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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

D.I.2„Jüdische“ Kleidung zwischen Selbstrepräsentation und Zwangskennzeichnung

Martha Keil

Kleidung ist in allen Kulturen ein Zeichensystem und Kommunikationsmittel, das buchstäblich „auf den ersten Blick“ eine soziale Einordnung ermöglicht. Insbesondere in der Vormoderne waren Stand und Rang einer Person eindeutig an der Kleidung ablesbar. Wo diese als göttlich verstandene Ordnung gefährdet schien, sollten Kleiderordnungen und Zwangskennzeichnungen die Überschreitung der sozialen Grenzen verhindern. Kleidung stand also immer im Spannungsfeld zwischen dem Bedürfnis der Obrigkeit nach Kontrolle, der Gesellschaft nach Ordnung und Abgrenzung und der Gruppe und des Individuums nach Selbstdarstellung und Identität.

Biblische Gebote und religiöse Kleidungnach oben

Die Tora enthält nur wenige Vorschriften für Kleidung: eine Anleitung für die Priesterkleidung (Ex 28,2–43), das Gebot, an den Ecken der Gewänder Zizit (Quasten) mit blauen Fäden anzubringen (Num 15,38), nicht die Kleidung des anderen Geschlechts zu tragen (Dtn 22,5) und kein Mischgewebe (Scha’atnes) aus Wolle und Leinen zu verwenden (Dtn 22,11; Lev 19,19). Vorschriften für Frauen, das Haar zu bedecken, leiten sich vom Ordal für eine Ehebrecherin (Num 5,8) ab. Die Kopfbedeckung für Männer ist weder biblisches noch rabbinisches Gebot (Diskussion in bKidduschin 33a), sie wird aber, den allgemeinen Kleidungssitten entsprechend, ab dem Mittelalter allgemein gebräuchlich. Aus der Priesterkleidung und dem Gebot der Schaufäden entstand der Tallit, der Gebetsschal, der von jüdischen Männern zum Morgengebet getragen wird. Bei großer Stoffmenge, aufwändiger Stoffwahl und kostbarer Verzierung konnte er auch repräsentative Funktion haben. Im 15. Jh. kam der kleine Gebetsschal, Tallit katan oder Arba Kanfot (wörtlich: vier Ecken) in Gebrauch, eine Art Poncho, der ständig unter der Oberbekleidung getragen wird. Die talmudischen Gelehrten legten die Bestattung in Laken bzw. einfacher weißer Totenkleidung (Tachrichim) fest. Im mittelalterlichen Aschkenas und bis heute werden diese Kittel oder Sargenes genannten Leinengewänder auch am Versöhnungstag und zu anderen Gelegenheiten getragen. Von diesen religionsbedingten Kleidungsstücken abgesehen richtete sich die Kleidung von Juden und Jüdinnen trotz rabbinischer Verbote und Ermahnungen nach der Mode der Mehrheitskultur. Allerdings muss das Scha’atnes-Verbot beachtet und über jedes neue Kleidungsstück eine Beracha (Segen) gesprochen werden.

Judenhut: Diskriminierung oder Selbstrepräsentation?nach oben

Wie kein zweites Kleidungsstück veranschaulicht der mittelalterliche Judenhut die wechselnde Wahrnehmung als Eigenes oder Fremdes, Freiwilliges und Aufgezwungenes. Dementsprechend kontrovers sind seine Bewertungen in der Forschungsliteratur.

Nach allgemeinen Konzilsbestimmungen zur Unterscheidbarkeit von Christen, Juden und Sarazenen verordnete das Wiener Provinzialkonzil vom 12. Mai 1267 ein konkretes Kennzeichen.

  Quelle 1:

„Wir bestimmen streng, dass die Juden, die sich in der Kleidung von den Christen unterscheiden müssen, den gehörnten Hut (cornutum pileum), den sie in diesen Gebieten zu tragen gewohnt waren und den abzulegen sie sich in ihrer Vermessenheit (temeritate) herausgenommen haben, wieder einführen, damit sie von den Christen eindeutig unterschieden werden können.“

 

Aus der Edition: Eveline Brugger, Birgit Wiedl: Regesten zur Geschichte der Juden in Österreich im Mittelalter. Band 1: Von den Anfängen bis 1338. Innsbruck/Wien/Bozen 2005, 59, nr. 45. Ü.: E.B.)

Die Anweisung für Juden, einen auffällig geformten Hut zu tragen, ist also kirchlich, doch es oblag den weltlichen Machthabern, sie auch durchzusetzen. In den Quellen finden sich allerdings keine Hinweise auf Sanktionen wegen Verweigerung. Aus der Verordnung geht hervor, dass Juden bereits in nicht näher datierten früheren Zeiten einen „zugespitzten“ Hut getragen hatten. Die Forschungsliteratur nimmt als Prototyp die „phrygische“ oder „persische“ Mütze in Unterscheidung zum Turban der Muslime an, die sich bereits auf frühmittelalterlichen Darstellungen von Juden findet.

Ob der Hut also ein freiwilliges oder aufgezwungenes Kleidungsstück war, ist aus den normativen schriftlichen Quellen nicht eindeutig festzustellen. Aus den Bildquellen zeigt sich ein widersprüchliches Ergebnis: Einerseits erfolgte der christliche ikonographische Diskurs über Juden vorwiegend über den Judenhut, zuweilen als neutrales Erkennungsmerkmal, meist aber im Kontext von Szenen, die die Spannung zwischen den beiden Religionen ausdrücken, vor allem der Kreuzigung Jesu (siehe Abb. 1). Andererseits stellten sich Juden in illuminierten hebräischen Handschriften, Drucken und Selbstzeugnissen, wie etwa der Ketubba von Krems 1391/92, selbst mit dem Judenhut dar (siehe Abb. 2). Möglicherweise war dieser das Relikt einer „alten Tracht“, die nur noch zu besonderen Gelegenheiten zur Schau gestellt wurde. Im Alltag trugen Juden bis ins 17. Jahrhundert nämlich eine in den hebräischen Quellen Kap, Kappenzipfel oder Mitron genannte Kopfbedeckung, die als bis zu eineinhalb Meter lange Kapuze vom Cape hängen konnte und als Gugel auch die gebräuchlichste Kopfbedeckung der Christen war.[1]Verheiratete jüdische und christliche Frauen bedeckten ihr Haar mit Schleier oder Haube.

Abb. 1 (links): Meister der St. Lambrechter Votivtafel, „Kreuzigung Christi“, Detail, Wien, um 1430, Malerei auf Nadelholz, Österreichische Galerie Belvedere, Wien, Inv.-Nr. 4902.

Abb. 1: Meister der St. Lambrechter Votivtafel, „Kreuzigung Christi“, Detail, Wien, um 1430, Malerei auf Nadelholz, Österreichische Galerie Belvedere, Wien, Inv.-Nr. 4902.

Abb. 2 (rechts): Bräutigam mit Judenhut; Ketubba Krems 1391/92. Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Hebr. 218.

Abb. 2: Bräutigam mit Judenhut; Ketubba Krems 1391/92. Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Hebr. 218.

Kleiderordnungennach oben

Die sozialen Unterschiede – Reiche, Arme, Gelehrte, Laien – sollten auch innerhalb der jüdischen Gemeinde an der Kleidung ablesbar sein. Insbesondere nach Katastrophen, die in der Vormoderne als göttliche Strafen für Sünden erklärt wurden, erließen christliche wie auch jüdische Autoritäten Kleiderordnungen, die den Luxus an Stoffverbrauch und an kostbarem Material einschränkten sowie das Tragen von als modisch und sittenlos empfundener Kleidung sanktionierten. Neben Kleidungsstücken aus Seide, Pelz, Samt und Damast verbot die Kleiderordnung der Verordnungen (Takkanot) von Fürth 1728 auch den kurz zuvor in Mode gekommenen Reifrock. Zwei Jahre später untersagte der Vorstand der Eisenstädter jüdischen Gemeinde sowohl reifen rek als auch schulterfreie Kleider für Frauen und Mädchen ab vier Jahren.

Auf christlicher Seite häuften sich in der Frühen Neuzeit nicht nur interne Kleiderordnungen, sondern auch Verordnungen zur stigmatisierenden Kennzeichnung „Anderer“: farbige, meist hellgelbe Stoffstücke, Ringe oder Streifen, auffällige Merkmale wie geschlitzte Ärmel oder Halskrausen und diverse Kopfbedeckungen. Als Objekte der Stigmatisierung befanden sich Juden damit in einer sozialen Kategorie mit Prostituierten, Bettlern und Aussätzigen. [2]

„Typisch jüdische“ Kleidungsstücke in der Modernenach oben

Als augenfällig „typisch jüdische“ Kleidung im aschkenasischen Kulturraum wird die Tracht der Chassidim in Galizien mit Kniebundhosen, Kaftan und einem runden flachen Pelzhut (Streimel) wahrgenommen (siehe Abb. 3).

Abb. 3: Der Gerer Rebbe und seine Anhänger. Jüdisches Museum Wien, Sammlung Stern.

Abb. 3: Der Gerer Rebbe und seine Anhänger. Jüdisches Museum Wien, Sammlung Stern.

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Abb. 4: Sigmund Freud mit Tochter Anna in den Dolomiten, 1913. Archiv der Universität Wien.

Wie die Kleidung der orthodoxen Juden in Polen entstand auch sie aus der Verweigerung moderner Kleidung und der Umdeutung der alten Adelstracht zum selbstbewussten jüdischen costume als „sozialsymbolischem Gewand“.[3] Dieses Beharren auf eine unterscheidbare Selbstrepräsentation versuchte das Toleranzpatent Josefs II. für die Juden Galiziens 1788 unter Androhung von Arrest zu brechen:

Quelle 2:

 

Dahingegen haben Seine Majestät befohlen: daß die dermal in Galizien bestehende besondern Kleidertracht der Juden abgestellt, und eine der übrigen Nazion gleiche Kleidung unter ihnen eingeführt werden solle.

 

Aus: Continuatio edictorum et mandatorum universalium in regnis Galiciæ et Lodomeriæ a die 1. Januar. ad ultimam Decembr. Anno 1788 emanatorum. Leopoli 1788, 82.

Im Sinne des aufgeklärten Neoabsolutismus wurde also Akkulturation obrigkeitlich verordnet, wobei das Wechseln des Kleidungsstils eine Aufgabe der obsolet gewordenen Traditionen und Eigenheiten symbolisierte. Auch in den zahlreichen jüdischen Migrationsgeschichten, etwa aus Osteuropa in die USA, lässt sich an der Kleidung, vor allem der weiblichen, Wandel, Akkulturation und Integration ablesen. Es ist kein Zufall, dass die ersten NS-Gesetze nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 Juden und Jüdinnen das Tragen von Trachtenkleidung verboten (siehe Abb. 4). Aus der Diversität der Immigranten erklärt sich, dass sich im Staat Israel keine nationale Tracht herausgebildet hat. Die Kippa, in der Form ident mit dem Piloleus der katholischen Bischöfe, entwickelte sich als Symbol jüdischer Identität für Juden unterschiedlicher nationaler Herkunft. Die Kopfbedeckung religiöser verheirateter Frauen, sofern sie keine Perücke tragen, ist ebenso Moden unterworfen wie deren übrige Kleidung, auch wenn sie durch Vorstellungen von Sittlichkeit – hochgeschlossen, lange Ärmel, knöchellange Röcke, dunkle Farben – geprägt ist. „Typisch jüdische“ Kleidung außerhalb von religiösen Gruppen und Kontexten existiert in der Gegenwart nicht mehr.

 

Version: Juni 2013

  1. Vgl. Keil, Kulicht schmalz und eisen gaffel.
  2. Vgl. Jütte, Stigma-Symbole.
  3. Barthes, Die Sprache der Mode.

Literatur:

Barthes, Roland: Die Sprache der Mode. Frankfurt am Main 1985 (frz. 1957).

Jütte, Robert: Stigma-Symbole. Kleidung als identitätsstiftendes Merkmal bei spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Randgruppen (Juden, Dirnen, Aussätzige, Bettler). In: Saeculum 44 (1993), S. 65–89.

Keil, Martha: Kulicht schmalz und eisen gaffel – Alltag und Repräsentation bei Juden und Christen im Spätmit­telal­ter. In: Aschkenas 14 (2004) H. 1, S. 51–81.

Weiterführende Literatur:

Rubens, Alfred: A history of Jewish costume. Foreword by James Laver. [New and enl. ed.] London u.a. 1973.

Scheiner, Jens J.: Vom Gelben Flicken zum Judenstern? Genese und Applikation von Judenabzeichen im Islam und christlichen Europa (849–1941). Frankfurt am Main u.a. 2004.

Zitiervorschlag

Keil, Martha: „Jüdische“ Kleidung zwischen Selbstrepräsentation und Zwangskennzeichnung. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/kleidung/. Version . .

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