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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

A.III.4Judentum und der Staat Israel

Helga Embacher

Als David Ben Gurion am 15. Mai 1948 den Staat Israel ausgerufen hat, ist ein 2000 Jahre alter jüdischer Traum in Erfüllung gegangen. Die überwiegende Mehrheit der Juden und Jüdinnen, die vor 1933 noch antizionistisch eingestellt war, blickte mit Stolz auf Israel, das selbst vom Großteil der Orthodoxie anerkannt wurde.

Identifikation mit dem neuen Staatnach oben

Lediglich eine erzkonservative Minderheit (Naturei Charta) verwirft bis heute den als ketzerisch betrachteten jüdischen Staat. Viele betrachteten die erfolgreiche Gründung eines eigenen Staates als Beweis für die Lebensfähigkeit des jüdischen Volkes nach der großen Katastrophe. Vor allem Überlebende der Shoah sahen in Israel eine letzte Zufluchtsmöglichkeit im Falle einer neuerlichen Verfolgung. Mit dem 1950 von der Knesset verabschiedeten „Rückkehrgesetz“ wurde allen Juden die israelische Staatsbürgerschaft angeboten.

Trotz dieser weitgehenden Euphorie über die Staatsgründung hatte der jüdische Staat noch wenige Auswirkungen auf das eigene Leben in der Diaspora. Erst mit dem sogenannten Sechs-Tage-Krieg von 1967 kam Israel eine besondere Bedeutung im jüdischen Bewusstsein zu. Die große Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in der westlichen Welt und hinter dem Eisernen Vorhang identifizierte sich mit dem aus ihrer Sicht in seiner Existenz bedrohten „kleinen David“. In den Tagen vor Kriegsausbruch durchlebten viele auch in der Diaspora ein kollektives Trauma und der schnelle Sieg Israels führte zu einer kollektiven Katharsis. Vor allem für das amerikanische Judentum, die bedeutendste Diaspora, die durch den sozialen Aufstieg nach dem Zweiten Weltkrieg den starken Verlust seiner jüdischen Identität hinnehmen musste, fungierte Israel nunmehr als wesentlicher Identitätsspender. Im Gegensatz zum Holocaust vermittelte die Identifikation mit dem jüdischen Staat eine positive Identität, die anders als streng religiöse Orthodoxie im Alltag einfach „gelebt“ werden konnte und somit ein zu Synagoge und Religion alternatives Bezugssystem bildete. Damit reduzierte sich das Judentum oft auf Spenden an zionistische Organisationen und Israelreisen. Ironischerweise sicherte der Zionismus somit das jüdische Überleben in der durch Assimilation bedrohten Diaspora.

Ein Staat für welche Juden?nach oben

Mit der erfolgreichen Staatsgründung stellte sich auch die Frage, wer überhaupt noch als Zionist zu betrachten sei und welche Rolle dem Zionismus in der Diaspora zukommen sollte. Konkret ging es um die Frage nach dem Mitspracherecht in Israel und inwieweit die Diaspora auf die Rolle des Geldgebers reduziert werden sollte. Bereits in den 1950er Jahren trugen Premierminister David Ben Gurion und Nahum Goldmann als Sprecher des World Jewish Congress und der Zionistischen Weltorganisation darüber heftige Konflikte aus. Israeli machten sich über „Kaffeehauszionisten“ lustig, womit jene Juden gemeint waren, die sich in der Diaspora als Zionisten gerierten, jedoch ihr angenehmes Leben nicht aufgeben wollten und keine Anstalten zur Alijah (zum Aufstieg), also zur Einwanderung nach Israel, machten. Die Einwanderungswellen in den jüdischen Staat verliefen aus israelischer Sicht auch enttäuschend. Während sich viele eine Masseneinwanderung aus den erfolgreichen Gemeinden in den USA erwartet hatten, zeigten sich nur wenige der über fünf Millionen Juden und Jüdinnen bereit, die USA für immer zu verlassen. Selbst unter den zionistischen Funktionären, die in den unmittelbaren Nachkriegsjahren in den DP-Lagern tätig waren, fand sich nur eine kleine Zahl von Israel-„Rückkehrern“. Von den nordafrikanischen Juden und Jüdinnen, die im Zuge der französischen Entkolonialisierung den Maghreb verließen, bevorzugten die sozial bessergestellten Frankreich und Kanada. Auch die russischen Juden strebten mehrheitlich die Auswanderung in die USA an. Israel musste somit zur Kenntnis nehmen, dass häufig jene Juden und Jüdinnen ins Land kamen, die keine andere Wahl hatten.

Aus israelischer Sicht wiederum waren Juden, die nicht bereit waren den Zionismus in die Tat umzusetzen, Juden zweiter Klasse. Jüdisches Leben außerhalb des jüdischen Staates galt als unnormal und dem Untergang geweiht. Der Holocaust sowie die gefährdeten jüdischen Gemeinden hinter dem Eisernen Vorhang, im Nahen Osten und in Nordafrika wurden als Beweis dafür angeführt. Der „neue Jude“ (Sabra) in Israel – wehrhaft, selbstbewusst, zur körperlichen Arbeit zurückgekehrt – wurde zum Gegenstück des passiven, charakterlich schwachen und unterwürfigen Diaspora-Juden und die Jüdischkeit in der Diaspora als unvollkommen betrachtet (Abraham B. Yehoshua). Mittlerweile hat sich die Sicht auf die Diaspora gewandelt und viele sehen vor allem die amerikanischen Juden als eine Quelle der besseren Verbindung zwischen Israel und der Außenwelt. Zur Intensivierung der Beziehung wurden sogar Überlegungen zur Errichtung einer mit Juden aus der Diaspora besetzten beratenden Abgeordnetenkammer angestellt. Verwirklicht wurde das Birthright-Programm, womit junge Juden und Jüdinnen zu einer Israelreise eingeladen werden. Mittlerweile haben sich Tausende, vor allem junge Israeli in Großstädten wie New York, London und Berlin – zumindest zeitweise – angesiedelt.

Loyalitätskonflikte und Positionen im Nahostkonfliktnach oben

Die Beziehung zwischen Israel und Diaspora erwies sich somit nie als einfach. Es war und ist eine große Herausforderung, sich gegenüber Israel loyal zu verhalten, ohne dabei die Loyalität gegenüber dem eigenen Staat zu gefährden. Um ihre doppelte Loyalität zum Ausdruck zu bringen, begannen jüdische Gemeinden nach 1948 sowohl die Fahne des jeweiligen Landes als auch die israelische Fahne zu hissen, neben der jeweiligen Bundeshymne wurde die HaTikwa gesungen. Vor allem Israels Vorgehen, immer wieder für Juden und Jüdinnen in der Diaspora zu sprechen, verstärkte den Eindruck, dass diese sich gegenüber Israel loyaler Verhalten würden als gegenüber dem eigenen Land. Jüdische Kritik an Israel wiederum gerät leicht in Gefahr, einerseits von der falschen Seite vereinnahmt und andererseits von jüdischer Seite allzu schnell als jüdischer Selbsthass abqualifiziert zu werden. Auf alle Fälle erleichtert ein positives Israel-Bild, wie es beispielsweise während des Friedensprozesses in den 1990er Jahren zu beobachten war, das Leben in der Diaspora.

Mit dem Imageverlust, den Israel mit dem Libanonkrieg von 1982, dem Wahlsieg Menachem Begins und seinem rechten Likud-Block, der Zweiten Intifada (Beginn 2000) und den Kriegen im Libanon (2006) und Gaza (2009) weltweit hinnehmen musste, wurde der Diaspora die Komplexität des Israel-Diaspora-Verhältnisses vor Augen geführt. Auch der Wandel der israelischen Gesellschaft, insbesondere die Problematik zwischen säkularen und orthodoxen Israeli hatte ihre Auswirkungen. Nicht immer war und ist es leicht, die Politik Israels zu verteidigen, einige zumeist linke Juden und Jüdinnen stellten sich sogar an die Spitze anti-israelischer Proteste. In den USA entstand in den 1980er Jahren mit der von Michael Lerner gegründeten Zeitschrift Tikkun ein israelkritisches intellektuelles Medium. Zu den umstrittensten israelkritischen Stimmen zählt der renommierte, 2010 verstorbene Historiker Tony Judt. Vom gescheiterten Friedensprozess frustriert, hatte er zuletzt die sogenannte Einstaatenlösung angedacht. In den USA gründete Jeremy Ben-Ami 2008 mit J-Street eine neue Organisation, die sich für eine Zweistaatenlösung einsetzt und eine Alternative zur mitgliederstarken pro-israelischen Lobby AIPEC (American Israel Public Affairs Committee) bilden soll. Britische Intellektuelle gründeten 2007 die Independent Jewish Voice um die Heterogenität der Meinungen gegenüber Israel innerhalb der jüdischen Gemeinschaften zu betonen. Der Zionismus und die Solidarität mit Israel sicherten somit nicht nur die jüdische Identität in der Diaspora, sondern trugen auch zur Spaltung der Diaspora bei.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass israelkritische Stimmen in der Diaspora eine Minderheit darstellen und Israel – neben dem Holocaust – für in der Diaspora lebende Juden und Jüdinnen noch immer einen wesentlichen Bezugspunkt bildet. Nach einer 2006 veröffentlichten offiziellen Statistik leben übrigens erstmals mehr Juden und Jüdinnen in Israel (5,3 Millionen) als in den USA (5,2 Millionen). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts machte die jüdische Bevölkerung weltweit 13 Millionen aus.

Literatur:

Geoffrey Wheatcroft: The Controversy of Zion. Jewish Nationalism, the Jewish State, and the Unresolved Jewish Dilemma, Addison-Wesley Massachusetts 1996.

Nahum Goldmann: Das jüdische Paradox. Zionismus und Judentum nach Hitler, Frankfurt am Main 1978.

Tony Judt: The Alternative, in: New York Review of Books, 25.9.2003.

Jeremy Ben-Ami: Fighting for the survival of the Jewish Nation. A New Voice for Israel, New York 2011.

Zitiervorschlag

Embacher, Helga: Judentum und der Staat Israel. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/judentum-und-der-staat-israel/. Version . .

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