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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

C.II.6Identitätsstiftende Gestaltungsmerkmale in der Architektur

Ulrich Knufinke

Die räumlich-funktionellen Anforderungen der spezifisch jüdisch zu nennenden Bauaufgaben (v.a. Synagogen, Ritualbäder, Friedhofsbauten) sowie die über viele Generationen fortentwickelten religionsgesetzlichen Bestimmungen geben zwar einen Rahmen für die Gestaltung vor, doch legen sie keine einheitlichen Merkmale fest. Dennoch kann man für einzelne Epochen und Regionen gewisse Konstanten beobachten, die Gebäude aus der Perspektive ihrer Auftraggeber und Nutzer sowie ihrer nicht-jüdischen Umwelt als „jüdisch“ identifizieren können. Sie blieben und bleiben jedoch abhängig von sich wandelnden Kontexten jüdisch-nicht-jüdischen Austauschs.

Besonders die Architektur der Synagogen – als „öffentliche“ Versammlungsbauten im Blickfeld der Minderheit und der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft – ist eine Projektionsfläche spezifischer Selbst- und Fremdbilder. Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft spielt zum Beispiel die Zuordnung zu einer religiös-kulturellen Gruppe (aschkenasisch, sefardisch, orthodox, reformorientiert etc.) eine große Rolle. Diese Zugehörigkeit lässt sich an einigen Gestaltungsmerkmalen der Beträume ablesen.

Im Kontakt mit der nicht-jüdischen Mehrheit hat die äußere Gestalt der Synagogen eine ungleich größere Bedeutung als identifizierendes Moment. Gebäudeformen und
-silhouetten konnten diese Rolle nur bedingt übernehmen. Charakteristisch, aber nicht ausschließlich auf Synagogen beschränkt, war in der zweiten Hälfte des 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert in Deutschland zum Beispiel der Zentralbau mit hoher Kuppel und niedrigeren Türmen.

Im 19. Jahrhundert stellte sich mit dem „Sichtbarwerden“ der Synagogen im Bild der Städte die Frage nach einem charakterisierenden, identifizierenden Baustil. Bis in die Epoche des Klassizismus wurden jüdische Bauwerke nach den stilistischen Mustern der allgemeinen Architekturentwicklung gebaut. In der Phase des Stilpluralismus sollte der aus den historischen Stilstufen zu wählende Stil jedoch Auskunft über die Zweckbestimmung und die Nutzer eines Gebäudes geben, also Unterscheidung und Identifikation ermöglichen. Rundbogenstil, maurischer Stil und mittelalterliche Stile (Romanik, Gotik) wurden in verschiedenen Ausprägungen und Interpretationen eingesetzt. Dies führte jedoch auch zu Konflikten. Zu große Ähnlichkeit mit Kirchen war christlicherseits nicht erwünscht und konnte von traditionellen Juden als Aufgabe der Identität verstanden werden. Ein im Bild der Städte ungewöhnlicher Stil wie der maurische gab antisemitischen Kreisen den Vorwand, Juden „Fremdheit“ vorzuwerfen. Die verheerende Wirkung dieses Stereotyps lässt sich bis ins 20. Jahrhundert verfolgen, als auf jüdischer Seite die „Bodenständigkeit“ neuer Synagogen und Friedhofsgebäude herausgehoben werden musste, um ihren Baustil zu rechtfertigen.

Eine Lösung der Stilfrage versprach die Moderne des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts. Gleichermaßen von jüdischen wie nicht-jüdischen Architekten entwickelt und für Kirchen wie für Synagogen verwendet, konnte sie das Dilemma zwischen zu großer „Kirchenähnlichkeit“ und zu großer „Fremdheit“ auflösen.

Nicht nur hinsichtlich des architektonischen Stils wurde und wird immer wieder erwogen, wie eine Identifikation ermöglichende Gestaltung zu erreichen sei. Auch die Kennzeichnung durch Symbole unterliegt historischen Wandlungen. Die traditionellen Synagogen der voremanzipatorischen Zeit zeigten nach außen keine Symbole, die sie als jüdische Bauten auszeichneten. Lediglich spezifische Details machten den Betrachtern klar, worum es sich bei einem solchen Bauwerk handelte. Im 19. Jahrhundert begannen jüdische Gemeinden, analog zu den Kreuzen auf christlichen Gotteshäusern Symbole anzubringen. Die allmählich gewonnene „Sichtbarkeit“ der Synagogen machte es möglich, in eine solche symbolische „Konkurrenz“ mit der Mehrheitsreligion zu treten.

Es setzte sich jedoch kein einheitliches Symbol durch. Die charakteristische Form der Gesetzestafeln, die Moses am Berg Sinai erhalten hatte, verdeutlichte jüdischen wie nicht-jüdischen Betrachtern die gemeinsame ethische und theologische Grundlage der monotheistischen Religionen – sie tauchten zuvor schon oft bei der Gestaltung von Kirchenräumen auf. Gesetzestafeln finden sich auf Firsten von Synagogengiebeln, oder es wird auf sie mit charakteristischen Doppelbogenformen in den Fassaden angespielt (Abb. 1).

(Abb. 1) Gesetzestafeln auf dem Giebel und Menora im Fenster der Eingangsfassade der Synagoge von Edmund Körner, 1913 (Foto: Knufinke)

(Abb. 1) Gesetzestafeln auf dem Giebel und Menora im Fenster der Eingangsfassade der Synagoge von Edmund Körner, 1913 (Foto: Knufinke)

Eindeutiger „jüdisch“ ist das Symbol des Davidsterns (hebr. Magen david: Davidschild), der im christlichen Kontext nicht auftaucht. Seit der Neuzeit wird auf dieses schon in der biblischen Überlieferung beschriebene Zeichen zurückgegriffen. Als Kennzeichnung für Synagogen fand es spätestens seit dem Bau in Dresden (1840) weite Verbreitung. Der Davidstern dominiert bis heute die Symbolsprache neu erbauter Synagogen (Abb. 2). Die im späten 19. Jahrhundert formulierte Idee, aus dem Davidstern hexagonale Grundrissdispositionen für Synagogen zu entwickeln, um das christlich konnotierte Kreuz zu vermeiden, fand und findet vereinzelt Nachfolge.

(Abb. 2) Bochum: Davidsternmuster der Fassade der Synagoge von Peter Schmitz, 2007 (Foto: Knufinke)

(Abb. 2) Bochum: Davidsternmuster der Fassade der Synagoge von Peter Schmitz, 2007 (Foto: Knufinke)

Recht selten und erst im beginnenden 20. Jahrhundert taucht das Symbol des Siebenarmigen Leuchters des Salomonischen Tempels (hebr. Menora) am Außenbau von Synagogen auf. Vor allem archäologische Funde in antiken Synagogen Palästinas, bei denen die Menora häufig in Stein gemeißelt oder als Mosaik entdeckt wurde, werden auf dieses Symbol aufmerksam gemacht haben. Es verweist sowohl auf den Tempel als Wohnung Gottes in seinem Volk als auch auf das frühe, noch nicht in die Diaspora zerstreute Judentum.

Eine weitere architektonische Bezugnahme auf den Salomonischen Tempel ist das Motiv der zwei Säulen (Jachin und Boas), die vor dessen Eingang standen. Verschiedenartig adaptiert und interpretiert, sind sie jedoch weniger klar erkennbar als die Symbole Gesetzestafeln, Davidstern und Menora.

In der gegenwärtigen Architektur jüdisch konnotierter Einrichtungen kommt den historischen Symbolen eine wichtige Rolle zu: Die „geborstenen“ Gesetzestafeln an der Fassade des Frankfurter jüdischen Gemeindezentrums (Salomon Korn, eröffnet 1988) oder der „zerquetschte“ Davidstern, der im Grundriss des Jüdischen Museums Berlin (Daniel Libeskind, eröffnet 2001) verborgen ist, sind Beispiele eines Umgangs, der auf „Lesbarkeit“ und „Identifikation“ setzt, um den Bauwerken in der Deformation des Symbols eine über das Abzeichenhafte hinausgehende historische Dimension einzuschreiben.

Weiterführende Literatur:

Hammer-Schenk, Harold: Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. und 20. Jahrhundert (1780-1933). Hamburg 1981.

Oegema, Gerbern S.: Das Davidsschild als magisches Zeichen von der Antike bis zum Mittelalter, Aschkenas Bd. 4, Heft 1 (1994). S. 13-32.

Wischnitzer, Rachel: Symbole und Gestalten der jüdischen Kunst. Berlin 1935.

Zitiervorschlag

Knufinke, Ulrich: Identitätsstiftende Gestaltungsmerkmale in der Architektur. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/gestaltungsmerkmale/. Version 1. 12.06.2014.

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