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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

A.I.1Judentum als „Herkunftsgemeinschaft“ und „Religion“

Gerhard Langer

Der Begriff der Herkunftsgemeinschaft bezeichnet zum einen die lokale Herkunft, zum anderen aber auch die genealogische Abstammung. Beides spielt in der Beschreibung des Judentums vor allem in der Antike und im Mittelalter eine wichtige Rolle im Rahmen einer kulturellen Identität, zu der auch das, was wir heute Religion nennen, unabdingbar dazugehört. Im Zuge der Neuzeit erhält Religion eine selbständige Bedeutung. Der neuzeitliche Begriff Religion steht für eine fragmentierte Identität, in der unterschiedliche Lebensvollzüge getrennt betrachtet werden. Dies erlaubte die gleichzeitige Bindung an eine Glaubensgemeinschaft und die Eingliederung in einen Staat, der diese Eingliederung von sich aus duldete, war also Teil einer bürgerlichen Akkulturation.

Das Judentum als Religion darzustellen ist eine Verkürzung seiner komplexen Lebensrealität, die ihren Ursprung in der Antike hat, genauer gesagt in der Zeit nach der Rückkehr einer judäischen Oberschicht aus dem babylonischen Exil. Dafür, was wir heute unter Religion verstehen, kennen weder Griechen noch Hebräer ein eigenes Wort. In seiner Studie The Beginnings of Jewishness schreibt Shaye J. D. Cohen:

Quelle 1:

Die Juden (Judäer) der Antike bildeten ein ethnos, eine ethnische Gruppe. Sie waren eine mit einem Namen, der mit einem spezifischen Territorium verbunden war, bezeichnete Gruppe. Ihre Mitglieder teilten ein Gefühl gemeinsamer Ursprünge, erhoben Anspruch auf eine gemeinsame und besondere Geschichte bzw. Schicksal, besaßen ein oder mehrere besondere Charakteristika und ein Gefühl kollektiver Einzigkeit und Solidarität. Die Summe dieser besonderen Charakteristika wurde mit dem griechischen Wort Ioudaismos bezeichnet… Die eigentümlichste Besonderheit der Juden war die Art, in der sie ihren Gott verehrten, was wir heute ihre Religion nennen würden. Aber der Begriff Ioudaismos, der Vorläufer des englischen Wortes judaism, bedeutet mehr als nur Religion. Für die antiken Griechen und heutige Sozialwissenschaftler ist „Religion“ nur eine von vielen Einzelheiten, die eine Kultur oder eine Gruppe unterscheidbar machen. Deshalb sollten wir vielleicht Ioudaismos nicht mit „Judaism“, sondern mit „Jewishness“ übersetzen.

Cohen, Beginnings, S. 106f.

Cohens Beobachtung behält auch über die Anfänge des Judentums hinaus Gültigkeit. Die Bedeutung „Judäer“ behält der Begriff „Jehudim“ auch in seleukidischer und römischer Zeit. Wie Ägypter, Kappadozier, Thraker, Phrygier sind „Jehudim“ Mitglieder einer ethnisch abgrenzbaren und geografisch zuordenbaren Gemeinschaft, ob in Judäa oder in der Diaspora. Die Identifikation der Judäer als Gruppe in- und außerhalb des eigentlichen Herkunftsorts war so stark, dass sie als ethnische Einheit erkannt und beschrieben wurden.

In seinem Werk Contra Apionem 2:209f. meint Flavius Josephus, dass die Liebe zu den Menschen auch bedeute, dass jene, die sich dem Judentum anschließen wollen, nicht zurückgewiesen werden, „weil nicht nur die Herkunft sondern auch die Auswahl der Lebensweise eine Verwandtschaftsbeziehung schaffen“. Hier findet sich das Bild der Familie, der Verwandtschaft. Der Mensch, der sich zum „Jewish way of life“ bekennt, tritt in die jüdische Familie ein.

Die rabbinische Bewegung, die für die Identität des Judentums in der Spätantike prägend wurde, hat an diesem Gewebe weitergewerkt und damit die Grundlage für das traditionelle Judentum gelegt. Sie versuchte zweifellos eine gewisse Näherbestimmung des Judentums herbeizuführen. Die Rabbinen führten das Prinzip der Matrilinearität ein, wonach ein Kind einer Verbindung aus einem jüdischen und nichtjüdischen Partner in die ethnische Zugehörigkeit der Mutter eingeordnet wird. Dieses Prinzip folgt Vorgaben des römischen Rechts. Mit der Einführung dieses bis heute gültigen Prinzips sponnen sie einerseits die ethnisch-genea­logi­schen Fäden weiter, andererseits öffneten sie sich anderen Ethnien durch die Integration von Proselyten, indem sie das Judentum als Bekenntnis zum ersten/zweiten Gebot und zur zentralen Rolle der Tora darstellten. Für die Konversion legten sie Regeln und Rituale fest (vgl. bJevamot 47ab; Gerim).

Konversion stellt genealogische Identitätsmodelle auf den Kopf. So wird – etwa in jBikkurim 1,4,64 (vgl. Genesis Rabba 39.16; Sifre Deuteronomium 32 etc.) – Abraham als „mythologischer“ Vater der Konvertiten deklariert und schlägt somit die Brücke von der genealogischen zur kulturellen Zugehörigkeit. In bJevamot 62a werden die Proselyten als „neugeborene Kinder“ bezeichnet. Mit der Übernahme des Judentums werden sie gewissermaßen auch Teil der jüdischen Familie. Ähnliches gilt für Sara (Midrasch Pesiqta Rabbati 43.4 mit Vorläufern in Genesis Rabba 53.9 u.ä.). Sie wird bildlich – in Anlehnung an die antike Isis – zur milchspendenden Mutter für die Proselyten und Gottesfürchtigen.

Herkunft und Abstammung sind Elemente, die in vielfacher Weise in der rabbinischen Literatur abgehandelt werden. Dazu gehören auch Texte, die von der Verdorbenheit der Frevler – wie etwa Esau – und deren nichtjüdischer „Verwandtschaft“ handeln (vgl. etwa Genesis Rabba 65.3). Mischehen werden abgelehnt.

Gleichzeitig zieht man aber auch in vielen Texten die Grenzlinien nicht durch ethnische Zugehörigkeit, sondern durch Verhaltensweisen. Ethisch-moralische Vergehen, fehlende Bescheidenheit, aber auch „Verirrungen“ wie fehlender Glaube an die Auferstehung oder Ableugnung Gottes können dazu führen, dass man als „Anderer“ betrachtet wird.

In Genesis Rabba 48.8 wird Abraham aufgrund seines Verhaltens besonders geehrt. Über ihn heißt es:

Quelle 2:

„[Der Herr erschien Abraham bei den Eichen von Mamre. Abraham saß zur Zeit der Mittagshitze] am Zelteingang.“ (Gen 18,1): Du hast eine gute Tür geöffnet für die Reisenden und Sesshaften; du hast eine gute Tür geöffnet für die Proselyten, denn nur um deinetwegen habe ich Himmel und Erde gemacht, wie es heißt: „[Er ist es, der über dem Erdenrund thront; wie Heuschrecken sind ihre Bewohner. Wie einen Schleier spannt er den Himmel aus,] er breitet ihn aus wie ein Zelt zum Wohnen“ (Jes 40,22). Nur um deinetwegen habe ich die Sonnenscheibe gemacht, wie es heißt: „Dort hat er der Sonne ein Zelt gebaut“ (Ps 19,5). Nur um deinetwegen habe ich den Mond erschaffen, wie es heißt: Siehe, selbst für den Mond hat er kein Zelt bereitet“ (Ijob 25,5).

R. Levi sagte: In der kommenden Welt wird Abraham an der Tür des Gehinnom sitzen und keinem unbeschnittenen Israeliten Eingang gewähren. Was wird er denen antun, die stark gesündigt haben? Er wird die Vorhaut von Kleinkindern entfernen, die vor ihrer Beschneidung gestorben sind und sie bei ihnen anbringen und sie dann in den Gehinnom hinabsteigen lassen, wie geschrieben steht: „Der Feind legt Hand an Gottes Freunde, er entweiht Gottes Bund“ (Ps 55,21).

Genesis Rabba 48.8

Die Beschneidung ist demnach keine Garantie, der „Hölle“ zu entkommen, auch wenn diese in jüdischem Verständnis nicht ewig währen muss. Abraham, der „Schutzpatron“ der Proselyten, wird zum Wächter der Hölle eingesetzt sein und wird nur die passieren lassen, die Gottes Willen entsprechend richtig gehandelt haben.

An wenigen Stellen werden neben Verhaltensregeln auch theologisch-inhaltliche Bereiche der Abgrenzung und Ausschließung erwähnt (mSanhedrin 10.1; tSanhedrin 13.5; bRosch ha-Schana 17a). Dazu gehören die Leugnung Gottes oder der Auferstehung. Im Kontext stehen sie neben öffentlicher Verunglimpfung des Nächsten oder jenen, die sich von der Gemeinschaft entfernen, Schrecken verbreiten, sündigen und zur Sünde verleiten. Auch sie sind daher nur im Rahmen einer Diskussion um soziale Zugehörigkeit verständlich – etwa als Abgrenzung von Gruppen wie den Sadduzäern – und bilden keine ausgereifte dogmatische Glaubensgrundlage.

Im Streit um die zentrale Autorität innerhalb des Judentums werden die praktischen Belange wie die Berechnung des Kalenders oder die gemeinsame Praxis im Glaubensleben bedeutsam.

Allerdings findet sich auch in den rabbinischen Schriften eine verstärkte Bedeutung des Begriffes Glauben (hebr. emuna – bereits in der Mekhilta de Rabbi Jischmael), der neben und mit dem richtigen Verhalten zur Rettung verhilft. Glaube bedeutet hier mehr als Vertrauen und Zuversicht, er wird zu einer eigenständigen Kategorie der Anerkennung Gottes. Mit ihm sind jedoch noch keine ausgereiften dogmatischen Glaubensregeln verbunden.

Moses Maimonides (1135–1204 n.d.Z.) schafft mit seinem Verständnis seiner 13 Glaubensregen (im Rahmen der Auslegung von mSanhedrin 10.1) die Grundlage für eine systematisch/theologische Betrachtung von Zugehörigkeit und Ausgrenzung. Die Zugehörigkeit zu und der Verbleib in der Größe Israel bemessen sich demnach am Verstehen und Glauben dieser Regeln, die Maimonides mit den Mitteln der Vernunft erkennbar hält. Wer sie nicht für wahr erachtet, soll aus der Gemeinde ausgeschlossen werden. In den Augen des Maimonides wird erst der entwickelte Intellekt, die vollendete Erkenntnis der Wahrheit den Menschen in seiner Vollendung „erschaffen“. Also nicht allein das Fürwahrhalten der Glaubensregeln lässt die jenseitige Welt erben, sondern erst die intellektuelle Erkenntnis von deren Wahrheit.

Die dreizehn Glaubensregeln sind zusammengefasst: 1. Gott existiert; 2. Gott ist Einer; 3. Gott ist körperlos; 4. Gott geht der Welt(schöpfung) voraus; 5. Nur Gott darf angebetet werden; 6. Es gibt Prophetie; 7. Mose ist der größte aller Propheten; 8. Die Tora stammt vom Himmel; 9. Die Tora ist unveränderlich und unaustauschbar; 10. Gott kennt alle Menschen einzeln; 11. Der Gerechte wird belohnt und der Böse bestraft werden; 12. Der Messias wird kommen und 13. Die Toten werden auferstehen.

Quelle 3:

Wenn alle diese Grundlagen durch eine Person vollkommen verstanden und geglaubt werden, betritt er die Gemeinschaft Israels und jedermann ist verpflichtet ihn zu lieben und ihm Wohlwollen zu zeigen und ihm gegenüber in jeder Hinsicht so zu handeln wie der Schöpfer es befohlen hat, dass jemand gegenüber seinem Bruder handeln soll, mit Liebe und Brüderlichkeit. Selbst wenn er jede nur mögliche Übertretung begeht, aufgrund von Lust oder weil ihn der Böse Trieb übermannt, wird er seiner Auflehnung entsprechend bestraft, so hat er doch Anteil (an der kommenden Welt), er ist ein Sünder aus Israel.

Aber wenn jemand irgendeine dieser Grundlagen anzweifelt, so verlässt er die Gemeinschaft, lehnt den Urgrund ab (Gott), und wird ein Sektierer genannt, ein Epikuräer, und einer, der die Pflanzung ausreißt. Man ist verpflichtet, ihn zu hassen und ihn zu vernichten. Über eine solche Person ist gesagt: „Hasse ich nicht die, die dich hassen, o Herr!“ (Ps 139,21)

Kommentar des Maimonides zu Mischna Sanhedrin 10.1

Die theologisch-dogmatische Sicht des Judentums des Moses Maimonides fand in den ersten beiden Jahrhunderten nach seinem Tod noch keine breite Beachtung. Sie setzte sich jedoch mehr und mehr im Zuge der christlichen Herausforderung durch und wurde zu einem beherrschenden Motor „orthodoxer“ jüdischer Selbstdefinition. In der vorherrschenden „orthodoxen“ Praxis werden die strengen Bestimmungen „milder“ ausgelegt und häufig zwischen dem „Sünder“ (dem vergeben werden kann) und der „Sünde“ (die nicht zu vergeben ist) unterschieden.

In der Spätantike und im Mittelalter waren Identitätsmarker wie der (bis in den Tod zu verteidigende) Glaube an den einen Gott, kulturelle Gemeinschaftspraxis, ethisch-moralische Anschauungen, kultische Vollzüge und Bereiche des Spirituellen nicht zu trennen. Wenn die Rabbinen etwa von Gottesfurcht sprachen, meinten sie damit auch die Aneignung von Wissen, das konkrete Verhalten und ethische Grundsätze.

In der Neuzeit hingegen erhält der Begriff der Religion eine selbständige Bedeutung. Der neuzeitliche Begriff Religion steht für eine fragmentierte Identität, in der unterschiedliche Lebensvollzüge getrennt betrachtet werden. Dies erlaubte die gleichzeitige Bindung an eine Glaubensgemeinschaft und die Eingliederung in einen Staat, der diese Eingliederung von sich aus duldete, war also Teil einer bürgerlichen Akkulturation. Ein solches Verständnis von Religion konnte in der Antike nur zeitweilig aufblitzen, wenn über die Glaubenspraxis im Kontext von Fremd- und Selbstbestimmung gehandelt wurde.

Nicht unbeeinflusst von protestantischen Denkern entwickelte sich vor allem im deutschen Sprachraum der Versuch, das Judentum als Religion zu definieren. Verbunden damit sind Elemente wie freie Entscheidung der Zugehörigkeit, Betonung des Individuums und die Trennung von Religion und Staat. Die Trennung von Religion und „Staat“ sollte die stärkere Integration von Juden in die mehrheitlich nichtjüdische Gesellschaft erleichtern.

Über die Definition der jüdischen Religion herrschen unterschiedliche Meinungen. Die Betonung des apolitischen Charakters der jüdischen Religion konnte auch mit einer Verteidigung gegenüber dem Vorwurf des Legalismus einhergehen. Moses Mendelssohn (1729–1786) betonte den kontemplativen und verinnerlichten Wert des „Zeremonialgesetzes“. Er konnte von „ewigen Wahrheiten vor Gott“ sprechen, die durch Vernunft erkennbar sind, und ihnen spezifisch für das jüdische Volk gegebene Regeln und Geschichten gegenüberhalten, konnte an Gott als Offenbarer festhalten und die schriftliche und mündliche Tora, auch den Talmud, verteidigen und zu strikter Observanz auffordern.  Spätere Aufklärer haben dies stark in Zweifel gezogen und vor allem die rabbinische Weltsicht und Theologie verantwortlich für das Schicksal des Judentums gemacht, das sich von der Welt abgesondert habe (Salomon Maimon; Lazarus Bendavid).

Neben dem Aspekt der bürgerlichen Assimilation ist die Loslösung von den traditionellen innerjüdischen Bezügen, nur unzulänglich mit Orthodoxie bezeichnet, der zweite Eckpfeiler eines Verständnisses von Judentum als „Religion“. Ein Denker wie Saul Ascher (1767–1822) stellt zwei Gruppen gegenüber, die Orthodoxie und die Reformation, welche sich bei ihm in 14 Glaubensprinzipien ausdrückt, die sich an Maimonides anlehnen, und in der Speisegebote und Verbot der Mischehe keine Rolle mehr spielen sollen. Das Judentum wird eine wandelbare, von geschichtlichen Entwicklungen nicht zu lösende Größe. Religion ist vom Glauben der Gläubigen abhängig, nicht mehr von Gottes ewigen Geboten.

Auch die Wissenschaft des Judentums verband den Wunsch nach Akkulturation mit der kritischen Beschäftigung mit der Tradition. Gleichzeitig wurde – entsprechend aktueller Geschichtsphilosophie (Hegel) – der Wert des Judentums als geschichtliche Größe betont.

Parallel zur Aufklärung entwickelte auch der Chassidismus eine stärker auf die Begegnung des Individuums mit Gott gestützte Erlösungslehre, die sich nicht zuletzt an kabbalistischen Vorbildern wie Isaak Luria ausrichtete. Das Engagement jedes einzelnen zur Rettung der Welt ist entscheidend.

Die liberale Bewegung, die aus der Aufklärung erwächst, hat organisatorisch in der Pittsburgh Platform von 1885 ihre große Linie gefunden und darin die Berechtigung anderer, speziell monotheistischer Religionen neben dem Judentum betont, in dem allerdings die Gottesidee am reinsten und höchsten entfaltet sei. Christentum und Islam erfüllen als Tochterreligionen des Judentums die missionarische Funktion der Verbreitung des Monotheismus, der aber mit den Prinzipien des modernen Humanismus verbunden sein soll. Vor allem im Hinblick auf den Messiasglauben kam es zu einer radikalen Wende, als man die traditionelle Hoffnung nun durch eine Erwartung einer „Herrschaft der Wahrheit, Gerechtigkeit und des Friedens unter allen Menschen“ ersetzt. Wörtlich heißt es dort:

In dem modernen Zeitalter einer universalen Kultur des Herzens und der Vernunft sehen wir den Anbruch der großen messianischen Hoffnung Israels auf die Verwirklichung des Königreichs der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Friedens unter allen Menschen. Wir betrachten uns selbst nicht mehr als ein Volk, sondern als eine religiöse Gemeinschaft und erwarten daher weder eine Rückkehr nach Palästina noch einen Opferkult unter Aufsicht der Söhne Aarons noch die Wiedergültigwerdung irgendwelcher Gesetze, die einen jüdischen Staat betreffen.

Samson Raphael Hirsch (1808–1888), der Begründer der Neoorthodoxie, konnte sich zwar gegen eine Privatisierung von Religion und eine Reduktion des Judentums auf Religion aussprechen, übernahm aber die grundlegenden Prinzipien der Moderne. Der folgende Quellentext ist aussagekräftig:

Quelle 4:

Nie war Land und Boden sein Einigungsband, sondern die gemeinsame Aufgabe der Thauroh; darum ja auch eine Einheit noch, wenn auch fern vom Lande, – und darum noch Einheit, wenn auch überall in der Zerstreuung angebürgert; (nenne man diese Einheit hebr. am und goj, nicht deutsch „Volk“, wenn man von diesem deutschen Worte das Merkmal gemeinsamen Bodens nicht zu trennen vermag); bis sie einmal Gott auch äußerlich als Volk auf einem Boden vereinigen und die Lehre der Thauroh wieder als Prinzip eines Staates dastehen werde, zum Muster und zur Offenbarung Gottes und des Menschenberufs – eine Zukunft, die als Ziel das Goluß gesteckt, verheißen ist, aber ja nicht tätig von uns gefördert werden darf, nur erhofft; und zu der wir erzogen werden, daß wir dann im Glücke besser „Jissroel“ darstellen mögen als das erste Mal; eine Zukunft, die ja Hand in Hand geht mit Erhebung der Allmenschheit zur Allverbrüderung unter Gott, dem Alleinen! Eben dieser rein geistigen Natur der Volkstümlichkeit Jissroels halber ist es darum auch überall zum innigen Anschluß an Staaten fähig; nur darin sich vielleicht scheidend, daß, während andere etwa die Güter, die der Staatszweck sichert, Besitz und Genuß in weitester Bedeutung, als das Höchste achten möchten, es sie selber stets nur als Mittel zur Erfüllung des Menschenberufs betrachten könne. Und denken Sie sich einmal das Bild solches unter Völkern freiwohnenden, sein Ideal erstrebenden Jissroels! Jeder Jissroelssohn geachteter, weitwirkender Beispielspriester der Gerechtigkeit und Liebe; – nicht Jissroeltum – was ihm verboten – aber reines Menschtum unter den Völkern verbreitend! Welcher Hebel zum Fortschritt der Menschheitserziehung, welche Leuchte und Stab in des Mittelalters nächtigen Tagen, wenn Jissroels Sünde und der Völker Wahn dieses Bild des Goluß nicht zurückgedrängt; wenn in Mitte einer nur Gewalt und Besitz und Genuß erstrebenden und vergötternden, nicht selten von Wahn umdunkelten Menschheit still und offen Menschen gelebt hätten, die in Besitz und Genuß nur Mittel sahen, Gerechtigkeit und Liebe gegen alle Welt zu üben, deren Geist, von der Lehre Wahrheit und Weisheit erfüllt, nur menschlich gerade, vernünftige Ansichten gehegt und in lebendigem Tatsymbol für sich und andere verewigt hätte!

Hirsch, Briefe, S. 87f.

Die religiöse Aktivität des Judentums für die Welt als Gesamtes betonen schließlich bedeutende Denker wie Hermann Cohen (1842–1918), dessen Hauptwerk den bezeichnenden Titel Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums trägt – als stellvertretendes Leiden für den Monotheismus –, oder später Emmanuel Levinas (1906–1995). Religion wird hier stark mit Ethik identifiziert, die Gebote werden als ethische Prinzipien gedeutet.  Während aber Cohen einer Integration in den modernen deutschen Staat das Wort redete (vor der Schoa), plädierte Levinas für einen von der Ethik, der Gerechtigkeit, durchdrungenen jüdischen Staat.

Joseph B. Soloveitchik (1903–1993) verband in seinen Büchern The Lonely Man of Faith, Halakhic Man und Halakhic Mind eine Vorstellung von Judentum als Religion als ganz spezifische Erfahrungsdimension mit der Bedeutung der Umkehr und des Selbstopfers.

Der Staat Israel, in traditioneller Sicht erst durch den Messias wiederhergestellt, ist hier Teil eines religiösen Konzepts. Der Schoatheologe Emil Fackenheim (1916–2003) postulierte mit dem 614. Gebot, Hitler keinen postumen Sieg zu gewähren, auch für eine enge Verbindung von Staatsgründung Israels und dem Willen Gottes, die sich nach 1967 noch besonders verstärkt. Der Staat wird theologisch definiert, hat für das Judentum rettende Funktion, während die messianische Zeit schließlich die Rettung aller Menschen bringen wird.

Eine theologische Begründung des Staates war gelegentlich vertreten worden, musste sich aber gegen die vorherrschende Tradition und gegen die mehrheitlich säkular eingestellte zionistische Bewegung behaupten. Für Denker wie Abraham Isaac Kook (1865–1935) war der Staat ein Schritt in die Richtung messianischer Erlösung.

Neben der Religion kann auch die Kultur bzw. Zivilisation als ein Begriff der Moderne verstanden werden, mit dem sich jüdische Strömungen verbinden. So definierte Mordechai Kaplan „Judaism as Civilization“ als umfassende Lebensform, die auf die moderne amerikanische Gesellschaft ausstrahlen soll.

Auf der anderen Seite sind jene Bewegungen zu nennen, die in einem Rückbezug zur traditionellen Verbindung aller Lebensbereiche orthodoxes Judentum abseits des „Mainstream“ leben und gerne als sog. Ultraorthodoxe, im Hebräischen Charedim, bezeichnet werden. Ihre strenge Ablehnung von Innovation richtet sich nicht nur gegen Reformbewegungen, sondern auch gegen die Neoorthodoxie.

Um zum Schluss noch einmal auf das Thema Herkunftsgemeinschaft zurückzukommen, sei erwähnt, dass nicht zuletzt nach den Rechtsentscheiden in Bezug auf die Beantragung des Rückkehrrechts nach Israel durch den getauften Juden Daniel Rufeisen 1962 (negativ beschieden) die Frage „Wer ist Jude/Jüdin“ erneut massiv diskutiert wurde.  Sie ist in den letzten Jahrzehnten vor allem durch eine Reihe von Gesetzesinitiativen orthodoxer Gruppen in Israel bestimmt, die eine Anerkennung von Konvertiten als Jude/Jüdin davon abhängig machen wollen, dass die Konversion nach orthodoxen Regeln erfolgt.

Literatur:

Cohen, Shaye J. D.: The Beginnings of Jewishness. In: Kirche und Israel 2 (2001), S. 106f.

Hirsch, Samson Raphael: Neunzehn Briefe über Judentum. Als Voranfrage wegen Herausgabe von „Versuchen“ desselben Verfassers über „Israel und seine Pflichten“. Zürich 1987.

Weiterführende Literatur:

Batnitzky, Leora: How Judaism Became a Religion. An Introduction to Modern Jewish Thought. Princeton u.a. 2011.

Cohen, Shaye J.D.: The Beginnings of Jewishness. Boundaries, Varieties, Uncertainties. Berkeley 1999.

Kellner, Menachem: Must a Jew Believe Anything? Oxford u.a. 2006.

Schulte, Christoph: Die jüdische Aufklärung. München 2002.

Zitiervorschlag

Langer, Gerhard: Judentum als „Herkunftsgemeinschaft“ und „Religion“. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/judentum-als-herkunftsgemeinschaft-und-religion/. Version . .

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