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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

C.II.2Bauaufgaben

Ulrich Knufinke

In der Geschichte der jüdischen Religion und Kultur haben sich verschiedene spezifische Bauaufgaben und Bauformen herausgebildet. In ihrer jeweiligen Ausformung spielen religiöse Anforderungen der Liturgie und des Ritus ebenso eine Rolle wie praktische Fragen. Unterschieden werden können Räume und Bauten des Gottesdienstes und der Unterweisung (Synagogen), Bauten, die zur Einhaltung der Reinheitsvorschriften dienen (vor allem Ritualbäder, aber auch Besonderheiten in Wohnungen), sowie Bauten und Einrichtungen des Bestattungs- und Friedhofswesens.

Synagogen/Betsäle/Jeschiwotnach oben

Die Synagoge (hebr. Bet ha-Knesset: Haus der Versammlung) ist der zentrale Ort nicht nur des religiösen, sondern auch des sozialen Lebens traditioneller jüdischer Gemeinschaften. Sie dient der Versammlung zum gemeinsamen Gebet, aber auch der religiösen Unterweisung und dem gemeinsamen und individuellen Lernen. In der Synagoge werden die Torarollen mit dem Text der fünf Bücher Mose in einem besonders gestalteten Toraschrein (hebr. Aron ha-Kodesch) verwahrt. Die Lesung aus der Tora, für die die Rolle auf ein erhöhtes Podest (hebr. Bima oder Tewa) mit einem Lesepult gebracht wird, ist der Höhepunkt des Gottesdienstes (Abb. 1). In verschiedenen Phasen der Geschichte des Judentums kamen den Synagogen weitere soziale Funktionen zu, zum Beispiel als Orte für nicht-religiöse Gemeindeversammlungen.

Abb. 1: Innenraum der Synagoge von Alfred Jacoby, 1995 (Foto: Knufinke).

Abb. 1: Innenraum der Synagoge von Alfred Jacoby, 1995 (Foto: Knufinke).

Für die Einrichtung einer Synagoge reicht ein Raum aus, in dem wenigstens die zehn für die Feier eines Gottesdienstes mit Toralesung vorgeschriebenen Religionsmündigen (traditionell Männer, in Reformgemeinden auch Frauen) Platz finden. Ein eigenes Gebäude ist nicht erforderlich, weshalb auch in bestehenden Bauten eingerichtete Betsäle als Synagogen bezeichnet werden können. Dem Synagogengebäude kommt keine besondere „Heiligkeit“ zu, einzig „heiliger“ Gegenstand ist die Tora.

Eine besondere Form des jüdischen religiösen Versammlungshauses ist die Jeschiwa, das Lehrhaus für Tora- und Talmudstudien. Ihre Räumlichkeiten sind vor allem auf das gemeinschaftliche und individuelle Studium der heiligen Schriften und ihre Auslegung ausgerichtet, oft weisen die Gebäude eine Vielzahl kleiner und größerer Betstuben auf.

Ritualbädernach oben

Das Ritualbad (hebr. sg. Mikwe/pl. Mikwaot) dient der Einhaltung der religiösen Vorschriften zur persönlichen Reinheit. Vollständiges Untertauchen in rituell reinem Wasser (Regenwasser oder Grundwasser von bestimmter Qualität) stellt die Reinheit nach Verunreinigungen, zum Beispiel durch Berührung von Blut (auch bei der Menstruation) und von Leichnamen, wieder her. Auch Geschirr wird durch Eintauchen in die Mikwe „gekoschert“, also rituell rein gemacht. Die Mikwe selbst ist ein Tauchbecken von bestimmter Mindestgröße, das nach besonderen Vorschriften angelegt werden muss (Abb. 2). Die architektonische Ausgestaltung des Raums ist nicht vorgegeben. Mikwaot können in privaten Wohnhäusern, in Häusern der jüdischen Gemeinden oder in eigens errichteten Gebäuden angelegt werden. Nur im Mittelalter gab es im deutschsprachigen Raum eine Tradition, Mikwaot als repräsentative Einrichtungen mit gelegentlich viele Meter tiefen Schachtanlagen zu errichten (Köln, Speyer, Worms, Friedberg), seither sind sie schlichte Zweckbauten oder -räume.

Abb. 2: Mikwe unter der Synagoge von Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, um 1789 (Foto: Knufinke).

Abb. 2: Mikwe unter der Synagoge von Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, um 1789 (Foto: Knufinke).

Zur traditionellen jüdischen Lebensführung gehört die Einhaltung der Reinheitsvorschriften auch im häuslichen Bereich. So ist es nötig, „milchige“ und „fleischige“ Lebensmittel streng zu trennen, weshalb man gelegentlich zwei separate Küchen einrichtet – eines der wenigen Merkmale, in denen sich jüdische von nicht-jüdischen Wohnhäusern unterscheiden. Eine weitere Besonderheit ist die Errichtung einer Laubhütte (hebr. Sukka) zum Laubhüttenfest (hebr. Sukkot). Man feiert das Fest in mit Laub abgedeckten Lauben im Kreis von Familie und Freunden oder mit der ganzen jüdischen Gemeinde (Abb. 3). Für diese temporär genutzten Einrichtungen finden sich an den Häusern gelegentlich besondere Vorkehrungen, zum Beispiel aufklappbare Dächer oder Gestänge. Selten werden Sukka-Gebäude als dauerhafte Bauten errichtet.

Abb. 3: Laubhütte auf dem Markt in Mahane Yehuda, 2009 (Foto: Knufinke).

Abb. 3: Laubhütte auf dem Markt in Mahane Yehuda, 2009 (Foto: Knufinke).

Friedhöfe und Friedhofsbautennach oben

Das jüdische Bestattungswesen ist in hohem Maß von Religionsgesetzgebung und Tradition geprägt. Die Sicherung der ewigen Totenruhe gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Nachkommen. Gräber dürfen nicht wieder belegt und nur in Ausnahmefällen angetastet oder verkauft werden. Die Kennzeichnung eines Grabes durch einen Stein mit einer Inschrift, die den Namen des Verstorbenen nennt, macht den Friedhof zum Ort des persönlichen, familiären wie kollektiven Gedächtnisses. Da Leichname und damit Begräbnisplätze als unrein gelten, ist die Kennzeichnung zudem aus rituellen Gründen geboten.

Im Bestattungsritus spielt die rituelle Reinheit ebenfalls eine große Rolle: Vor der Beisetzung soll der Leichnam, einer Reinigung in der Mikwe entsprechend, gewaschen werden (hebr. Tahara: Reinigung). Die Tahara kann im Haus des Verstorbenen (beziehungsweise am Ort seines Sterbens) oder in einem speziellen Gebäude auf dem Friedhof vollzogen werden. Solche Taharahäuser sind seit der frühen Neuzeit belegt. Die erhaltenen Beispiele sind schlichte Zweckbauten, denen gelegentlich weitere gemeinschaftliche Funktionen zugekommen sein dürften (zum Beispiel als Wachhäuser oder als Herbergen für durchreisende Juden).

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erfuhren die Friedhofsgebäude einen Bedeutungswandel, als man im Zuge der „Verbürgerlichung“ des Judentums Trauerfeiern in geschlossenen, repräsentativ gestalteten Räumen abzuhalten begann. Die Trauerhallen wurden fortan zum größten, architektonisch herausgehobenen Bauteil der immer komplexer werdenden Bauten und Ensembles, in denen neben den neu hinzugekommenen Aufbahrungszimmern die traditionellen Tahararäume weiterhin ihren Platz fanden (Abb. 4).

Abb. 4: Trauerhalle des Friedhofs an der Eckenheimer Landstraße von Architekt Fritz Nathan, 1929 (Foto: Knufinke).

Abb. 4: Trauerhalle des Friedhofs an der Eckenheimer Landstraße von Architekt Fritz Nathan, 1929 (Foto: Knufinke).

Weitere Bauaufgaben jüdischer Gemeinschaften, zum Beispiel Schulen, Krankenhäuser oder Altersheime haben (von in ihnen eingerichteten koscheren Küchen oder Synagogensälen abgesehen) keine spezifisch jüdische bauliche Ausprägung gefunden.

Weiterführende Literatur:

Cohen-Mushlin / Thies, Harmen (Hg.): Synagogenarchitektur in Deutschland. Dokumentation zur Ausstellung „… und ich wurde Ihnen zu einem Kleinen Heiligtum …“ – Synagogen in Deutschland, Petersberg 2008.

Heuberger, Georg (Hg.): Mikwe. Geschichte und Architektur jüdischer Ritualbäder in Deutschland, Frankfurt am Main 1992.

Kessler, Katrin: Ritus und Raum der Synagoge. Liturgische und religionsgesetzliche Regeln für den mitteleuropäischen Synagogenbau (Schriftenreihe der Bet Tfila-Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa), Petersberg 2007.

Knufinke, Ulrich: Bauwerke jüdischer Friedhöfe in Deutschland, Petersberg 2008.

Krinsky, Carol Herselle: Europas Synagogen. Architektur, Geschichte und Bedeutung, Wiesbaden 1997.

Künzl, Hannelore: Jüdische Kunst. Von der biblischen Zeit bis in die Gegenwart, München 1992.

Schwarz, Hans-Peter (Hg.): Die Architektur der Synagoge. Frankfurt am Main 1988.

Zitiervorschlag

Knufinke, Ulrich: Bauaufgaben. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/bauaufgaben/. Version . .

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