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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

D.IV.3Genealogische Spurensuche. Jüdische Genealogie in Österreich

Wolf-Erich Eckstein

Die historische Hilfswissenschaft der Genealogie erforscht die Vorfahren und Nachkommen von Personen und folgt auch deren Geschwistern, Onkeln, Tanten, Schwägern und Schwägerinnen usw., versucht sie näher zu beschreiben und stellt die Familienzusammenhänge dar. Sofern das Interesse der eigenen Familie gilt – wie in vielen Fällen – stützt man sich zunächst auf Auskünfte von Familienmitgliedern und findet im günstigsten Fall Dokumente der verschiedensten Art, die Ereignisse und Zusammenhänge belegen. Die ersten Ergebnisse sind häufig unvollständig und enthalten manches Mal Widersprüche, die es mit vertiefenden Forschungen auszufüllen oder aufzulösen gilt, was in der Regel nur durch Archivarbeit möglich ist. Sofern man diese Forschungen selbst betreiben will, wird man alsbald mit den verschiedensten Schwierigkeiten konfrontiert: Zunächst die Zugänglichkeit von Archiven, unterschiedlich restriktive Datenschutzbestimmungen, dann das Lesen alter Schriften oder fremdsprachiger Quellen. Daher finden sich seit mehr als hundert Jahren Interessierte in genealogischen Vereinen zusammen, um dort Rat zu erhalten, Erfahrungen auszutauschen, Archivalien aufzuarbeiten und all dieses zu publizieren. So sind mittlerweile viele Hilfsmittel entstanden und verfügbar, zum Teil auch in abfragbaren Datenbanken, von denen einige kommerziell betrieben werden.

Zudem gibt es eine Zahl von kommerziell tätigen Genealogen, die meist private Forschungsaufträge gegen Bezahlung übernehmen. Darunter finden sich Erbenermittler, die für zum Teil recht hohe Provisionen arbeiten.

Genealogie im Nationalsozialismusnach oben

Während des Nationalsozialismus wurde die Genealogie missbraucht – die Erstellung des sogenannten „Arier-Nachweises“ wurde ein Dokument, das über Leben oder Sterben entscheiden konnte. Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft warf dieser Missbrauch lange Zeit einen Schatten auf die Ahnenforschung. Man kann sich allerdings heutzutage auf die damaligen Angaben bei seinen Forschungen stützen, da sie in der Regel mit den Originalquellen belegt sind, was für den heutigen Forscher ein großer Gewinn ist, wenn die Originalquellen nicht mehr oder sehr erschwert zugänglich sind. Allerdings finden sich dort gelegentlich auch Gefälligkeitsbelege (Angabe der christlichen Taufe ohne Erwähnung der früheren Zugehörigkeit zum Judentum), die für die betroffenen Personen in jener Zeit existentielle Bedeutung hatten.

Jüdische Genealogie (in Österreich)nach oben

Jüdische Genealogie hat sich im Rahmen der allgemeinen Genealogie entwickelt und mindestens seit 1900 auch eigenständige Institutionen und Publikationsorgane entstehen lassen. Heute bestehen in Europa viele nationale jüdische genealogische Vereine mit eigenen Zeitschriften, insbesondere aber übernational in den USA, dem klassischen Einwandererland, wo sich Teilorganisationen besonders mit den meist europäischen Herkunftsregionen beschäftigen.

In Österreich existiert bisher keine eigenständige Vereinigung dieser Art, es gibt aber eine Zahl interessierter ForscherInnen, von denen einige im Rahmen der auch in diesem Gegenstand traditionsreichen Heraldisch-Genealogischen Gesellschaft „Adler“ tätig sind und publizieren.

Es fällt schwer, Spezifika jüdischer Genealogie in Österreich zu finden, denn die Methodik unterscheidet sich generell nicht von der der allgemeinen Genealogie. Dass die meisten in Österreich lebenden Jüdinnen und Juden zugewandert sind, unterscheidet diese nicht von Nichtjuden: Besonders die großen Städte verdanken ihr Wachstum nur der Zuwanderung.

Erforderliche Kenntnissenach oben

Grundkenntnisse jüdischer Traditionen, Regeln und Gesetze sind nötig, um Ereignisse richtig bewerten zu können, ebenso die Kenntnis der speziellen Bedingungen, die die nichtjüdische Umgebung jeweils schuf, insbesondere die Einschränkungen. So waren in der Zeit bis 1848 Aufenthalt und Zuwanderung für Juden in Österreich stark reglementiert. Diese Einschränkungen wurden zwar immer wieder unterlaufen, damit ist aber wiederum die Quellenlage schlechter, wie auch zu anderen Zeiten der forcierten Verfolgung. Dieser Grundsatz gilt allerdings generell, wenn man sich mit spezifischen religiösen, ethnischen, beruflichen oder sozialen Teilgruppen beschäftigt.

Für genealogische Forschungen erforderlich ist die Kenntnis alter Schriften. Das Entziffern alter Dokumente ist analytisch unter Zuhilfenahme von Schrifttabellen kaum zu lösen und scheitert oft, wenn nur einzelne Wörter oder Satzteile vorliegen. Es ist fast unmöglich, alte Texte Buchstabe für Buchstabe mit einer Schrift- oder Zeichentabelle zu lesen. Wenn dazu die jeweilige Sprache unbekannt oder nicht geläufig ist, ist der Misserfolg vorbestimmt. Ähnliches gilt für geografische und wirtschaftsgeografische Kenntnisse, mindestens für den Raum der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie, aber auch darüber hinaus (Landes-, Orts-, Straßennamen). Verwirrung stiften hier nicht selten Folgen von Political Correctness, wenn behauptet wird, jemand sei 1840 in Lviv, Ukraine – tatsächlich in Lemberg, Galizien geboren, oder vor 1918 in Bratislava, Slowakei, richtig: Pozsony oder Pressburg, Ungarn. Leider findet sich dieses Übel auch in den Matriken wieder, wenn z.B. in der Sterbematrik angegeben wird, eine 1930 verstorbene Person sei 1870 in Neustadt, CSR, geboren – wenn keine weiteren Quellen zur Person verfügbar sind, wird man die Herkunft kaum auflösen können, da es sich mindestens um Böhmen, Mähren oder (Ober-)Ungarn handeln kann. Zu wissen, dass Nagymarton heute als Mattersburg, früher Mattersdorf, und Kismarton als Eisenstadt bekannt sind, ist hilfreich.

Definitionen jüdischer Zugehörigkeitnach oben

Ein Spezifikum ist die Definition des Gegenstandes selbst: Wer ist Jude oder jüdischer Abstammung?

INRI (Jesus Nazarenus Rex Judaeorum, vielleicht der Bekannteste), Karl Marx, Heinrich Heine, Joseph von Sonnenfels, Johann Strauss (Vater und Sohn), Hugo von Hofmannsthal, Alexander „von“ Zemlinsky, Louis Freiherr von Rothschild, Paul Wittgenstein, Marie von Peteani, Raimund Freiherr von Wächter, Bruno Kreisky, Hilde Juanna Ryvarden, August Zirner, Randy Schoenberg – sie alle und viele mehr werden in irgendeiner Weise zu Recht oder zu Unrecht als Juden oder jüdisch angesehen, manche von Freunden, einige ausschließlich von ihren Feinden.

Die von jüdischer Seite gültige Definition schließt einige der erwähnten aus, indem sie die Zugehörigkeit streng definiert: Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder zum Judentum übergetreten ist.

Einige der Genannten wurden als Juden geboren, haben aber die ursprüngliche Religion verlassen und eine andere – meist christliche – Religion angenommen. Andere sind Nachkommen aus solchen Konstellationen, zum Teil in der dritten Generation, zum Teil rekonvertiert. Zuordnungsprobleme ergeben sich gelegentlich aus der Scheu davor, sich der rassistischen Nazi-Definition zu unterwerfen.

Dazu kommt, dass einige Autoren Personen, die sich schon lange, oder Familien, die sich seit mehreren Generationen vom Judentum abgewandt hatten, in jüdische biografische Werke aufgenommen haben. Sofern diese Personen rassischer Verfolgung ausgesetzt waren, erscheint das wohl doch gerechtfertigt.

Jüdische Namen?nach oben

Die Publikation adeliger Familien als Feld der allgemeinen Genealogie schloss jüdische Familien ein. Daneben gab es eine antisemitisch intendierte Bewegung, die es sich zum Ziel setzte, die verschleierte jüdische Herkunft von Familien aufzudecken, nicht selten übrigens fälschlich aufgrund des Namens, der als jüdisch fehlgedeutet wurde. Diese Tradition wurde in den letzten Jahrzehnten in einigen osteuropäischen Ländern zur Diskreditierung von Politikern, Journalisten und Künstlern wieder aufgenommen, indem Listen von Personen publiziert werden, die nun „unverfängliche“ Namen tragen, mit dem Hinweis auf deren frühere „jüdische“ Namen.

Gibt es jüdische Familiennamen? Kann man aufgrund des Namens eine jüdische Herkunft feststellen oder gibt ein Name wenigstens einen Hinweis darauf? Die Frage kann mit einem sehr eingeschränkten „ja“ beantwortet werden: Zweifellos kommen einige Namen mindestens gehäuft bei Juden vor, aber nur wenige fast ausschließlich. Zu letzteren sind wohl die Name Levy und Kohn und deren Varianten zu zählen, zumal diese im Judentum eine spezifische Bedeutung haben. Dagegen findet man Namen wie Adler, Bauer, Beck, Berger, Braun (einschließlich aller anderen Farben), Deutsch, Engel, Fischer, Glaser, Gold (einschließlich -berger, -schmidt usw.), Haas, Hahn, Hirsch, Hofmann, Klinger, Kraus, Lang, Lederer, Mandl, Mayer und Varianten, Müller, Neumann, Pfeifer, Pollak, Popper, Rosenberg, -feld, – thal, -zweig, Schlesinger, Strasser, Ullmann, Ungar, Wiener (einschließlich vieler ähnlicher Herkunftsnamen von Berlin bis Zwickau) sowohl bei Juden wie bei Nichtjuden. Diese willkürliche Auswahl folgt überwiegend einer im Internet verfügbaren Liste von Familien, die das Wiener jüdische Großbürgertum der Vergangenheit repräsentieren (siehe www.jewishfamilies.at). Bisher nicht erwähnt sind auffällige bis anstößige Namen wie Achselduft, Affenkraut, Feuerzeug, Hungerleider, Obenbreit, Urinsohn, Weihnachtskuchen, die als jüdisch angesehen werden, von denen einige aber nur in der Belletristik als Signal für eine jüdische Herkunft vorkommen.

Matriken und weitere Quellen für genealogische Forschungennach oben

In Österreich liegen als Hauptquelle der Forschung für die Zeit bis 1938 die Geburts-, Trauungs- und Sterbematriken der Israelitischen Kultusgemeinden vor, für Wien seit 1826, für andere Orte später, einige sind seit 1942 verloren, nachdem deren Übersendung nach Berlin verfügt wurde. Für andere Teile der früheren Monarchie ist die Quellenlage teilweise ähnlich, so für Böhmen und Mähren, wo die Matriken im Prager Staatsarchiv aufliegen (sie wurden während der deutschen Besetzung dorthin verbracht; es gibt auch erhebliche Verluste).

In Ungarn einschließlich des Burgenlandes, der heutigen Slowakei, der westlichen Teile Rumäniens und des heutigen Kroatiens und Sloweniens beendete man 1895 die Matrikenführung durch die Religionsgemeinschaften und ging zur religionsunabhängigen Zivilmatrik über. Die jüdischen Matriken befinden sich in regionalen staatlichen Archiven.

Die Matriken für die früheren Kronländer Galizien und Bukowina wurden wie in Kernösterreich bis 1918 von den lokalen jüdischen Gemeinden geführt und sind jetzt, soweit noch vorhanden, in regionalen staatlichen Archiven verfügbar. Es gibt Aktivitäten, diesen Bestand in abfragbaren Datenbanken zu erschließen (siehe www.jewishgen.org/jri-pl/). Basis dieser Arbeiten, die mittlerweile auch andere Teile der früheren Monarchie einschließen, sind von den Mormonen erstellte Verfilmungen, die mittlerweile auch teilweise digitalisiert über deren Webseite www.familysearch.org einzusehen sind, ansonsten als Mikrofilm über deren lokale Zentren. Die Sammlung der Mormonen umfasst übrigens eine Vielzahl von weiteren Quellen wie Zeitungen, Adressbücher, geografische Hilfsmittel usw. Dass diese Sammlungen letztlich der posthumen Taufe auch von Juden dienen sollen, sei hier kritisch angemerkt, mindert aber nicht deren dokumentarischen Wert.

Galizische Matriken zeichnen sich durch Besonderheiten aus, auf die man auch in den Wiener jüdischen Matriken stößt: Viele dorther stammende Personen werden als unehelich geboren eingestuft, von denen viele sowohl unter dem Familiennamen des Vaters wie auch dem der Mutter erwähnt werden, zum Teil in der Form „(Familienname des Vaters) recte (Familienname der Mutter)“ oder umgekehrt mit „false“, gelegentlich auch zunächst unter dem Familiennamen des Vaters, später korrigiert in den Familiennamen der Mutter.

Solche Einträge findet man bei Trauungen, bei denen Braut und Bräutigam neben anderen Dokumenten Geburtsurkunden vorzulegen hatten. Diese sind am Herkunftsort ausgestellt worden, oft kurz vor einer solchen Trauung, also meist mehr als 20 Jahre nach der Geburt. Der ausstellende Beamte hatte bei dieser Gelegenheit festzustellen, ob die Geburt als ehelich zu gelten habe und kam häufig zu dem Schluss, die Eltern seien „nur rituell“ getraut, das Kind somit unehelich.

Hat man Gelegenheit, Geschwister dieser Personen zu verfolgen oder trifft man auf dieselbe Person mehrfach, z.B. bei einer zweiten Eheschließung, kann man oft feststellen, dass diese Einstufung uneinheitlich ist, bei Geschwistern unabhängig von der Reihenfolge der Geburten. Die nachträgliche Einstufung der Ehelichkeit oder Unehelichkeit von Geburten erscheint also oft willkürlich, dürfte aber eher mit der nicht eindeutigen Registrierung bei der Geburt zusammenhängen.

Nicht selten trifft man in solchen Fällen auf spätere Namensänderungen, die im Allgemeinen zur Führung des Familiennamens des Vaters führen. Man muss aber damit rechnen, dass dies nicht konsequent erfolgte, daher Familienmitglieder oder -zweige unter verschiedenen Namen geführt werden.

Damit im Zusammenhang stehen auch sogenannte Konvalidierungen, d.h. die formale Anerkennung einer früher „nur rituell“ geschlossenen Ehe, die allerdings weniger als ein Prozent der insgesamt in Wien registrierten Trauungen ausmachen.

Quelle:

Konvalidierungsbeispiel

Am 27. Juli 1882 heiratete die 1861 in Jassy geborene Bertha Klärmann im Wiener Stadttempel den Wiener Kaufmann Gustav Prinz.

Am 11. Dezember 1882 wurde im Amtsgebäude des Leopoldstädter Tempels in der Ferdinandstraße 23 die 1859 rituell geschlossene Ehe der Eltern der erwähnten Bertha Klärmann, Simon Klärmann aus Lemberg und Clara Kaufmann aus Jassy, konvalidiert.

Hier fällt auf, dass die Tochter im Juli 1882 als ehelich geboren eingestuft wurde, obwohl ihre Eltern erst im Dezember 1882 eine gültige Ehe geschlossen hatten. Gleiches gilt für zwei 1875 und 1876 in Wien geborene Söhne.

Neben den Matriken existiert eine Vielzahl anderer Quellen in staatlichen oder lokalen Archiven: Verschiedene Melderegister, das Totenprotokoll, Verlassenschaftsabhandlungen, Gewerberegister, Grundbucheinträge, Aufzeichnungen über den Militärdienst usw.

Zu bedenken ist, dass ein Teil der österreichischen jüdischen Bevölkerung in den hiesigen Matriken nicht oder nur unvollständig registriert wurde: So wurden einige in Wien und weiterer Umgebung geborene Kinder auch oder ausschließlich in den meist mährischen oder oberungarischen Herkunftsgemeinden des Vaters registriert, andere kamen als verheiratete Paare nach Wien, hatten hier keine Kinder und starben hier nach 1938, wanderten aus oder wurden Opfer der Deportationen.

Quellen für genealogische Forschungen sind auch Todesanzeigen und Partezettelsammlungen, die mehr und mehr auch online verfügbar sind, so für drei wichtige Tageszeitungen aus Wien, Prag und Budapest via www.genteam.at und die Sammlung der Heraldisch-Genealogischen Gesellschaft „Adler“ via www.adler-wien.at (in Vorbereitung; verschiedene andere Datenbanken sind bereits verfügbar).

Friedhöfe und Grabsteine sind im Judentum – mehr als im Christentum – genealogische Quellen, die nicht nur auf die jüngeren Generationen beschränkt sind, da Gräber auf jüdischen Friedhöfen nicht aufgelassen werden. Allerdings sind die Grabsteine nicht geschützt vor natürlichem Verfall oder Zerstörung. Ihre Erschließung erfordert außer gelegentlichem Wagemut wenigstens basale Kenntnisse des Hebräischen. Diese reichen meist aus, um den Namen des Verstorbenen und den seines Vaters (in Ungarn häufiger der Mutter) zu entziffern sowie das hebräische Sterbedatum. Um die gesamte Inschrift lesen und verstehen zu können, braucht es mehr, insbesondere auch die Kenntnis der häufig verwendeten Abkürzungen.

Schließlich wird man bei der Erforschung des Schicksals von jüdischen Familien mit Quellen zu deren Verfolgung und Vernichtung ab 1938 konfrontiert. Diese sind aus verschiedenen Gründen unvollständig und teilweise fehlerhaft, was in unterschiedlicher Quellenlage begründet liegt: Die Massendeportationen aus Wien sind, zumindest, was das Deportationsdatum und -ziel betrifft, weitgehend vollständig dokumentiert, oft ist aber nichts weiter bekannt außer „hat den 8. Mai 1945 nicht erlebt“. Nicht ganz so klar ist die Einstufung von Selbstmorden oder unklaren Todesfällen, wenngleich der Zusammenhang mit Verfolgung und drohender Deportation meist naheliegt. Weniger komplett ist die Dokumentation der Deportationen aus den verschiedenen Exilländern: Weitgehend vollständig erforscht sind die Deportationen vom Gebiet der heutigen Tschechischen Republik, auch recht gut von Frankreich, Niederlande und Belgien, weniger gut aus der Slowakei, Ungarn und dem früheren Jugoslawien.

Weiters sind Religionsaustritte und -wechsel, teilweise mehrfach, in Betracht zu ziehen. Diese sind für Wien bisher zu einem großen Teil erschlossen (aus Datenschutzgründen nur bis 1914), publiziert und als Datenbank (exklusive der noch nicht publizierten Übertritte zum Katholizismus) via www.genteam.at abfragbar.

Man wird dort nicht wenige Personen bemerken, die auswärts geboren ledig austreten oder konvertieren, daher also in den Wiener jüdischen Matriken – von den Rekonvertiten abgesehen – nicht registriert sind.

Schließlich sei noch auf Quellen zur Erforschung der Zeit vor der Matrikenführung durch die Israelitischen Kultusgemeinden hingewiesen: Es sind das vor allem die Publikationen der Historischen Kommission der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, darunter herausgegeben von A. F. Pribram die Urkunden und Akten zur Geschichte in Wien (Wien 1918), herausgegeben von I. Taglicht die Nachlässe der Wiener Juden im 17. und 18. Jahrhundert. (Wien 1917) sowie die großartigen Bände von B. Wachstein, Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien (Wien 1912) und Eisenstadt (Wien 1922) sowie vom selben Autor die Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Eisenstadt und den Siebengemeinden (Wien 1926).

Bereits erwähnt wurde eine Arbeit über das Wiener jüdische Großbürgertum: Es handelt sich um Wer einmal war von G. Gaugusch, erschienen im November 2011 in Wien. Dort findet der Interessierte neben methodischen Erläuterungen und einer Vielzahl von Quellenhinweisen auf mehr als 1600 Seiten genealogische Darstellungen vieler jüdischer Familien (bisher: Namen A… bis K…), die Wien zwischen 1800 und 1938 geprägt haben. Der Leser wird recht schnell den hohen Grad an geografischer, sozialer und auch religiöser Mobilität der Familien erkennen. Und er wird auch erkennen: Genealogie ist nicht ausschließlich Schreibtisch- oder Archivarbeit.

Weiterführende Literatur:

Gaugusch, Georg: Wer einmal war: Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800-1938, Wien 2011.

Pribram, Alfred Francis: Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Wien, Wien 1918.

Taglicht, Israel: Nachlässe der Wiener Juden im 17. und 18. Jahrhundert: ein Beitrag zur Finanz-, Wirtschafts- und Familiengeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts, Wien 1917.

Wachstein, Bernhard: Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, Wien 1912.

Wachstein, Bernhard: Die Grabschriften des alten Judenfriedhofes in Eisenstadt, Wien 1922.

Wachstein, Bernhard: Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Eisenstadt und den Siebengemeinden. Wien 1926.

 

INTERNETQUELLEN:

Adler-Wien, www.adler-wien.at (letzter Zugriff: 29.05.16).

FamilySearch. Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, www.familysearch.org (letzter Zugriff: 29.05.16).

GenTeam. Die genealogische Datenbank, www.genteam.at (letzter Zugriff: 29.05.16).

Jewish Families of Vienna, www.jewishfamilies.at (letzter Zugriff: 29.05.16).

Jewish Records Indexing – Poland. The Award-Winning Searchable Database of Indexes to Jewish Records of Poland, www.jewishgen.org/jri-pl (letzter Zugriff: 29.05.16).

Zitiervorschlag

Eckstein, Wolf-Erich: Genealogische Spurensuche. Jüdische Genealogie in Österreich. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/genealogische-spurensuche-juedische-genealogie-in-oesterreich/. Version . .

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