Inhaltsverzeichnis

Handbuch
jüdische Kulturgeschichte

D.II.1Fest, Feier, Beten und Gedenken

Gerhard Langer

Im Rahmen kultureller Identitäten spielt die rituelle Erinnerung an gemeinsame Ursprünge oder identitätsstiftende Ereignisse eine ebenso große Rolle wie das Element des Festes. Im religiösen Kontext sind Gebete wichtiger Bestandteil einer Fest- und Feierkultur.

Biblische Festenach oben

Die Bibel als erste Quelle des Judentums schildert Gebete, Feiern und Feste. Die zentrale Feier ist das Pesach – in Erinnerung an die Befreiung aus der Zwangsherrschaft in Ägypten. Eine ähnliche Feier stellt Purim dar, welches die Rettung vor Bedrohung in der Diaspora zum Gegenstand hat. Purim orientiert sich dabei an Pesach, Ester ist die messianisch aufgeladene Rettergestalt. Die so genannten Wallfahrtsfeste, Pesach, Schawuot und Sukkot führten in der Antike dreimal im Jahr Scharen von Menschen nach Jerusalem.

Schawuot und Sukkot haben agrarischen Hintergrund (Weizen- und Weinernte), werden aber bereits in der Bibel und zusehends in späterer Tradition „historisiert“. Demnach entsteht im Festkreis eine Abfolge der Geschichte des Gottesvolkes, das die Schöpfung (Neujahr – Rosch ha-Schana) und verschiedene Rettungsszenarien, die Wüstenwanderung bis zur Gabe der Tora am Sinai umfasst (Schawuot).

Heutiger Festkreisnach oben

  • Rosch ha-Schana (Neujahr; Weltschöpfung und Weltgericht – universal)

 

  • Jom Kippur (Versöhnungstag – in der Wüste situiert – Lev 16, heute wichtigster Feiertag, Bußtag)

 

  • Sukkot (Wüstenwanderung, Laubhütten, Wasserschöpfen)

 

  • Simchat Tora (Torafreude)

 

  • Chanukka (Makkabäerkämpfe, Befreiung von Griechen, Neueinweihung Tempel)

 

  • Purim (Befreiung in Diaspora – Persien)

 

  • Pesach (Befreiung aus Ägypten)

 

  • Schawuot (Gabe der Tora)

 

Dazu kommen neben einigen Halbfeiertagen als wichtige Erinnerungs- und Gedenktage der 9. Av (Erinnerung an die Zerstörungen des Tempels), in Israel auch noch der Jom ha-Schoa (eigentlich Jom ha-zikaron la-Schoa we-la-gwura) als Gedenktag an die Shoah sowie an die Helden von Widerstand und Untergrund und der Jom ha-atzma‘ut (Unabhängigkeitstag).

Feste und Feiern im historischen Wandelnach oben

Jedes Fest und jede Feier haben Veränderungen erfahren – nicht zuletzt auch in Auseinandersetzung mit dem Christentum – und sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt. Bezüge zu den ursprünglichen Agrarfesten sind in verschiedenen Riten oder traditionellen Speisen zu erkennen.

Im Mittelalter werden bestimmte Feste mit Festlesungen biblischer Bücher verbunden (Pesach – Hohelied; Schawuot – Rut; Sukkot – Kohelet; 9. Av – Klagelieder).

Fest- und Feiertagsgebete werden immer mehr ausgefaltet (Stichwort Pijutim), der Gottesdienst bekommt im Mittelalter seine maßgebliche Prägung, beeinflusst von historischen Veränderungen, kulturellen Begegnungen und Auseinandersetzungen.

Chanukka erhält seine heute gängige Begründung als Befreiungs- und Einweihungsfeier mit Lichterritus erst durch den Talmud (bSchabbat 21b). Es ist neben Pesach vielleicht das beste Beispiel einer intensiven Weiterentwicklung und Neuaneignung. (Vgl. dazu den Beitrag „Chanukka“ von Helga Embacher unter II.1.3.)

Die meisten Feste haben auch durch die Mystiker ein besonderes Gepräge bekommen. In Bezug auf Schawuot etwa führten die jüdischen Mystiker des 16. Jh. den Brauch ein, die Nacht vor dem Fest aufzubleiben, um heilige Texte zu studieren. Die fehlende Wachsamkeit der Israeliten in der Wüste, die in Lev 23 berichtet wird, soll somit korrigiert werden, was auch dem Brauch den Namen Tikkun, „Verbesserung“, gab. Alle Bestandteile der Tora, alle Wochenabschnitte und alle Mischnateile sowie auch Abschnitte des Zohar sollen ansatzweise behandelt werden, um zu symbolisieren, dass alle Teile der Tora wichtig sind und man sich mit ihr befasst. In manchen konservativen und liberalen Synagogen wird an Schawuot auch eine Art Konfirmation oder Firmung für Sechzehnjährige gehalten, die jetzt in voller Reife für das Torastudium angesehen werden. Als Haftara, also Prophetenlesung, wird Ez 1 verwendet. Wie einst Gott vom Himmel herabstieg, so beschreibt der Prophet Ezechiel, wie sich die Himmel öffneten und er die Taten Gottes sah.

Der Schabbatnach oben

Zentraler Festtag ist natürlich der Schabbat. Er ist als wöchentlicher Ruhetag biblisch etabliert und mag vielleicht in gewisser Abhebung von babylonischen Monatsfeiertagen benannt worden sein. Auch wenn Gebet und Liturgie den Schabbat in seiner Heiligkeit mitprägen, liegt doch seine zentrale Bedeutung nach wie vor in der Ruhe, in der Abhebung von der „profanen“ Arbeitszeit. Im Unterschied dazu ist der Sonntag im frühen Christentum durch die Erinnerung an die Auferstehung Jesu geprägt, bekommt aber gerade aktuell im Zuge neoliberaler Aufweichung der Sonntagsruhe verstärkt wieder sozialethischen Charakter. Der Islam betont weniger den Ruheaspekt, gebietet jedoch die Teilnahme am Freitagsgebet.

Gebet, Schriftstudium, liturgische Ritennach oben

Zu den Gebeten gesellen sich symbolhafte Gesten wie das Anlegen der Gebetsriemen (Tefillin) oder auch der Gebetsmantel (Tallit). Nach rabbinischer Ansicht trägt auch Gott Tefillin (vgl. bBerakhot 7a u.ö.).

Gebete sind auch im Judentum zentraler Bestandteil einer kulturellen Identität nach der Zerstörung des Tempels. Gebet, Torastudium und gerechte Werke sind nach mehreren rabbinischen Quellen Säulen der Welt und kompensieren das Fehlen des Tempels. Gebetszeiten und viele Riten erinnern an den Tempel. Die Liturgie auf Erden entspricht der himmlischen Liturgie, ist ihr nach rabbinischer Ansicht sogar im Grunde überlegen. In der Spätantike war die Synagoge eine vorherrschende Domäne priesterlicher Kreise, die in gewisser Weise den Tempel ersetzte. Bibellesung, Übersetzung und Auslegung gehören zu den wichtigen Bestandteilen der Liturgie, die sich immer mehr anreichert und durch Gebete und Bekenntnisse, Psalmen und Gedichte ergänzt.

Die Rabbinen betonen vor allem die Rolle der Synagoge als Ort des Lernens neben dem Beten. Das Studium der Opfergesetze ersetzt das reale Opfer. Der zukünftige Tempel selbst ist Bestandteil einer eschatologischen Hoffnung im Rahmen eines messianischen Szenarios.

Gebete für den Alltag und die Feiertage werden schließlich in Siddurim und Machzorim gesammelt, im Mittelalter in zum Teil wunderbaren Ausgaben (Machzor Vitry, Wormser Machzor etc.). Die Estergeschichte wird aus einer speziellen Rolle gelesen und Pesach wird im Laufe der Zeit mit speziellen Haggadot gefeiert. Bei Pesach unterscheiden sich diese – wie auch die Gebetbücher – je nach Domination. In den Gebetbüchern und den Haggadot drücken sich zentrale Unterschiede in religiösen und politisch-gesellschaftlichen Belangen aus.

Die verschiedenen liturgischen Riten (Minhagim) verweisen auf regionale wie denominative Unterschiede.

Feste und Feiern sind mit Riten und Symbolhandlungen verbunden, mit liturgischen Gegenständen (Lulaw, Etrog, Schofar etc.), Kleidervorschriften, Speisen und Getränken, mit Gesängen und bestimmten Orten (Haus, Synagoge, Friedhof, Öffentlichkeit etc.). Sie sind aber auch je nach Ausrichtung stärker familien-, gemeinde- oder gesellschaftsbezogen.

Manche Gebete wie Kol Nidre (zum Jom Kippur), das 18-Bitten-Gebet (Amida), das Höre Israel und das Kaddisch haben über den jüdischen Kontext hinaus Bekanntheit erlangt. Al Jolson (im ersten Tonfilm) oder auch Neil Diamond als „Jazz-Singer“ am Jom Kippur, Barbra Streisand mit Avinu Malkenu, viele Aufnahmen berühmter Kantoren verhalfen und verhelfen jüdischer Liturgie zu einer gewissen Popularität.

Kontextuelle Aneignungennach oben

Ein wichtiger Aspekt ist die jeweilige Aktualisierung von Festen, Riten und Ritualen, um nicht in Formelhaftigkeit zu erstarren. Aktualisierungen können in der Aufnahme neuer, dem Gedächtnis gewidmeter Textpartien bestehen, in der Anpassung von Ritualen und Feierlichkeiten an kulturelle Veränderungen oder gesellschaftliche Herausforderungen. Zu nennen sind hier die vielen Purimspiele, die über die Jahrhunderte in den unterschiedlichsten Facetten die Estererzählung nachspielten und aktualisierten.

So haben wir in den Bildprogrammen der Synagogen genauso wie in den späteren Illustrationen von Haggadot oder Gebetbüchern neben der Illustration des Textes auch mit so genannten Gegengeschichten zu tun, also durchaus bewusst gesetzten Kontrapunkten zu paganen oder christlichen Sichtweisen bzw. Lesarten. Wenn etwa in der Hamburger Haggada von 1751 der Pharao als christlicher König gekleidet ertrinkt, mag man sich dabei schon etwas gedacht haben. Sicherlich jedenfalls, als man in der Haggada von 1740 den Papst als Götzendiener auf einen der Hügel stellte. Schon in der Antike dürfte das Bildprogramm mancher Synagogen Ausdruck des Selbstwertgefühls der jüdischen Gemeinde gewesen sein, mit Seitenhieben und Neudeutungen und Anspielungen.

Andererseits ist die Übernahme von Bildelementen aus der Umwelt (etwa das dänische königliche Wappen in einer Haggada) Ausdruck der Integration in die Gesellschaft.

Wenn es darum geht, die fünf Segenssprüche zu Pesach zu merken, bedient man sich des Bildprogramms mit „Jag den Hasen“, Jaknehaz. Der hebräische Buchstabe jud steht dabei für jajin/Wein, qof für kiddusch/Heiligung, nun für ner/Licht, he für hawdala/Unterscheidung und zajin für zman/Zeit. Gleichzeitig spiegelt sich im Jäger und den Hunden, immer wieder Zeichen des Fremden, der christliche Verfolger des jüdischen Hasen.

Die vielfältigen Verzierungen und Ornamente bedienen sich selbstverständlich auch der Fabeltiere wie des Einhorns oder der Drachen und es fehlen auch nicht Engel oder Dämonen.

Bei der Betrachtung der Bilder ist freilich auf die Herkunft zu achten. Bei Juden im islamischen Raum fehlen sie weitgehend. Hier dominiert die bildlose Ornamentik. Anders in christlichen Ländern, wo das bildliche Illustrieren geläufig bleibt. Eine Scheu vor bildlichen Darstellungen des menschlichen Gesichtes findet man im 13. Jh. in der berühmten Vogelkopfhaggada (Israel Museum MS 180/57).

Auf die Shoah reagieren beispielsweise die Haggada ha-Shoah von Robert A. Adelson, die Holocaust Haggadah von Rabbi Gershon Weiss oder die Wolloch Haggada.

Zugehörigkeit herstellen und bewahrennach oben

In der Liturgie, in Festen und Feiern können Menschen ihre Identität vergewissern, erinnern, trauern, Abschied nehmen, erneuern, Hoffnung schöpfen und Gemeinschaft erleben. Beschneidung, Bar/Bat Mitzwa, Hochzeiten, Begräbnisse und viele andere Anlässe sind so getragen von generationenübergreifenden identitätsstiftenden und –vergewissernden Elementen.

Im Gottesdienst wie auch in profanen Feiern oder Gedenktagen müssen sich alle Teile der Gesellschaft einbringen können. Dies betrifft nicht zuletzt die Frage nach der Beteiligung von Frauen. Die Einführung der Bat Mitzwa in liberalen, konservativen und Reconstructionist-Gemeinden ist ein Ausdruck dafür, dazu kommt die rege Diskussion um Geschlechtertrennung in den Synagogen und die Beteiligung von Frauen am Gottesdienst (Rabbinerinnen etc.).

 

Literatur:

Gerhards, Albert / Henrix, Hans Hermann (Hg.): Dialog oder Monolog? Zur liturgischen Beziehung zwischen Judentum und Christentum (Quaestiones Disputatae 208), Freiburg 2004.

Lau, Israel Meir: Wie Juden leben: Glaube, Alltag, Feste. Aufgezeichnet und redigiert von Schaul Meislisch. Aus dem Hebr. übertragen von Miriam Magall. Unter Mitarbeit von Michael Krupp, Gütersloh 1993.

Leonhard, Clemens: The Jewish Pesach and the Origins of the Christian Easter. Open Questions in Current Research (Studia Judaica / Forschungen zur Wissenschaft des Judentums 35), Berlin 2006; ders., „Als ob sie vor mir ein Opfer dargebracht hätten“. Erinnerungen an den Tempel in der Liturgie der Synagoge, in: Gerhards, Albert / Wahle, Stephan (Hg.), Kontinuität und Unterbrechung. Gottesdienst und Gebet in Judentum und Christentum (Studien zu Judentum und Christentum), Paderborn 2005, 107-122.

Passa-Haggada zum Gedenken an den Holocaust (Wolloch-Haggada). Künstlerische Gestaltung und Einleitung von David Wander. Kalligrafie und Mikrografie von Yonah Weinrib. Herausgegeben von Peter von der Osten-Sacken und Chaim Z. Rozwaski unter Verwendung der deutschen Übersetzung der Haggada von David Cassel. Mit Erläuterungen und einem Begleitheft, Berlin 2010.

Reif, Stefan: Judaism and Hebrew Prayer. New Perspectives on Jewish Liturgical History, Cambridge 1993.

Zitiervorschlag

Langer, Gerhard: Fest, Feier, Beten und Gedenken. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte. URL: http://hbjk.sbg.ac.at/kapitel/allgemeine-feiern/. Version . .

Versionsarchiv öffnen
Text kommentieren

Bei Fragen, Anregungen, Wünschen oder Bemerkungen hinterlassen Sie doch bitte einen Kommentar. Die Redaktion wird Ihr Anliegen umgehend bearbeiten.