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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

B.III.3Jüdischer Friedhof

Tanja Karlsböck, Armin Eidherr

Auf den jüdischen Friedhöfen ruhen die Toten und warten, bis sie am Jüngsten Tag auferstehen, um nach Jerusalem zu ziehen und dort das Himmlische Königreich zu errichten. Bis zu dieser Zeit gehört das Grab dem Toten und darf nicht aufgelöst werden.

Geschichtenach oben

Die hebräische Bezeichnung Beth Olam bedeutet „Haus der Ewigkeit“. Das meint nicht nur, dass hier die Menschen sozusagen in die Ewigkeit eingehen, sondern ist ebenfalls im Zusammenhang mit dem geforderten ewigen Fortbestehen des Friedhofs zu verstehen. Ein weiterer Ausdruck, Beth Chajim (Haus des Lebens), ist nicht bloß als Euphemismus zu deuten, er hängt auch mit der Intention zusammen, das „ewige Leben“ zu betonen.[1] Im Jiddischen bezeichnet man den Friedhof auch als a gut ort (guter Ort).

Die erste biblische Erwähnung der Errichtung eines Grabmals in der israelitisch-jüdischen Tradition findet sich in Gen 35,19–20: „Und Rachel starb und wurde begraben auf dem Weg nach Efrat, das ist: Beth-Lechem. Und Jaakob stellte eine Säule auf ihr Grab, das ist die Säule des Grabes Rachels bis auf diesen Tag.“

Kommunale Friedhöfe scheinen erst ab den frühen Jahrhunderten unserer Zeitrechnung entstanden zu sein. Aus biblischen und rabbinischen Texten kann man darauf schließen, dass Beerdigungen vorher in Familiengräbern und im Idealfall auf eigenem Grund und Boden vorgenommen wurden. Man strebte Familienzusammengehörigkeit an und wollte auch mit dem eigenen Boden verbunden sein – eine Vorstellung, die bis heute stark im Judentum verwurzelt ist. Man markierte die Grabstellen, vor allem, um vor eventueller kultischer Verunreinigung zu schützen, denn der Kontakt mit einer Leiche (selbst mit einigem Abstand) ist einem Mann aus priesterlicher Familie verboten. Die Entwicklung des kommunalen Beerdigungswesens brachte zahlreiche Vorschriften[2] mit sich; zum Beispiel musste vom äußersten Haus einer Stadt oder eines Dorfes ein Mindestabstand von 50 Ellen eingehalten werden; die Friedhöfe mussten bewacht und eingezäunt sein; vor allem musste die Würde des Friedhofs unter allen Umständen gewahrt werden, ohne aber einen Totenkult zu betreiben. Angepasst wurden die Vorschriften beispielsweise in der jahrhundertelangen Zeit der jüdischen Ghettos, als man aufgrund von Platzmangel die Toten übereinander beerdigen musste, wie es in Prag und auch anderswo der Fall war.

Gemeindefriedhöfe gab es in Deutschland ab ca. 1000 n. Chr. in den SCHUM-Städten[3]. Der älteste noch erhaltene jüdische Friedhof befindet sich in Worms – er wurde 1067–1077 angelegt. Das bekannteste Grab dort ist das von Rabbi Meir ben Baruch von Rothenburg, der einer der bedeutendsten jüdischen Lehrer war.[4]

Die wohl bekannteste jüdische Begräbnisstätte ist der Alte Prager Friedhof. Der Anfang des 15. Jahrhunderts wird als Gründungszeit angenommen. Tatsächlich ist der „Alte jüdische Friedhof“ in Prag aber nicht der erste Friedhof – über dessen Vorgänger weiß man allerdings nicht allzu viel. Aus akutem Platzmangel sind die Gräber dort an manchen Stellen bis zu zwölf Lagen übereinander angeordnet. Die Steine stehen zudem nicht mehr direkt über den Gräbern, die sie einst bezeichneten, da diese Anfang des 20. Jahrhunderts aus städtebaulichen Gründen ausgehoben und später wahllos wieder aufgestellt wurden. Das bekannteste Grab am Prager Friedhof ist das des Juda ben Bezalel (auch „Maharal“ oder „Hoher Rabbi Löw“), ein Rabbi, der vor allem legendäre Berühmtheit für seine aus Lehm geformte und zum Leben erweckte Figur, den Golem, erlangt hat. Weitere bekannte ältere jüdische Friedhöfe sind etwa der „Re-Mo“[5] -Friedhof in Krakau, wo zahlreiche einflussreiche Gelehrte ruhen, die maßgeblich zur Geistesgeschichte des osteuropäischen Judentums beigetragen haben; der Friedhof der Portugiesischen Gemeinde in Amsterdam, der von Bräuchen und Riten zeugt, die auf einer anderen Tradition (der sefardischen) beruhen; der Warschauer Friedhof mit Gräbern der Schriftsteller Jizchok Leib Perez, Hirsch David Nomberg und des Erfinders der Plansprache Esperanto, Ludwik Lejzer Zamenhof; oder aber der Berliner jüdische Friedhof in Weißensee, einer der größten jüdischen Friedhöfe Europas der neueren Zeit.[6]

Heute bemühen sich einige Organisationen (zum Beispiel Lo Tishkach Foundation – European Jewish Cemeteries Initiative) und lokale Initiativen um die Erhaltung und Pflege jüdischer Friedhöfe, die mittlerweile auch einen großen touristischen Mehrwert erfahren.[7]

Kulturgeschichtliche Bedeutungnach oben

Grundsätzlich kann jede Gemeinschaft einen Friedhof nach ihren Bedürfnissen anlegen. Die Gräber wurden meist mit der Front Richtung Osten (Jerusalem) aufgestellt. Die Toten wurden nebeneinander in der Folge ihres Ablebens beerdigt. Weder materieller Besitz noch gesellschaftliche Position sollten Einfluss auf die Grabstelle eines Juden/einer Jüdin haben. Einzig eine Ehrenreihe für Rabbiner ist gestattet. Aus religionsbedingten Gründen werden zudem besondere Felder auf den Friedhöfen angelegt, etwa für Apostaten (freiwillig getaufte Juden) oder nicht-jüdische Personen, die einen jüdischen Partner hatten. Lange Zeit war es üblich, auch Menschen, die sich das Leben genommen hatten, separat zu beerdigen, jedoch wird dem heute meist mit Milde und Verständnis begegnet und man beerdigt diese auf den allgemeinen Feldern.[8]

Finden sich auf sefardischen Friedhöfen meist Grabplatten, so haben die Grabsteine der aschkenasischen vor allem Stelenform. Zudem gibt es auch sarkophagähnliche Bauten, die auf Hebräisch Ohel (Zelt) und im Volksmund Hajselech (Häuschen) genannt werden. In Israel werden auch heute keine Särge benutzt, sondern die Leiche wird mit direktem Erdkontakt begraben, wie es ursprünglich der Brauch war. An anderen Orten werden meist einfache Holzsärge verwendet.[9]

Häufig finden sich Grabsteine, die an den Mauern des Friedhofs aufgestellt sind. Dabei handelt es sich meist um Steine, die bei Friedhofsschändungen umgeworfen und vom entsprechenden Grab entfernt worden waren und später nicht mehr zugeordnet werden konnten. Besonders nach dem Holocaust entstanden viele dieser Reihen verwaister Grabsteine.[10]

Eines der bekanntesten antisemitischen Verschwörungspamphlete, die „Protokolle der Weisen von Zion“, hat als zentralen Bezugspunkt den alten jüdischen Friedhof von Prag. Umberto Eco veröffentlichte 2010 seinen Roman Der Friedhof in Prag, in dem er sich auf solche Verschwörungstheorien bezieht.

Bräuchenach oben

Jede Art von Respektlosigkeit ist verpönt, Essen und Trinken und den Friedhof für einen nicht gedachten Zweck zu verwenden ist verboten. Männer betreten den Friedhof mit einer Kopfbedeckung. Nach dem Besuch auf einem Friedhof wäscht man sich die Hände, aufgrund der kultischen Unreinheit, die von den Toten ausgeht. Gottesdienstliche Handlungen sind nur erlaubt, wenn sie für das Bestatten oder das Gedenken an den Toten notwendig sind, um die Toten nicht zu beschämen, die nun die Religionspflichten nicht mehr ausüben können (so der Schulchan Aruch[11] ). Selbst das Durchqueren eines jüdischen Friedhofs, um den Weg abzukürzen, ist verboten. Dennoch ist ein jüdischer Friedhof kein „geweihter Boden“ im religiösen Sinn, vielmehr ein Ort, den man mit Respekt und Würde zu betreten und zu behandeln hat. Im Laufe der Zeit haben sich die zahlreichen Bräuche, die mit dem Tod, der Beerdigung und dem Friedhof verbunden sind, geändert und sich den zeitlichen wie lokalen Gegebenheiten angepasst, ohne jedoch die Grundeinstellung aufzugeben. Deshalb kann man für keine Zeitepoche von einem absolut einheitlichen Ritus und Brauchtum sprechen.[12]

Bei Gräbern berühmter Rabbiner, etwa in Prag der Hohe Rabbi Löw, oder in Krakau Moses Isserles, ist es abergläubischer Brauch, sogenannte „Quittlech“ (zusammengerollte Zettel) zu hinterlassen. Darauf werden geheime Wünsche und Bitten niedergeschrieben und man hofft, dass der Zaddik (der Gerechte) die Bitten vor dem Thron Gottes vorträgt.[13]

Symboliknach oben

Auf jüdischen Friedhöfen findet man normalerweise keine Porträts der Verstorbenen und auch keine Grablichter oder Blumen – man legt zum Gedenken Steine auf das Grab. Bis ins 15. Jahrhundert befanden sich auf den Grabsteinen nur hebräische Inschriften mit dem Namen und dem Sterbedatum. Später kamen dann bestimmte Symbole hinzu. Überhaupt kann man anhand von jüdischen Grabsteinen viel über den Toten erfahren:

Die Schriftzeichen und symbolischen Verzierungen berichten über das Leben der Toten, ihre Berufe, ihre Stellungen in der Gemeinschaft, Familie und Abstammung. Zuerst sind da die traditionellen Zeichen der Priester und Leviten, welche einen besonderen Status in der jüdischen Gemeinschaft haben. Die zum Segen erhobenen Hände weisen darauf hin, dass der hier Beerdigte dem Stand der Priester angehört [ein Kohen war]. Eine Wasserkanne, mit oder ohne Schüssel darunter, bezeichnet das Grab eines Leviten. Es war die Aufgabe der Leviten, den Priestern bei ihren rituellen Waschungen zu dienen. […] Viele Tierabbildungen bezeichnen den Namen der Verstorbenen: der Löwe steht für den Namen „Juda“, der Bär für den hebräischen Namen „Dow“. So wird auch ein Wolf für jemanden verwendet, der „Se’ew“ hieß. Sogar eine Maus fehlt nicht, der Nachname Meisel kann als Mäuschen verstanden werden.[14]

Auch Werkzeuge versinnbildlichen das Leben der Toten, etwa eine Schere für Chajat („Schneider“ als Name und/oder als Beruf), oder Mörser und Stößel für einen ehemaligen Arzt oder Apotheker. Selbst wenn die Inschrift nicht mehr zu lesen war, konnte man so mit großer Wahrscheinlichkeit Name und Beruf des Verstorbenen bestimmen. Durch eine abgebrochene Säule konnte man auf einen plötzlichen Tod schließen. Obwohl es eine Missachtung des biblischen Verbots darstellt, wurden auch Abbildungen von menschlichen Figuren auf Grabsteinen verwendet. Beispielsweise wurde das Grab einer Frau namens Chawa (der biblische Name von Eva) mit einer Szene aus der „Adam und Eva“-Geschichte geprägt.[15]

Quelle 1:

Berthold Viertel:

Judengrab

Nicht in Jerusalem
Will ich gebettet sein.
Nicht am Berg Horeb
Raste mein Gebein.

Nein, in der Welt zerstreut,
Auf fremden Wegen
Soll man mich unbesorgt
Irgendwo niederlegen.

Nicht wo mein Vater blieb,
Nicht wo die Söhne wandern,
Begrabt mich, wo ich sterbe,
Bei allen andern.

Aus: Viertel, Berthold: Erinnerung, die Spinne. Gedichte 1945 bis 1953. In: ders.: Das graue Tuch. Gedichte, Studienausgabe Band 3, hg. von Konstantin Kaiser, mit einem Nachwort von Eberhard Frey. Wien 1994, S. 417. (Erstdruck: Viertel, Berthold: Dichtungen und Dokumente, hg. von Ernst Ginsberg. München 1956.)

  1. Bei Nehemia findet sich auch die Bezeichnung Beth Kewaroth („Ort der Gräber“), im Buch Hiob die Phrase Beth Moed le Kol Chai („das Haus, das jedem Lebenden vorbereitet ist“); vgl. Stein, Der jüdische Friedhof, S. 15.
  2. Diese sind alle in den Kodizes der jüdischen Religions- und Rechtsliteratur und deren Kommentaren festgelegt, sind aber grundsätzlich zu weiteren Interpretationen offen.
  3. Hebr. ‏שו״ם‎, Akronym aus den drei Rheinstädten Speyer, Worms und Mainz, die im Mittelalter bedeutende, miteinander kooperierende jüdische Gemeinden aufwiesen.
  4. Vgl. Stein, Historische Friedhöfe Europas, S. 69.
  5. „Re-Mo“ steht für Moses Isserles, einen bedeutenden Rabbiner.
  6. Vgl. Stein, Historische Friedhöfe, S. 69–74.
  7. Vgl. Walzer, Jüdische Friedhöfe.
  8. Vgl. Stein, Der jüdische Friedhof, S. 16f.
  9. Vgl. ebd., S. 15.
  10. Vgl. Stein, Historische Friedhöfe, S. 69.
  11. Zusammenfassung religiöser Vorschriften, Halachot, aus dem 16. Jahrhundert
  12. Vgl. Stein, Jüdischer Friedhof, S. 14 f.
  13. Vgl. ebd., S. 71
  14. Ebd., S. 18
  15. Vgl. ebd., S. 18

Literatur:

Cohn, G.: Der jüdische Friedhof. 1930.

Liedel, Herbert/Dollhopf, Helmut: Haus des Lebens. Jüdische Friedhöfe. Würzburg 1985.

Stein, Ernst M.: Der jüdische Friedhof: In: Liedel/Dollhopf, 1985, S. 14–19.

Stein, Ernst M.: Historische Friedhöfe Europas. In: Liedel/Dollhopf, 1985, S. 69–75.

Walzer, Tina: Jüdische Friedhöfe in den europäischen Ländern. Rahmenbedingungen und Zustandsbilder. In: DAVID – Jüdische Kulturzeitschrift, Heft 82 (09/2009), <davidkultur.at> (Stand: 1.11.2012).

Weiterführende Literatur:

Im Internet existieren einige interessante Homepages, die sich umfassend mit jüdischen Friedhöfen beschäftigen, u.a.:

http://www.bethhahayim.info/ Zahlreiche Fotos verschiedener jüdischer Friedhöfe in Deutschland.

http://friedhof-ansichten.de/index.php?s=J%C3%BCdisch Gräber von Persönlichkeiten und Friedhöfe weltweit.

http://spurensuche.steinheim-institut.org/ Eine Einführung für Lehrer und Schüler (u.a. mit ausführlicher Symbolkunde).

Zitiervorschlag

Karlsböck, Tanja/Eidherr, Armin: Jüdischer Friedhof. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/friedhof/. Version . .

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