sterben, sondern wie Menschen, die wissen, was gut und schlecht ist. Aber wir suchen nicht das Leid, sondern Frieden. Daß wir Juden sind, daß wir Fehler und Tugenden haben, ist uns genug von uns selber und anderen gesagt worden. Das Lehrhaus soll uns lehren, warum und wozu wir es sind.“[5]

  1. Hirsch, Gesammelte Schriften.
  2. Cohen, Zur Begründung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums, S. 210.
  3. Ebd.
  4. Rosenzweig, Neues Lernen, S. 97.
  5. Koch, Das Freie Jüdische Lehrhaus, S. 119.

Literatur:

Hirsch, Naphtali (Hg.): Rabbiner Samson Raphael Hirsch. Gesammelte Schriften, 7 Bde. Frankfurt am Main 1902–1912. Digitalisat: <http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/titleinfo/885462> (9.11.2016).

Koch, Richard: Das Freie Jüdische Lehrhaus in Frankfurt am Main. In: Der Jude. Eine Monatsschrift, 7/1923, S. 116–120. Digitalisat: <http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/3107735> (9.11.2016).

Cohen, Hermann: Zur Begründung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums. In: Strauß, Bruno (Hg.), Gesammelte Schriften, Bd. 2. Berlin 1924.

Rosenzweig, Franz: Neues Lernen. Entwurf der Rede zur Eröffnung des Freien Jüdischen Lehrhauses (1920). In: Ders., Kleinere Schriften, Berlin 1937.

Weiterführende Literatur:

Adunka, Evelyn/Brandstätter, Albert (Hg.): Das Jüdische Lehrhaus als Modell lebensbegleitenden Lernens. Wien 1999.

Zitiervorschlag

Kotowski, Elke-Vera: Lehrhaus. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/lehrhaus/. Version . .

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