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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

C.VII.4Judas

Maria Dorninger

Die Etablierung des Christentums führte seit dem 1. Jh. n. Chr. immer mehr zu einer Abgrenzung vom Judentum. Verbunden mit dieser Entwicklung wurde die Gestalt des Judas nicht nur als Verräter an Christus, des heimtückischen Menschen, als Typus des an der Gnade Gottes Zweifelnden, sondern auch als Vertreter des Judentums bzw. der Juden gesehen. Diese Verbindung zwischen Judas und Juden, wenn sich auch Akzentverschiebungen im Laufe der Jahrhunderte ergaben, wirkt noch weit über die Antike hinaus bis in die unmittelbare Vergangenheit.

 Judas der Verräter: Der andere Apostelnach oben

Die Gestalt des Judas Iskariot ist für das Christentum untrennbar mit dem Verrat an Jesus Christus verbunden. Mit diesem Verrat und den Judas zugeschriebenen schlechten Charaktereigenschaften wird dieser in der christlich-theologischen Tradition und in der Volksmeinung zum Bösewicht par excellence. Wie tief diese Anschauung verankert ist, zeigt sich in den verschiedenen Sprachen. Im Deutschen etwa kann Judas einen heimtückischen Menschen, einen Verräter und Denunzianten bezeichnen und für die Eigenschaften von Falschheit und Tücke stehen.

In der ersten Schilderung des Abendmahls bei Paulus (1 Kor 11,23–26) findet Judas keine Erwähnung. Erst die Evangelien machen ihn zur Schlüsselfigur und zum Auslöser der Passion und des Todes Christi. Dabei verdunkelt sich seine Zeichnung vom ältesten bis zum jüngsten Evangelium. Judas’ Entschluss der Auslieferung Christi wird das Motiv des Geldes beigegeben, ihm Heuchelei unterstellt, und er schließlich dämonisiert. Ungleich den anderen Jüngern oder Aposteln wird Judas in Opposition zu Christus gezeigt. Er wird zu dem anderen, der im negativen Sinne anders denkt und anders handelt. Möglicherweise weist auch sein Beiname Iskariot auf eine Opposition. Abgeleitet von Keriot-Keriat würde damit Judas zum einzigen der Apostel, der nicht aus Galiläa kommt.

Wenn auch immer wieder, etwa im 20. Jahrhundert, vermehrt, die Existenz von Judas’ Verrat hinterfragt und Judas als mögliche fiktive Rolle gedacht wurde, so blieb dennoch sein Name vor allem mit Negativem verbunden. Dies konnte durch die positiven Judasgestalten der frühchristlichen Schriften (Judas (Thaddäus): Lk 6,16, Apg 1,13) oder des Alten Testaments (Judas Makkabäus) nicht aufgewogen werden. Im Zentrum der theologischen Forschung steht vor allem die formgeschichtliche Methode, die sich mit Judas’ kerygmatischer Funktion für die Gemeinde beschäftigt und seine Darstellung aus den jeweiligen konkreten Anlässen zu sehen sucht.

Judas: der andere, Böse, Verworfenenach oben

Für das Mittelalter wie für die folgenden Jahrhunderte waren die biblischen Schriften ebenso wie die exegetischen Darstellungen der frühen Kirchenschriftsteller von besonderer Bedeutung. Judas’ Charakteristik fällt darin nicht positiv aus. Er ist von Geldgier, avaritia, getrieben, ein Dieb, ein Verräter und einer der dem „Judaskuss“ seinen Namen gibt. Von manchen als gänzlich schlechter Charakter gesehen, erweist sich an ihm selbst jedoch die patientia, die Geduld, Gottes mit den Menschen. Beeinflusst von Satan, wenn auch der Tod Christi als heilsnotwendig gesehen wird, wird Judas doch eine gewisse Eigenverantwortung (vgl. Origenes, 3. Jh.) zugestanden. Sein Selbstmord wird bereits im 4. Jh. vom Kirchenvater Ambrosius schwerwiegender als der Verrat an Christus eingeschätzt. In der Legende und im Passionsspiel des Mittelalters rückt so die desperatio, Judas’ Verzweiflung über seine Tat, in den Vordergrund, die ihn an der Barmherzigkeit Gottes zweifeln lässt und ihm die Verdammnis bringt.

 

Quelle 1: Judas’ desperatio: Heidelberger Passionsspiel (1514 aufgezeichnet):

 

O we, nembt eUer pfenning wider; / Ich hann mich versunnen sydder,/ Das jch gar vbell hann gethann,/ Das vnschuldigh blutt veroitten hann./ Mein sünde vnnd mein hercz leydtt/ Ist groysser dann gottes barmherczigkeytt./ Gott kann mir mein sünde nitt vergebenn; /Ich will mir selber nemenn das lebenn. […] Ow, o we, ir armenn mann,/ Da jch ye das lebenn gewann./ Ich kann mich nu nyrgett bewarnn;/ Sündiglichenn hann jch gefarenn,/ Ich honn verroittenn vnnd vff gebenn/ Dem vnschuldiglichenn sein lebenn/ Vnnd sin wirdigliches blutt./ Gar we mir das ewigklichenn duth.

Heidelberger Passionsspiel, hg. von G. Milchsack. Tübingen 1880, vv. 4535-4542; 4551-4558.

 

Judas wird so in Opposition gesetzt zum (guten) glaubenden Menschen, der zwar gegen Gott fehlen, doch immer den Weg zu dessen Barmherzigkeit einschlagen kann und will, während sich Judas von seiner Verzweiflung beherrschen lässt und somit nicht an Gottes große Gnade glaubt. Als abschreckendes exemplum verweist Judas in tropologischem Sinn ebenso auf den geistigen Kampf zwischen Gut und Böse in jedem Menschen (vgl. Beda Venerabilis, 8. Jh.) und wird damit auch zur Warnung und zum Spiegel für den Christen. Der Blick auf Judas als den anderen, den Bösen, bleibt jedoch dabei erhalten.

Aus der Darstellung Judas’ in den Evangelien und der Apostelgeschichte (Geldgier, Verrat, Tod durch Erhängen bzw. Sturz und Herausquellen der Eingeweide) kann nicht auf seine ewige Verdammnis geschlossen werden. Auf diese wurde jedoch zuweilen geschlossen vor allem im Hinblick auf seine desperatio, die schließlich in den Selbstmord führte, wie dies in den Ausführungen von Gaufredus bzw. Gottfried Babion (12. Jh.) deutlich wird. Dieser sieht im Nicht-Glauben an die Gnade Gottes auch eine Parallele zu den Teufeln. In den Passionsspielen wird die Folge dieser Verzweiflung (Judas wird von den Teufeln in die Hölle geführt, vgl. „Donaueschinger Passion“, 15. Jh.) anschaulich dargestellt.

Wurde das Verratsmotiv ursprünglich mit moralischen Komponenten verbunden und Judas vor allem Geldgier als Motiv unterstellt, so steht seit dem 18. Jh. mit dem „Messias“ Gottlieb Friedrich Klopstocks ein politisches Motiv im Vordergrund. Durch den Verrat will Judas Christus zum aktiven Handeln bewegen und damit die Errichtung eines messianischen Reiches auf Erden beschleunigen. Die Integrierung von Judas’ Verrat in das Heilsgeschehen bzw. seine Notwendigkeit dafür, die in Ansätzen bereits in den Schriften des Neuen Testamentes oder bei den Kirchenvätern, wie etwa Augustinus, zu beobachten ist, führte schließlich auch zur Einschätzung von Judas durch Friedrich Hebbel als besonders Gläubigen, der den Verrat um der Erlösung willen auf sich nimmt. Diese Interpretationsrichtung wurde ebenso von Walter Jens weitergeführt.

 

Quelle 2: Judas als glaubender und gläubigster Mensch

 

In der Form eines fiktiven Berichtes des Franziskanerpaters Berthold B., der eine Seligsprechung von Judas erstrebt, wird der Fall Judas neu aufgerollt und seine Stellung in der Heilsgeschichte einer Revision unterzogen. Der Text geht vom Zusammenhang von Schädelstätte und Blutacker, von zwei Opfern am Holz aus. Der Verfasser nimmt dabei die Position des Anwaltes, Verteidigers und Richters ein.

„Dank sei dem Judas! Er hat getan, was getan werden mußte. Er hat gewollt, was Gottes Wille war. Einer mußte es tun – und dieser eine war Judas. Er wußte, daß es eines Menschen bedurfte, um Jesus zu überliefern: Ein Mensch war vonnöten, kein Gott! Ein Mensch der bereit war, zum Attentäter zu werden […]

Nun, die Wirklichkeit sieht anders aus: Judas war kein Opferlamm. Er tat es freiwillig. Judas war eingeweiht, und darum ging er Seinen auch als seinen Weg. Er war – ich bitte um Verzeihung für das Wort – Jesu Komplize: Nicht nur einer der Zwölf, die Israels zwölf Stämme repräsentieren, das gottgewollte Reich, das das zerstreute Volk am Ende der Tage wieder in Besitz nehmen wird, nicht nur einer aus dem Kreis der Apostel.“

Jens, Walter: Der Fall Judas. Stuttgart 1978, S. 9, 15.

 

Dennoch bleibt Judas das Image des Verräters erhalten, das ebenso in Richtung Verschwörung weist, so dass die Judas-Gestalt synonym stehen kann für den zum anderen Gewordenen und zum Begriff verfestigt auf einzelne Menschen und Gruppierungen übertragbar ist.

So wird auch Judas von Hans Folz (15. Jh.) zu Hilfe genommen, um damit Johann Hus und seine Anhängerschaft bzw. ihre Botschaft zu charakterisieren oder ein Jahrhundert später aus protestantischer Perspektive die Jesuiten wie Mönche überhaupt.

Judas und die Judennach oben

Schon bei Origenes findet sich die Gleichsetzung von Judas mit dem jüdischen Volk. Ab dem 4. Jh. jedoch ist eine vermehrte Identifizierung von Judas mit den Juden erkennbar, wobei mit Juden immer die jüdische Religionsgemeinschaft gemeint ist. Diese Entwicklung förderte möglicherweise der ständig wachsende Antagonismus der Mutter- und Tochterreligion.

Eine Gleichsetzung von Judas und Juden erleichterte der Name selbst. Juda (hebr. Jehuda: Dank, Preis) leitet sich vom Namen eines der Stammväter Israels ab.

Als Vertreter der Juden und des Judentums wird der Jünger Judas infolge der religiösen Entwicklungen somit zum Gegner der Christen und, wie sich schon bei den Synoptikern ankündigte, dämonisiert. Der Gelehrte Hilarius von Poitiers (4. Jh.) nennt Judas eins mit dem Teufel und bezeichnet ihn als caput iniquorum, mit denen er vor allem die Juden personifiziert. Nicht in diesem aggressiven, gehässigen Ton wie Hilarius (4. Jh.), doch auch negativ sieht Ambrosius (4. Jh.) Judas, der für ihn die untergehenden Juden bzw. das Judentum versinnbildlicht. Diese schätzen das Geld mehr als die Religion und verkaufen und kaufen Christus um Geld. Ambrosius kann diese mangelhafte charakterliche Haltung jedoch nicht nur bei Juden, sondern auch bei Nicht-Juden erkennen. Judas wird so aus einer christlich, kerygmatischen Perspektive heraus zu einem Menschen, der nicht christlich, d.h. irdisch denkt, und zum anderen zu einem, der einer anderen Religion, dem Judentum, angehört und sie verkörpert.

Diese Ineinssetzung von Judas und dem jüdischen Volk führte auch vereinzelt zu der Ansicht, das jüdische Volk sei nach Judas benannt worden. Gleichzeitig bewirkte sie die Übertragung von Judas zugeschriebenen Charaktermerkmalen, zu denen avaritia (Habsucht) und perfidia (Unglaube) gehören, auf das jüdische Volk. Die Darstellung von Judas, der das Geld, sein Honorar, für die Auslieferung Christi zählt, hatte auch zum Bild des bzw. der Juden als Wucherer beigetragen. Seit dem 12. Jh. bekämpfte die Kirche den Wucher, der sowohl von Christen als auch Juden betrieben wurde, doch hatte sich das Bild des Wucherjuden im Spätmittelalter verfestigt und wirkte in die folgenden Jahrhunderte bis in die Gegenwart. Es erleichterte die Identifizierung des jüdischen Volkes als anders, böse und als Feind.

Mit der Säkularisierung der Gesellschaften war auch die religiöse Zuordnung von Judas und dem jüdischen Volk geschwunden. Innerhalb der christlichen Religion gab es trotz aller feindseligen Stimmung durch die Jahrhunderte ebenso einen gewissen Respekt, da die Weiterexistenz des jüdischen Volkes bzw. seines Glaubens auch als Zeugnis für die Wahrheit der christlichen Religion betrachtet wurde. Am Ende der Zeiten würde es an Christus glauben. Daran konnte auch die zum Teil im Mittelalter vertretene Ansicht nicht rütteln, der Antichrist würde aus dem Stamme Dan hervortreten. Eine Ausformung dieser Vorstellung vom Zeugnischarakter kann auch im Bild des ewigen (wandernden) Juden, Ahasver, gesehen werden.

Ebenso zeigte sich in den Volksbräuchen die Verbindung von Judas und dem jüdischen Volk. Zeugnis davon gibt etwa das 1847 in Athen während des Besuchs von Baron Rothschild erlassene Verbot, eine Judaspuppe zu Ostern zu verbrennen, oder der im niederrheinischen Gebiet im 19. Jh. bestehende Brauch am Ostersonntag jüdische Häuser mit Steinen zu bewerfen. Mit der Loslösung von den religiösen Komponenten konnte die Judasgestalt auch für den neuzeitlichen und modernen Antisemitismus funktionalisiert werden, wie sich dies in der Diktion und Propaganda spiegelt (vgl. Quelle 3). Während die religiös-christliche Rückbindung trotz allem Negativem auch eine positive Sicht von Judas, den Juden und damit dem anderen erlaubte, wurde mit der Loslösung davon, auch der Weg zur Entmenschlichung geöffnet. Die Folgen dieser Ineinssetzung erreichten ihren Höhepunkt in den Gräueln des Dritten Reiches. Judas wurde damit nicht nur der religiös andere, der anders denkende, der rassisch andere, sondern der aus dem Mensch-Sein-Gefallene, als minderwertig und Nicht-Mensch betrachtet.

 

Quelle 3: Judas als Chiffre für die Juden im 20. Jahrhundert:

Dietrich Eckart 1919/23 Melodie Hans Gansser (1922 Adolf Hitler zugeeignet)

 

“Deutschland erwache“ 1. Strophe: Das Gedicht, ein Kampfaufruf gegen das jüdische Volk, spiegelt eine Bedrohung durch dieses vor:

„Sturm, Sturm, Sturm, Sturm, Sturm!/ Läutet die Glocken von Turm zu Turm!/ Läutet, daß Funken zu sprühen beginnen,/ Judas erscheint, das Reich zu gewinnen,/ Läutet, daß blutig die Seile sich röten,/ Rings lauter Brennen und Martern und Töten,/ Läutet Sturm, daß die Erde sich bäumt/ Unter dem Donner der rettenden Rache!/ Wehe dem Volk, das heute noch träumt!/ Deutschland erwache!’“

Ähnlich geht auch Hans Steiger vor, der demagogisch Judas und jüdisches Volk vermengt. Seine “Judasballade“ (1928) bezieht das Ahasver-Motiv ein. Er wendet sich darin am Ende des 6. Gesanges an

„[a]lle vom Judasvolk betrogenen, ausgeplünderten, bestohlenen, beraubten, entehrten und geknebelten Deutschen“.

Eckart, Dietrich: Deutschland erwache. In: Bernhard Dieckmann, Judas als Sündenbock, 16.

Hans Steiger, Die Judasballade. Berlin 1928, S. 35.

Literatur:

Dieckmann, Bernhard: Judas als Sündenbock. Eine verhängnisvolle Geschichte von Angst und Vergeltung. München 1991.

Dinzelbacher, Peter: Judastraditionen. Wien 1977.

Dorninger, Maria E.: Judas Ischarioth. In: Verführer, Schurken, Magier. Hrsg. von Ulrich Müller und Werner Wunderlich. St. Gallen: UVK, Mittelalter Mythen 3, S. 411–455.

Frey, Winfried: Ein geborner Jud von Jerusalem. Überlegungen zur Entstehung der Ahasver-Figur. In: Von Enoch bis Kafka. Festschrift für Karl E. Grözinger zum 60. Geburtstag. Hrsg. von Manfred Voigts. Wiesbaden 2002,  207–217.

Frey, Winfried: Zehen tunne goldes. Zum Bild des „Wucherjuden“ in deutschen Texten des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. In: Amsterdamer Beiträge zur Älteren Germanistik 43/44, 1995, S. 177–194.

Heil, Johannes: „Gottesfeinde“ – „Menschenfeinde“. Die Vorstellung von jüdischer Weltverschwörung (13. bis 16. Jahrhundert). Essen 2006.

Rohrbacher, Stefan/Schmidt, Michael: Judenbilder. Kulturgeschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile. Reinbek bei Hamburg 1991.

Schoeps, Julius H./Schlör, Joachim (Hg.): Bilder der Judenfeindschaft. Antisemitismus – Vorurteile und Mythen. Augsburg 1999.

Schreckenberg, Heinz: Christliche Adversus-Judaeos-Bilder. Das Alte und Neue Testament im Spiegel der christlichen Kunst. Frankfurt am Main u.a. 1999.

Wenninger, Markus J.: Juden und Christen als Geldgeber im hohen und späten Mittelalter. In: Die Juden in ihrer mittelalterlichen Umwelt. Hrsg. von Alfred Ebenbauer und Klaus Zatloukal. Wien/Köln 1991, S. 281–300.

Zitiervorschlag

Dorninger, Maria: Judas. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/judas/. Version . .

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