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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

D.II.3Chanukka

Helga Embacher

Chanukka ist ein achttägiges jüdisches Fest, das an den Aufstand der Makkabäer 167–164 v.d.Z. und die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem erinnert. Die heutige Popularität des Festes und seine Verschmelzung mit dem zeitnah stattfindenden Weihnachtsfest sind Teil einer jüngeren Entwicklung, deren Anfänge im 19. Jh. liegen.

Die historischen Hintergründenach oben

Nach dem Tod Alexander des Großen 323 v.d.Z. wurden die östlichen Provinzen seines Reiches unter seinen Nachfolgern, den Diadochen, aufgeteilt. Die Region Palästina war Teil der Provinz Syrien und Palästina, und befand sich zuerst unter ptolemäischer und seit 200 v.d.Z. unter seleukidischer Herrschaft. Die hellenistische Kultur übte auf Teile der jüdischen Bevölkerung, vor allem auf die Priesteraristokratie, aber auch auf ökonomische Eliten, große Anziehungskraft aus. Als der seleukidische Herrscher Antiochus IV. Epiphanes die Ausübung der jüdischen Religion massiv einschränkte und u.a. den Tempel in eine Kultstätte des Zeus umwidmete, eskalierten die Konflikte mit traditionstreuen jüdischen Gruppen. Unter der Führung des jüdischen Priesters Mattathias erhoben sich 168 v.d.Z. dessen fünf Söhne gegen Antiochus IV. Nach dem Tod des Mattathias übernahm dessen Sohn Judas, auch Makkabi bzw. Makkabäus genannt (vom aramäischen makkaba – Hammer), die Führung des Aufstandes. Als einer der großen Heerführer der jüdischen Geschichte konnte er mit nur ein paar tausend Anhängern das zahlenmäßig überlegene seleukidische Heer in mehreren Gefechten zurückdrängen und im Jahr 165 v.d.Z. den entweihten Tempel in Jerusalem zurückerobern. Auf ihn geht die Dynastie der Hasmonäer zurück. Die Wiederaufnahme des Tempeldienstes am 25. Kislew (=Anfang Dezember im gregorianischen Kalender) bildet den Beginn des jüdischen Festes Chanukka.

Das Chanukkawundernach oben

Das erste und zweite Makkabäerbuch, in denen der Aufstand erzählt wird, wurden nicht in den Kanon der Hebräischen Bibel aufgenommen, sondern sind Teil der griechischen Bibelübersetzung, der Septuaginta. Das im Babylonischen Talmud (bSchab 21b) berichtete Chanukkawunder ist zentral für die Entwicklung von Chanukkabräuchen. Der Legende nach fanden die Juden im Tempel nur einen einzigen Krug mit reinem Öl vor, der aber auf wundersame Weise ausreichte, um die Kerzen im Tempelleuchter acht Tage und Nächte brennen zu lassen. Chanukka wird daher während acht Tagen jeweils nach Sonnenuntergang zu Hause gefeiert. Im Zentrum des Festes steht die Chanukkia, der achtarmige Chanukkaleuchter, an dem täglich eine Kerze mehr entzündet wird, bis schließlich alle acht brennen. Zum Anzünden wird eine eigene Kerze, der sogenannte Schamasch (=Diener), verwendet. Ursprünglich zündete man die Lichter nur in den Häusern an, später auch in der Synagoge. Die Lichter symbolisieren die Tage des Wunders und die Errettung aus der „Finsternis“ der fremden Kultur. Um die Botschaft des Festes zu verbreiten, sollen die Lichter wenn möglich entweder auf dem Fensterbrett oder im Türrahmen gegenüber der Mesusa platziert werden. Die seit der Antike belegten Chanukkaleuchter gehören zu den beliebtesten jüdischen Ritualgegenständen.

Traditionsbildungennach oben

Chanukka ist ein Fest, das sehr fröhlich gefeiert wird. Nach dem Anzünden der Lichter wird nach aschkenasischer Tradition häufig Maos Zur gesungen, ein im 13. Jh. in Deutschland entstandener Hymnus, dessen bekannteste Melodie eine Verbindung zu einem protestantischen Kirchenlied aufweisen soll. Beliebt ist auch das Spiel mit dem Dreidel, einem Kreisel, der an den vier Seiten mit den hebräischen Buchstaben (Nun, Gimel, He, Schin) versehen ist. Das sind die Anfangsbuchstaben der Wörter Nes Gadol Haja Scham, „Ein großes Wunder geschah dort“. In Israel wurde der Buchstabe „Schin” durch den Buchstaben „Peh” ersetzt und die Botschaft damit zu Nes Gadol Haja Po, „Ein großes Wunder geschah hier”, umformuliert. Als traditionelle Festspeisen gelten in Öl gebackene Speisen wie Krapfen und Latkes, eine Art Kartoffelpuffer, die zumeist mit Apfelmus gegessen werden. In Israel gelten sufganiot (Einzahl: sufganiah), mit Marmelade gefüllte Krapfen, als beliebteste Chanukkaspeise, die bereits ein Monat vor dem Fest angeboten werden. Das Öl soll dabei an das Wunder des brennenden Öls im Tempel erinnern. Wie Weihnachten entwickelte sich auch Chanukka zu einem Fest der Kinder, die, in Anlehnung an das Weihnachtsfest, mitunter sogar jeden Abend beschenkt werden. Ursprünglich erhielten sie nach dem Entzünden der Kerzen Chanukkageld, wobei der Tradition entsprechend ein Teil davon für wohltätige Zwecke gespendet werden sollte. Mittlerweile sind den Chanukkageschenken keine Grenzen gesetzt.

Bedeutungswandelnach oben

Aufgrund seiner geringeren religiösen Bedeutung führte Chanukka im jüdischen Festkalender lange ein Schattendasein. Im 19. Jh. erfuhr das Fest im europäischen Kontext einen mehrfachen Bedeutungswandel. Eine wesentliche Ursache dafür liegt im wirtschaftlichen Erstarken des Bürgertums, das sein neues Selbstbewusstsein auch in einer eigenen Festkultur zum Ausdruck brachte. Dazu gehörte die Inszenierung des Weihnachtsfestes mit Tannenbaum und individuellen Geschenken. Der religiöse Gehalt des Festes ging damit weitgehend verloren, das Fest entwickelte sich zu einem Familienfest. Dieser Bedeutungswandel erlaubte dem ebenfalls erstarkten jüdischen Bürgertum, das Chanukkafest an Weihnachten anzupassen. Dieser Prozess der Akkulturation führte nicht selten zur totalen Assimilation. Charakteristisch dafür ist die wiederholt erzählte Geschichte der Fanny Freifrau von Arnstein (1758–1818), die nach ihrer Eheschließung mit dem Bankier Nathan von Arnstein von Berlin nach Wien gezogen war, wo sie einen bekannten Salon führte und 1814 den Brauch des Weihnachtsbaums und des Beschenkens eingeführt haben soll.

Jüdische Organisationen verfolgten die zunehmende Akkulturation mit großer Skepsis. Jüdische Zeitungen machten sich darüber lustig, dass an Chanukkaleuchtern allmählich Tannennadeln zu wachsen begannen, bis sie vom Tannenbaum nicht mehr zu unterscheiden waren. Der bekannte Berliner Anwalt Sammy Gronemann (1875–1952), der später in Tel Aviv lebte, erzählte noch in Israel folgenden Witz: „Ein kleines jüdisches Mädchen schaute aus dem Fenster, als es den Weihnachtsbaum der Nachbarsfamilie erblickte, rief es erstaunt: ‚Mutti, die Christen haben auch einen Weihnachtsbaum.‘“ 1919 karikierte die jüdische Zeitschrift Schlemiel eine jüdische Familie, die sich unter einem mit brennenden Kerzen geschmückten Weihnachtsbaum versammelt hatte. Der Sohn, ein Mitglied des zionistischen Wanderbundes „Blau-Weiß“, wurde von seiner Mutter mit einem siebenarmigen Leuchter, einer Menora, beschenkt. Die Übernahme des Weihnachtsfestes muss aber keineswegs die völlige Assimilation bedeutet haben. Die Mehrheit des deutsch-österreichischen Judentums beging unabhängig davon weiterhin Jom Kippur, Pessach und Rosch Haschana.

„Weihnukka“nach oben

Nicht nur die zeitliche Nähe Chanukkas zum Weihnachtsfest, auch die gemeinsame Lichtersymbolik sowie der fröhliche Charakter erleichterten die Annäherung. Die zunehmende Aufweichung des Chanukkafestes und Angleichung an das Weihnachtsfest wird ironisch „Weihnukka“ genannt. Bei der Anpassung des Festcharakters an das bürgerliche Weihnachtsfest, die nach dem Holocaust vor allem in den USA zu beobachten war, kam den jüdischen Kindern eine wichtige Rolle zu. Sie lernten Advents- und Weihnachtsseligkeiten bei Hausangestellten und nichtjüdischen Spielkameraden kennen. In der Schule sangen sie mit den anderen Kindern Weihnachtslieder und wurden manchmal in Weihnachtsspiele mit eingebunden. Doch gerade zu Weihnachten fühlten sich jüdische Kinder oft recht einsam. Um ihren Kindern dieses Gefühl der Ausgeschlossenheit zu nehmen, stellten Eltern Christbäume auf und führten Geschenke ein. Manche plagte dabei ein schlechtes Gewissen und das Fest wurde heimlich gefeiert, manchmal übergaben Kindermädchen die Geschenke. Nicht selten wurde vorgegeben, das Weihnachtsfest nur aus Rücksichtnahme auf die christlichen Angestellten zu feiern. Viele säkulare deutsch-österreichische Juden und Jüdinnen feierten Weihnachten jedoch ganz selbstverständlich und ohne jegliche Gewissensbisse. Links orientierte Juden und Jüdinnen reicherten das Weihnachtsfest mit sozialistischen Symbolen an, sie sangen am Weihnachtsabend die Internationale und einige schmückten den Christbaum mit einem Sowjetstern.

Zionistische Neuaneignungnach oben

Seit dem späten 19. Jh. erhielt das Chanukkafest auch mit dem Zionismus einen Bedeutungswandel. Zionisten interpretierten den Makkabäeraufstand als nationale Befreiung. Chanukka wurde zum „Fest der Makkabäer“, die zionistische Pioniere zu verkörpern hatten. Der religiöse Gehalt, die Chanukkageschichte über das göttliche Wunder des Lichtes, musste dafür in den Hintergrund treten. Diese zionistische Vereinnahmung war aufgrund der geringen Bedeutung, die dem Feiertag bislang im jüdischen Festkalender zugekommen war, leicht möglich. Theodor Herzl feierte allerdings noch ein Jahr vor dem Erscheinen des Judenstaates (1896) ungeniert das Weihnachtsfest. Der Wiener Rabbiner Moritz Güdemann (1835–1918) zeigte sich zutiefst schockiert, als er im Hause Herzls einen Christbaum vorfand. Junge Zionisten brachten mit der Ablehnung des Weihnachtsfestes auch eine Protesthaltung gegenüber dem als verwaschen empfundenen Judentum ihres säkularen bürgerlichen Elternhauses zum Ausdruck. An der vielfältigen Gestaltung und auch Ablehnung des Chanukkafestes kann somit der unterschiedliche Grad der Akkulturation und die Heterogenität des deutsch-österreichischen Judentums abgelesen werden.

Kommerzialisierungnach oben

In den USA, wo mit rund sechs Millionen Juden und Jüdinnen seit der Shoah die größte jüdische Bevölkerungsgruppe weltweit lebt, widerspiegelt sich am Wandel des Chanukkafestes die Akkulturation des amerikanischen Judentums. Dieses hat nach 1945 einen rapiden sozialen Aufstieg vollzogen, womit allerdings die jüdische Identität verlorenzugehen drohte. Mit der zunehmenden Bedeutung, die Chanukka seit den 1950er Jahren zukam, wollte das amerikanische Judentum in Anlehnung an andere ethnische Minderheiten auf seine spezifische ethnische Identität in einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft verweisen. Einen weiteren Bedeutungswandel erfuhr das Fest durch den hohen Anteil an Mischehen (rund 50 Prozent). Der Weihnachtsbaum verwandelte sich in den Chanukkabusch, geschmückt mit jüdischen Motiven wie Davidsternen und Menorot (Einzahl: Menora). Erfuhr das jüdische Fest damit eine gesellschaftliche Aufwertung, so ging durch die Anpassung an das stark kommerzialisierte Christmas der religiöse Charakter zunehmend verloren. In den großen Kaufhäusern werden eigene Chanukkapuppen, Chanukkatassen, Chanukka T-Shirts und Süßigkeiten bis hin zum dog bone toy für Chanukka angeboten. Im Versandhandel kann sogar ein Davidstern für die Spitze des Christbaumes bestellt werden. Es kann wohl als Ironie der Geschichte bezeichnet werden, dass gerade jener jüdische Feiertag, der heute von säkularen Juden am aufwändigsten gefeiert wird, auf die Verweigerung jeglicher Assimilation zurückgeht.

Literatur:

Bringmann, Klaus: Geschichte der Juden im Altertum. Vom babylonischen Exil bis zur arabischen Eroberung. Stuttgart 2005.

Kugelmann, Cilly (Hg.): Geschichten von Weihnachten und Chanukka. Berlin 2005.

Embacher, Helga: Weihnukka. Zwischen Assimilation und Vertreibung – Erinnerungen deutscher und österreichischer Juden an Weihnachten und Chanukka. In: Gajek, Esther/Faber, Richard (Hg.), Politische Weihnacht in Antike und Moderne. Zur ideologischen Durchdringung des Fests der Feste. Würzburg 1997, S. 287–305.

Loewy, Hanno (Hg.): Solls der Chanukkabaum heißen: Chanukka, Weihnachten, Weihnukka –Jüdische Geschichten vom Fest der Feste. Berlin 2005.

Zitiervorschlag

Embacher, Helga: Chanukka. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/chanukka/. Version . .

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