Inhaltsverzeichnis

Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

A.II.7Götzendiener als paradigmatisch Andere

Ursula Ragacs

Dem deutschen Götzendienst entspricht im Hebräischen der Begriff Avodah Zarah. Ihm ist in der rabbinischen Literatur, in der Mischna, in der Tosefta und in den beiden Talmudim, jeweils ein ganzer Traktat gewidmet.

Gottesdienst versus Götzendienstnach oben

Der Grundgedanke des Mischnatraktates besteht darin, durch Verbote oder Handlungsanweisungen Juden davor zu bewahren im praktischen Leben Taten zu setzen, die als Verehrung fremder Götter und damit Götzendienst verstanden werden könnten. In den auf den Mischnapassagen aufbauenden Texten der Tosefta wird das Material erweitert und die ursprünglich hauptsächlich religionsgesetzlichen (halakhischen) Texte mit erzählerischen (aggadischen) Abschnitten vermengt. Die beiden Talmudim fügen diesen Texten noch Material hinzu, das zahlreiche Hinweise auf die Beziehungen zwischen Juden und Angehörigen verschiedener anderer Religionen gibt. Für das jüdisch-christliche/christlich-jüdische Zusammenleben der Spätantike und des Mittelalters sind dabei besonders die Stellen von Interesse gewesen, aus denen eine mögliche rabbinische Sicht auf das Christentum abgelesen werden konnte (Vgl. dazu auch den Beitrag A.II.5. Jesus aus jüdischer Sicht).

 

Rabbinische Vorschriften und das Christentumnach oben

Im 13. Jh. führte die Kirche einen heftigen Kampf gegen die rabbinischen Schriften. Eine eigens angefertigte, lateinische Sammlung von Talmudstellen diente in Paris 1240 als Grundlage für eine Untersuchung der rabbinischen Literatur. In einem eigenen Verhandlungspunkt wurde R. Yehiel, jüdischer Verteidiger der rabbinischen Schriften, mit einer ganzen Reihe von Stellen aus dem oben genannten Traktat Avodah Zarah konfrontiert. Aus diesen las der christliche Hauptankläger des Talmud nicht nur eine explizit antichristliche Einstellung der Rabbinen heraus. Unter Verweis auf den berühmtesten Bibel- und Talmudkommentator des jüdischen Mittelalters, Raschi, konstatierte er darüber hinaus implizit auch noch eine dementsprechende Haltung der Juden seiner Zeit gegenüber ihren christlichen Mitbürgern.

Zur Verteidigung hielt R. Yehiel den zitierten Talmudtexten andere Textstellen entgegen, an denen von Juden explizit Wohlverhalten gegenüber ihren nicht-jüdischen Mitbürgern gefordert ist. Doch waren die Juden von Paris 1240 nicht nur mit den Texten aus Avodah Zarah konfrontiert.

 

Jesus als Götzendienernach oben

Wer fremden Göttern huldigt ist entweder kein oder ein abtrünniger Jude. Bei Nachweis des Götzendienstes oder der Verführung dazu kann nach rabbinischem Recht über den so beschuldigten Juden die Todesstrafe verhängt werden. Vor diesem Hintergrund ist die folgende Textstelle zu verstehen, die ebenfalls in Paris vorgebracht worden ist:

Quelle:

Als König Jannaj die Gelehrten tötete ging(en) (Rabbi) Josua b. Perachja und Jesus nach Alexandrien in Ägypten. Als Frieden war, sandte ihm Simon b. Schetach (folgende Botschaft): „Von Jerusalem der heiligen Stadt, an dich, Alexandrien in Ägypten. Meine Schwester, mein Ehemann weilt in dir, und ich sitze verlassen da!“

Er machte sich auf den Weg und kam zu einem bestimmten Wirtshaus. Man ehrte ihn sehr; da sagte er: „Wie schön ist diese Wirtin!“

(Jesus) entgegnete ihm: „Rabbi, ihre Augen triefen!“

Da sprach er: „Frevler! Damit beschäftigst du dich?“ Er ließ 400 Posaunenstöße blasen und bannte ihn.

(Jesus) kam einige Male (und) sagte zu ihm: „Nimm mich (wieder) auf!“ Aber er beachtete ihn nicht. Eines Tages betete (Rabbi Josua) gerade das Shema, da kam (Jesus) zu ihm. Er gedachte ihn (wieder) aufzunehmen und winkte ihm mit der Hand. Jener dachte, er stoße ihn endgültig fort. Er ging hin, stellte einen Ziegelstein auf und huldigte ihm. (Rabbi Josua) sagte zu ihm: „Bereue!“ Er entgegnete ihm: „So habe ich von dir empfangen: Keinen, der sündigt und die Öffentlichkeit zur Sünde verführt, lässt man Buße zu tun.“

Mar sagte: „Jesus hat gezaubert und Israel (zum Götzendienst) verleitet und verführt.“

 

Sanhedrin 107b

Jüdische, polemische Erzählungen über das Leben Jesu fanden sich von früh an in der unter Juden weit verbreiteten sogenannten Toldot Jeschu Literatur. Die Bezeichnung geht auf Gen 5,1 und Mt 1,1 „Buch der Geschlechterfolge Adams/Jesu“, zurück. Die Texte, die unter noch weiteren, unterschiedlichen Titeln bekannt sind und in zahlreichen Sprachen vorliegen, sind vermutlich zwischen dem 2. und 10. Jh. n. Chr. entstanden. Den ältesten Textzeugen hat man in der Geniza von Kairo vorgefunden. Er stammt aus dem 11. Jh. Die älteste lateinische Übersetzung für christliches Publikum von Teilen des Textes hat Raimund Martini 1278, also erst einige Zeit nach dem Prozess von Paris 1240, vorgelegt.

Die Untersuchung der oben zitierten Textstelle aus dem babylonischen Talmud, sowie einer Parallelstelle im Traktat Sota 47a, führte Maier zu dem Schluss, dass der Name Jesus sich im ursprünglichen Talmudtext nicht gefunden hat. Maier nimmt vielmehr an, dass er, in Anlehnung an die Toldot Jeschu Texte, eine frühmittelalterliche Ergänzung darstellt „erwachsen aus dem Bedürfnis, im autoritativen babylonischen Talmud auch Aussagen über den Gründer des Christentums vorzufinden.“ [1]

In der Untersuchung von Paris 1240 versuchte R. Yehiel, mit Hilfe der rabbinischen Literatur selbst nachzuweisen, dass der im Zitat genannte Jesus, auf Grund mangelnder chronologischer Übereinstimmung seiner Geschichte mit der des christlichen Messias, nicht mit Jesus Christus identisch sein konnte. Trotz dieser und weiterer Bemühungen der Juden von Paris endete die Untersuchung mit einer Anklage des Talmud und der zweimaligen Verbrennung zahlreicher Handschriften dieses Werkes, sowie der Zensur der verbliebenen Texte.

  1. Maier, Jesus von Nazareth in der talmudischen Überlieferung, S. 127.

Literatur:

Baumgarten, Elisheva/ Galinsky, Judah D. (Hg.): Jews and Christians in Thirteenth-Century France. New York 2015.

Maier, Johann: Jesus von Nazareth in der talmudischen Überlieferung. Darmstadt 21992.

Ragacs, Ursula: Zur jüdisch-christlichen Kontroverse im Mittelalter – Eine Spurensuche. In: Frankfurter Judaistische Beiträge (FJB) 25 (1998), S. 105–119.

Ragacs, Ursula: Toldot Jeschu. In: Kindlers Literatur Lexikon, 3. völlig neu bearbeitete Auflage. Bd 16. Stuttgart 2009, S. 306–307.

Zitiervorschlag

Ragacs, Ursula: Götzendiener als paradigmatisch Andere. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/goetzendiener-als-paradigmatisch-andere/. Version . .

Versionsarchiv öffnen
Text kommentieren

Bei Fragen, Anregungen, Wünschen oder Bemerkungen hinterlassen Sie doch bitte einen Kommentar. Die Redaktion wird Ihr Anliegen umgehend bearbeiten.