Inhaltsverzeichnis

Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

D.III.3Die Neo-Orthodoxie und das Erziehungswesen

Claudia Prestel

Die Neo-Orthodoxie verschrieb sich dem Prinzip Tora im Derech-Eretz und gründete zu diesem Zweck eigene Schulen mit hohen Anforderungen. So war zum Beispiel Zweisprachigkeit (Deutsch-Hebräisch) das Ziel, das allerdings nicht erreicht wurde. Von größerem Erfolg war allerdings die Mädchenerziehung, so dass die moderne orthodoxe Frau über ein ausgezeichnetes religiöses Wissen verfügte.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gründete die Neo-Orthodoxie unter Führung der Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808-1888) und Isaac Breuer (1883-1946) in Städten wie Frankfurt am Main, Halberstadt, Berlin und Würzburg eigene Schulen, um die Kinder im orthodoxen Geist erziehen zu können. In den Schulen sollte das Prinzip der Tora im Derech-Eretz, d.h. die Verbindung von religiöser mit profaner Bildung, zum Tragen kommen, hatte sich doch auch die Neo-Orthodoxie der Akkulturation verschrieben. Hirsch sprach davon, dass „je mehr der Jude Jude [sei], um so universeller [seien] seine Anschauungen und Bestrebungen”[1].

Zunächst zeichnete sich denn auch das 1852 von Hirsch entwickelte Curriculum durch ein ausgewogenes Verhältnis zwischen jüdischer und allgemeiner Bildung aus. Was den Hebräisch-Unterricht anging, waren die Anforderungen hoch, Zweisprachigkeit war das Ziel. Die Kinder sollten sowohl in Hebräisch als auch in Deutsch nicht nur Aufsätze verfassen, sondern auch zweisprachig denken können. Allerdings wurde dieses Ideal nie erreicht, auch weil die Schulbehörde ständig den Hebräischunterricht einschränkte. Die Stundenzahl der jüdischen Fächer betrug nie mehr als ein Drittel.[2]

Die orthodoxen Lehrerbildungsanstalten in Würzburg und Köln bildeten geeignete Lehrer aus. 1891 gründete dann Salomon Breuer, der Schwiegersohn von Samson Raphael Hirsch, eine Jeschiwa in Frankfurt am Main. Das Neue an ihr war, dass sie an die „unterbrochene Kette der alten höheren Talmudschulen an[knüpfte].“ Sie betrieb das Talmudstudium „als unbedingt notwendigen Hauptbestandteil jüdischer Bildung für jeden jungen Juden”.[3] Allerdings machte die deutsche Neo-Orthodoxie zunächst von ihr keinen Gebrauch, da sie nur von Ausländern besucht wurde. Mehr Erfolg hatte das von Esriel Hildesheimer (1820-1899) gegründete Berliner Rabbinerseminar, das der Ausbildung orthodoxer Rabbiner diente, die auch gleichzeitig an der Berliner Universität studierten. Mordechai Breuer zufolge war der akademisch gebildete und zugleich streng religiöse „Rabbiner-Doktor” das Kennzeichen der Neo-Orthodoxie.

 

Wie war es nun um den Erfolg des neo-orthodoxen Schulwesens in der Vermittlung jüdischer Identität bestellt? Es lag weniger am Lehrplan als an den Lehrern, dass die Schüler und Schülerinnen nicht vom orthodoxen Weg abwichen. Die orthodoxen jüdischen Schulen waren – so Breuer – wegen ihrer Gefühlswärme, Geborgenheit und Verehrung für vorbildliche Lehrer erfolgreich. Diejenigen Lehrer also, die das Prinzip Tora im Derech-Eretz lebten, wurden zu Vorbildern. Rabbiner Joseph Carlebach (1883-1942), der Direktor der Talmud-Tora-Realschule in Hamburg, hatte 1921 einige Neuerungen eingeführt, die die Schüler in ihrer jüdisch-deutschen Identität bestärkte:

Ich erinnere mich an eine Rheinfahrt, die uns in zwei Wochen von Köln nach Mainz brachte, und in der kein Ort, kein Schloß, kein Wald und kein Berg von Besichtigung und Begeisterung ausgelassen wurde. Jeder Tag begann und schloß mit Schwimmen im Rhein, der würdige Rabbiner mit langem Bart und haarigem Körper voran und Dutzende von Jungens hinter ihm herspritzend und plätschernd – zum sichtlichen Genuß einer stets wachsenden Zuschauermasse, die dergleichen nie gesehen hatte […]. Er verbrachte mit den Jungen einen vollen Tag im Kölner Dom, und erläuterte ihnen wie ein alter Sachverständiger jedes kleinste Detail an Statuen, Fenstern, Ornamenten, Ritualgeräten und Bildern.[4]

Carlebach scheute auch nicht davor zurück, Sport- und Kunstunterricht einzuführen und in der Natur zu unterrichten. Er sprengte also die engen Grenzen des Schullebens, indem er mit den Schülern lebte und sie nicht nur unterrichtete.

Einen Erfolg hatte die Neo-Orthodoxie auch mit der Mädchenerziehung. Jüdischer Tradition zufolge gab es keine einheitliche Einstellung zur Mädchenerziehung. Während Rabbi Ben Azzai sich für den Unterricht der Mädchen in der Tora aussprach, vertrat Rabbi Eliezer die Ansicht, dass der, „der seiner Tochter die Thora lehrt, wie jemand handelt, der sie mit der Unzüchtigkeit vertraut macht”. Nun hieß es im Israelit, dass die „Mütter […] das Judenthum retten [müssen] wie einst in biblischen Zeiten.“[5] Dabei wurden ziemlich revolutionäre Gedanken vertreten wie zum Beispiel die Anschauung, dass Mädchenerziehung sich nicht wesentlich von Knabenerziehung unterscheide. Mendel Hirsch (1833-1900) zufolge sollten beide Geschlechter einen möglichst gleichartigen Unterricht erhalten. Mädchen erhielten daher intensiven Bibelunterricht und der Talmudunterricht für Knaben wurde eingeschränkt. Samson Raphael Hirsch erlaubte sogar gemischte Knaben- und Mädchenklassen für die jüngeren Kinder, was „um so mehr seine Entschlossenheit demonstrierte, die Mädchenerziehung auch nicht einen Tag zu vernachlässigen, selbst auf Kosten einer erheblichen Abweichung von der Tradition.”[6]

Allerdings lag die Ausbildung orthodoxer Frauen, die das Lehramt anstrebten, weiterhin im Argen. Während es seit 1925 in Krakau ein Lehrerinnenseminar für orthodoxe Lehrerinnen gab, wurde in Deutschland nie eine vergleichbare Einrichtung geschaffen, und jüdische Lehrerinnen wurden erst seit 1930 an einer jüdischen Lehrerbildungsanstalt überhaupt aufgenommen. Der Reformbewegung angehörende Frauen, die Religionslehrerinnen werden wollten, konnten auch die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin besuchen. Regina Jonas, die erste deutsche Rabbinerin, studierte dort in den Jahren 1924 bis 1930. Erst nach längerem Kampf gelang es ihr jedoch, 1935 als Rabbinerin ordiniert zu werden, was selbstverständlich der Neo-Orthodoxie ein Dorn im Auge war.

Derselbe Rabbiner [gemeint ist Max Dienemann] der […] die überlieferte Schechita [=rituelles Schlachten] abschaffen will […] hält es nun auch für richtig, bei seiner liebenswürdigen Ritterlichkeit gegen die Damen diesen die Kanzel und das Amt der rabbinischen Entscheidung freizugeben.[7]

Wenn es auch mit der Berufsaufbildung zum Lehramt haperte und eine Ausbildung zur Rabbinerin überhaupt nicht zur Debatte stand, so verfügte trotzdem die moderne orthodoxe Frau im Allgemeinen über ein ausreichenderes jüdisches Wissen als die Frauen früherer Generationen.

Sie konnte sich auch mit vielen ihrer männlichen Altersgenossen messen, jedenfalls auf dem Gebiet des Pentateuchs und der Propheten […]. So manche junge Frau, auf der orthodoxen Schule erzogen, nahm es mit religiösen Dingen genauer als ihre Mutter.[8]

Quelle 1:

Wir haben heute keine Religion!“ Arme Kleinen, hallte es wehmütig ernst in meinem Innern wieder, und wenn ihr nun heute Religion hättet, hättet ihr dann Religion? – und wenn ihr heute Religion hättet, hättet ihr sie so, daβ ihr sie auch morgen hättet, und übermorgen, und alle die groβen, ernsten Tage und Nächte hindurch, die eurer warten, und für welche euch der Morgentau und die Morgensonne eures Lebens kräftigen und rüsten soll?“

Samson Raphael Hirsch, 1855, in: Breuer, 1986, S. 97

  1. Breuer, Mordechai: Jüdische Orthodoxie im Deutschen Reich, 1871-1918. Sozialgeschichte einer religiösen Minderheit, Frankfurt am Main 1986, S. 73.
  2. Ebd., S. 107.
  3. Ebd., S. 112.
  4. Wolfgang Grünberg: Welche Bedeutung hat die Beschäftigung mit dem Judentum für die Praktische Theologie? In: Lohmann, Ingrid/Weiße, Wolfram (Hg.): Dialog zwischen den Kulturen. Erziehungshistorische und religionspädagogische Gesichtspunkte interkultureller Bildung, Münster 1994, S. 179.
  5. Breuer, 1986, S. 117.
  6. Ebd., S. 118.
  7. Der Israelit, 20. Februar, 1936, S. 4.
  8. Breuer, 1986, S. 119.

Literatur:

Breuer, Mordechai: Jüdische Orthodoxie im Deutschen Reich, 1871-1918. Sozialgeschichte einer religiösen Minderheit, Frankfurt am Main 1986.

Der Israelit, Nr. 8, 20. Februar 1936, S. 4.

Grünberg, Wolfgang: Welche Bedeutung hat die Beschäftigung mit dem Judentum für die Praktische Theologie? In: Lohmann/Weiße, 1994, S. 173-183.

Lohmann, Ingrid / Weiße, Wolfram (Hg.): Dialog zwischen den Kulturen. Erziehungshistorische und religionspädagogische Gesichtspunkte interkultureller Bildung, Münster 1994.

Weiterführende Literatur:

Eliav, Mordechai: Jüdische Erziehung in Deutschland im Zeitalter der Aufklärung und der Emanzipation, Münster/New York/München/Berlin 2001, S. 291-307.

Klapheck, Elisa (Hg.): Fräulein Rabbiner Jonas. Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden? Berlin 1999.

Tasch, Roland: Samson Raphael Hirsch. Jüdische Erfahrungswelten im historischen Kontext, Berlin/New York 2011.

Zitiervorschlag

Prestel, Claudia: Die Neo-Orthodoxie und das Erziehungswesen. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/die-neo-orthodoxie-und-das-erziehungswesen/. Version . .

Versionsarchiv öffnen
Text kommentieren

Bei Fragen, Anregungen, Wünschen oder Bemerkungen hinterlassen Sie doch bitte einen Kommentar. Die Redaktion wird Ihr Anliegen umgehend bearbeiten.