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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

D.IV.5Der Zeitzeuge / die Zeitzeugin

Maria Ecker-Angerer

ZeitzeugInnen der NS-Zeit (und deren Berichte) sind im Lauf der Jahrzehnte zu einem festen und hoch geschätzten Bestandteil der Erinnerungskultur geworden. Durch die Verwendung ihrer Erzählungen in Schulen beziehungsweise Vermittlung erfüllen sie auch wichtige pädagogische Funktionen. Auch deshalb ist die Frage nach der Zukunft der ZeitzeugInnenschaft von hoher Relevanz.

Zu den Begriffen „Zeuge“ und „Zeitzeuge“nach oben

Die Bedeutungen des Begriffs „Zeuge“ können im Lateinischen mit den Wörtern testis – wovon Zeuge sich auch etymologisch ableitet – und superstes unterschieden werden. Während Ersteres jemanden meint, der sich „in einem Prozess oder Streit als Dritter zwischen zwei Parteien stellt“, bezeichnet Letzteres „denjenigen, der etwas erlebt hat, der ein Ereignis bis zuletzt durchgemacht hat und deswegen Zeugnis davon ablegen kann.“ Menschen werden zu „ZeitzeugInnen“, wenn sie ihre Erinnerungen an vergangene Ereignisse einer Öffentlichkeit mitteilen. Zu den konstitutiven Merkmalen des Zeitzeugen/der Zeitzeugin zählen – so Heidemarie Uhl – die Intention, Zeugnis abzulegen, der „authentische“ Habitus des Erzählens sowie die Möglichkeit der empathischen Einfühlung.

Die Wortgeschichte des Zeitzeugen/der Zeitzeugin lässt sich bis in die 1970er Jahre zurückverfolgen, im Verlauf der 1980er Jahre fand der Begriff immer breitere Verwendung. Heute wird er vor allem im Kontext des Nationalsozialismus, und hier insbesondere im Hinblick auf die Opfer, angewandt. Der Begriff „Zeitzeuge“ wird gemeinhin mit gesellschaftlicher Autorität und Respekt assoziiert.

Aufstieg und Wandel der Figur des Zeitzeugennach oben

Noch bevor der Begriff gebräuchlich wurde, begann der Aufstieg der Figur des „Zeitzeugen“. Als das zentrale Ereignis dafür gilt der Eichmann-Prozess von 1961. Die zahlreichen Zeugenaussagen der Überlebenden vor Gericht, deren Schilderungen des erlittenen Leids fanden erstmals weite Verbreitung in Printmedien und vor allem im Fernsehen – und damit viel Aufmerksamkeit. Der stetige Aufstieg des Zeitzeugen zur moralischen Instanz in den folgenden Jahrzehnten wurde von mehreren Faktoren begünstigt. Zum einen beschäftigte sich die junge Historikergeneration der 1960er und 1970er Jahre weniger mit Täter-Dokumenten und mehr mit den Augenzeugenberichten aus der Perspektive der Opfer. Zum anderen fand die Methode der Oral History immer breitere Verwendung. Die Erfahrungen der Überlebenden wurden zunehmend auf Tonträger aufgezeichnet. Seit Ende der 1970er Jahre wurden audiovisuelle Interviewaufnahmen geläufiger. In Österreich setzten diese Entwicklungen etwas verzögert ein, hier wurden die Stimmen der Überlebenden seit Anfang der 1980er Jahre gehört und vermehrt seit dem Paradigmenwechsel im Zuge der Waldheim-Debatte.

Der erfolgte Aufstieg der NS-ZeitzeugInnen zeigte sich unter anderem in ihrer hohen medialen Präsenz, vor allem in TV-Dokumentationen. Während in frühen Dokumentationen noch die Funktion des Bezeugens von Ereignissen im Vordergrund stand, gewann später der Aspekt der emotionalen Aufbereitung und Wirkung zunehmend an Bedeutung. Die Erzählungen der ZeitzeugInnen wurden auratisch aufgeladen, mit Botschaften versehen und zielten immer mehr auf das Erzeugen von Empathie. In vielen TV-Dokumentationen seit Ende der 1990er Jahre verkümmerte der Zeitzeuge/die Zeitzeugin schließlich zur „medialen Beglaubigungsinstanz“ (Martin Sabrow) des Kommentars. Ihre Auftritte beschränkten sich nun zumeist auf kurze, zurechtgeschnittene Einsätze. Der ungemeinen öffentlichen Popularität dieser TV-Dokumentationen beziehungsweise des Einsatzes von ZeitzeugInnen stand die „fachliche Entehrung“ (Sabrow) in der wissenschaftlichen Welt diametral gegenüber. Der akademische Diskurs kreiste unter anderem um die Frage nach der Zuverlässigkeit und nach dem historischen „Wert“ von ZeitzeugInnen-Erinnerungen.

ZeitzeugInnen in Schulen und Vermittlungnach oben

Seit den späten 1970er Jahren wurden den ZeitzeugInnen der NS-Zeit und deren Erzählungen auch pädagogische Funktionen im schulischen Bereich zugewiesen. In Österreich entstand von Seiten des Unterrichtsministeriums, unter führender Beteiligung des Auschwitz-Überlebenden Hermann Langbein, das ZeitzeugInnenprogramm für Schulen. NS-Überlebende sollten in den Klassen von ihren Erinnerungen berichten. Diese „authentischen“ Begegnungen mit einem Zeitzeugen, der „dabei“ gewesen ist, wurden für viele SchülerInnen zu einer beeindruckenden und prägenden Erfahrung. Auch für die ZeitzeugInnen ist der Austausch mit Jugendlichen und die Weitergabe ihrer Geschichte an die nächsten Generationen von großer Bedeutung. Kritisch anzumerken ist, dass auch diese Gespräche zunehmend mit Erwartungen (von Seiten der LehrerInnen und SchülerInnen) aufgeladen wurden, zum Beispiel darüber, was und wie ein Zeitzeuge zu erzählen hat, oder darüber, welchen Lerneffekt diese Begegnungen bei den SchülerInnen erzielen sollten. Auch waren die Begegnungen manchmal (zu) sehr von einer beinahe sakralen Ehrfurcht geprägt, was die Lernenden an einer sachlichen Beschäftigung mit dem Menschen und seiner Geschichte hinderte.

Seit der Jahrtausendwende gibt es vermehrt Bemühungen, die auf audiovisuellen Medien aufgezeichneten ZeitzeugInnenberichte für den Unterricht nutzbar zu machen. Anders als in TV-Dokumentationen sind hier die ZeitzeugInnen und deren Erzählungen nicht nur Beiwerk, sondern stehen im Zentrum des angebotenen Materials. Von wissenschaftlicher Seite wird diese Didaktisierung der ZeitzeugInnenberichte kritisch beobachtet:

Quelle:

Die Zielsetzungen der emotionalen Verankerung des „Lernens aus der Geschichte“, die damit verbundene moralische Überhöhung und die sakrale Aura des Sprechakts erfordern ein eindeutiges Narrativ, in dem die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld, zwischen Opfer und Täter klar gezogen sind. Irritation und Verstörung durch die aufgezwungenen Überlebensstrategien in der Extremsituation der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager haben in den Zeitzeugenberichten in der Regel keinen Platz. Beinhaltet die Didaktisierung des Zeitzeugenberichts auch seine Domestizierung? Denn nicht Verstörung, sondern Versöhnung ist das Ziel der medialen Kommunikation zwischen den Überlebenden des Holocaust und jener Enkelgeneration, die von ihren Erfahrungen ergriffen und berührt werden soll.

Uhl, Heidemarie: Vom Pathos des Widerstands zur Aura des Authentischen. Die Entdeckung des Zeitzeugen als Epochenschwelle der Erinnerung, in: Martin Sabrow, Norbert Frei (Hg.): Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945, Wallstein Verlag, Göttingen 2012, S. 241-242.

Zukunft der Zeitzeugenschaftnach oben

Das nahende Ende der Ära der NS-Zeitzeugenschaft wirft eine Reihe an Fragen auf. Wie werden die Erinnerungen und Erzählungen der ZeitzeugInnen künftig vermittelt? Werden „sekundäre Zeugen“ (Ulrich Baer) an deren Stelle treten und ihre Erfahrungen nach- und weitererzählen? Wer ist dazu berechtigt? Kinder, Enkel, Bekannte, Schauspieler? Es ist ebenso ungewiss, wie die Berichte, die uns die ZeitzeugInnen auf audiovisuellen Medien hinterlassen (haben), weiter verwendet und rezipiert werden. Der düsteren Prognose, dass diese Quellen in wenigen Jahren inhaltlich und ästhetisch veraltet wirken und deshalb zukünftige Generationen nicht mehr ansprechen werden, sei eine optimistischere Option hinzugefügt, dass nämlich gerade dieser Alterungsprozess zu einem gesteigerten Interesse und einer erhöhten Wertschätzung führen könnte.

Literatur:

Baer, Ulrich (Hg.): ‚Niemand zeugt für den Zeugen’. Erinnerungskultur nach der Shoah, Frankfurt am Main, 2000.

Sabrow, Martin/ Frei, Norbert (Hg.): Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945, Göttingen 2012.

Uhl, Heidemarie: Vom Pathos des Widerstands zur Aura des Authentischen. Die Entdeckung des Zeitzeugen als Epochenschwelle der Erinnerung, in: Sabrow/Frei, 2012, S. 224–246.

Weiterführende Literatur:

Agamben, Giorgio: Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge, Frankfurt am Main, 2003.

Erinnern.at (Hg.): Das Vermächtnis. Verfolgung, Vertreibung und Widerstand im Nationalsozialismus. 2 Lehr- und Lern-DVDs.

Fritz-Bauer Institut / Elm, Michael / Kößler, Gottfried (Hg.): Zeugenschaft des Holocaust. Zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung (= Jahrbuch zur Geschichte und Wirkung des Holocaust), Frankfurt a. M./New York.

Wieviorka, Annette: Die Entstehung des Zeugen, in: Smith, Gary (Hg.): Hannah Arendt Revisited. „Eichmann in Jerusalem“ und die Folgen, Frankfurt a. M. 2000, S. 136–159.

Zitiervorschlag

Ecker-Angerer, Maria: Der Zeitzeuge / die Zeitzeugin. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/der-zeitzeugedie-zeitzeugin/. Version . .

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