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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

A.IV.4Jüdischer „Selbsthass“

Johannes Hofinger

Auf sprachliche und körperliche Zuschreibungen antisemitischer Denkungsart reagiert ein Teil der jüdischen Bevölkerung mit der Ablehnung seiner Identität als Jüdinnen und Juden. Er projiziert diese von außen kommenden Vorstellungen auf andere jüdische Gruppen und versucht sich in performativer Hinsicht der Mehrheitsgesellschaft anzupassen, um von dieser akzeptiert zu werden.

Mechanismen des „Selbsthasses“nach oben

Die zu allen Zeiten existierende Stigmatisierung des Jüdischen als das „Andersartige“ und „Fremde“ führte und führt innerhalb der jüdischen Gesellschaft zur partiellen Verinnerlichung dieser Zuschreibungen und zur selbstgewählten Ab- bzw. Ausgrenzung.

 Selbsthaß entsteht dadurch, daß die Außenseiter das Wahnbild von ihnen als Wirklichkeit annehmen, das jene in der Gesellschaft entwerfen, die die Außenseiter definieren, und auf die die Außenseiter sich beziehen. [1]

 

Die Ablehnung der eigenen jüdischen Identität erfolgt aus dem Wunsch, ein akzeptierter und integrierter Teil der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft zu werden, eine Hoffnung, die jedoch nicht erfüllt wird. Im Streben nach Aufnahme durch Assimilation und Anpassung, die sich einerseits religiös in der Konversion von Judentum zum Katholizismus oder Protestantismus oder andererseits in der Übernahme des rassistischen Deutschnationalismus und Antisemitismus manifestieren, bleibt das Stigma des Jüdischen ständig präsent. Diese innere Zerrissenheit zwischen frei gewählter Segregation und weiterhin existenter Zugehörigkeit bezeichnet die Psychologie als Double Bind. Die Wunschvorstellung der „selbsthassenden“ Jüdinnen und Juden vom Aufgehen in der Mehrheit widerspricht der inneren Gewissheit, der als „fremd“ betrachteten Minderheit anzugehören bzw. von der Gesellschaft trotzdem als ein Teil dieser minoritären Gruppe gesehen zu werden.

„Jüdischer Selbsthaß“ von Theodor Lessingnach oben

Als Reaktion auf die im wissenschaftlichen Diskurs seit dem späten 19. Jahrhundert weit verbreitete Gleichsetzung von Judentum mit Degeneration und psychopathologischen Erkrankungen sowie auf die zunehmende Bedrohung durch den rassischen Antisemitismus verfasste der deutsche Publizist und Philosoph Theodor Lessing 1930 eine Abhandlung unter dem Titel „Der jüdische Selbsthaß“, womit er dem jahrhundertealten Phänomen seine bis heute gebräuchliche Terminologie verlieh. Lessing wendet sich in seiner Schrift gegen die Ablehnung der eigenen jüdischen Identität und betont die Notwendigkeit der Rückbesinnung auf die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk: „Die Juden sollen ihre Rolle, die Ausgestoßenen dieser Welt zu sein, aufgeben und endlich alle gemeinsam leben, ihren alten jüdischen Traditionen gemäß.“[2]

 

Quelle 1:

 

Laßt uns vor allem die Wahrheit suchen, die grausame Wahrheit! Unsere Wunde kann entweder überhaupt nicht genesen, oder sie heilt im Licht. Bist du schlechtgeboren oder schlechtgeborgen, lastet auf dir die Schuld der Väter oder die Schuld der Fremden oder eigene Schuld, versuche nichts abzuhandeln, nichts zu beschönigen, nichts zu vergolden.

Sei was immer du bist und vollende in dir das jeweils Bestmögliche. Aber vergiß nicht, daß schon morgen du und diese ganze Menschenwelt verwest und wieder anders ist.

Kämpfe, ja kämpfe unaufhörlich. Aber vergiß nicht, daß jedes Leben, auch das schadhafte, auch das verbrecherische, Liebe benötigt.

Kein Wesen kann mehr, als sich erfüllen, so gut und solange Boden, Witterung und Klima das zulassen.

Wir nehmen alle unser Dasein viel zu wichtig.

Wer du bist? Sohn etwa des fahrigen Handelsjuden Nathan und der trägen Sarah, die er zufällig besamte, weil sie ihm genug Geld in die Ehe brachte? Nein! Juda Makkabi war dein Vater, Königin Esther deine Mutter. Von dir, von dir allein aus geht die Kette, wenn auch über noch so schadhafte Glieder, auf Saul und David und Moses. – Sie sind in allen und immer gegenwärtig. Und waren seit je und können morgen wieder sein.

Trägst du ein belastetes Erbe, gut! Entlaste dein Erbe. Deine Kinder werden dir verzeihn, daß du deiner Eltern Kind warst. Betrüge nicht dein Schicksal. Liebe dein Schicksal. Folge dem Schicksal. Und folge auch in den Tod. Getrost! Durch alle Höllen unsres menschlichen Ich gelangst du immer wieder in den Himmel deines Selbst. Zu deinem ewigen Volke.

 

aus: Lessing, Theodor: Der jüdische Selbsthaß. Berlin 2004, S.80.

Historische Varianten und Zuschreibungennach oben

Während Lessing seine Erkenntnisse durch den Blick auf sechs deutsche und österreichische jüdische Intellektuelle des 19. und 20. Jahrhunderts gewinnt, weist Sander Gilman Varianten der Entscheidung zur Abkehr vom Judentum und dem Versuch, sich der Mehrheitsgesellschaft anzugliedern, seit der Zeit des Frühchristentums nach. [3] Handelt es sich anfänglich um eine innerjüdische Reaktion auf den von außen an sie gerichteten Vorwurf, die Juden bedienten sich einer „verborgenen“, magischen Sprache, des Hebräischen, so wandelt sich dieser sprachliche Ausgrenzungsmechanismus über die Jahrhunderte. Zunächst ersetzt Jiddisch als die Sprache der Ostjuden das Stigma des Hebräischen, um zu Beginn des 20. Jahrhunderts in das positive Gegenteil verkehrt zu werden. Verbunden mit der sprachlichen Stereotypisierung war zu allen Zeiten die Zuschreibung einer spezifischen Körperlichkeit und Gestik, die vor allem im Zuge des rassischen Antisemitismus an Bedeutung gewann, sich mit der Betonung von angeblicher sexueller Perversion innerhalb der jüdischen Gesellschaft verband und in der Zeit des Nationalsozialismus ihren propagandistischen Höhepunkt fand.

Globales Gruppenphänomennach oben

Der Topos vom „jüdischen Selbsthass“ erfährt Anfang der 1940er Jahre durch den aus Deutschland geflohenen Kurt Lewin eine bedeutende Erweiterung, und zwar von der individuellen Entscheidung hin zu einem gruppendynamischen Prozess in der jüdischen Bevölkerung. Dabei hat Lewin – anders als vorangehende Analytiker – nicht ausschließlich die europäischen jüdischen Gemeinden im Auge, sondern bezieht seine soziologischen Erkenntnisse auch auf die USA. Mehrere Ansatzpunkte heben Lewins Aussagen zum „jüdischen Selbsthass“ vom bisher Gesagten ab. Zunächst bleibt festzuhalten, dass er als deutscher Jude den assimilierten europäisch-jüdischen Hintergrund und den Diskurs zum Thema verinnerlicht hat. Hinzu kommt die umfassende Ausweitung des Konzepts, da Lewin das Phänomen nicht nur im Individuum und auf Europa beschränkt sieht, sondern den „jüdischen Selbsthass“ als globale, gruppenspezifische Erscheinung bezeichnet. Und zuletzt sei auf das Entstehungsjahr seiner Abhandlung 1941 verwiesen, das als historische Sattelzeit für das Judentum insgesamt bezeichnet werden muss, an der die Nationalsozialisten in Europa die „Endlösung der Judenfrage“ ins Auge fassten und somit der exogene Druck auf die jüdischen Gemeinden und damit auch auf die eigene Identitätskonstruktion enorm wuchs.

 

Quelle 2:

 

It is recognized in sociology that the members of the lower social strata tend to accept the fashions, values, and ideals of the higher strata. In the case of the underprivileged group it means that their opinions about themselves are greatly influenced by the low esteem the majority has for them. This infiltration of the views and values of what Maurice Pekarsky has called the „gate-keeper“ necessarily heightens the tendency of the Jew with a negative balance to cut himself loose from things Jewish. The more typically Jewish people are, or the more typically Jewish a cultural symbol or behavior pattern is, the more distasteful they will appear to this person. Being unable to cut himself entirely loose from his Jewish connections and his Jewish past, the hatred turns upon himself.

 

aus: Lewin, Kurt: Self-Hatred among Jews (1941), in: ders., Resolving Social Conflicts. Selected Papers on Group Dynamics. Edited by Gertrud Weiss Lewin, New York/Evanston/London 1967, S. 186–200, hier S. 194.

Methodologische Kritiknach oben

Die wissenschaftliche Aussagekraft des Konzepts vom „jüdischen Selbsthass“ (bzw. von den synonym verwendeten Termini „jüdischer Antisemitismus“ und „jüdischer Anti-Judaismus“) sowie die Anwendung in der Forschung stellen zentrale Streitpunkte dar. Allan Janik hinterfragt die terminologischen und ideengeschichtlichen Konsequenzen des Konstrukts, indem er argumentiert, die Punze des „jüdischen Selbsthasses“ verunmögliche jedwede eingehendere Auseinandersetzung mit individueller Handlungsentscheidung: „Eine Person mit dem Prädikat ‚Selbsthasser’ zu versehen, beschreibt und bewertet jenen Menschen in einer Weise, die jede weitere konstruktive Diskussion unterbindet“, woraus Janik folgert: „Jene, die sich auf den Begriff des Selbsthasses berufen, scheinen oft etwas der Kritik gänzlich entziehen zu wollen und setzen ihn daher als eine Art ad hominem-Erwiderung ein.[4] Darüber hinaus hält er fest, dass die explizite Wortwahl vom „Selbsthass“ lediglich im Zusammenhang mit dem Verhalten von Jüdinnen und Juden Verwendung finde, nicht jedoch auf andere Nationen, Ethnien oder Religionen angewendet werde.

Neben dieser terminologischen Konzentration und dem ausschließlichen Gebrauch in der Beschreibung jüdischer Identitäten muss als Kritikpunkt angeführt werden, dass sich die wissenschaftliche Forschung zum „jüdischen Selbsthass“ bisher fast ausschließlich auf akademisch gebildete männliche Exponenten beschränkt.

Literatur:

Groys, Boris: Vorwort, in: T. Lessing (Hg.), Der jüdische Selbsthaß, Berlin 2004, S. 7–35.

Gilman, Sander L.: Jüdischer Selbsthaß. Antisemitismus und die verborgene Sprache der Juden, Frankfurt am Main 1993.

Janik, Allan: Die Wiener Kultur und die jüdische Selbsthass-Hypothese. Eine Kritik, in: Botz, Gerhard/Oxaal, Ivar/Pollak, Michael/Scholz, Nina (Hg.): Eine zerstörte Kultur. Jüdisches Leben und Antisemitismus in Wien seit dem 19. Jahrhundert, Wien 2002, S. 113–126.

Lessing, Theodor: Der jüdische Selbsthaß, Berlin 2004.

Lewin, Kurt: Self-Hatred among Jews (1941), in: ders., Resolving Social Conflicts. Selected Papers on Group Dynamics. Edited by Gertrud Weiss Lewin, New York/Evanston/London 1967, S. 186–200.

MAYER, HANS: Außenseiter, Frankfurt am Main 2007.

Zitiervorschlag

Hofinger, Johannes: Jüdischer „Selbsthass“. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/juedischer-selbsthass/. Version . .

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