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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

A.III.5Ethnokulturelle Konflikte in Israel

Christian Muckenhumer

Nach den Vorstellungen der zionistischen „Gründerväter“ sollten die in das „verheißene Land“ eingewanderten Menschen eine homogene jüdisch-israelische Nation bilden. Spätere Immigrationswellen aus verschiedenen Kulturkreisen lösten teils heftige innergesellschaftliche Konflikte aus und lassen das „Schmelztiegelkonzept“ als utopisch erscheinen.

Jüdisch-zionistische Identität des „Ersten Israels“ und Rückkehrrechtnach oben

Die jüdische Einwanderung nach Palästina und die Etablierung des Jischuv setzten in größerem Ausmaß in den 1880er Jahren ein. Die Alijot bis zur Gründung des Staates Israel 1948 wurden überwiegend von europäischen Zionisten und Flüchtlingen aus Polen, dem russischen Zarenreich und dem nationalsozialistischen Deutschland getragen. Ende 1947 betrug der jüdische Anteil an der mehrheitlich arabischen Bevölkerung des damaligen britischen Mandatsgebietes Palästina mit 608.000 Menschen[1] bereits ein Drittel. Die aschkenasische Pioniergeneration, die in den folgenden Jahrzehnten die politische und geistige Elite des Landes stellte, entwickelte zur Integration dieses „Ersten Israels“ das Konzept einer auf zionistisch-patriotische Ideale gegründeten kollektiven Identität („Schmelztiegel“). Das 1950 von der Knesset verabschiedete „Rückkehrgesetz“ räumte jedem Juden das Recht ein, nach Israel einzuwandern und die israelische Staatsbürgerschaft zugesprochen zu bekommen.

Die Misrachim[2] – Einwanderung und Identität des „Zweiten Israels“nach oben

Die politischen Entwicklungen und die Entkolonialisierung in der arabischen Welt führten ab den 1950er und 1960er Jahren zu einer Massenauswanderung der dortigen jüdischen Bevölkerung vorwiegend nach Frankreich, Übersee und Israel, wo die Immigranten aus Nordafrika (Marokko, Tunesien) sowie dem Vorderen Orient (Irak, Jemen) das bisher europäische Gepräge des Landes demografisch und kulturell transformierten. Im Gegensatz zur mehrheitlich säkular eingestellten aschkenasischen Bevölkerung wiesen die „Orientalen“ eine stärkere Bindung zur jüdischen Religion und ihrer herkunftsspezifischen Kultur auf. Obwohl auch sie in „neue Juden“ verwandelt werden sollten, wurde ihnen bereits bei ihrer Ankunft das Gefühl vermittelt, der europäischen Elite untergeordnet zu sein: Sie wurden in vorher von Palästinensern bewohnten Ortschaften angesiedelt oder notdürftig in provisorischen Übergangslagern untergebracht und vorwiegend in der Landwirtschaft und Fabriken eingesetzt. Das Gefühl der sozialen und sozioökonomischen Diskriminierung förderte nicht nur die Tendenz zur Segregation und zur Bewahrung der kulturellen Identität, sondern führte auch zu ethnischen Spannungen, die sich z.B. 1970 in Aufständen der Bewegung der „Schwarzen Panther“[3] in Jerusalem gewaltsam entluden.

In den 1970er und 1980er Jahren wurde ihr Wählerpotenzial auch für politische Parteien relevant: 1977 erlangte der konservative Likud dank der Stimmen der Misrachim die Mehrheit im Parlament und löste damit das sozialdemokratische, aschkenasische Establishment ab, 1984 erfolgte die Gründung der ethnisch-religiös orthodoxen Shas-Partei, die auch schon mehrmals an Koalitionsregierungen beteiligt war. Mit Moshe Katzav und Moshe Levy stellten die Misrachim auch bereits einen israelischen Präsidenten und Generalstabschef sowie mehrere Minister. In der zweiten und dritten Generation hat überdies die soziale und kulturelle Kluft zwischen Aschkenasim und Misrachim an Bedeutung und Schärfe verloren und es erfolgte eine Annäherung ihrer Lebensformen.

Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion – „Russifizierung“ Israelsnach oben

Eine nachhaltige Prägung in mehrfacher Hinsicht erfuhr das Land auch durch die Einwanderung von ca. ein Million Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion ab den 1970er Jahren. Diese russischen Olim stellen heute etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung Israels. Die Beweggründe für ihre Alijah waren vor allem Familienzusammenführung, die Furcht vor Antisemitismus und die Hoffnung auf einen besseren Lebensstandard, während zionistische Ideale oder der Wunsch, ein religiöses Leben zu führen, nur von untergeordneter Bedeutung waren.[4So bilden vor allem die russische Sprache und Kultur wichtige Identitätspfeiler dieser keineswegs homogenen Gruppe. Ein weiterer Unterschied zu anderen Einwanderungswellen liegt auch darin, dass unter ihnen der Anteil an Akademikern, Intellektuellen und Künstlern überdurchschnittlich hoch ist und sie damit bestimmte Bereiche der Wirtschaft und des Alltags prägen. Ausgestattet mit einer reichen medialen und kulturellen Infrastruktur und politischer Repräsentation[5], entstanden so in einigen Teilen des Landes russische Enklaven, die allerdings auch Misstrauen in religiös-orthodoxen Kreisen erregten, zumal auch viele – gemäß der Halakha – nicht-jüdische Angehörige auf der Grundlage des Rückkehrgesetzes nachzogen und damit den „jüdischen“ Charakter des Landes in Frage stellten und stellen. Die mangelnde Integration förderte auch einen Rechtsruck innerhalb der jungen Generation, in der sich auch eine Neonazi-Szene formierte. Im Jahre 2007 wurden acht Mitglieder verhaftet und Videos beschlagnahmt.

Quelle 1:

Über die Zugehörigkeit dieser Jugendlichen wird nun debattiert, zumal auch noch die Mutter des Hauptverdächtigen erklärte, dass ihr Sohn „keine andere Sprache als Russisch spricht.“ Für Efraim Zuroff vom israelischen Wiesenthal-Zentrum liegt das Problem in der Entfremdung zum Judentum. „Die Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion besteht aus Leuten, die keine persönliche Verbindung zum jüdischen Volk, zur jüdischen Geschichte oder zum jüdischen Schicksal haben. Sie kamen aus wirtschaftlichen Gründen.“ Diese Kinder sind nicht integriert in die israelische Gesellschaft, was nicht besonders überrasche, sie lebten in einem russischen Ghetto, wo sie verrückten Ideen im Internet ausgesetzt seien.

Es verwundert nicht, dass die politische Klasse sofort erhitzt über eine Abänderung des sogenannten „Rückkehrgesetzes“ debattierte, das die Einwanderung mit der oben genannten Freizügigkeit nach Israel regelt. Interessanter ist aber wohl erst einmal die genauere Suche nach Lücken in der Integrationspolitik. „Die israelische Gesellschaft muss sich nicht nur fragen, wo diese Jugendlichen einen Fehler gemacht haben, sondern auch, wo wir versagt haben bei ihrer Aufnahme und Erziehung“, erklärte der Minister für öffentliche Sicherheit Avi Dichter.

aus: Dachs, Neonazis

Äthiopische Juden – Diskriminierung und Rassismusnach oben

Mit Problemen anderer Art sehen sich die vor allem seit den 1980er Jahren in Geheimaktionen[6] nach Israel geholten ca. 120.000 äthiopischen Juden konfrontiert: Die häufig als Falaschas[7] und Beita Israel[8] bezeichneten Immigranten, deren jüdische Ursprünge noch immer nicht restlos aufgeklärt sind, wurden erst 1975 von Rabbinern als Juden anerkannt. Ähnlich den Misrachim wurden sie zunächst in Entwicklungsstädten an der Peripherie angesiedelt und zeigten im Gegensatz zu ihnen eine geringere soziale Mobilität, weshalb unter ihnen die Tendenz zur Ghettobildung noch immer gegeben ist. Die Beita Israel, die mit großen Erwartungen nach Israel gekommen waren, mussten nicht nur ihr Jüdischsein stets aufs Neue unter Beweis stellen, sondern sahen sich im Besonderen durch ihre Hautfarbe Diskriminierung und Beschimpfungen ausgesetzt. Für landesweites Aufsehen sorgte im Jahre 1996 der sogenannte „Blutskandal“: Damals trat ans Tageslicht, dass in Krankenhäusern die Blutkonserven von äthiopischen Juden aus Angst, sie könnten HIV-infiziert sein, einfach vernichtet worden waren.

Quelle 2:

Als die Äthiopier auf diese Weise erfuhren, dass Blut, das sie für das Vaterland gespendet hatten, weggeworfen worden war, marschierten rund 15000 von ihnen zum Amtssitz des Premierministers in Jerusalem. Einige schleuderten Steine und mit Pseudoblut gefüllte Flaschen auf Polizisten, die das Gebäude bewachten. Andere hielten Schilder und Transparente hoch, auf denen stand: „Unser Blut ist so rot wie eures!“ oder „Wir sind genauso jüdisch wie ihr!“ „Sie betrogen uns, indem sie unser Blut akzeptierten und es dann heimlich wegwarfen. Blut hat für uns einen hohen Symbolwert, es ist gleichbedeutend mit unserer Seele. Dass sie die Substanz, die uns und andere Juden zu einer Familie macht, von uns nicht annahmen, hat uns sehr verletzt“, erklärt Solomon. „Es war ein Gefühl, als hätten unsere Mitjuden uns in eine Mülltonne geworfen.“ Die Empörung der Äthiopier löste eine nationale Solidaritätswelle aus. Nachdem die geheimen Luftbrücken-Operationen so große Euphorie geweckt hatten, stimmte es die Menschen in Israel traurig, die Äthiopier so enttäuscht und verletzt zu sehen. Fast 70 Prozent der Israelis zeigten sich einig mit den Demonstranten. Viele Äthiopier wurden auf der Straße von Fremden angesprochen, die ihnen Anerkennung dafür aussprachen, dass sie ihrem Ärger Luft machten.

aus: Rosenthal, Israelis, S. 198f.

Der damalige Premierminister Shimon Peres entschuldigte sich für das „dumme und unverantwortliche“ Verhalten und setzte einen Untersuchungsausschuss ein, der zu dem – freilich diskussionswürdigen – Schluss kam, dass es sich nicht um einen Fall von Rassenstigmatisierung handelte, sondern gleichsam um eine Vorsichtsmaßnahme, zumal die Spender aus einem Land mit einer hohen HIV-Infektionsrate kamen.

Die vorangegangenen Beispiele sollten illustrieren, dass das assimilatorische „Schmelztiegelkonzept“ der Gründerväter durch die verschiedenen Einwanderungswellen an seine Grenzen gestoßen ist und sich das Israel des 21. Jahrhunderts auf die Herausforderungen einer multikulturellen, multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft einstellen muss.

  1. Timm, Israel, S. 30.
  2. Fälschlicherweise werden Misrachim und Sephardim oft gleichgesetzt.
  3. Ben-Rafael/Peres, Is Israel One?, S. 119; Ursprünglich handelt es sich dabei um eine afroamerikanische Bürgerrechts- und Selbstschutzbewegung, die von unzufriedenen jungen Misrachim nach Israel transferiert wurde.
  4. Timm, Israel, S. 41.
  5. In diesem Zusammenhang sind vor allem die beiden Parteien Yisrael Ba’aliya (Mitte-Rechts) und Yisrael Beitenu (rechtsnationalistisch) zu nennen.
  6. „Operation Moses“ 1984/85 und „Operation Salomo“ 1991.
  7. „Die Fremden“, eine Bezeichnung, die sie allerdings selbst ablehnen.
  8. „Haus Israel“.

Literatur:

Ben-Rafael, Eliezer/Yochanan Peres. Is Israel One? Religion, Nationalism, and Multiculturalism Confounded. Leiden u.a. 2005.

Dachs, Gisela. Die Neonazis von Tel Aviv. in: Die Zeit 37/2007, online abrufbar unter <www.zeit.de/online/2007/37/neonazis-israel-einwanderer> (16.06.2017).

Rosenthal, Donna. Die Israelis. Leben in einem außergewöhnlichen Land. München 2007.

Timm, Angelika. Israel – Gesellschaft im Wandel. Opladen 2003.

Weiterführende Literatur:

Siegel, Dina: The great immigration. Russian Jews in Israel. New York u.a. 1998 (= New Directions in Anthropology, 11).

Trevisan Semi, ‎Emanuela/Tudor Parfitt,  (Hg.): Jews of Ethiopia. The birth of an elite. London u.a. 2005.

Zitiervorschlag

Muckenhumer, Christian: Ethnokulturelle Konflikte in Israel. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/ethnokulturelle-konflikte/. Version . .

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