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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

D.IV.4Erinnerungskonjunkturen

Siegfried Göllner

Die offizielle Erinnerung wird in Staaten entsprechend ihrer historischen Mythen und aktuellen politischen Bedürfnisse gestaltet. Israel war lange zwischen Erinnern und Vergessen des Holocaust hin und her gerissen. David Ben Gurion sah den Holocaust als Folge der Diaspora und als Beweis der zionistischen Behauptung, dass Juden im Exil ohne eigenen Staat immer der Verfolgung ausgesetzt sein würden. Der Holocaust wurde so zu einem Mittelpunkt der nationalen Identität Israels.

Die Beziehung gesellschaftlicher Gruppen zur Vergangenheit ist bestimmt von in der Öffentlichkeit wie auch im Privaten kommunizierten Narrativen. Offizielle, von staatlicher Seite verbreitete Narrative haben tendenziell den Anspruch, eine gemeinsame, identitätsstiftende und integrierende Geschichte zu erzählen, wobei Politik und Medien versuchen, ihren jeweiligen Interessen entsprechende Bilder der Vergangenheit zu prägen. Aufkommende Kritik an offiziellen Lesarten der Geschichte und die Anpassung an die jeweilige politische Situation sorgen für die parallele Existenz unterschiedlicher Narrative über die Vergangenheit, wobei die Dominanz einer Geschichtsversion meist der politischen Konjunktur und der kulturellen Hegemonie geschuldet ist. Die Dominanz eines Narrativs kann dabei zur Tabuisierung und Verdrängung widersprechender Versionen führen. Grundprinzip der Verankerung von Selbstbildern und Narrativen im kollektiven Gedächtnis ist ihre Wiederholung, ihre symbolische Re-Inszenierung im Gedenken, die durch Modifikationen auch die Möglichkeit der Anpassung an aktuelle Bedürfnisse bietet.

Die entscheidenden Entwicklungen in der Geschichte des modernen Israels, wie die Staatsgründung, die Masseneinwanderung in den 1950er Jahren und der Sechs-Tage-Krieg 1967, standen im Schatten des Holocaust, der, wie Tom Segev feststellt, „die kollektive Identität dieses neuen Landes geprägt“ hat.[1]

Holocaust-Erinnerung in Israelnach oben

Ein offizielles Holocaust-Gedenken entstand in Israel, ähnlich wie auch in Deutschland und den USA, erst Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwar stellte die Unabhängigkeitserklärung von 1948 eine Verknüpfung zwischen Holocaust und Staatsgründung her, doch bestimmten Schweigen und Scham den Umgang mit den Opfern. Das zentrale Narrativ des entstehenden Staates war der Zionismus, die jüdische Erfahrung in der Diaspora diente als Negativfolie. Israel sollte auf einem heroischen Konzept von Geschichte aufbauen, was für Opfer-Darstellungen wenig Raum ließ.[2]

Quelle 1:

„Die Katastrophe, die in unserer Zeit über das jüdische Volk hereinbrach und in Europa Millionen von Juden vernichtete, bewies unwiderleglich aufs neue, daß das Problem der jüdischen Heimatlosigkeit durch die Wiederherstellung des jüdischen Staates im Lande Israel gelöst werden muß, in einem Staat, dessen Pforten jedem Juden offenstehen und der dem jüdischen Volk den Rang einer gleichberechtigten Nation in der Völkerfamilie sichert. Die Überlebenden des schrecklichen Nazigemetzels in Europa sowie Juden anderer Länder scheuten weder Mühsal noch Gefahren, um nach dem Lande Israel aufzubrechen und ihr Recht auf ein Dasein in Würde und Freiheit und ein Leben redlicher Arbeit in der Heimat durchzusetzen.“

Israelische Unabhängigkeitserklärung 1948, zitiert nach Sznaider, Israel, S. 186.

Während des Holocaust hatte die Ablehnung der Diaspora bei vielen Mitgliedern des Jischuw noch zugenommen. Nach 1945 entstand aus der, so Segev, „herablassenden Haltung gegenüber den Überlebenden – durch die Mitleid und Scham überdeckt wurden – das große Schweigen, das den Holocaust in den 1950er Jahren umgab. In jener Zeit weigerten sich die Israelis, über den Holocaust zu sprechen“.[3] Im Mittelpunkt der Erinnerung standen die Märtyrer und Helden des Widerstandes und des Unabhängigkeitskrieges. In der Gedenk-Ikonographie wurden die Helden und Opfer jedoch miteinander verknüpft, wobei die Opfer vor allem deshalb erinnerungswürdig scheinen, weil sie die Notwendigkeit der Kämpfer aufzeigen, an die wegen ihres Anteils an der Staatsgründung erinnert wird.[4] Daher verband der israelische Staat das Gedenken an den Holocaust mit dem Heldentum zionistischer Partisanen im nationalen ‚Day of Rememberance and Heroism’,[5] wie auch in der ähnlich konzipierten Gedenkstätte Yad Vashem.

Politische und moralische Konflikte wie die Debatte über die Beziehungen zu Deutschland machten eine tiefgehende Beschäftigung mit dem Holocaust nötig. Das Gerichtsverfahren gegen Adolf Eichmann schließlich konfrontierte die Nation mit der Tragödie der Opfer und Überlebenden und setzte einen Identifikationsprozess mit ihnen in Gang, der bis heute anhält.[6] Der Holocaust ist in Israel im Unterschied zu den anderen Ländern eine nationale Erfahrung, nach der Staatsgründung war ein Drittel der Bevölkerung als Überlebende und zweite Generation direkt betroffen, weshalb dem offiziellen Schweigen immer privates Gedenken und Erinnern gegenüberstand.[7] In der offiziellen Erinnerungskultur wandelte sich die Bedeutung des Holocaust von einer schamvollen zu einer „geheiligten Erinnerung“.[8] Die Immigranten aus der arabischen Welt, die stärker religiös als die europäischen Einwanderer geprägt waren und keinen persönlichen Bezug zum Holocaust hatten, konnten sich damit identifizieren, da sie im Prozess der Entkolonialisierung mit dem Antisemitismus in den arabischen Ländern konfrontiert worden waren.[9] Für säkulare Israelis ermöglichte das Holocaust-Gedenken, die Verbundenheit mit dem jüdischen Erbe des Landes zu demonstrieren.[10] Mittlerweile überlagern globale Erinnerungen zunehmend die nationale Gedenkkultur.

Yom Hashoah Vehagvurahnach oben

1951 legte die Knesset den 27. Nisan als „Tag der Erinnerung an die Märtyrer und Helden des Holocaust“ fest. Das Komitee zur Festsetzung des Datums schöpfte aus einer Kombination religiöser und nationaler Mythologien und legte es zwischen Pessach (Gedenktag an den Aufstand im Warschauer Ghetto) und den Unabhängigkeitstag, womit eine Verbindung zwischen Verfolgungsgeschichte, Widerstand und Unabhängigkeit hergestellt wurde.[11] Biblisches und modernes Rückkehren in das Land Israel wurden miteinander verbunden, Helden und Märtyrer der Shoah gleichberechtigt neben den Gefallenen des modernen Unabhängigkeitskrieges erinnert und die Gründung Israels als teleologischer Endpunkt der Entwicklung inszeniert.[12]

Richtlinien für die Begehung des Gedenktages wurden erst 1959 beschlossen, er wurde religiös aufgeladen und begann wie alle jüdischen Feiertage am Vorabend. Öffentliche Vergnügungsstätten bleiben seither geschlossen, staatliche Radio- und Fernsehsender vermitteln durch ihr Programm Traueratmosphäre.[13]

Yad Vashemnach oben

Yad Vashem wurde 1953 zur zentralen Gedenkstätte Israels. Die Errichtung des Museums- und Gedenkkomplexes geht auf eine Initiative von Mordechai Schenhabi aus dem Jahr 1942 zurück. Schon in seinen Entwürfen wurde die Erinnerung an den Holocaust in die säkulare Symbolik der zionistischen Bewegung und des Staates Israel eingepasst. [14]

Die Konstruktion der Erinnerung in Yad Vashem umfasst „die gesamte Geschichte des Staates selbst und verläuft damit parallel zur Selbstkonstruktion des Staates“ – daher wird das Narrativ in Yad Vashem auch stets angepasst, so wie im neuen historischen Museum, in dem nunmehr – der Globalisierung des Holocaust-Gedenkens geschuldet – auch andere Opfer des Nationalsozialismus einbezogen werden.[15] Bei Gedenkfeiern in Yad Vashem wechseln Gebete und weltliche Texte israelischer Dichter einander ab, immer dabei ist ein Gedicht von Chaim Guri, das den Staat Israel als „Monument, das nie vergehen wird“ und somit Antwort auf den Holocaust interpretiert.[16]

Quelle 2:

„Wir haben Euern bitteren und einsamen Tod gerächt

Mit unseren im Zorn geballten Fäusten,

Wir haben hier ein Monument für das verbrannte Ghetto errichtet,

Ein lebendiges Monument, das nie vergehen wird.“

Chaim Guri: „Aus jenem Feuer“, in: Auswahl für den Gedenktag für Holocaust und Heldentum, Jerusalem 1975, S. 60, zitiert nach Segev, Die siebte Million, S. 561.

Eichmann-Prozess: Opfer rücken in den Mittelpunktnach oben

Der Eichmann-Prozess 1961 wurde als Medienereignis inszeniert und sollte den Holocaust in das zionistische Geschichtsverständnis, wonach das Fehlen des eigenen Landes zur Ermordung der Juden führte, integrieren. Durch die Zeugenaussagen Überlebender vermittelte der Prozess das Schicksal der Holocaust-Opfer und ihre privaten Erinnerungen, die zuvor nur wenig Öffentlichkeit erreicht hatten. Dies konterkarierte die Absichten, die von offizieller Seite mit dem Gerichtsverfahren verbunden wurden, so Sznaider:

„Das heroische Bild derer, die sich den Nazis widersetzten, das vor 1961 dominiert hatte und das man oft gegen das verächtliche Bild von den Juden, die ‚wie die Schafe zur Schlachtbank’ gegangen seien, vorbrachte, wurde durch den Prozeß relativiert.“[17]

Die dadurch entstehende neue Identifizierung mit den Überlebenden war „ein historischer und pädagogischer Wendepunkt“ im Umgang mit den Holocaust-Opfern.[18]

Diese Entwicklung zeigt sich auch am Holocaust-Tag, dessen Charakter sich nach und nach veränderte. Individuelle Opfer statt der Verallgemeinerungen „Holocaust“ und „Heldentum“ traten in den Mittelpunkt der Erinnerung. 1990 erregte das Projekt Jeder hat einen Namen große Aufmerksamkeit. Passanten wurden eingeladen, Namen von Opfern über Lautsprecher an öffentlichen Plätzen auszusprechen. Ministerpräsident Jizchak Shamir nannte die Namen seiner Eltern und gab sich damit öffentlich als Sohn einer im Holocaust ermordeten Familie zu erkennen.[19]

Globalisierung des Holocaust-Gedenkensnach oben

Das Ende des Kalten Krieges führte zur Hinterfragung und Neubewertung der bisherigen Narrative über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust, nationale Narrative werden zunehmend von übernationalen beeinflusst und mit ihnen verwoben,[20] worauf u.a. Dan Diner, Daniel Levy und Natan Sznaider hingewiesen haben.[21] Sznaider sieht den Holocaust nach dem Kalten Krieg als Ersatz für den Antikommunismus als verbindenden Wert internationaler Zusammenarbeit.[22] Rezeption und Diskussion des Kosovo-Krieges 1999 machten dieses neue Holocaust-Verständnis deutlich. Israel hatte nicht mehr das Monopol auf die Interpretation des Holocaust, der,

„zum Gemeingut der ganzen Welt geworden [war], auch wenn er, wie immer, für die weitere Diskussion sofort in nationale Begriffe übersetzt wurde. Die übernationalen Entwicklungen sind mit den nationalen gekoppelt. Der Staat verliert unverkennbar seinen Zugriff darauf zu bestimmen, wie erinnert wird.“[23]

Die Erinnerung an den Holocaust übernimmt zunehmend die Rolle eines universellen Referenzpunktes für die Bewahrung von Demokratie und Menschenrechten.

  1. Segev, Tom: Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung, Reinbek 1995, S. 22.
  2. Ebd., S. 613; Sznaider, Natan: Israel, in: Volkhard Knigge/Norbert Frei: Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München: 2002, S. 185-198, hier S. 189.
  3. Segev, Die siebte Million, S. 668.
  4. Young, James E.: Israel, in: Volkhard Knigge/Norbert Frei: Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002, S. 272-287, hier S. 273.
  5. Sznaider, Israel, S. 189.
  6. Segev, Die siebte Million, S. 21.
  7. Sznaider, Israel, S. 188.
  8. Ebd., S. 189.
  9. Ebd., S. 191.
  10. Segev, Die siebte Million, S. 671.
  11. Sznaider, Israel, S. 187.
  12. Young, Israel, S. 282.
  13. Segev, Die siebte Million, S. 574f.
  14. Ebd., S. 560-574.
  15. Young, Israel, S. 278f.
  16. Segev, Die siebte Million, S. 561.
  17. Sznaider, Israel, S. 189f.
  18. Segev, Die siebte Million, S. 626.
  19. Ebd., S. 583f.
  20. Sznaider, Israel, S. 185.
  21. Diner, Dan: Gegenläufige Gedächtnisse. Über Geltung und Wirkung des Holocaust (=toldot, Essays zur jüdischen Geschichte und Kultur, 7), Göttingen 2007; Levy, Daniel/Snaider, Natan: Erinnerung im globalen Zeitalter. Der Holocaust, Frankfurt am Main 2001.
  22. Sznaider, Israel, S. 193.
  23. Ebd.

Literatur:

Diner, Dan: Gegenläufige Gedächtnisse. Über Geltung und Wirkung des Holocaust (=toldot, Essays zur jüdischen Geschichte und Kultur, 7), Göttingen 2007.

Levy Daniel/ Sznaider Natan: Erinnerung im globalen Zeitalter. Der Holocaust, Frankfurt am Main 2001.

Segev, Tom: Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung, Reinbek 1995.

Sznaider, Natan: Israel, in: Volkhard Knigge/Norbert Frei: Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002, S. 185-198.

Young, James E.: Israel, in: Volkhard Knigge/Norbert Frei: Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002, S. 272-287.

Weiterführende Literatur:

Assmann, Aleida: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention, München 2013.

Cesarani, David: After Eichmann. Collective memory and the Holocaust since 1961, London 2005.

Eckel, Jan / Moisel, Claudia (Hrsg.): Universalisierung des Holocaust? Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in internationaler Perspektive, Göttingen 2008.

Kenan, Orna: Between memory and history. The evolution of Israeli historiography of the Holocaust, 1945-1961 (= Studies in modern European history, 49), New York 2003.

Zitiervorschlag

Göllner, Siegfried: Erinnerungskonjunkturen. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/erinnerungskonjunkturen/. Version . .

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