Inhaltsverzeichnis

Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

A.I.2Judentum als Nation

Albert Lichtblau

Als sich in Europa die Idee der Einheit von Volk, Nation und Staat durchzusetzen begann, geriet die jüdische Bevölkerung unter Reflexionsdruck. Rechtlich galt sie als religiöse, politisch und mental jedoch als fremd-nationale Entität. Mit einem neuen jüdisch-nationalen Selbstverständnis wurde nach Auswegen aus diesem Dilemma gesucht.

Die Entstehung des Nationalstaatesnach oben

Der Historiker Hagen Schulze setzt den Beginn des „Zeitalters des Nationalstaates“ mit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert an. Zunächst bestand die Nation noch aus denjenigen Personen, die sich zu ihr bekannten. Mit der deutschen Einigung 1870 und der italienischen Einigung 1871 bildete sich der Typus des „modernen Nationalstaates“ heraus, in dem Volk, Nation und Staat als eine Einheit im Sinne einer „Volksnation“ zusammengedacht wurde. (Zur selben Zeit wurde im europäischen Staatenraum erstmals Schritte in Richtung einer bürgerlichen Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung unternommen.) National orientierte Geschichtsschreibungen konstruierten neue Vergangenheitsbilder zur Idealisierung des eigenen Volkes und zur Abgrenzung gegenüber anderen. Nicht mehr nur Sprache oder Kultur fungierten als Bindeglieder der Volksgemeinschaft, sondern nun auch Blutsbande und die daraus essentialistisch abgeleiteten Charaktereigenschaften.

Parallel zur Herausbildung moderner Nationalstaaten verlief die beginnende Demokratisierung der politischen Systeme und damit die Ablösung eines Honoratiorenparteiensystems durch Massenparteien, die auf immer größer werdende – zunächst ausschließlich männliche – Wählerschichten Rücksicht nehmen mussten. Für die Mobilisierung der Massen und die Resonanz in den Medien waren die neuen Nationalismen prädestiniert, denn sie vermischten die vorhandenen sozialen Ängste mit Bedrohungsszenarien und appellierten damit für einen nationalen Befreiungsschlag. In diesem Szenario war der Antisemitismus nur eine Erscheinungsform des Nationalismus, länderübergreifend jedoch eine der nachhaltigsten. Diese nationalistische Spielart ortete den Feind nicht mehr nur außerhalb des Staates, sondern lokalisierte ihn auch im Inneren, wo er jederzeit abrufbar war. Andere Feindbilder im Inneren waren etwa die Freimaurer, die Sozialisten oder zunächst die Zentrums-Katholiken im Deutschen Reich.

Jüdische Reaktionen zwischen Zionismus und Selbst-Ethnisierungnach oben

Das liberale – auf einem Nebeneinander verschiedener Herkünfte abzielende – Nationskonzept verlor an Strahlkraft, denn mit dem Erfolg der Nationalismen sahen sich Menschen gezwungen, sich individuell mono-national zu deklarieren. Für die jüdische Bevölkerung musste dies heißen, die Bedrohung nationalistischer Ausgrenzungsversuche abzuwehren und auf die Zugehörigkeit zum jeweiligen Staatsvolk und der Nation zu beharren. Der dafür bekannteste Versuch war der 1893 gegründete Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens.

Aus jüdischer Sicht wurde die Frage, ob die jüdische Bevölkerung eine Nation bilde oder nicht, nun zu einer Schlüsselfrage. Im Kontext der Habsburgermonarchie hatte dies durchaus gewichtige Folgen und die Lage war paradox: Von außen wurde die jüdische Bevölkerung immer mehr als eigene „Nation“ angesehen, aber rechtlich war sie lediglich eine Religionsgemeinschaft. Das führte dazu, dass die jüdische Bevölkerung keine Rechte anderer – damals „Volksstamm“ genannter – Bevölkerungsgruppen einfordern konnte, wie z.B. das Recht auf eigene Schulen oder die Berücksichtigung in dem nach wie vor nach nationalen Katastern gegliederten Wahlrecht. Es führte auch dazu, dass die jüdische Bevölkerung „jiddisch“ als ihre „Umgangssprache“ bei Volkszählungen nicht angeben durfte, sondern mit der Nennung einer anderen Sprache einen der anerkannten „Volksstämme“ stärkte.

Innerhalb der jüdischen Bevölkerung wurde das nationale Eigenverständnis intensiv diskutiert, da der Druck von außen enorm war und die liberalen Errungenschaften der Gleichberechtigung zu scheitern drohten. Die Bedrohung durch die Pogrome im Osten Europas und den antisemitischen Rassismus in Mittel- und Westeuropa produzierte eine tiefe Krise innerhalb der nicht-orthodoxen jüdischen Bevölkerung, die nach Auswegen suchte. Den Durchbruch brachte die utopische Schrift Der Judenstaat von Theodor Herzl 1896, der die „moderne Nationalstaatsidee“ systemimmanent für die jüdische Bevölkerung adaptierte. Darin wurde nicht nur die Parole „Wir sind ein Volk“ formuliert, sondern die Vision entworfen, dass dieses Volk einen „eigenen Staat“ gründen müsse, um aus dem Kreislauf der immer wieder bedrohlich werdenden Diasporaexistenz und -identität auszubrechen. Wie diese jüdische Staatsnation Realität werden könne und wie sie aussehen sollte, wurde von da an Gegenstand der zionistischen Bewegung.

Dass dies ein koloniales und patriarchales Konzept war, wird nicht verwundern, wenn man darin eine „zeitgemäße“ Reaktion auf die damals diskutierten Vorstellungen sieht. Dementsprechend stilisierte die zionistische Bewegung Virilität und Stärke zu einem neuen Ideal jüdischer Männlichkeit, während sie den Frauen die Rolle der Beschützerin von Tradition und Nation sowie die Mutterrolle zuwies. Wie in allen nationalistischen Diskursen wurden Fragen der Sprache, des Territoriums, der Kultur und bestimmter Charaktereigenschaften diskutiert; ebenso wurde der Verlauf und Fortgang der Geschichte mit seinen Bedrohungsszenarien und Visionen abgewogen.

Quelle 1:

Wir sind ein Volk – der Feind macht uns ohne unseren Willen dazu, wie das immer in der Geschichte so war. In der Bedrängnis stehen wir zusammen, und da entdecken wir plötzlich unsere Kraft. Ja, wir haben die Kraft, einen Staat, und zwar einen Musterstaat zu bilden. Wir haben alle menschlichen und sachlichen Mittel, die dazu nötig sind. …

Aber wie? Die Juden würden wohl in ihrem eigenen Staat keinen Feind mehr haben, und da sie im Wohlergehen schwach werden und schwinden, so würde das Judenvolk dann erst recht zugrunde gehen? – Ich meine, die Juden werden immer genug Feinde haben, wie jede andere Nation. Wenn sie aber auf ihrem eigenen Boden sitzen, können sie nie mehr in alle Welt zerstreut werden. Wiederholt kann die Diaspora nicht werden, solange die ganze Kultur der Welt nicht zusammenbricht. Und davor kann sich nur ein Einfältiger fürchten. Die jetzige Kultur hat Machtmittel genug, um sich zu verteidigen. …

Darum glaube ich, daß ein Geschlecht wunderbarer Juden aus der Erde wachsen wird. Die Makkabäer werden wieder aufstehen.

Noch einmal sei das Wort des Anfangs wiederholt: Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben.
Wir sollen endlich als freie Männer auf unserer eigenen Scholle leben und in unserer eigenen Heimat ruhig sterben.

Die Welt wird durch unsere Freiheit befreit, durch unseren Reichtum bereichert und vergrößert durch unsere Größe.

Und was wir dort nur für unser eigenes Gedeihen versuchen, wirkt machtvoll und beglückend hinaus zum Wohle aller Menschen.

Herzl, Theodor: Der Judenstaat, in: T. Herzl, >Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen< Altneuland/ Der Judenstaat, hg. v. Julius H. Schoeps. Königstein/Ts. 1985, S. 211, 248 und 250.

 

Ob die jüdische Bevölkerung eine Nation sei oder nicht, wurde allerdings nicht nur in nationalistischen Kreisen diskutiert. Eine Gegenposition entwickelten die sozialdemokratischen Parteien, allen voran der Theoretiker des Austromarxismus Otto Bauer, der trotz seiner auf Assimilation abzielenden Schriften nie aus der Israelitischen Kultusgemeinde austrat. Er erwartete mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung eine Auflösung der jüdischen Eigenidentität. Seine Schrift Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie macht deutlich, wie sehr die Debatten zu einer Art Selbst-Ethnisierung der jüdischen Bevölkerung führten und wie sehr die von den Nationalismen geformten Bilder darüber, was und wie Juden und Jüdinnen seien, sich in das Denken eingeschrieben hatten.

 

Quelle 2:

So beginnen die Juden, sich den Nationen, in deren Mitte sie leben, zu assimilieren. Es ist dies ein schwerer Prozess, der sich nur allmählich vollzieht. Sie haben ihre alte jüdische Sprache in Mitteleuropa längst vergessen, aber sie „mauscheln“ noch immer; und wenn sie selbst dies nicht mehr tun, so sprechen sie die Sprache, die sie angenommen, doch immer noch, wie man eine fremde Sprache spricht, als Buchsprache, ohne jede Erinnerung an die Mundart des Ortes. Sie tragen die überlieferte jüdische Kleidung nicht mehr, aber man erkennt sie als Juden noch am Gebärdenspiel. Sie haben die alte jüdische Religion längst aufgegeben, aber auf ihr an Gedanken- und Gefühlsinhalt so armes Reformjudentum wollen sie nicht verzichten. Sie kennen die alte Literatur, die alten Sagen ihres Volkes nicht mehr, aber kümmerliche Reste von all dem, einzelne Worte und einzelne Sitten, erhalten sie mit großer Zähigkeit. Sie verkehren mit den Menschen, unter denen sie leben, aber sie heiraten nur untereinander und haben ein starkes Bewusstsein ihrer Eigenart und ihrer Zusammengehörigkeit. Der Prozess ihrer Loslösung aus der alten jüdischen Kulturgemeinschaft und ihrer Eingliederung in die Kulturgemeinschaften der anderen Nationen ist noch nicht abgeschlossen, er ist noch im Gange. Darum betrachten auch die Völker den Juden immer noch als einen Fremden. Man sagt heute selbst in West- und Mitteleuropa vielleicht zu viel, wenn man behauptet, dass die Juden keine Nation sind. Aber man darf gewiss behaupten, dass sie aufhören, eine Nation zu sein“

aus: Bauer, Otto: Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, Wien 1924, in: M. Adler/R. Hilferding (Hg.), Marx-Studien. Blätter zur Theorie und Politik des wissenschaftlichen Sozialismus, Bd. 2. Glashütten im Taunus 1971, S. 369f.

 

Totalitäre Nationalismen und Staatsgründungnach oben

Der Erste Weltkrieg führte erstmals zu einem totalitären Nationalismus, etwa wenn der deutsche Kaiser im August 1914 meinte: „Ich kenne keine Parteien und auch keine Konfeßionen mehr; wir sind heute alle deutsche Brüder und nur noch deutsche Brüder.“ Dass die nationalen Mobilisierungen zunächst die jüdischen Armeeangehörigen integrierten, führte zu der Illusion, dass die nationale Zugehörigkeit gewährleistet sei. Die so genannte Judenzählung im Deutschen Reich, mit der untersucht werden sollte, was am Vorwurf der „jüdischen Drückebergerei“ wahr sei, machte die Wirkungsmächtigkeit der ausgrenzenden, antisemitischen Codes auf traumatische Weise für die jüdische Bevölkerung spürbar.

In mehreren Ländern bildeten sich ab 1918 „jüdische Nationalräte“, die dem Bestreben der Zionisten entgegenkamen, von den jüdischen Gemeinden unabhängige national-jüdische Gesamtvertretungen zu schaffen. Dass die tschechoslowakische Republik 1920 das jüdische Volk als eine eigene Nation gesetzlich anerkannte, erscheint in dieser Entwicklung als außergewöhnlich. Bei der Volkszählung 1930 bekannten sich von 76.301 Personen mit religiös jüdischem Bekenntnis jedoch nur 12.735 zur jüdischen Nationalität. Dies zeigt, wie gering die nationale Option für Juden und Jüdinnen geblieben war. Dieses nur vordergründig als im Sinne der jüdischen Bevölkerung positiv zu wertende Beispiel der Tschechoslowakei zielte im Hintergrund ganz wesentlich darauf ab, die Zahl der sich zum Deutschtum bekennenden Staatsangehörigen zu verkleinern. Zudem konnte die Kategorisierung der jüdischen Bevölkerung als „fremde“ Nationalität für die Betroffenen auch eine latente Bedrohung bedeuten.

Die Nationalstaatsidee im Sinne der Einheit von „Staat–Nation–Volk“ wurde mit der Zerschlagung der Großreiche auf die Spitze getrieben, auch wenn es schlichtweg unmöglich war, mono-nationale Staaten zu bilden. Ab nun wurden in Europa die Minderheitenfragen und -rechte relevanter. Die zunächst schleichend zunehmende minderheitenfeindliche Politik mündete im Zuge von Bürgerkriegsszenarien und totalitären Staatsideen schließlich in Krieg, Vertreibung und Vernichtung, eine Entwicklung, von der die jüdische Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg durch die Shoah im besonders grausamen Ausmaß betroffen war. Die Staatsgründung von Israel erfolgte für die in Europa vom Genozid Bedrohten zu spät, nämlich erst 1948. Damit wurde eine real existierende jüdische Staatsnation geschaffen.

Jene, die weiterhin das Leben außerhalb des jüdischen Staates bevorzugten, sahen sich nun in Beziehung zu Israel gestellt, und die Frage der Loyalität zu Israel und dessen Politik blieben angesichts des dauerhaften Kriegszustandes und der Bedrohung des kleinen Staates bedeutsam. Anfangs schien ein Weiterbestehen von jüdischen Gemeinden in Mitteleuropa kaum möglich, erst allmählich schuf die Wiederansiedlung von Überlebenden und neu Zugewanderten Fakten. Es scheint, als wären alte Fragen von nationaler Zugehörigkeit und die Forderung einzelner Juden und Jüdinnen zu den jeweiligen Nationen als Staatsbürger/innen gleichberechtigt dazuzugehören nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Ignatz Bubis (1927–1999), Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, formulierte einen Satz, der an den programmatischen Namen des Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens erinnert: „Ich bin deutscher Bürger jüdischen Glaubens“. Dass Bubis sich eine Beerdigung in Israel wünschte, hat mit der Realität neonazistischer Gewalt zu tun. Er befürchtete, dass auf sein Grab in Deutschland wie auf jenes seines Vorgängers, Heinz Galinski, ein Anschlag verübt werden würde.

Literatur:

Bauer, Otto: Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, Wien 1924. In: M. Adler/R. Hilferding (Hg.), Marx-Studien. Blätter zur Theorie und Politik des wissenschaftlichen Sozialismus, Bd. 2. Glashütten im Taunus 1971.

Barkai, Avraham/Mendes-Flor, Paul/Lowenstein, Steven M.: Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit. Band IV. Aufbruch und Zerstörung 1918-1945. München 1997.

Herzl, Theodor: Der Judenstaat, in: T. Herzl, „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“ Altneuland/ Der Judenstaat, hg. v. Julius H. Schoeps. Königstein/Ts. 1985.

Rose, Alison: Die „Neue Jüdische Familie“. Frauen, Geschlecht und Nation im zionistischen Denken. In: K. Heinsohn/St. Schüler-Springorum (Hg.), Deutsch-jüdische Geschichte als Geschlechtergeschichte. Studien zum 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen 2006, S. 177–195.

Schulze, Hagen: Staat und Nation in der europäischen Geschichte. München 1994.

Stourzh, Gerald: Galten die Juden als Nationalität Altösterreichs? In: Studia Judaica Austriaca 10. Eisenstadt 1984, S. 73–117.

Zitiervorschlag

Lichtblau, Albert: Judentum als Nation. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/judentum-als-nation/. Version . .

Versionsarchiv öffnen
Text kommentieren

Bei Fragen, Anregungen, Wünschen oder Bemerkungen hinterlassen Sie doch bitte einen Kommentar. Die Redaktion wird Ihr Anliegen umgehend bearbeiten.