Inhaltsverzeichnis

Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

B.I.3.2Die jiddische Literatur

Tanja Karlsböck, Armin Eidherr

Die jiddische Literatur ist in jiddischer Sprache und Schrift (d.h. in hebräischen Lettern) niedergeschriebene Literatur des aschkenasischen Judentums.

Nach allgemeiner Meinung ist das Jiddische eine vor rund tausend Jahren aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangene, mit hebräischen, aramäischen, romanischen, slawischen und weiteren Sprachelementen angereicherte Sprache. Sie teilt sich in West- und Ostjiddisch, die jeweils wieder in Dialekte unterteilt werden können. Während das Westjiddische bereits ab dem 18. Jahrhundert auszusterben begann, blieb das Ostjiddisch die Alltags- und Kultursprache der Mehrheit der Juden in Osteuropa, bis in der Shoah/dem Churbm die jüdischen Zentren in Kontinentaleuropa vernichtet wurden. Neben der relativ geringen Anzahl von jungen Jiddisch-LernerInnen und Jiddisch-ForscherInnen wird Jiddisch heute noch als Muttersprache von aus Osteuropa stammenden, meist älteren Juden wie auch von ultraorthodoxen aschkenasischen Jüdinnen und Juden gesprochen. Ihre Zahl wird auf über eine Million (vielleicht drei Millionen?) weltweit geschätzt.

Entstehung der jiddischen Sprache und Literaturnach oben

Wie es bei allen natürlichen Sprachen der Fall ist, gibt es keine unmittelbaren Zeugnisse für die Schöpfung und die frühesten Sprachstufen des Jiddischen.[1] Das erste schriftliche Dokument der jiddischen Sprache ist ein Buchsegen im Wormser Machsor (Festtagsgebetbuch) von 1272/73 und lautet: „Gut tak im b’tak / swer dis machsor in bejß-haknesseß trag“, was so viel heißt wie „Glück [einen guten Tag] möge der haben, der dies Gebetbuch in die Synagoge [zurück]trage [nachdem er es sich ausgeliehen hat].“[2]

Was die jiddische Literatur mit Sicherheit prägte, ist ein eigentümliches Charakteristikum der jiddischen Sprache: Die Sprachenfrage, also der ständige Versuch einer Positionierung bzw. (Selbst-)Bestimmung der jiddischen Sprache und die sichtliche Schwierigkeit, sie ganz einfach als „Sprache wie alle anderen Sprachen auch“ zu betrachten oder zu bezeichnen.[3] Erst durch die Gründung des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts (YIVO) 1925 wurde die jiddische Sprache standardisiert und der jiddischen Literatur ein Eintritt in die Hauptströme der Weltliteratur ermöglicht. Die Erforschung der jiddischen Sprache und Literatur hat seitdem einen Platz[4] an europäischen, amerikanischen und israelischen Universitäten.[5]

Die ostjiddische Literaturnach oben

Durch Judenverfolgungen und –vertreibungen im Mittelalter (und da vor allem in den Jahren 1348/49) wurde das jüdische Kulturleben in Deutschland nahezu zum Stillstand gebracht. So verlagerte es sich zwangsweise nach Osteuropa, wo vor allem Polen zu einem wichtigen Bezugspunkt wurde. Vom beginnenden 16. Jahrhundert führte die bevölkerungspolitische Rechtspraxis[6] zu einem nicht unerheblichen Sozialgefälle zwischen den in West- und Osteuropa lebenden Juden, was für die damit verbundenen geistigen Strömungen des aschkenasischen Judentums nicht ohne Bedeutung blieb.

Haskalanach oben

Die jüdische Aufklärungsbewegung, die in Deutschland in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Zeit von Moses Mendelssohn[7] begann (1770), hatte einen vielschichtigen und komplexen Einfluss auf das Entstehen der modernen jiddischen Literatur. Ein Ziel der europäischen Aufklärung war die „bürgerliche Gleichstellung“ der Juden. Durch das Zugeständnis von Religionsfreiheit und gleichzeitiger Anpassung (Assimilation, Akkulturation) sah man dies verwirklicht. Die (west-)jiddische Sprache, derer man sich im Ghetto bediente, stellte dazu ein zu beseitigendes Hindernis dar und durch das Verschwinden der Ghettos im Verlauf des 19. Jahrhunderts verschwand auch die westjiddische Sprache. Assimilation und Akkulturation erfolgten rasch und schon ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts glaubte man sich als Gleiche unter Gleichen. Nachdem die Ideen der jüdischen Aufklärung auch über Österreich und Galizien im gesamten Ostjudentum Eingang gefunden hatten, begann ein Kampf der Maskilim (Haskala-Anhänger) gegen das Jiddische und zwar zugunsten des Hebräischen (als „nationale“ Sprache und „Protest gegen die Diaspora“) und/oder der jeweiligen Landessprache.[8] Nolens volens mussten sich die ostjüdischen Maskilim des Jiddischen, das sie ja als „unvollständig“ betrachteten, bedienen, um den des Hebräischen und der Landessprachen nicht ausreichend kundigen Massen eben diese Ideen beizubringen. Besonders ihre belletristischen Werke (Komödien, Erzählungen, Romane u.ä.) erfreuten sich bald großer Beliebtheit und wurden gut verkauft (auch dank dem Aufkommen von jiddischen Zeitschriften und Verbesserungen im Druckwesen). Schließlich kam es so, wenn auch anfangs ungewollt, zu einer Stärkung der jiddischen Kultur und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Entwicklung einer modernen jiddischen Literatur, deren Schöpfer nun schon so viel Selbstbewusstsein besaßen, um die jiddische Sprache als zentralen Faktor einer zeitgemäßen, den Idealen der Haskala letztlich verpflichtet bleibenden jüdischen Kultur zu postulieren.[9]

Zu nennende jiddisch schreibende Haskala-Schriftsteller sind beispielsweise Isaak Abraham Euchel (1758–1804), der in seiner in westjiddisch verfassten Komödie „Reb Henoch, oder: Wos tut me dermit“ (1793) die Chassiden (und somit das Hauptangriffsziel der Maskilim) den Aufklärern gegenüberstellt; Solomon Ettinger (1800–1855), dessen wichtigstes Werk die Komödie „Serkele: oder di yortsayt nokh a bruder“ (1861 gedruckt) ist und der einer der wenigen Maskilim mit einer grundsätzlich positiven Beziehung zum Jiddischen war und Jehuda Lejb Gordon (1830–1892), der wohl bedeutendste Dichter der Haskala.[10]

Moderne jiddische Literaturnach oben

Während die jiddisch geschriebene Literatur der Haskala Tendenzliteratur war und Propagandawerkzeug blieb, geschah durch die drei „Klassiker der neueren jiddischen Literatur“, Mendele Moicher Ssforim (1836–1917; zum Beispiel „Doss klejne mentschele“), Jizchok Lejb Perez (1851–1915; zum Beispiel „Monisch“) und Scholem Alejchem (1859–1916; zum Beispiel „Menachem mendelss briw“), eine Loslösung davon und eine Öffnung hin zu neuen, weltliterarischen Dimensionen – was schließlich nur durch die Haskala ermöglicht werden konnte. Alle drei Schriftsteller verorten ihre Wurzeln in der Haskala und in hebräischen literarischen Anfängen. Durch diese Klassiker kam das Jiddische zu einem besseren Ansehen.

Abb. 1: von rechts nach links: H.D. Nomberg, Dr. Chaim Zhitlowsky, Scholem Asch, J.L. Perez, A. Reisen (Czernowitz, während der Konferenz, 1908).

Abb. 1: von rechts nach links: H.D. Nomberg, Dr. Chaim Zhitlowsky, Scholem Asch, J.L. Perez, A. Reisen (Czernowitz, während der Konferenz, 1908).

 

Zwar beginnt die moderne jiddische Literatur schon vor der Czernowitzer Sprachkonferenz (1908), doch löst sie sich erst danach von traditionsgebundenen, neoromantischen und haskalischen Vorgaben.

Bei der Czernowitzer Sprachkonferenz ging es, um es verkürzt zu sagen, um die Frage nach der jüdischen Nationalsprache. Die beiden Extreme wurden hier dargestellt durch die Jiddischisten, die Jiddisch als alleinige Nationalsprache forderten, und die Zionisten, die dafür wiederum das Hebräische verlangten. Schließlich setzten sich die durch, die für das Jiddische die gleichen Rechte wie für das Hebräische forderten und so gestand man der jiddischen Sprache zu, eine nationale Sprache, nicht aber die nationale Sprache zu sein. Als einer der radikalsten Vertreter des Jiddischismus ist Chaim Zhitlovsky[11] (1865–1943) zu nennen. In der jiddischen Literatur ließ „Czernowitz“ insofern einen bleibenden Eindruck, als danach Jiddisch zu einer bewussten Wahl wurde (vorher waren dafür zum einen ökonomische Gründe, zum anderen Erreichbarkeit der Massen vielmehr ausschlaggebend für die Wahl). Zahlreiche jiddische Schriftsteller stellen sich mit diesem Ereignis, das zum Mythos wurde, in biografischen Zusammenhang (etwa Itzik Manger, Josef Burg, u.a.).[12]

In der Zwischenkriegszeit erreicht der jiddische Modernismus durch eine Auseinandersetzung mit divergierenden Identitäts- und Ideologiekonzepten seinen Höhepunkt – etwa mit Uri Zvi Grinbergs (1896–1981) großem Dichtwerk „Mefisto“. Die Thematiken um Diaspora und Jiddischismus kulminieren als Suche nach einer Identität in der Sprache. Bedeutende Zentren der jiddischen Kultur bildeten sich in Warschau, Lodz, Wilna, Odessa, New York und unter anderem auch in Wien[13].

Entwicklung in verschiedenen Ländernnach oben

Im revolutionären und nach-revolutionären Russland[14] konzentrierte sich die jiddische Literaturlandschaft im Wesentlichen auf Kiew, Minsk und Moskau. Bald löschten die eiserne Disziplin und strikte Uniformität der stalinistischen Diktatur jegliche Unterschiedlichkeit der Zentren der jiddischen Literatur völlig aus – alle Schriftsteller wurden Parteifunktionäre, die ihre Literatur als Instrumente der Staatsgewalt einzusetzen hatten. Der Inhalt unterlag der Zensur, die Parole lautete: Sowjetisch im Inhalt – Jiddisch in der Form! Hebraismen und biblische Ausdrücke wurden dabei getilgt. In den letzten Jahren der Stalin-Ära wurden alle jiddischen Publikationen unterdrückt. Schließlich kam es in der Nacht des 12. August 1952, der sogenannten „Nacht der ermordeten Poeten“, zur Erschießung zahlreicher bedeutender Autoren (u.a. Perez Markisch (1895–1952)).

Das sicherlich bedeutendste Zentrum der modernen jiddischen Literatur war Polen[15] mit seiner großzügigen kulturellen Infrastruktur an jiddischen Schulen, Verlagen und Vereinen. Man kann zu dieser Zeit von der Blüte der literarischen Übersetzungen ins Jiddische sprechen, die als Beispiele für einen regen „Kulturtransfer“ dienen.[16] Neben Warschau waren auch Lemberg und Wilna wichtige Orte der jiddischen Literatur in Polen. Auch in anderen Ländern gab es Zentren der jiddischen Literatur. Während Frankreich und England weniger bedeutende Verbreitungsgebiete der neueren jiddischen Literatur darstellten, gewann die USA[17] zunehmend an Bedeutung als Zentrum der modernen jiddischen Literatur – dabei hatte New York eine Vormachtstellung inne. Die jiddische Literatur in Amerika erhielt ihren Aufschwung mit dem jüdischen Massenexodus der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Dort hatte man schließlich gegen die wirtschaftliche Not anzukämpfen. Bald entstand die „Schule“ der „Sweatshop Poets“, unter denen u.a. David Edelstadt, Morris Winchevsky und vor allem Morris Rosenfeld die bedeutendsten waren. In ihren Gedichten prangerten sie die unmenschlichen Arbeitsbedingungen an, denen die jüdischen Einwanderer in den Manufakturen der New Yorker Lower East Side ausgesetzt waren. Dieser revolutionären Poesie folgte 1907/08 eine neue Generation jüdischer Autoren, die sich „Di junge“ (Die Jungen) nannten und in der Literatur nicht Sozialkritik, sondern Schönheit suchten, dem poetischen Leitgedanken „l´art pour l´art“ folgend. Die führenden Dichter in dieser Gruppe waren etwa Dovid Ignatoff, H. Leivick, Moische Lejb Halpern, Mani Lejb und Joseph Opatoshu. Die Gruppe der „Insichistn“ (In-sich) war ein Kreis jiddischer Lyriker, deren Schaffen nach 1920 das Bild der amerikanisch-jiddischen Lyrik bestimmte. Sie bemühten sich um Verbindung von größtmöglicher Bildhaftigkeit mit extremer Sachnähe. Mitglieder waren u.a. Jacob Glatstein, Aaron Glanz-Lejeles und N. B. Minkoff.

Quelle:

H. Leivick:

jidische poetn

as ich tracht wegn unds – jidische poetn,

asa zàr chapt mich amol arum;

ess wilt sich schrajen zu sich alejn, betn, –

un demolt grod wern werter schtum.

 

asoj meschunehdik seen ojss undsere lider, –

wi sangen, woss a hejscherik zefresst;

a trejsst: – zu wern sich alejn derwider,

zu schlajchn sich af gotss erd, wi fremde gesst!;

 

doss blut fun undser wort af kalte finger,

fun finger – af noch keltern zement;

o, farschemte, lecherleche singer,

farrukte in farschemtere fir went!

 

un mir, wi kindische, farlibte riter,

wi don kichot, mit iberchapter moss,

mir blejbn zitern mit undser ziter,

in elnt, iber jedn wort un oß.

 

un amol, wi kez mit ufgerejzte glider

schlepn sejere kezlech farwirt fun sorg, –

asoj schlepn mir farn halds undsere lider

zwischn di zejn, iber gassn fun nju-jork.

 

as ich tracht wegn unds, jidische poetn,

asa zar nemt mich amol arum,

un ess wilt sich schrajen zum noentn, betn, –

un demolt grod wern werter schtum.

 

(Jiddische/Jüdische Dichter

Wenn ich an uns denke – jiddische Dichter, / umfängt mich solch ein Leid; / man möchte zu sich selbst schreien, betteln – / und gerade dann werden Wörter stumm. // So seltsam wirken unsere Gedichte, – / wie Ähren, die eine Heuschrecke zerfrisst; / ein Trost: – sich selbst zuwider zu werden, / auf Gottes Erde herumzuziehen wie fremde Gäste! // Das Blut unseres Wortes auf kalten Fingern, / von Fingern – auf noch kälteren Zement; / oh, beschämte, lächerliche Sänger, / Weggerückte in eine noch beschämendere Behausung! // Und wir, wie kindische, verliebte Ritter, / wie Don Quijote, in übertriebener Weise, / was uns bleibt ist das Zittern, / in Einsamkeit, über jedem Wort und Buchstaben. // Und bisweilen, wie Katzen mit angespannten Gliedern / ihre Kätzchen schleppen, von Sorge verstört, – / so schleppen wir vor dem Hals unsere Gedichte / zwischen den Zähnen, über die Straßen von New York. // Wenn ich an uns denke – jiddische Dichter, / kommt solch ein Leid über mich, / und man möchte zum Nächsten schreien, betteln, – / und gerade dann werden Wörter stumm.)

Leyvik, Lider, S. 125. (Ü.: T.K.)

Jiddische Avantgarde[18]nach oben

Auch in den Avantgarde-Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts war die jiddische Literatur gut vertreten. Insbesondere in Polen, Litauen, Russland und der Ukraine nahmen die Künstler nicht nur Bezug auf ihren jüdischen religiös-kulturellen Hintergrund, sondern versuchten avantgardistische Initiativen zu entfalten, die der Revolutionierung oder zumindest der Modernisierung des jüdischen kulturellen Lebens dienen sollten. Vor allem in Frankreich (hier vor allem in Montparnasse, „Ecole de Paris“) suchten viele jüdische Künstler Zuflucht vor den Diskriminierungen antisemitischer russischer Gesetzgebung. Nach der Oktoberrevolution zogen viele der Künstler wieder in ihre Heimat zurück, auch um sich an der Renaissance jüdischer, jiddischsprachiger Kultur zu beteiligen, die um 1917/18 verstärkt in Gang kam. Generell waren in der jiddischen Avantgarde sämtliche Richtungen der frühen Avantgarde vertreten: von Rayonismus, Imaginismus über Expressionismus bis hin zu Dadaismus und Surrealismus. Nennenswerte Zusammenschlüsse avantgardistischer jüdischer Künstler, die sich auf Jiddisch verständigten, ist etwa die in Kiew beheimatete „Kultur-Lige“ (Kultur-Liga), der Dachverband für jiddische Kultur in der Ukraine, die Gruppierung „Jung Idysz“ (Jung Jiddisch, 1919–23) in Łódź (Mitglieder waren u.a. Mosche Broderson, Jitzchak Katzenelson und Jakub Adler), „Jung vilne“ (Jung Wilna) und die Warschauer Avantgardisten „Chaljastre“ (= Bande; u.a. Melech Ravitsch, Uri Zwi Grinberg und Perez Markisch).

Wichtige Zeitschriften für die jiddische Avantgarde waren „Ufgang“ (Aufgang), „Ejgnss“ (Das Eigene) und „Baginen“ (Morgendämmerung), die die Plattform für die Kiewer Gruppe darstellten. Außerdem die in Moskau erscheinende Zeitschrift „Štrom“ und die von Grinberg herausgegebene Zeitschrift „Albatros“ (1922–23 in Warschau und Berlin erschienen).

Das Ende von „Jung Idysz“ im Jahre 1923 markiert auch die Zeit, in der sich die jiddische Avantgarde anderswo weitgehend auflöst, einerseits, da die Hochkonjunktur der klassischen Avantgarde vorbei ist, andererseits, weil viele der beteiligten Künstler in anderen, nicht exklusiv jüdischen Zusammenschlüssen aktiv werden.

Abb. 2: Titelblatt der Zeitschrift Albatros.

Abb. 2: Titelblatt der Zeitschrift Albatros.

 Zweiter Weltkrieg und Shoahnach oben

Schon Mitte der 1930er (und oftmals schon früher) nimmt man in der jiddischen Dichtung die bevorstehende Bedrohung der Kultur wahr. Die Shoah beeinflusst nicht nur die Motive der jüdischen Literatur (aller Sprachen), sie bedeutet auch eine Erschütterung der sprachlichen Hegemonie und eine Änderung im Verhältnis zur Diaspora. Die Shoah bewirkte beim Großteil der jiddischen Literaten einen Wandel, der an Jacob Glatstein (1896–1971) veranschaulicht werden kann. Schrieb er vorher als ironischer bis zynischer, oft in seinen Wortspielen an Joyce gemahnender Modernist, vollzog er einen Wandel zum formstrengen, um ernsten Inhalt bemühten Traditionalisten, dem es besonders darum ging, ein neues Verhältnis zu Gott und zur Religion zu finden.[19] Generell befand sich die jiddische Kultur nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte hin im Spannungsfeld verschiedener Kräfte – etwa von der Staatsgründung Israels zum nun nochmals neu zu definierenden Verhältnis zur Diaspora, über den Versuch einer Kontinuierung der jiddischen Kultur beispielsweise in Polen, dem schon nach weniger als einem Vierteljahrhundert durch einen politisch instrumentalisierten Antisemitismus der Garaus gemacht wurde, von ihrer geistigen und physischen Vernichtung im stalinistischen Russland bis hin zu ihrem raschen Verschwinden im Assimilationstreibsand Amerikas. Viele jiddische Dichter trieb das in die Resignation, in der sie sich als letzte Hüter und Träger einer alten, aussterbenden Kultur verstanden und die so weit gehen konnte, die Weitergabe dieser Kultur als sinnlos zu betrachten.[20]

Jiddische Literatur in Israelnach oben

Die jiddische Kultur hatte es in der ersten Zeit nach der Staatsgründung Israels dort nicht leicht. Sie hatte sich gegen eine Ideologie des radikalen Neubeginns, der völligen Neuerfindung bzw. -definition des jüdischen Selbstverständnisses durchzusetzen. Abraham Sutzkever (1913–2010), einer der bekanntesten und bedeutendsten jiddischen Dichter der Gegenwart, veranschaulicht in seinem 1948(!) entstandenen Gedicht „Der schnej afn chermoin[21] (Der Schnee auf dem Berg Hermon) die Bedeutung der jüdischen Diaspora für das geistige Klima im Land, wie auch die Bedeutung des Erinnerns für die jüdische Identität. Sutzkever ist von 1949 bis 1995 der Herausgeber der in Tel Aviv erscheinenden, nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutendsten jiddischen Kulturzeitschrift „Di goldene kejt“ (Die goldene Kette)[22].

Zeitgenössische jiddische Literaturnach oben

Die „heutige jiddische Literatur“ findet, grob skizziert, in zwei Sphären statt: einerseits in weitgehend säkularen Kreisen und andererseits in orthodoxen bzw. chassidischen Milieus, wobei man sich unter der letzteren keinesfalls eine rein religiöse Literatur vorstellen darf. Der säkularen jiddischen Literatur wird relativ viel wissenschaftliche Wahrnehmung zuteil. Während in diesem Bereich eine breite „durchschnittliche“ LeserInnenschaft zurzeit eher im Abnehmen begriffen ist, gibt es eine konstante, zahlenmäßig sogar stetig leicht zunehmende (literatur-)wissenschaftlich gebildete und -interessierte. 2005 erschien in Jerusalem ein großer Roman des Autors Alexander Spiegelblatt (1927 – 2013), „Krimeve. An altfrenkishe mayse“ (Krimmewe. Eine altmodische Geschichte). Krimewe, ein fiktives Dorf, ist der Ausgangspunkt des Romans, der sich weiter und weiter zu einem gigantischen Panorama einer Zeit, einer Epoche, einer Welt ausbreitet. Die ganze erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts umfassend, setzt er dabei auch dem weithin nicht allzu bekannten Judentum Rumäniens ein sprachmächtiges, figurenreiches Denkmal.

Wenn es heißt, es sei heutzutage ein Wagnis, ein Buch in jiddischer Sprache zu veröffentlichen, dann stimmt das für die sogenannte säkulare jiddische Literatur aus verschiedenerlei Gründen: Es gibt kaum mehr Verlage, die etwa vom Lektorat her für die Herausgabe geeignet sind; die LeserInnenschaft ist wohl eine sehr kritische, hoch gebildete – aber eine denkbar kleine; verkauft sich eine Auflage von 500 Exemplaren innerhalb von einigen Jahren, kann schon von einem „Bestseller“ gesprochen werden; die Übersetzung in andere Sprachen muss nicht so sehr wegen eines Mangels an geeignet ausgebildeten Übersetzern lange, oft „endlos“ lange auf sich warten lassen, sondern weil die fremdsprachige Jiddistik mit der Aufarbeitung der jiddischen Kulturentwicklung oft noch in den Jahren der Hochblüte der jiddischen Kultur in der Zwischenkriegszeit steckt. Man sollte aus diesen Tatsachen nun keine vorschnellen Schlüsse ziehen: etwa dass die Zeit des Jiddischen eben längst dahin wäre und man sich als SchriftstellerIn lieber einer anderen Sprache bedienen möge. Aber da gibt es eben solche Werke wie den Roman „Krimewe“, in welchem Inhalt und Sprache zu einer dermaßen unzertrennbaren Einheit verschmolzen sind, dass es kaum vorstellbar ist, er hätte in einer anderen Sprache als dem Jiddischen geschrieben werden können.

Es gibt DichterInnen, welche schließlich an der Situation verzweifeln und das Jiddische zugunsten einer anderen Sprache aufgeben; LiteraturwissenschaftlerInnen und -liebhaberInnen, aber auch jiddische Literaten, die das Ende der jiddischen Sprache und Kultur als schon längst angebrochen sehen. Die einen betrachten etwa das Todesdatum, den 10. August 2009, des 1912 in Wischnitz geborenen Erzählers Josef Burg als das End-Datum der Jiddischliteratur und ihn selbst als „einen der letzten Schriftsteller jiddischer Muttersprache“ (Wikipedia). Dennoch, das Jiddische und die jiddische Literatur haben, wie Isaac Bashevis Singer (1902–1991) in seiner Nobelpreisrede 1978 gesagt hat, „noch nicht das letzte Wort gesprochen“. Es gibt heute selbst DichterInnen nicht-jüdischer Herkunft, die sich in der jiddischen Literaturwelt einen Namen gemacht haben.

Kurz erwähnt sei, dass Übersetzungen von Werken der Weltliteratur ins Jiddische auch heute noch gemacht werden. Bis etwa zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Literatur aus allen wichtigen Sprachen der Welt in großer Menge ins Jiddische übertragen[23]. Als der Markt dafür immer kleiner wurde, nahm auch die Zahl der Neuerscheinungen jiddischer Übersetzungsliteratur drastisch ab. In den letzten Jahren sind aber – betrachtet man nur die Situation in Amerika und Deutschland – wieder neue Übersetzungen ins Jiddische erschienen. Am deutschen Markt etwa tauchten Übersetzungen vom Struwwelpeter (jidd. Pinye shtroykop. Vitsike mayses un komishe bilder), Max und Moritz (jidd. Shmul un shmerke), sowie Bücher von A. de Saint-Exupéry, G. Orwell, B. Brecht, den Gebrüdern Grimm und E. Kishon auf, die aber eher unter die Kategorie „Kuriosa“ fallen: als Objekte einer gewissen folklorisierenden Jiddischnostalgie oder klischeehaften Schtetl-Romanik.

Beim Thema jiddische Zeitungen und Zeitschriften verhält es sich ähnlich wie auf dem Buchmarkt. Neben einigen chassidischen Ausgaben („Der blat“, „Der jid“, „Algemejner schurnal“ (www.algemeiner.net)), gibt es einige jiddische Zeitungen und Zeitschriften in säkularen Milieus, die gekennzeichnet sind von einer momentanen steten Abnahme der Leserzahlen und damit auch der Auflagehöhen und der Erscheinungsfrequenzen. Um die Zeit der Einstellung des bedeutendsten jiddischen Periodikums nach dem Zweiten Weltkrieg, der vom Dichter Abraham Sutzkever herausgegebenen, vierteljährlich erscheinenden „Di goldene kejt“ (Tel Aviv), existierten etwa noch gute literarische Zeitschriften wie „Naje wegn“ (Tel Aviv) oder „Di pen“ (Oxford), die es beide inzwischen ebenfalls nicht mehr gibt. Vom für die jiddische Literatur ebenfalls bedeutenden „Jeruscholajmer Almanach“ (http://yiddish-almanach.org/), dessen erster Band im Jahre 1973 herauskam, erschien zuletzt im Jahr 2010 die Nummer 29. In Paris erscheinen neben dem Almanach „Gilgulim“ das sich besonders an Jiddischlernende richtende Blatt „Der jidischer tamtam“ (http://www.yiddishweb.com/tamtam.htm) und die „Jidische heftn“. Erwähnt seien hier noch vor allem die Zeitschrift „Lebns-fragn“ (Tel Aviv) (www.lebnsfragn.com) und die Wochenzeitung „Forwerts“ (New York) (http://yiddish.forward.com/), die 1897 als Tageszeitung gegründet wurde und seither ohne Unterbrechung herauskommt.

Aus den Angaben der Web-Adressen der Zeitungen ist schon zu ersehen, dass Jiddisch längst im Internet stark präsent ist. So gibt es auch eine jiddische Wikipedia (http://yi.wikipedia.org/wiki), die sich noch vor einigen Jahren, als sie im Aufbau begriffen war, in einem eher jämmerlichen sprachlichen und inhaltlichen Zustand befunden hat, in letzter Zeit aber immer mehr optimiert und lexikologischen Ansprüchen angenähert worden ist (wobei dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen zu sein scheint). Als essenzielles Portal für Jiddisch-Interessierte ist die Homepage des National Yiddish Book Centers (http://www.yiddishbookcenter.org; zur Bücher-Suche: http://www.yiddishbookcenter.org/books/search) zu nennen. Dort finden sich mittlerweile über 11.000 Titel jiddischer Literatur online als PDF. Das Yiddish Book Center in Amherst (MA) hat sich zur Aufgabe gemacht, die jiddische Kultur aufrechtzuerhalten, ob durch Übersetzungen jiddischer Literatur ins Englische, Jiddisch-Seminare oder Oral-History-Aufzeichnungen.

Die Präsenz im Internet allein kann jedoch nicht als Indikator für den Zustand der Jiddischkultur und speziell der jiddischen Literatur gewertet werden. Ihre Fortsetzung und Weiterentwicklung ist keineswegs bedroht, doch wie diese genau verlaufen wird, wird man wohl erst in einigen Jahren bzw. Jahrzehnten deutlicher beschreiben können.

  1.  Vgl. Katz, Words on Fire, S. 25.
  2.  Vgl. Aptroot/Gruschka, Jiddisch, S. 28 und S. 29; weiters: Dinse/Lipzin, Einführung, S. 1. Bis auf zwei Hebraismen (machsor und bejß-haknesseß) entspricht alles dem damaligen Deutsch.
  3.  Vgl. Eidherr, Sonnenuntergang , S. 45.
  4.  Wenn auch vielleicht noch nicht in einem entsprechenden Rahmen!
  5.  Vgl. Dinse/Lipzin, Einführung, S. VIII.
  6.  Beispielsweise beschränktes Wohnrecht der Juden, welches nur mit einem gebührenpflichtigen „Geleitbrief“ erworben werden konnte.
  7.  Mendelssohn sah im Jiddischen einen lästigen Jargon. Er forderte und förderte das Hochdeutsche in Wort und Schrift und setzte mit seiner in Hochdeutsch abgefassten, allerdings in hebräischen Lettern gedruckten, Bibelübersetzung ein sichtbares Zeichen dafür. Vgl. Dinse/Liptzin, Einführung, S. 76.
  8.  Vgl. Eidherr, Sonnenuntergang, S. 51f.
  9.  Vgl. Eidherr, Sonnenuntergang, S. 52f. Zur Beurteilung der Haskala im Bezug auf ihre (ungewollte) positive Wirkung auf die jiddische Kultur: Niger, Jidisch, S. 109; Howe/Greenberg (Hg.), Treasury, S. 17–19.
  10.  Vgl. ebd., S. 53f. Weitere Schriftsteller der Haskala siehe Dinse/Liptzin, Einführung; Liptzin, Flowering.
  11.  Zu Zhitlovsky siehe: Goldsmith, Modern Yiddish Culture, S. 161–181.
  12.  Vgl. Eidherr, Sonnenuntergang, S. 79f.
  13.  Zum Jiddischismus in Österreich siehe Eidherr, Sonnenuntergang, S. 91–139.
  14.  Vgl. Dinse/Liptzin, Einführung, S. 104–110.
  15.  Vgl. ebd., S. 110-118.
  16.  Vgl. Eidherr, Sonnenuntergang, S. 88.
  17.  Vgl. Dinse/Liptzin, Einführung, S. 124-138.
  18. Der Abschnitt folgt dem Artikel Jiddische Avantgarde (von Lidia Głuchowska und Hubert van den Berg), in: van den Berg/Fähnders (Hg.), Metzler Lexikon Avantgarde, S. 162-164.
  19.  Vgl. Eidherr, Sonnenuntergang, S. 195.
  20.  Vgl. ebd., S. 202.
  21.  In: Sutskever, Poetishe verk, S. 30.
  22.  Für Alexander Spiegelblatt war im Ende dieser Zeitschrift auch der Anfang vom Ende der jiddischen Kultur inbegriffen. Er begründet das damit, dass die jiddischen Schriftsteller und auch die Leser im Lande (Israel) wie auch in der Zerstreuung „fort in die Ewigkeit sind und kein ordentlicher Nachwuchs aufgetaucht ist“; vgl. Shpiglblat, Durkh farreykherte shayblekh, S. 254f.
  23.  Zu Übersetzungen ins Jiddische findet sich in Armin Eidherrs Sonnenuntergang auf eisig-blauen Wegen ein eigenes Kapitel und eine umfangreiche Bibliographie (etwa Goethe, Shakespeare, Dostojewski, Marx, etc.), S. 279–311.

Literatur:

Aptroot, Marion / Gruschka, Roland: Jiddisch. Geschichte und Kultur einer Weltsprache, München 2010.

Dinse, Helmut / Lipzin, Sol: Einführung in die jiddische Literatur, Stuttgart 1978.

Eidherr, Armin: Sonnenuntergang auf eisig-blauen Wegen. Zur Thematisierung von Diaspora und Sprache in der jiddischen Literatur des 20. Jahrhunderts, Göttingen 2012 (=Poetik, Exegese und Narrative. Studien zur jüdischen Literatur und Kunst, Bd. 1).

Eidherr, Armin: Zur Lage der jiddischen Literatur heute, in: Lichtungen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik 128 (2011), S. 56–60.

Goldsmith, Emanuel: Modern Yiddish Culture. The Story of the Yiddish Language Movement, New York 2000.

Howe, Irving / Greenberg, Eliezer (Hg.): A Treasury of Yiddish Stories, New York 1954.

Katz, Dovid: Words on Fire. The Unfinished Story of Yiddish, New York 2004.

Leyvik, H.: Lider. New York 1932.

Liptzin, Sol: Flowering of Yiddish Literature, New York u.a. 1963.

Niger, Shmuel: Jidisch – di schprach fun a wanderfolk, in: Di goldene kejt, Nr. 1, Tel Aviv (1949), S. 102–114. (Jidd.)

van den Berg, Hubert / Fähnders, Walter (Hg.): Metzler Lexikon Avantgarde, Stuttgart 2009.

Weiterführende Literatur:

Best, Otto F.: Mameloschen. Jiddisch – Eine Sprache und ihre Literatur, Frankfurt am Main 1973.

Encyclopedia Judaica, 16 Bde. Jerusalem 1972.

Leksikon fun der jidischer Literatur, 8 Bde, New York 1956–1981. (Jidd.; Zusatzband: Leksikon fun yidish-shraybers. fun Berl Kahan, New York 1986.)

Reisen, Salman: Leksikon fun der jidischer Literatur, 4 Bde., Wilna 1926–1929. (Jidd.)

Liptzin, Sol: A History of Yiddish Literature, New York 1985.

Zitiervorschlag

Karlsböck, Tanja/Eidherr, Armin: Die jiddische Literatur. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/die-jiddische-literatur/. Version . .

Versionsarchiv öffnen
Text kommentieren

Bei Fragen, Anregungen, Wünschen oder Bemerkungen hinterlassen Sie doch bitte einen Kommentar. Die Redaktion wird Ihr Anliegen umgehend bearbeiten.