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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

B.I.4Djudeo-Espanyol, sefardische Literatur, Folklore und Kultur

Armin Eidherr

Das Judenspanische entwickelte sich zur weltweit verbreiteten Sprache der Sefarden. Sie wurde durch die diasporische Situation dieser Gruppe geformt und war lange ein wichtiges Identitätsmerkmal.

Sprache(n) der Sefarden – „Muestro kerido Ladino“ (Unser geliebtes Ladino)nach oben

Die Sefarden sprachen nach der Vertreibung aus „Sefarad“ (ist, nach Obadja 20, die hebräische Bezeichnung für Spanien) natürlich einerseits die Sprachen der Völker, unter denen sie lebten (etwa Arabisch, Griechisch oder Türkisch), so wie sich ebenfalls Angleichungen in Bezug auf Kleidung, Musik oder Synagogalarchitektur finden. Ihre Aussprache des Hebräischen, das sie im Kultus verwendeten, unterschied sich von der aschkenasischen.[1] Zur wichtigsten, „eigentlichen“ Sprache aber wurde das Judenspanisch, bei dem man heute das gesprochene und für die weltliche Literatur verwendete Djudeo-Espanyol von der Sprache der religiösen Übersetzungsliteratur, dem Ladino, unterscheidet.[2] Zum oft erwähnten Vergleich mit dem Jiddischen ist anzumerken, dass – vereinfacht gesagt – das Judenspanische viel näher am Spanischen geblieben ist als das Jiddisch am Deutschen. Strukturell gibt es natürlich Ähnlichkeiten. Das Djudeo-Espanyol entstand einerseits durch Festhalten am Kastilischen des 15. Jahrhunderts, das den Grundstock der Sprache bildet, und durch Anreicherung beispielsweise aus dem Portugiesischen, Arabischen, Italienischen, Griechischen, Türkischen, Französischen, Hebräischen. Somit bildet diese Sprache sozusagen die sefardische Diaspora ab, so wie das Jiddische die aschkenasische.

Bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts wurde zur Verschriftlichung eine Variante der hebräischen Schrift, die so genannte Raschi-Schrift, verwendet. In den dreißiger Jahren gingen – nach der türkischen Schriftreform durch Atatürk – auch die Sefarden in allen Ländern zur Lateinschrift über, wobei sie sich an den orthographischen Regeln des Landes, in dem sie lebten, orientierten, was zu einer bis heute bestehenden Uneinheitlichkeit der sefardischen Schreibung geführt hat.

Quelle 1:

Abb.: Umschlag des Nachdrucks des bedeutendsten judeo-espanyolischen Wörterbuches: Nehama, Joseph: Dictionnaire du Judéo-Espagnol, Paris 2003. (Orignialausgabe: Madrid 1977.) Die Puzzle-Teile stellen die wichtigsten Sprachkomponenten dar: Kastilisch, Portugiesisch, Galizisch, Türkisch, Hebräisch, Italienisch, Französisch, Arabisch, Griechisch, Leones.

Abb.: Umschlag des Nachdrucks des bedeutendsten judeo-espanyolischen Wörterbuches:
Nehama, Joseph: Dictionnaire du Judéo-Espagnol, Paris 2003. (Orignialausgabe: Madrid 1977.)
Die Puzzle-Teile stellen die wichtigsten Sprachkomponenten dar: Kastilisch, Portugiesisch, Galizisch, Türkisch, Hebräisch, Italienisch, Französisch, Arabisch, Griechisch, Leones.

 

David Fintz Altabe:

Muestro kerido ladino                            Unser geliebtes Ladino

 

Dizen ke es noble el kasteyano                     Man sagt, edel sei die spanische Sprache

U el fransez de Paris, muy refinado,            Und höchst vornehm das Französisch von Paris,

Dulse es el italyano,                                        Süß sei Italienisch

I el ebreo, el mas santo.                                  Und Hebräisch am heiligsten.

 

El grego es muy antiko;                                  Die griechische Sprache sei schon sehr alt;

El turko es ermozo i djusto,                            Das Türkische ist schön und gerecht;

Ma denguno es mas riko                                 Keine Sprache ist jedoch reicher

Ke muestro kerido ladino.                               Als unser geliebtes Ladino.

 

Fue emprestandose de todas las linguas,    Von allen Sprachen leiht es,

Enrikesyendose kon sus palavras,                Reichert sich mit ihren Worten an,

Palavras ke en el korason se afinkan,          Worte, welche im Herzen Wurzeln schlagen,

Palavras en ke yora i riye mi alma.              Worte, darin meine Seele weint und lacht.

 

Fintz Altabe, David: Muestro kerido ladino, in: Eidherr, Armin (Hg.): Los kaminos s’incheron de arena/Sandverwehte Wege/Kumların Örttüğü Yollar. Anthologie zeitgenössischer sefardischer Dichtung, Landeck 2002, S. 100f.

 

Literaturnach oben

Die literarischen Schaffungen der Sefarden sind vor allem auf dem Gebiet der religiösen (etwa mit dem „Me’am Lo’ez[3]) und „volkstümlichen“ Literatur erwähnenswert.[4] Die – häufig miteinander verschmelzenden – Einflüsse, welche Romanzen, Sprichwörter, Anekdoten usf. der Sefarden prägen, stammen von den spanischen, türkischen und anderen Volkskulturen. Besonders Übersetzungen spielen in der älteren und volkstümlichen, wie auch in der modernen sefardischen Literatur eine wichtige Rolle, d.h., es finden sich besonders in den Bereichen Roman und Theater wenige eigenständige Schaffungen, dafür freilich eine große Anzahl von Übersetzungsliteratur:

Die ersten Romane und Erzählungen in Judezmo wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Belgrad, Jerusalem, Kairo, Konstantinopel (Istanbul), Plovdiv (Philippopolis), Ruse (Rustschuk), Saloniki, Sarajevo, Smyrna (Izmir), Sofia und Wien gedruckt […]. Zwischen 1900 und 1930 erschienen ca. 250 Romane und Erzählungen, in der Mehrheit Übersetzungen bzw. freie Bearbeitungen aus dem Französischen (Dumas, Hugo, Saint Pierre, Sue, Zola, Verne, Lamartine, Abbé Prevost), Russischen (Belugin, Tolstoi, Gladkov, Gorki), Griechischen (Theotokis), Deutschen (Goethe, Philippson, Schayebi), Englischen (Swift), Hebräischen (Shalkovich, Smolenskin, Gordon, Mapu, Turov, Schaikewitz) und Yidishen.[5]

Dagegen war die sefardische Presse vielerorts eine qualitativ hochstehende und ein wichtiger Veröffentlichungsort auch für die Literatur.[6]

Die vorrangige Gattung der neueren sefardischen Literatur, besonders seit dem Zweiten Weltkrieg, ist die Lyrik, die ebenfalls weitgehend stark von der Folklore geprägt ist. Modernistische Dichtung bleibt eine Ausnahme – etwa bei Clarisse Nicoïdski (1938-1996) oder Avner Perez (geb. 1942).[7] Inhaltlich geht es neben „Liebe, Gesängen auf die Natur, Lobliedern auf die Jugendzeit, Liedern auf den Staat Israel und auf sein Schicksal, […] auf Persönlichkeiten unserer Welt“ oder der „Suche nach persönlicher Identität und den Widersprüchlichkeiten des modernen Lebens“[8] auch um die Sprache selbst und häufig um die Rückerinnerung an „Sefarad“. So schrieb das folgende Gedicht eine mit ihren türkischen Schaffungen in der Türkei angesehene Dichterin, die nach ihrem ersten Besuch in Spanien im Jahre 1992 wieder anfing in ihrer spaniolischen Muttersprache zu schreiben:

Quelle 2:

Beki L. Bahar:

La Kaye de El Bezo                      Die Gasse des Kusses

 

(Oy endiya es la kaye la mas         (Heutzutage ist diese Gasse

estrecha en Toledo, onde era         die engste in ganz Toledo,

la Djuderia un tyempo)                   dort wo einstens das Judenviertel war)

 

Si un diya ayegas                             Gelangst du eines Tages

A Toledo                                             Nach Toledo

I passas por                                       Und kommst durch eine Gasse,

„El Bezo“                                            Die „Der Kuss“ heißt,

La kaye ande durme                        Die Gasse, in der

El tyempo                                          Die Zeit schläft

Akodrate mi amor                           Dann erinnere dich, mein Geliebter,

Kinyentoz anyos antes                    Was vor fünfhundert Jahren war:

Morando frente kon frente             Dein Haus meinem Haus gegenüber

Komo de tu ventana                         Und wie du dich von deinem Fenster

A la miya te abokates                       Zu meinem herüberbeugtest

I mi primer bezo                               Und mir meinen ersten Kuss

Tu me lo rovates …                           geraubt hast …

 

Bahar, Beki L.: La kaye de el bezo, in: Eidherr, 2002, S. 77.

Der sefardische Text stammt aus: Bahar, Beki L.: Koronas. Poemas, Istanbul 2000, S. 11. (Hier ist das Entstehungsjahr des Gedichtes angegeben: 1994.)

„I los byervos devinyeron silensyo“ (Und die Worte wurden Stille)nach oben

Zur heutigen Situation des Djudeo-Espanyol ist zu sagen, dass es mehr und mehr zum Objekt wissenschaftlicher Forschung wird und die Menschen, deren Muttersprache es ist, langsam aber sicher wegsterben. So folgen etwa den immer älter werdenden DichterInnen und JournalistInnen keine jungen mehr nach.

Die „Präsenz“ des Djudeo-Espanyol im Internet[9] bestätigt diese Tatsache leider nur und kann nicht als Zeichen der Lebendigkeit der in ihm sich ausdrückenden Kultur angesehen werden, sondern allenfalls eines häufig nostalgisch gefärbten Interesses daran.

  1. Beispiele für die Unterschiede zwischen der sef. und aschk. Aussprache des Hebräischen (die Schreibung bleibt die gleiche), wobei es für die aschk. Aussprache noch andere Varianten gäbe: Sef. „galúth“ (=Diaspora) – aschk. „góleß”; sef. „likuj-levanáh” (Mondfinsternis) – aschk. „like-levóne”; sef. „leschón-hakodesch” (hebr. Heilige Sprache) – aschk. „loschn-koidesch“.
  2. Weitere Bezeichnungen für die Sprache sind neben Djudeo-Espanyol und Ladino: Sefardí, Judezmo, Djudio u.a. Zur Terminologie und auch zur Sprachgeschichte s. Sephiha, Haim Vidal: L´agonie des Judéo-Espagnols, Paris 1991.
  3. Vgl. Overbeck de Sumi, Ruth: Me’am Lo’ez: en la tradición literaria judía, in: Neue Romania – Judenspanisch VIII, Berlin 2004, S. 139f.:„Una de las obras más sobresalientes del judaísmo sefardí es el Me’am Lo’ez. Se trata de la publicación más importante de la literatura religiosa de los sefardíes, escrita en lengua judeoespañola (djudezmo) y en grafía rashí. Se publicó en un período de casi 170 años y está escrito en 18 tomos por 13 autores. El Me’am Lo’ez es una enciclopedia del judaísmo sefardí que hoy casi nadie tiene en cuenta y que está cayendo en el olvido.”
  4. Eine der ersten umfangreicheren Sammlungen sefardischer Texte in deutscher Übersetzung (Jendrusch, Andrej (Hg.): Ich will fort, Mutter. Märchen, Lieder und Romanzen der spanischen Juden. Berlin 2000.) enthält ausschließlich folkloristisches Material, das in folgenden großen Abschnitten präsentiert wird: Märchen, Fabeln und Legenden (S. 7-94), Romanzen (S. 95-136) und Lieder (S. 137-174). Was bis zur Gegenwart von der sefardischen Kultur am bekanntesten ist, sind denn vor allem Lieder, wobei ein umfangreiches einschlägiges CD-Angebot und auch viele Bücher mit sefardischen Liedersammlungen am Markt sind.
  5. Studemund-Halévy, Michael: Ladino kerido mio. Judenspanische Literatur im 20. Jahrhundert, Hamburg 2003, S. 18. Ähnliches gilt auch vom Theater: vgl. ebd., 30. (Aus dem Jiddischen scheint keine Autorenliteratur übersetzt worden zu sein, sondern nur anonym erschienene Werke, bei denen jedoch auch unsicher ist, ob die Vorlage eine jiddische war. Der Gegenstand ist noch nicht untersucht.)
  6. Eine Gesamtdarstellung der sefardischen Presse findet sich in Sephiha, 1991, S. 97-106.
  7. Siehe Eidherr, 2002, S. 134-136 und S. 146-151.
  8. Santa Puche, Salvador: Die zeitgenössische judeo-espanyolische Lyrik, in: Eidherr, 2002, S. 69.
  9. Hingewiesen sein hier etwa auf das Internetforum „Ladinokomunita“: www.sephardicstudies.org/komunita.html.

Literatur:

Eidherr, Armin (Hg.): Los kaminos s’incheron de arena/Sandverwehte Wege/Kumların Örttüğü Yollar. Anthologie zeitgenössischer sefardischer Dichtung, Landeck 2002[[1. Darinnen unter anderem enthalten: Vorwort des Herausgebers (zur Geschichte der Sefarden und ihrer Literatur), S. 8–19; Einführungen in die moderne judeo-espanyolische Dichtung von Klara Perahya, S. 65f. und Salvador Santa Puche, S. 68f.]].

Gerhardt, Ulrich: Jüdisches Leben im jüdischen Ritual. Studien und Beobachtungen 1902–1933, Heidelberg 1980[[2. Gerhardts posthum erschienenes Buch gibt einen Überblick über alle Aspekte des Judentums (Ethnologisches, Gottesdienst, Bräuche usf.) und behandelt dabei auch besonders die Unterschiede zwischen den Aschkenasim und Sefarden.]].

Jendrusch, Andrej (Hg.): Ich will fort, Mutter. Märchen, Lieder und Romanzen der spanischen Juden, Berlin 2000.

Overbeck de Sumi, Ruth: El Me’am Lo’ez en la tradición literaria judía, in: Neue Romania – Judenspanisch VIII, Berlin 2004, S. 139–159.

Santa Puche, Salvador: Die Zeitgenössische judeo-espanyolische Lyrik, in: Eidherr, 2002, S. 68 f.

Sephiha, Haim Vidal: L’agonie des Judéo-Espagnols, Paris 1991.

Studemund-Halévy, Michael: Ladino kerido mio. Judenspanisch Literatur im 20. Jahrhundert, Hamburg 2003[[3.Kommentierte Bibliographie zu folgenden Bereichen: Religiöse und weltliche Lyrik; Romane und Erzählungen; Theater; Folklore; Zeitungen und Zeitschriften (jeweils mit Literaturhinweisen und einer kleinen Forschungsbibliographie).]].

Zitiervorschlag

Eidherr, Armin: Djudeo-Espanyol, sefardische Literatur, Folklore und Kultur. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/djudeo-espanyol-sefardische-literatur-folklore-und-kultur/. Version . .

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