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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

B.I.3.1Der Jiddischismus

Armin Eidherr

Der Jiddischismus wurde ab dem 19. Jahrhundert zu einer zentralen „Bewegung“ im Ostjudentum – unabhängig von politischen Ideologien, denen er von rechts bis links als Grundlage dienen konnte. Die jiddische Sprache und Kultur wurden als „rechtmäßige Erben“, als direkte Fortsetzung der hebräischen und aramäischen und als Grundlagen einer nationalen aschkenasischen Identität gesehen.

Obwohl häufig als „Ideologie” missverstanden und abgetan, handelt es sich beim Jiddischismus nicht um eine solche, sondern – je nach Sichtweise – um einen verschiedenerlei Ideologien gemeinsamen Überbau beziehungsweise eine Grundlage, auf welcher oft sehr unterschiedliche ideologische Systeme fußen.

Der Ausgangspunkt war und ist die Frage nach einer jüdischen Identität, die nicht mehr zwingend religiös fundamentiert sein muss, sondern sich im Wesentlichen als säkular versteht: „Wie öffnet man Tür und Tor zur Welt und verliert dabei das eigene Antlitz nicht?“[1]

Eine möglichst allgemeine Definition des Jiddischismus kann folgendermaßen – dem Gegenstand entsprechend auf Jiddisch – gegeben werden:

der jidischism is gewèn (un is ad-hajem) di bawegung awekzuschteln un farfesstikn doss ort fun jidisch wi der hojpt-schprachmitl fun misrech-ejropeischn jidntum, un zu schtarkn di antwiklung fun a moderner, ssofisstizirter un arumnemiker jidischer kultur af dem dosikn loschn. der jidischism is gewen an ojssdruk fun kultureln un schprachikn nazjonalism woss is ongenumen geworn durch a brejter game jidische ssozjalisstn un „burshuase“ nazjonalisstn, zwischn sej ojch a ssach zienisstn.

(Der Jiddischismus war (und ist bis zum heutigen Tage) die Bewegung, die dem Jiddischen als zentrales sprachliches Medium des osteuropäischen Judentums seinen Platz zuzuweisen und zu festigen und die Entwicklung einer modernen, anspruchsvollen und umfassenden jüdischen Kultur in eben dieser Sprache zu stärken versucht. Der Jiddischismus war Ausdruck eines kulturellen und sprachlichen Nationalismus, der von einer breiten Skala jüdischer Sozialisten und „bourgeoiser“ Nationalisten, unter ihnen auch viele Zionisten, angenommen wurde.)[2]

Wenngleich es bereits früher individuelle oder Gruppenpositionen im osteuropäischen Judentum – etwa im Chassidismus – gab, die als jiddischistisch bezeichnet werden könnten[3], entstand der Jiddischismus erst im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wo verschiedene zeit- und kulturgeschichtliche Faktoren den Hintergrund für seine Entstehung bildeten: Einerseits die Haskala, die ein Schwinden jüdischer Traditionen und des Einflusses der Religion bewirkte, andererseits das Aufkommen von Massenmedien und jene Umbrüche, die in Osteuropa zur Entstehung jüdischer proletarischer Massen und – als Reaktion auf Armut und die um 1880 seit fast einem Viertel Jahrtausend wieder gehäuft auftretenden Pogrome – zu gewaltigen Emigrationswellen führten; vor allem aber kam es durch die drei „Klassiker der neuen jiddischen Literatur“ – Mendele Moicher Ssforim (1836-1917), Jizchok Lejb Perez (1852-1915) und Scholem Alejchem (1859-1916) – zu einer Hebung des Status und Ansehens des Jiddischen.

Es ist zwar nicht sicher, von wem das Wort „Jiddischismus“ stammt –möglicherweise von Nathan Birnbaum (1864-1937) oder aber von Hersch-Dovid Nomberg (1876-1927)[4] –, von Bedeutung ist, dass so unterschiedliche Ideologien innerhalb des Ostjudentums wie der Sozialismus (besonders der Bundismus), der Nationalismus etwa in der galuth-nationalistischen Ausprägung durch Nathan Birnbaum[5], der Zionismus (vor allem der Arbeiterzionismus) und sogar Teile der Haskala-Bewegung eine jiddischistische Basis hatten.

Als einer der „reinsten“ beziehungsweise radikalsten Philosophen des Jiddischismus ist Chaim Zhitlovsky (1865-1943) zu nennen, der die Jiddisch-Kultur als zentrales, fundamentales Element seines jüdisch-nationalistische Konzepte mit dem Sozialismus verschmelzenden Systems verstand.[6]

Anders als die Hebraisten, die meist eine dezidiert antijiddische Haltung einnahmen, wandten sich umgekehrt nur die wenigsten Jiddischisten gegen das Hebräische, wohl aber gegen – vor allem sprachliche – Assimilation. Jiddisch galt ihnen als zeitgemäßeste Form des „jüdischen Geistes“ und, da es die verbreitetste Sprache des jüdischen Volkes (als Diaspora-Volk!) war und Hebräisch nur von einer Minderheit verstanden wurde, als legitime Nachfolgesprache des Hebräischen und Aramäischen – Sprachen, die es potentiell ganz enthält.

Quelle 1:

jidisch                                                                 Jiddisch

jidisch loschn – a lichtiker hejchl,                   Jiddische Sprache – ein heller Tempel

in teg fun alie un jeride.                                     in Tagen des Aufstiegs und des Niedergangs.

jidisch loschn, der sifz un der schmejchl,       Jiddische Sprache, das Seufzen und das Lächeln,

un doss lid fun di woglerss di mide.                und das Lied der müden Wanderer.

 

jidisch loschn – a suniker schajer                    Jiddische Sprache – eine sonnige Scheune

far di oizreß fun undser jerusche.                    für die Schätze unseres Erbes.

jidisch loschn, bahiter, banajer,                       Jiddische Sprache, Bewahrerin, Erneuererin,

farmerer fun undser kdusche.                          Vermehrerin unserer Heiligkeit.

 

Eljeser Schindler (1892–1957), religiöser, volkstümlicher Dichter und entschiedener Jiddischist. „Schüler“ von Nathan Birnbaum. Zit. nach: Rozhanski, Yidish in lid, S. 65.[7] (Ü.: A.E.)

Um das Ansehen des Jiddischen, das teilweise im Ruf stand, eine „arme“ Sprache zu sein, zu heben, seine Standardisierung und „Intellektualisierung“ voranzutreiben, das heißt, es definitiv zu der jüdischen Hoch- und Hauptsprache zu machen, bereiteten Zhitlovsky und Birnbaum eine Konferenz vor, die vom 30. August bis zum 3. September 1908 in Czernowitz abgehalten wurde.[8] Tagungspunkte sollten Fragen der jiddischen Orthografie und Grammatik sein, Neuwörter, die Schaffung eines Wörterbuches, die Anerkennung des Jiddischen[9] u.a. Trotz eines bisweilen tumultösen, ineffizienten Verlaufes und einer Kompromissresolution stärkte die Czernowitzer Sprachkonferenz den Jiddischismus und den jiddischen Kulturaufschwung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts enorm. Dennoch: Längerfristig und aus vielerlei Gründen, die etwa mit fehlenden organisatorischen Strukturen zu tun hatten, bekam der Jiddischismus „mehr den Status eines ideologischen Trends als einer aktivistischen Bewegung“[10]; überspitzt formuliert: „Yiddishism painted itself into a linguistic corner and assumed that the solution of the language problem would automatically solve all of the other ills of Jewish live.“[11]

Bisweilen kann auch die Entscheidung eines Dichters für das Jiddische (und gegen gleich gut beherrschte Sprachen) – also eine Art rein „sprachbezogener“ Jiddischismus – ein Statement sein und inhaltliche Konzepte vertiefen. „Die Wahl des Jiddischen“ könnte man beispielsweise im Zusammenhang mit Uri Zvi Grinbergs Gedichtzyklus „Mefisto“ (1922) so deuten:

[…] das Jiddische wendet sich hier […] gegen die durch das Deutsche und das Hebräische repräsentierten Kulturen […], gegen das anhand des jüdischen Gottes vorgestellte Prinzip der Unterscheidung in der Begrenzung, welches Einheit (Identität), darüber hinaus aber keine Vielheit erlaubt, und zugleich gegen das mit Mephisto vorgestellte Prinzip der Gleichheit, welches unbegrenzte Verwandlung, d.h. Vielheit, aber keine Einheit (Identität) zulässt. Das Jiddische soll eine Alternative zu diesen beiden Kulturkategorien vorstellen. Die „Idee des Jiddischen“ erweise sich „als Idee von Vielheit in der Einheit.[12]

Diese „Idee des Jiddischen“ ist wahrscheinlich der innerste Kern des Jiddischismus. Er hat auch in der Gegenwart, wo die jiddische Kultur ihre einstige Verbreitung und Vitalität schon weitgehend verloren hat, noch Anhänger. Diese sind, wo es sich nicht bloß um „Jiddisch-Liebhaber“ ohne Kenntnisse der Sprache und der Kultur jenseits von Folklorismen handelt, einerseits um die Lebendighaltung, Weiterentwicklung und Reinhaltung etwa von „Dajtschmerismen“ oder „Ivrithismen“, d.h. von unnötigen lexikalischen und grammatikalischen Einflüssen des Deutschen oder des Ivrith, und um die Verbreitung von Jiddisch bemüht, andererseits vertreten sie – und das schwächt wie eh und je die „realpolitische“ Wirkkraft – verschiedenartigste, sich oft erbittert miteinander „auseinander-setzende“ ideologische Positionen. Von außen her wirken diese, ihre Auseinandersetzungen etwa um orthografische Fragen, oft haarspalterisch – zum Beispiel in Bezug auf die „richtige“ Schreibweise des Wortes „jiddisch“ im Jiddischen[13]; in Wirklichkeit verbergen sich jedoch unter der Orthografiediskurs-Oberfläche in dieser zum Ausdruck kommende konkurrierende Weltanschauungen. Positiv gesehen, manifestiert auch dies die „Idee von der Vielheit in der Einheit.“

Quelle 2:

What is the legacy of Yiddishism to the Jewish people and to mankind? It is, on the one hand, the awareness of the inestimable value of the Yiddish language and culture as bearers of the millennial religio-cultural and humanistic values of the Jewish tradition for all Jews (…). These values include the religious quest and Messianic vision of the Jewish people, its Sabbaths and festivals, its heritage of history, learning, and lore, and its attachment to the land of Israel as the ancestral and reclaimed homeland of Jewry. Yiddish language and literature are keys to the understanding of the East European Jewish experience, the Hassidic and Mussar movements, the rise of Jewish socialism, Zionism and Labor Zionism, the Jewish immigrant experience in the United States, Canada, South America, South Africa, Israel, and other lands, the heroism and martyrdom of Jewry during the Holocaust, and the resettlement and readjustment of the surviving remnant.

On the other hand, Yiddishism points to a future for all mankind in which ethnic, cultural, or religious differentiation will be viewed as a blessing instead of a curse (…). Yiddishism, as an enduring expression of Judaism, portends a time when the earth will be filled with a knowledge of the preciousness of all that fosters and enhances man’s humanity, enabling him to transcend himself and bring the world closer to the vision of the prophets and the rabbis.

Goldsmith[14], Modern Yiddish Culture, S. 275.

 

  1. Goldberg, Eseyen-tsvey, S. 316. (Ü.: A.E.)
  2. Fishman, Yidishizm, S.1f. (Ü.: A.E.)
  3. Reyzen, Zalman: Yidishistn far tshernovits, in: Afn shvel, Nr. 271, New York 1988, S. 14-16; Nr. 272, New York 1988, S. 10-13; Nr. 273, New York 1989, S. 11f.
  4. Shekhter, Mame-loshn, S. 254.
  5. Zu Birnbaums Jiddischismus siehe Goldsmith, Modern Yiddish Culture, S. 99-136.
  6. Zu Zhitlovsky siehe Goldsmith, Modern Yiddish Culture, S. 161-181; Goldberg, Eseyen-tsvey, S. 314-334.
  7. Jedes tragende Wort (loschn, hejchl etc.) in diesem scheinbar simplen Gedicht hat im Jiddischen vielfache Konnotationen, die durch die wörtliche Übersetzung nicht erfassbar sind. Dazu nur zwei Beispiele: „alie“ (V. 2) bedeutet neben „Aufstieg, Erhebung“ auch das „Aufrufen zur Toralesung am Schabbat in der Synagoge“ und den dabei zu lesenden Tora-Abschnitt, außerdem bezeichnet das Wort die Einwanderung nach Israel; „kdusche“ (V. 8) bezeichnet neben „Heiligkeit“ auch ein bestimmtes Gebet zur Heiligung des Namens Gottes und gemahnt an eine Menge anderer Wörter, die sich von der Wurzel K-D-SCH ableiten:„kodesch“ (Märtyrer), „kidesch-ha-schem“ (Märtyrertod, wörtl.: Heiligung des Namens), „kiduschin“ (Hochzeitszeremonie) usf.
  8. Fishman, High-Culture Functions, S. 369-394.
  9. Birnbaum, Ausgewählte Schriften (darin finden sich wichtige Schriften aus Birnbaums galuth-nationalistischer Phase wie etwa die Eröffnungsrede der Czernowitzer Konfe-renz, in der die Anerkennungsfrage zentral behandelt wird).
  10. Goldsmith, Modern Yiddish Culture, S. 221. (Ü.: A.E.)
  11. Goldsmith, 2000, S. 271.
  12. Neuburger, Einleitung, S. 50.
  13. Vgl. beispielsweise die Ausführungen bei Kats, Vegn idish, 14. Oct. 2005, S. 15; 28. Oct. 2005, S. 11f. und Glezer, Yidish akegn „idish“, S. 23f.
  14. Emanuel S. Goldsmith (geb. 1935) war Rabbi und Professor für Jiddisch und Jewish Studies am Queens College, City University von New York. Sein Buch „Modern Yiddish Culture“ ist nicht nur die beste und objektivste Darstellung der Geschichte des Jiddischismus, sondern gibt selbst das Beispiel für das Werk eines Autors mit eigener jiddischistisch fundamentierter Weltanschauung.

Literatur:

Birnbaum, Nathan: Ausgewählte Schriften zur jüdischen Frage. Czernowitz 1910.

Fishman, Dovid-Eliyohu: Vos iz yidishizm? In: Afn Shvel, Nr. 304. New York 1996, S. 1-4.

Fishman, Joshua A.: Attracting a Following to High-Culture Functions for a Language of Everyday Life: The Role of the Tshernovits Language Conference in the „Rise of Yiddish”. In: Fishman, Joshua A. (Hg.): Never Say Die! A Thousand Years of Yiddish in Jewish Life and Letters. The Hague u.a. 1981, S. 369-394.

Glezer, Herschl: Yidish akegn „idish“. In: Yugntruf, Nr. 103. New York 2006, S. 23f.

Goldberg, Itshe: Eseyen-tsvey. New York 2006.

Goldsmith, Emanuel: Modern Yiddish Culture. The Story of the Yiddish Language Movement. New York 2000 (1. Ausgabe: 1976 unter dem Titel „Architects of Yiddishism at the Beginning of the Twentieth Century”).

Kats, Hershe-Dovid: Vegn idish un yidish. In: Algemeyner zhurnal. New York, 14. Oct. 2005, S. 15; 28. Oct. 2005, S. 11f.

Neuburger, Karin: Einleitung. In: Uri Zvi Grinberg: Mephisto. München 2007, S. 13-56.

Reyzen, Zalman: Yidishistn far tshernovits. In: Afn shvel, Nr. 271, New York 1988, S. 14-16; Nr. 272, New York 1988, S. 10-13; Nr. 273, New York 1989, S. 11f.

Rozhanski, Shmuel (Hg.): Yidish in lid. Buenos Aires 1967.

Shekhter, Mordkhe: Laytish mame-loshn. New York 1986.

Zitiervorschlag

Eidherr, Armin: Der Jiddischismus. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/der-jiddischismus/. Version . .

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