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Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

C.II.1Architektonische Leitmodelle

Ulrich Knufinke

Die Architektur jüdischer Gemeindeeinrichtungen steht zu jeder Zeit in einem spannungsvollen Wechselverhältnis zwischen kulturell-religiös bedingten Besonderheiten und der allgemeinen bauhistorischen Entwicklung, die Materialien, Konstruktionen und Gestaltungsformen zur jeweiligen Entwurfsfindung anbietet. „Leitmodelle“ – typologische Vorbilder, die sich in weiten Entwicklungsbögen als Konstanten herausbilden konnten – sind daher weniger in formeller, stilistischer Hinsicht zu suchen als im Hinblick auf spezifische funktionell-räumliche Grundentscheidungen.

Jenseits aller „wesenhafter“ Umschreibungen dessen, was jüdische Architektur (und Kunst) sei, ob also bestimmte Formen und Gestaltungsweisen auf etwas eigentümlich Jüdisches hindeuten können, bietet sich eine „funktionelle“ Definition „jüdischer Architektur“ an. Sie sucht in den spezifischen Anforderungen jüdischer Religion und Lebensführung, also in ihrer besonderen Nutzung, die grundlegende Unterscheidung zwischen „jüdischer“ und „nicht-jüdischer“ Architektur. „Jüdisch“ wäre ein Bauwerk oder ein Raum dann zu nennen, wenn sich Merkmale ermitteln ließen, die auf solche religiösen oder kulturellen Spezifika zurückgeführt werden können. Sie werden vor allem dort zu finden sein, wo jüdische Gemeinschaften sich über Bau und Gestaltung verständigen, also bei den Räumen der sozialen und besonders der religiösen Sphäre.

Ein geistiger Bezugspunkt sind die biblisch geschilderten Heiligtümer des Volkes Israel, das wandernde Stiftszelt und der Jerusalemer Tempel. Vor allem der Salomonische Tempel als die von Gott für sich bestimmte Wohnung in seinem Volk konnte immer wieder zum Ausgangspunkt für architektonische Überlegungen werden. Nach der Zerstörung des tatsächlich errichteten Bauwerks wurde der Tempel zu einem Erinnerungs- und, in der Gestalt des endzeitlichen Tempels, Zukunftsbild, das in Abbreviaturen und Transformationen in der jüdischen Architektur (und darüber hinaus in der christlichen) eine eigene ikonografisch-architektonische Entwicklung nahm.

Das nicht dem Opferritus des Tempels, sondern dem gemeinsamen Gebet gewidmete Versammlungshaus der jüdischen Gemeinschaften, die Synagoge, nimmt seit der Antike eine vielschichtige und vielgestaltige Entwicklung.

Die antiken Synagogen orientierten sich (wie die frühchristlichen Kirchen) an profanen Versammlungsgebäuden, für die die Basilika das architektonische Modell lieferte. Allmählich wurden feste Einrichtungsgegenstände etabliert: Ein Toraschrein für die Verwahrung der Torarollen und, noch später, ein Pult für die Verlesung aus der Tora.

Im Synagogenbau der mitteleuropäischen Diaspora des Mittelalters wird der Raumtyp des ungeteilten Saals überwogen haben. Größere Synagogen wurden hingegen zweischiffig errichtet, zwischen den Mittelstützen fand die Bima, das Podest mit dem Pult zur Lesung aus der Torarolle, ihren Platz. Die Zweischiffigkeit mag als Unterscheidungsmerkmal zu den christlichen Kirchen verstanden worden sein, bei denen dieser Raumtyp nur selten Verwendung fand. Seit dem Mittelalter sind an Synagogen besondere Räume für Frauen eindeutig identifizierbar.

Im islamisch beherrschten Spanien gab es neben Saalbauten auch Synagogen mit mehreren Schiffen, wobei man den Vorbildern der zeitgenössischen Moscheen folgte.

Die mittelalterliche Tradition des Synagogenbaus wurde durch die Vertreibungen und die Pogrome des 14. und 15. Jahrhunderts in Mittel- und Westeuropa weitgehend abgebrochen.

In der Neuzeit setzte im östlichen Europa eine Blüte der jüdischen Kultur ein, die neue Raumtypen für Synagogen hervorbringen sollte. Die dort vergleichsweise großen Gemeinden realisierten Bauwerke mit komplexeren Grundrissen, als sie im Mittelalter üblich waren. Das Neun-Joch-Schema eines quadratischen, durch vier Pfeiler in neun Gewölbejoche unterteilen Raums mit der Bima im Zentrum sowie das Stütz-Bima-Schema, bei dem der Aufbau der Bima die Funktion einer konstruktiven Stütze inmitten des Saals übernahm, sind spezifische Anlageformen.

Die barocken Synagogen Mittel- und Westeuropas waren zumeist Saalbauten mit quadratischem oder leicht gestrecktem Grundriss. Ihre Verwandtschaft mit protestantischen Predigtkirchen ist unverkennbar und durch die vergleichbare Funktion als Orte, an denen das Gotteswort gehört werden soll, erklärlich. Im Laufe des 18. Jahrhunderts fand mit dem Bau von Frauenemporen statt der zuvor separaten Räume eine Zusammenfassung der Gemeinde in einem Raum statt, wenngleich die optische Trennung der Geschlechter weiter streng vollzogen wurde.

Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts kam es in Mittel- und Westeuropa zur Entwicklung von Innenraumstrukturen, die komplexer waren als der einfache Saalraum mit angelagertem Frauenbereich oder eingestellten Emporenanlagen. Dreischiffige, gestreckte Räume mit seitlichen Emporen orientierten sich an basilikalen Raumstrukturen, wie sie von Kirchen bekannt waren. Zentralräume mit Kuppel bzw. Vierungsturm und Emporen in drei der Kreuzarme fanden seit Mitte des 19. Jahrhunderts Verbreitung – entsprechend dem Schema der „Kreuzkuppelkirche“. Der Toraschrein wurde immer häufiger in einen eigenen Raumteil (Kreuzarm, Nische, Apsis) verlegt. Die Entwicklung des Reformjudentums in dieser Zeit wertete diesen Bereich weiter auf: Die Bima wurde mit dem Toraschrein (und oft einer Orgel- und Chorempore) zu einer bühnenwandartigen Architektur zusammengefasst, der die Gottesdienstbesucher in Bankreihen gegenübersaßen.

Für die historischen Phasen der jüdischen Architektur, die hier am Beispiel der Synagogen vorgestellt wurden, lassen sich jeweils vorbildhafte Einzelbauten benennen, die wiederum in enger Beziehung zur nicht-jüdischen Architektur stehen. Ihre Gestalt wurde jedoch nur selten und allenfalls in bestimmten Regionen so verbindlich, dass sie sich als „Leitbauten“ mit „Folgebauten“ definieren ließen – die Einschränkungen durch die nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaften (und ein in vielen Bereichen durch Zerstörung mangelhafter Stand der Überlieferung) erschwerten eine solche Entwicklung.

(Abb.1) Worms: Männerraum der mittelalterlichen Synagoge, nach einer Lithographie von Abraham Neu, um 1840 (In: Richard Krautheimer: Mittelalterliche Synagogen. Berlin 1927, S. 105.).

(Abb.1) Worms: Männerraum der mittelalterlichen Synagoge, nach einer Lithographie von Abraham Neu, um 1840 (In: Richard Krautheimer: Mittelalterliche Synagogen. Berlin 1927, S. 105.).

(Abb. 2) Lemberg: (Stütz-Bima-Synagoge) Sog. Vorstadt-Synagoge von 1632, Grundriss und Schnitt (In: Alfred Grotte: Beiträge zur Entwickelung des Synagogenbaues. Berlin 1915, S. 38.).

(Abb. 2) Lemberg: (Stütz-Bima-Synagoge) Sog. Vorstadt-Synagoge von 1632, Grundriss und Schnitt (In: Alfred Grotte: Beiträge zur Entwickelung des Synagogenbaues. Berlin 1915, S. 38.).

(Abb. 3) Dresden: Synagoge von Gottfried Semper, 1840, Rekonstruktionsmodell (Archiv Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa, Technische Universität Braunschweig).

(Abb. 3) Dresden: Synagoge von Gottfried Semper, 1840, Rekonstruktionsmodell (Archiv Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa, Technische Universität Braunschweig).

 

 

Literatur:

Weiterführende Literatur:

Cohen-Mushlin, Aliza/Thies, Harmen (Hg.): Jewish Architecture in Europe. Petersberg 2010.

Alfred Grotte: Beiträge zur Entwickelung des Synagogenbaues. Berlin 1915.

Krinsky, Carol Herselle: Europas Synagogen. Architektur, Geschichte und Bedeutung. Wiesbaden 1997.

Künzl, Hannelore: Jüdische Kunst. Von der biblischen Zeit bis in die Gegenwart. München 1992.

Richard Krautheimer: Mittelalterliche Synagogen. Berlin 1927.

Rosenau, Helen: Vision of the Temple. The Image of the Temple of Jerusalem in Judaism and Christianity. London 1979.

Sed-Rajna, Gabrielle: Die jüdische Kunst. Freiburg 1997.

Thies, Harmen: Synagogen. Begriff und Bild. In: Izsák, Andor (Hg.): „Niemand wollte mich hören…“ Magrepha. Die Orgel in der Synagoge. Hannover 1999 (= Schriftenreihe des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik 5), S. 57-70.

Wischnitzer, Rachel: The Architecture of the European Synagogue. Philadelphia 1964.

Zitiervorschlag

Knufinke, Ulrich: Architektonische Leitmodelle. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/architektonische-leitmodelle/. Version . .

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